DONAL O'BRIEN
Donal O´Brien in KEOMA

Donal O'Brien ist eine der vielen unbesungenen Legenden des Italo-Genrefilms. In vielen guten und weniger guten Werken war er zu sehen; seine markanten, eckigen Gesichtszüge haben ihn ans Herz zahlreicher Italo-Freunde geschweißt. Meine persönliche Erstbegegnung mit dem guten Mann erlebte ich, als ich ihn (als "Dr. Butcher M.D." himself) in einem mittlerweile von wohlmeinenden Staatsdienern beschlagnahmten Film zweifelhafte Stimmband- und Gehirnoperationen durchführen sah. Die arglose Behendigkeit, mit der dieser irregeleitete Medikus Hirnschalen aufhebelte, beeindruckte mein kindliches Gemüt. In zahllosen Filmen habe ich den Schauspieler seitdem bewundern können.

Obwohl mir ein Gerücht zu Ohren kam, der gute Mann sei aufgrund eines Unfalls weg vom Fenster, gelang es mir, ihn aufzuspüren. Gleich bei unserem ersten Telefonat erzählte er mir von seiner japanischen Gummipuppe namens Yoko, die die ersten Takte von "Madame Butterfly" spielen kann. Ich war verdutzt und dachte bei mir: Der Mann hat entweder einen guten Humor oder ist total durchgeknallt. In jedem Falle vielversprechend.


Das Interview fand statt in einem kleinen Café in der Nähe des römischen Hauptbahnhofs. Es ist eines jener Cafés, in das man sich hineinsetzt und aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, was für Leute sich dort herumtreiben. Donal, der ganz in der Nähe wohnt, kennt viele dieser Leute. Luigi Bassetti etwa, der junge Barbesitzer, mit dem fast ununterbrochen großartige Austäusche stattfinden. Wo gibt es in Deutschland Barmänner, die ernsthaft was vom Film verstehen? Luigi ist so ein Barmann, und er ist so lustig, daß meine Wangenmuskeln sich nach dem Gespräch anfühlten wie ein Autozusammenstoß. ("Erzähl' Christian doch mal, daß Yoko eine männliche Puppe ist!") Oder Mario, der Ex-Schmuggler, der unser Interview in regelmäßigen Abständen mit diktatorischer Selbstverständlichkeit unterbrach, um uns alte Anna-Magnani-Songs vorzusingen! Nein, dies war kein Film von David Lynch, es war die pralle Wirklichkeit, und ich möchte keine Sekunde dieser surrealen Stunden missen, die ich mit diesen Menschen verbracht habe. Donal hat im übrigen einen sehr guten Humor. Und den hat er einige Male bitter nötig gehabt. Willkommen also in der wilden Welt des italienischen Genrekinos, lange bevor Berlusconi und Konsorten den Film gekillt haben. Öffnet Euer Herz für das Italien der Vergangenheit! Laßt es weiterleben in der schwelenden Glut des Cineastentums. Vielleicht, ja vielleicht, wird dann aus der Flamme des Herzens irgendwann wieder ein gemütlich knisterndes Lagerfeuer...


- Zuerst einmal zu deinem Namen. Wie schreibst du dich denn nun richtig?

Ohne "d". Donal ist die irische Form von Daniel. Hier in Italien wird das natürlich ständig durcheinandergewürfelt. An und für sich würde mich das nicht tangieren, aber seitdem ich einmal ernsthafte Schwierigkeiten damit hatte, einen Lohnscheck einzulösen - der Bankbeamte bestand darauf, das Geld nur an "Donald O'Brien" auszuzahlen -, habe ich auch die andere Version im Paß stehen.


- Wo wurdest du geboren?


In Frankreich. Mein Vater war ein Kavallerieoffizier der United States Marines gewesen. Er war einer von Tausenden von Iren, die ihr Heimatland in der Mitte des 19. Jahrhunderts verlassen hatten. Während des spanisch-amerikanischen Krieges zog er sich eine Verwundung zu und kehrte nach Irland zurück. Dort blieb er nicht für lange, sondern verkaufte das Familienhaus, um in den Süden Frankreichs zu ziehen, wegen des wundervollen Klimas. In der Nähe der Pyrenäen, an einem Ort namens Pau, erblickte ich das Licht der Welt 1930. Meine Mutter war ein britisches Mädchen, das dort in einer Art Lehrstellung tätig war. Die nächste Station war der Norden, die Bretagne, wo wir ein absolut umwerfendes Haus hatten, an einer Steilküste, mit unserem eigenen Privatstrand!


- Klingt so, als hättet ihr ein sehr unstetes Leben geführt?


Das kann man sagen. Auch in meinem weiteren Leben wurde ich sehr hin- und hergeworfen. Zur Schule ging ich in Dublin, der Heimat meines Vaters. Das war so eine Art Paukschule, wo man sich in erster Linie auf die Examina vorbereitet. 1948 war es dann soweit, und ich vermurkste die Mathematikprüfung. Ich stand vor der Wahl, jetzt entweder ein Jahr dranzuhängen und Mathe zu büffeln, oder alles hinzuschmeißen...


- Wie jeder kluge Mensch sagtest du Mathe Adieu...


Genau. Ich beging den sagenhaften Fehler, schmiß die Sache hin und trat einer lächerlich kleinen Schauspielschule bei. Die wurde zuerst geleitet von einer sehr klugen Frau, die aber schon bald von einer Deppin ersetzt wurde, die einige Bücher über das Actors' Studio im Regal stehen hatte und viel von "Analyse" hielt, statt uns erst mal beizubringen, wie man sich ordentlich bewegt und spricht! Ich hatte in einigen Stücken die Hauptrolle. Am Dublin Gate Theatre, wo auch Orson Welles begann, machte ich hier und da mit, keine Hauptrollen natürlich. Mein Vater war stocksauer, als er herausfand, was ich dort trieb. Daß der Star der Produktion eine ziemliche Fummeltrine war, half meiner Sache auch nicht gerade. Vater drehte den Geldhahn jedenfalls zu. Nach einigen Winzrollen verschlug es mich dann nach Frankreich, wo ich bei der Army Büroarbeit verrichtete. Davor war ich übrigens in einem Boxclub! Falls du dich fragst, wo die gebrochene Nase herkommt: Ein anderer Boxer, der zwar kleiner als ich war, aber wesentlich kräftiger, schlug mir eines Tages die Lichter raus! In Frankreich geriet ich auch einmal in einer Bar am Pigalle mit einem deutschen Ringkämpfer aneinander, der mich quer durch das Etablissement stiefelte...


- Bei jeder Prügelei voll mit dabei...


Meinen ersten Filmauftritt hatte ich 1953, in Anatole Litvaks ACT OF LOVE, mit Kirk Douglas. Er spielt einen GI, der sich in ein Mädchen verliebt, das dann von der MP als Prostituierte verdächtigt wird. In dem Film hatte ich nur ein einziges Wort zu sagen. Dann kam eine ganze Zeit lang gar nichts, die ich in den Staaten zubrachte. Lediglich in so einem Universitätsprojekt an der UCLA machte ich mit. Zurück in Frankreich machte ich dann eine ganze Reihe von Filmen, u. a. drehte ich mit Carné...


- Marcel Carné?


Genau. Der Film hieß TROIS CHAMBRES A MANHATTAN (DREI ZIMMER IN MANHATTAN), mit Maurice Ronet und Annie Girardot. Das war aber nur ein kleiner Part. Carné war ein großartiger Regisseur; KINDER DES OLYMP ist einer der tollsten Filme aller Zeiten. Auf dem Set war er allerdings sehr laut; er brüllte wie am Spieß, wenn es hektisch wurde... In Jugoslawien machte ich LA FAYETTE (DER JUNGE GENERAL) von Jean Dréville, wo ich ebenfalls nur eine kleine Rolle hatte. Das war meist so in meiner Karriere: Je größer die Produktionen, umso kleiner die Rollen. Der Wettbewerb wird natürlich härter, je mehr Geld involviert ist. In LA LIGNE DE DEMARCATION von Claude Chabrol spielte ich einen RAF-Piloten. Jean Seberg ist die Frau eines Offiziers, der in Frankreich lebt. Jean Seberg hat man später tot im Wagen gefunden, wußtest du das?


- Ja. Es ist auch gerade ein neuer Dokumentarfilm herausgekommen, der, soviel ich weiß, Zweifel an der Selbstmordtheorie aufwirft. Gab es noch andere Rollen in französischen Filmen?


Ich war auch noch in Jean-Paul Rappeneaus LA VIE DE CHATEAU (DAS LEBEN IM SCHLOSS). Interessanter sind da aber meine beiden Filme mit John Frankenheimer. Im ersten hatte ich, wie üblich, nur einen Zwei-Minuten-Auftritt, als Nazi-Feldwebel. Der Film hieß THE TRAIN (DER ZUG). Mit Burt Lancaster zusammenzuarbeiten, war eine reine Freude. Ich habe mit einigen anderen Filmgrößen gearbeitet, aber der Mann war mehr wert als alle zusammen! Überhaupt nicht eingebildet, natürlich und freundlich, selbst zu uns Mini-Chargen. Er gab uns einige Tips, und ich war selbstredend höllisch nervös, bei einer Produktion dieser Größenordnung. Er stellte sich auch kein bißchen an bei anstrengenden Szenen, Stunts oder so, was er auch gar nicht brauchte, denn er war sehr beweglich. Früher war er Zirkusakrobat, das konnte er prima gebrauchen.


- Der andere Frankenheimer-Film?


War GRAND PRIX. Da arbeitete ich mit James Garner zusammen, der ein netter Mensch war, aber sehr unsicher. Ich verstand das damals überhaupt nicht: Der Mann war gutaussehend, berühmt und reich, die Mädchen haben ihm die Bude eingerannt... Das ist häufig so bei diesen Leuten: Sie werden hektisch wie eine Primadonna, wenn es darum geht, eine Großaufnahme zu verteidigen! "Wäh, warum kriegt er einen Close-Up und ich nicht..." Wie kleine Mädchen! Ich meine, das spielt schon eine Rolle, wenn der Close-Up alles ist, woraus deine Rolle besteht, aber diese Burschen waren die Hauptdarsteller... Genau dasselbe fand statt, als ich mit Sean Connery in DER NAME DER ROSE mitspielte...


- (ungläubig) Du warst in DER NAME DER ROSE?


Tja, achte mal auf die Mönche! Der werte Mr. Connery jedenfalls ließ nichts zwischen sich und die Kamera kommen, und wenn es ein Luftzug war! Und meiner Ansicht nach wurde er komplett an die Wand gespielt von diesem österreichischen Schauspieler, Helmut Qualtinger. Ein mächtiger Mann und eine tolle Präsenz! Connery war überhaupt nichts gegen ihn. Qualtinger war das beste am ganzen Film. Und Murray Abraham war auch noch sehr in Ordnung, ein freundlicher Zeitgenosse, nicht so eingebildet wie Mr. Connery. Das hört sich jetzt vielleicht etwas nach sauren Trauben an, aber ich versuche wirklich, objektiv zu sein. Lancaster war ein großer Schauspieler und ein feiner Mensch. Eine seltene Kombination. Er war auch angenehm unprätentiös. Das ist eines meiner Lieblingsthemen: Wenn ein Schauspieler krampfhaft versucht, sich um Anspruch zu bemühen - und es gibt viele, die das tun -, dann sieht er letztlich nur wie ein Trottel aus.


- Bist du gut mit Frankenheimer klargekommen?


Oh, das war ein fantastischer Mann! Auch ein gewaltiger Körperumfang, und eine Stimme, die man bis zum Mond hörte! Bei GRAND PRIX geschah eine lustige Sache. Da war diese ausländische Darstellerin, deren Namen ich hier nicht verraten werde, die ursprünglich für die Hauptrolle vorgesehen war. Im Flugzeug nach Monte Carlo saß sie neben mir und plauderte noch recht nett. Als sie dann rausfand, daß ich keiner von den Hauptdarstellern war, sah sie mich nicht einmal mehr an! Na ja, und wir saßen dann eines Tages zu dritt im Foyer des Hotels, wo wir untergestiegen waren. Antonio Sabàto war auch dabei. Auf einmal kam einer der Regieassistenten vorbei. Er war auf dem Weg zum Kino, wo die Aufnahmen vom Vortag gezeigt wurden. Die nicht genannte Schauspielerin wollte unbedingt mit hinein, was aber strengstens untersagt war. Schließlich gelang es ihr, den Mann weichzureden, so daß er uns ins Kino reinließ, unter der strengen Auflage, uns mucksmäuschenstill zu verhalten. Und dann begann es auch, lauter Material von Formel-1-Wagen, bis schließlich ihre Szene kam. Sie spielte diese Jet-Set-Verlegerin eines großen Journals. Sie mußte einen Telefonanruf führen, um einige Models anzufordern. Plötzlich hört man die gewaltige Stimme des Regisseurs: "Oh Mann, die ist ja grauenhaft! Sie bewegt sich schlecht, sie kann nicht sprechen, ihre Frisur ist scheußlich - was habt ihr mir da angeschleppt?" Er wendete sich an den Friseur, der neben ihm saß und aussah wie Katharina die Große, und fragte ihn, ob man nicht wenigstens etwas mit ihren Haaren anstellen könnte. Und der sagte: "Nun, für gewöhnlich spielt sie ja eher diese Bauerntrampel; ich weiß nicht, wieso man überhaupt mit ihr angefangen hat!" Und das arme Mädchen saß neben uns und wand sich vor Scham und vor Zorn! Natürlich ist so eine Situation der Alptraum eines Schauspielers. Am nächsten Morgen traf ich sie im Foyer, wo sie mir - jetzt sprach sie wieder mit mir - entgeistert mitteilte, sie wäre soeben gefeuert worden...


- Das Leben ist eine Qualle. Du gingst dann nach Italien...


Ich war relativ spät dran, was die Westernwelle anging, 1967 bin ich rübergegangen. Meine Einstiegsrolle war sehr schön, der "schwarze" Scharfschütze in Sergio Sollimas CORRI UOMO CORRI (LAUF UM DEIN LEBEN). Sergio galt schon damals als ein ausgesprochen intellektueller Filmemacher. Unter den Westernregisseuren war er sicherlich einer der kopflastigsten. Der Schauspieler Frank Wolff hat sich einmal in einer Filmdoku über Sollima ausgelassen. Das war so eine Dokumentation, die sich mit Spaghettiwestern befaßte. Der Regisseur hieß Morell oder so ähnlich. Das war eine wunderhübsche Rolle, vielleicht eine derjenigen, die mir im Nachhinein am meisten bedeutet. Tomas Milian war ein eindrucksvoller Kollege, ein sehr professioneller Akteur, der aber auch sehr verschlossen sein konnte. Danach spielte ich in einer ganzen Reihe kleinerer Western...


- Der erste war, glaube ich, Gianni Creas SE T'INCONTRO T'AMMAZZO (UNERBITTLICH BIS INS GRAB)...


Ist das der, wo ich den Bruder von Gordon Mitchell spiele? Oh ja, ich glaube, das war der erste. Gordon war ein wunderbarer Partner. Er erzählte mir, daß er für die Western an die 60 Pfund abgespeckt hat, die er in den Muskelfilmen noch gebrauchen konnte. 60 Pfund, einfach so... Aber auch in dieser schlankeren Version geben wir ein etwas seltsames Bruderpaar ab! Außerdem dabei war auch die damalige Miss Italien, Pia Giancaro.

Donal in SE T´INCONTRO...

- Das ist eine dieser Hauptrollen in nicht ganz so tollen Filmen...


Na ja, aber mir sind solche Rollen immer lieber gewesen als Winzelrollen in großen Produktionen, weil es für einen Schauspieler wesentlich befriedigender ist, wenn er sich so ausführlich auf der Leinwand sehen kann. In einem Fall wie DER NAME DER ROSE, wo mein Auftritt größtenteils zusammengekürzt worden ist - ich habe vielleicht einen oder zwei Sätze -, reagiert man eher frustriert, wenn man das fertige Produkt dann auf der Leinwand sieht. Da macht die Masse auch nichts mehr.


- Dann kam IL TREDICESIMO E' SEMPRE GIUDA...


...an den ich mich so gut wie gar nicht erinnere. Giuseppe Vari war der Regisseur, sagst du? So... Mag sein. Nächster.


- QUELLE SPORCHE ANIME DANNATE...


Das war einer von zwei sehr billigen Filmen mit Paolo Solvay, der eigentlich Luigi Batzella heißt und in einem der beiden Filme, soviel ich weiß, auch mitspielt. Der Titel des anderen Filmes lautet LA COLT ERA IL SUO DIO. Viele Szenen fanden in beiden Produktionen Verwendung, weil Batzella ein ganz gewiefter Geschäftsmann war. Er hat das wohl so gemacht, daß er in der Synchronisation ganz neue Sachverhalte in die Story gebracht hat, den Personen neue Namen gegeben hat usw. Weiter kompliziert wurde die Geschichte dadurch, daß, wenn ich mich jetzt nicht irre, am Set noch ein anderer Regisseur erschien, der uns vom Fleck weg anheuerte und in den Kulissen gleich seinen Film zusammendrehte, also parallel zu den Solvay-Filmen...


- Das klingt ja vollständig schizophren!


Na ja, solche Filme zu drehen, war halt ein Abenteuer, manchmal.


- War der Regisseur, mit dem du das "Abfallprodukt" gemacht hast, vielleicht Franco Lattanzi?


Möglich. Das müßte eigentlich IL GIUSTIZIERE DI DIO gewesen sein.


- Der war mit William Berger. In der Bundesrepublik gibt es aber noch einen anderen Lattanzi-Western, ZAHL UND STIRB, mit Robert Woods, in dem teilweise dieselben Schauspieler auftauchten, wie in den Solvays.


Wirklich? Oha. (Die Verwirrung Donals betrachtete der Autor nicht ganz ohne inneres Schmunzeln. A. d. A.) Na ja, ich erinnere mich schwach, daß da noch ein anderes Projekt war; das hieß SEI BOUNTY KILLERS PER UNA STRAGE oder so.


(Lattanzi ist übrigens ein komplettes Mysterium. Der Mann hat offiziell vier Filme gemacht: Einen unauffindbaren Film namens TROCADERO von 1955; eine Liebeskomödie von 1965; IL GIUSTIZIERE 1972; dann diesen ZAHL UND STIRB, der nirgendwo verzeichnet ist; und schließlich der Kung-Fu-Western LA TIGRE VENUTA DAL FIUME KWAY, der in Germany auf Video als DER REGULATOR erschienen ist! Das Label heißt "Kessler Video". Hilferuf des Autoren.)

- 1972 gab es auch LO SCERIFFO DI ROCK SPRING von Mario Sabatini.

Das war auch kein Meisterwerk. Immerhin lernte ich hier Richard Harrison kennen, den vielleicht nettesten Amerikaner, mit dem ich in Italien zusammengearbeitet habe. Er war auch so nett, sich an mich zu erinnern, als er im Jahr darauf einen Film produzierte, JESSE E LESTER, DUE FRATELLI IN UN POSTO CHIAMATO TRINITA', in dem ich seinen Halbbruder zu spielen hatte.


- Dann bist du Gordon Mitchells Bruder und Harrisons Halbbruder; das macht Harrison zu Mitchells...


Ich spiele in diesem Film einen Mormonen, der seinem Halbbruder die Nachricht von einer großen Erbschaft bringt. Der Ärger ist nur, daß Richard ein ziemlicher Casanova ist, der überall ungewollte Schwangerschaften produziert hat und mit dem Geld ein Hurenhaus eröffnen will. Ich aber will eine Kirche errichten, was zu vielen gegenseitigen Linkereien führt. (Anm.: Der Film ist absolut empfehlenswert und zum Piepen. Eine der wenigen guten Italo-Westernkomödien.) Richard hat auch am Drehbuch mitgeschrieben. Regie führte Renzo Genta.


Donal und Richard Harrison

- Im selben Jahr hast du auch einen Nicht-Western gemacht, Elo Pannacciòs IL SESSO DELLA STREGA...


Ja, das war eine ziemlich chaotische Produktion. Ich erinnere mich daran, daß wir das Hotel verlassen mußten, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden. Die Schauspieler wurden dann aufgefordert, die ausstehenden Kosten selber zu begleichen, und irgendwo hört's dann auf! In dem Film spiele ich einen Inspektor, der diverse Morde aufzuklären hat. Camille Keaton war eine sehr reizende Person, obwohl ich nicht glauben kann, daß sie in Sexfilmen mitgespielt hat, sie war immer sehr zugeknöpft, wenn das Thema Sex angeschnitten wurde. (Anm.: Wer I SPIT ON YOUR GRAVE gesehen hat, weiß auch, wieso.)


- Dein erster Film mit Lucio Fulci war IL RITORNO DELLA ZANNA BIANCA (WOLFSBLUT 2).


Oh, Lucio war ein wundervoller Regisseur. Es hat mir sehr wehgetan, zu hören, daß er gestorben ist! Er hat soviel auszustehen gehabt im Leben. Besonders im privaten Bereich ist er vom Pech verfolgt gewesen. Beispielsweise das Unglück, das mit seiner Tochter Camilla passiert ist. Das unglückliche Mädchen... Hör zu: Ich drehte mit Fulci diesen Film, und im Jahr darauf I QUATTRO DELL'APOCALISSE (VERDAMMT ZU LEBEN, VERDAMMT ZU STERBEN), und da war immer dieses süße kleine Mädchen, Camilla, die eine ganz fröhliche Natur hatte und wahnsinnig gerne ritt. Einige Jahre darauf - wir drehten SELLA D'ARGENTO (SILBERSATTEL) - sah ich sie dann auf einer Bank sitzen. Ich ging zu ihr und redete mit ihr, hallo, ob sie mich noch kennt. Sie war etwas unschlüssig. Da sagte ich zu ihr, daß ich mich noch daran erinnern könne, wie munter sie früher immer geritten sei. Da schaute sie auf einmal ganz merkwürdig drein. Einer der Stuntleute nahm mich dann beiseite, zog mich abseits und zeigte mir, was mit ihr los war: Sie hatte einen Reitunfall gehabt und war querschnittsgelähmt. Deswegen hatte das arme Mädchen auch so geschaut. Ohne es zu wissen, hatte ich das Falsche gesagt. Natürlich war das Unglück seiner Tochter auch ganz schrecklich für Fulci. Bis zu seinem Ende hat er bei ihr gewohnt.


- War er ein launischer Regisseur?


Nein, eigentlich nicht. Es ließ sich einfach mit ihm arbeiten, er tobte nicht herum wie etwa Carné. Er machte nur halt diese Filme, die vielen Leuten den Gedanken eingaben, er wäre irgendwie exzentrisch. Lucio war ein wundervoller Mensch.


- Hast du spezielle Erinnerungen an ZANNA BIANCA?


Nun, ich spiele einen Farmer, der versucht, sein Glück zu machen. Stattdessen kommen aber einige Gangster und werfen mich wilden Hunden zum Fraß vor. Das wird dann auf Wolfsblut abgewälzt.


- Der Bösewicht in diesem Film war John Steiner, mit dem du auch in MANNAJA zusammenarbeitetest.


Mit ihm bin ich nicht sehr gut zurandegekommen. Vielleicht liegt das daran, daß er Brite ist und ich Ire...


- Ist dir deine Abstammung wichtig?


Oh ja. Obwohl ich sehr kosmopolitisch aufgewachsen bin, fühle ich mich sehr zu meiner Heimat hingezogen. Ich verbringe auch sehr viel Zeit in Irland. Eigentlich pendle ich meist zwischen Irland und Italien hin und her. Ich bete auch sehr viel. Und weißt du was? Immer, wenn ich bete, danke ich meinem Schöpfer dafür, daß ich in diesem wunderbaren Land meinen Ursprung habe.


- Du betest?


Aber ja. Besonders seit meinem Unfall. Dazu gleich. Aber es ist weniger ein konfessionsgebundener Glaube. Mit dem wird viel Schindluder getrieben. Ich denke da nur an diese amerikanischen Sektentypen oder die TV-Prediger. Die denken auch nur daran, wie sie an die Rentenschecks rankommen können.


- Kennst du Jim Swaggart? Diesen wunderbaren Menschen, der immer andere Prediger denunziert hat, wenn sie sich einen Fehltritt leisteten, und den sie dann bei "widernatürlichen Praktiken" mit einer Prostituierten erwischten?


Oh ja, ich liebe solche Geschichten! "Ich weiß nicht, was über mich kam..." Sehr lustig! Man bleibe mir also vom Leibe mit kalifornischen Irren. Ich habe meinen eigenen Glauben, und der ist mir wichtig. (Anm.: Dies spiegelte sich während des Interviews auch darin wider, daß sich Donal häufig bekreuzigte, wenn ich ihm schlimme Sachen erzählte, etwa, daß Luciano Rossi im Irrenhaus gelandet sein soll.) Wer mir in ZANNA BIANCA sehr gut gefiel, war der Deutsche Raimund Harmstorf. Ich habe immer einen großen Respekt gehabt vor Menschen mit einer eindrucksvollen Physis, und die hatte Raimund wirklich. Ich glaube, er war früher Zehnkämpfer.


- 1975 war da auch ein erotischer Film mit Erika Blanc, GIOCHI EROTICI DI UNA FAMIGLIA PERBENE... (Begeisterte Kommentare von den Gästen der Kneipe ringsum: "Klingt gut!" etc.)


Das war ein ziemlich mäßiger Film, der von Enzo Matassi, dem Produzenten, begonnen wurde. Als er merkte, daß er mit der Sache nicht so zurandekam, übernahm Francesco degli Espinosa die Regie, der schon mit einigen bekannten Regisseuren gearbeitet hatte. Ich mochte die Arbeit an diesem Film nicht, da es diese Art von Film ist, wo der Kameramann die Entfernung von der Linse zu den Genitalien ausmißt...


- In I QUATTRO DELL'APOCALISSE (1975) spieltest du einen Sheriff.


Ja, wie schon gesagt, mein Kontakt zu Fulci war gut. Die Rolle war nicht sehr groß, aber ich finde, daß sie durchaus gut aussieht. Fabio Testi war auch ein sympathischer Kollege.


- ZANNA BIANCA ALLA RISCOSSA war noch ein "Wolfsblut"-Film, aber diesmal von Tonino Ricci, und im kleineren Rahmen.


Ich habe eine ganz gute Rolle, als Bösewicht freilich. Mein Wildererkollege ist Luciano Rossi, mit dem ich sehr häufig zusammengearbeitet habe, etwa in CORRI UOMO CORRI oder JESSE E LESTER. Er war ein sehr introvertierter, aber kluger und freundlicher Mensch, in dessen Gesellschaft ich mich gerne aufgehalten habe. Einmal waren wir auf dem Weg zur Kantine, als Luciano auf einmal meinte, er müsse noch mal zur Bank. Sein Grund dafür war, daß er einen Teil seiner Gage an eine Organisation schickte, die sich zum Ziel gesetzt hat, mißhandelten Tieren zu helfen. Am Tag vorher hatte er sich noch angestellt, ein teures Hotelzimmer für sich selbst zu nehmen, aber für so einen Zweck gab er das Geld weg. Das hat mich schon beeindruckt.


- Dann warst du in Castellaris großartigem KEOMA...


Ein wundervoller Film. Die Rolle gehört auch zu meinen Lieblingen. Enzo Girolami war ein prächtiger Mensch, der mit einer außerordentlichen Sicherheit inszenieren konnte. Das Resultat war auch danach. Ein sehr schöner Film...


- Du arbeitetest zusammen mit William Berger.


Oh, das tat ich schon vorher, in einer hongkongesischen Ko-Produktion namens KUNG FU NEL PAZZO WEST (1973, Regisseur: Yeo Ban Yee), wo ich mich mit einigen Asiaten herumschlagen mußte. Die Rolle in SE T'AMMAZZO war auch ursprünglich für William gedacht, aber der saß gerade im Knast, weswegen ich den Zuschlag bekam. Mein Verhältnis zu ihm war eher geteilt. Ich kam mit ihm aus, aber wir hatten zu verschiedene Anschauungen. Er war sehr der Hippie, während ich doch mehr der Spießertyp bin (lacht)! Nein, William hätte sehr viel mehr aus seiner Karriere machen können, da er sehr gut aussah und auch was konnte. Aber er hatte immer viel mit anderen Dingen zu tun, die ihn von dem Beruf ablenkten, Drogen und Feten... Er war ein sehr ausgeflippter Typ. Ein guter Mann, aber sehr anders als ich.


- Erinnerst du dich an den Splatter-Effekt in MANNAJA, wo dir die Hand abgetrennt wird?


Ja, und ich war nicht sehr zufrieden damit. Der Film gefällt mir aber trotzdem, wobei die Szenen, in denen ich von Maurizio Merli hinter dem Pferd hergeschleift werde, mit einem Strick um den Hals, echte Knochenarbeit waren. Das war unangenehm.


- Du hast auch einen Gastauftritt in Parolinis YETI.


Als Leiter der Polizei, ja. In diesem Film traf ich mit einer hübschen jungen Frau zusammen, Antonella Interlenghi, deren Mutter einer der Schwarms meiner Zeit in Frankreich war, Antonella Lualdi. Die Tochter spielte die weibliche Hauptrolle in YETI, allerdings mit einem unglaublich dummen Künstlernamen, "Phoenix Grant". Das ist ungefähr so, als würde ich mich "Hyde Park Montgomery" nennen! Oder du dich "Hamburg Rommel"...


- So weit ist es noch nicht. Deine erste Zusammenarbeit mit Massaccesi fällt auch ins Jahr 1977: EMANUELLE E GLI ULTIMI CANNIBALI (NACKT UNTER KANNIBALEN).


Aristide ist auch ein Mensch, den ich sehr mag. Der Film wurde ganz in der Nähe von Rom gedreht, in einem künstlichen Dschungel namens "Croce Verde". Später entstand dort auch ZOMBI HOLOCAUST (ZOMBIES UNTER STAATSANWÄLTEN), allerdings in einem anderen Teil. Mussolini ließ diesen Wald übrigens anlegen. Es gibt da Bäume, die man sonst nur am Amazonas findet. Das passiert häufiger, daß Zuschauer denken, diese Filme wären in Südamerika gedreht worden; es sieht auch wahnsinnig echt aus. In diesem Film spiele ich einen Großwildjäger, der hinter Diamanten her ist. Dabei kreuze ich die Wege der Expedition Lauras und Gabrieles. Laura war übrigens eine ganz reizende Person, alles andere als arrogant oder hochnäsig: eine bescheidene, stille Person, um die ich Gabriele sehr beneidete. In dem Film mache ich auch einige Male den Voyeur. Zum Beispiel bespitzele ich Susan Scott, die meine Frau spielt, wie sie es mit Percy Hogan treibt. Was aus Percy geworden ist (Anm.: einem extrem kräftig gebauten Schwarzen, der in einigen Filmen der Zeit zu sehen ist), weiß ich nicht. Freunde erzählten mir, er wäre in Afrika wegen Diamantenschmuggels festgenommen und erschossen worden. Ich hoffe, daß das nicht stimmt, er war ein sehr freundlicher Kerl. Ursprünglich aus New Orleans.


- Du wirst am Schluß gut auseinandergerissen...


Da erinnere ich mich gar nicht mehr dran. Wenn ein Spezialeffekt mit im Spiel war, dann hatte ich nichts damit zu tun. Ich meine, daß es Susan wesentlich schlechter erwischte.


- Im selben Jahr warst du auch in Marino Girolamis KAKKIENTRUPPEN zu sehen... (Anm.: Bei uns SCHIESS' DU, ICH HOL' VERPFLEGUNG, der in Deutschland aus falsch verstandenem Geschichtsverständnis und zahlreicher geschmackloser und splatteriger Gags geschnitten ist wie Sau.)


Bitte sag' das nicht so laut! Hier in Italien ist der Titel nämlich ein Wortspiel, das sich auf "cacca", Kacke, bezieht, und so kann man schräg angesehen werden, wenn man das zu laut sagt. Ich spielte in diesem Film einen Nazi-Offizier; eine Rolle, die ich 1978 in Enzo Castellaris QUEL MALEDETTO TRENO BLINDATO (EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE) wiederholen durfte. Ich habe die Uniform geliebt! Jeder Schauspieler wünscht sich insgeheim, in so was auftreten zu können. Das macht wahnsinnig was her. Ich sprach damals kein Wort Deutsch und mußte mir deswegen von Bo Svenson etwas beibringen lassen. Bo war ein sehr sympathischer Schwede, der früher Eishockeyspieler war und dann in den Staaten eine Menge Filme gemacht hat. Er trainierte mich spontan, so daß ich etwa sagen konnte: "Bringän Sie die Gefangänän in main Bürau!" Ich erinnere mich mit großem Vergnügen an diesen Film, da auch alle Schauspieler sehr nett waren. Fred Williamson war auch dabei. In einer Szene halte ich eine kurze Ansprache, in der ich u. a. über alle anderen Völker herziehe, auch die Iren! Ich bin mir wie ein Verräter vorgekommen...


(Anm.: Ich habe davon abgesehen, Donal zu sagen, daß sein gesamter Auftritt in Deutschland der Schere zum Opfer gefallen ist. Die Italo-Fassung ist gut 20 Minuten länger! Fuck se Krauts!)


- 1979 drehtest du zwei weitere Filme mit Massaccesi.


DURI A MORIRE (DIE AASGEIER KOMMEN) war ein recht guter Kriegsfilm, den wir auf Santo Domingo drehten. Der Hauptdarsteller war Luc Merenda. Ich war der fiese Spieß einer Spezialeinheit, die auf ein Todeskommando angesetzt wird. Luc war in Ordnung; ich habe ihn vor etwa zwei Jahren wiedergetroffen. Er hat sich aus dem Filmgeschäft zurückzogen und macht jetzt meines Wissens in Antiquitäten. Er lebt bei seiner Frau in Paris, wenn ich nicht irre. Percy Hogan war auch dabei. Der zweite Film war sehr exzessiv, IMMAGINI DI UN CONVENTO. Da ging es um ein Kloster, in dem sich das Böse breitmacht, und alle Nonnen vögeln dann wild herum. Viele dieser Szenen sind übrigens echt. (Anm.: Im fertigen Produkt, das eines von Massaccesis besten Werken ist, blieb nur eine einzige deftige Hardcoreszene drin, plus endlosen Lesbo-Nummern.) Aristide hatte, was das anging, den absolut goldenen Griff, ich habe das immer bewundert: Egal, wie prüde oder keusch ein Mädchen im Vorfeld auch schien, wenn er das magische Wort "Azione" sagte, dann fielen die Hüllen und die Hemmungen restlos...


- Ich kann den ganzen Tag lang "Azione" sagen und nichts passiert...


Tja. Da war auch dieser eine Schauspieler, der einen gigantischen Penis hatte! Er kam in die Garderobe, wo wir gerade gut am Quatschen waren, zog sich seine Kleidung aus, um ins Kostüm zu kommen, und zong - da baumelte dieses ungeheure Organ! Alle Frauen, die herumstanden, wurden kreideweiß im Gesicht. Nur er selbst war vollkommen arglos und machte nicht den Eindruck, als würde er Notiz nehmen. Der Film wurde übrigens in einem echten Kloster gedreht. Ich spiele den Exorzisten, der am Schluß das Böse vertreiben soll. Aber umsonst...


- 1980 waren da zwei weitere Filme mit Marino Girolami.


SESSO PROFONDO (FLYING SEX) ist ein Film, an den ich mich kaum erinnere. Ich habe da nur einen kleinen Auftritt, als Yachtinhaber, der von seiner Frau gehörnt wird.
ZOMBI HOLOCAUST war, wie schon erwähnt, der andere Kannibalenfilm, der in Croce Verde gedreht wurde. Außer mir waren in dem Film noch Ian McCulloch und Alessandra delli Colli, die Frau von dem berühmten Kameramann Tonino delli Colli. Der Film war nicht gerade arm an Spezialeffekten; an sehr viel mehr erinnere ich mich nicht.

Zombi Holocaust

- War es nicht um diese Zeit, daß du deinen Unfall hattest...?


Ja, das geschah 1980. Eine ganz furchtbare Sache, die mich sehr zurückwarf. Vollkommen banal, wie es passierte: Ich glitt in einem Hotelbadezimmer aus und knallte mit dem Hinterkopf voll auf die Fliesen. Ich lag dann für drei Tage im Koma. Als ich wieder aufwachte, mußte ich feststellen, daß ich halbseitig gelähmt war! Das war eine sehr, sehr schwere Zeit für mich, durch die ich auch nur gekommen bin, weil mir meine beiden wundervollen Brüder, die in den Staaten leben, zur Seite standen. Es dauerte wahnsinnig lange, bis ich wieder einigermaßen auf den Beinen war. In dieser Zeit kam es aber zu einer Überbeanspruchung der anderen Seite, so daß ich vorletztes Jahr einen Rückfall hatte. Die Knochen waren halt vollkommen abgenutzt. Hatte mich der Unfall also schon in den 80ern stark limitiert in der Wahl der Rollen, die ich annehmen konnte, so ist dies auch jetzt der Fall. Ich habe aber vor, nach besten Kräften weiterzumachen.


- Einer deiner nächsten Filme muß Fulcis I GUERRIERI DELL'ANNO 2072 (DIE SCHLACHT DER CENTURIONS) gewesen sein...


In diesem Film spiele ich einen Roboter, oder besser gesagt, einen Ganoven namens Monk, der sich am Ende des Films als Maschine erweist. Ich hatte in diesem Film ein ziemlich radikales Narbenmakeup. Die Tatsache, daß mein Charakter wohl ziemlich durch die Mangel gedreht worden war, vertrug sich natürlich mit meinem eigenen Handicap. Für Fulci, der ständig mit seiner Tochter zusammen war, war meine Geschichte natürlich wesentlich weniger dramatisch als für andere, und auch das habe ich sehr gemocht. Daß Fred Williamson wieder dabei war, war auch einer der positiven Aspekte. Fred ist ein sehr guter Typ, der sich damals auch sofort an mich erinnerte. Ein früherer Footballspieler. Auch toll war der frühere Peplumschauspieler Howard Ross (BN: Renato Rossini), der ein wahnsinnig lustiger Mensch war und uns fortwährend zum Lachen gebracht hat.


- TEXAS 2000 (2020 TEXAS GLADIATORS) stammt nicht wirklich von Massaccesi, oder?


Nein, er hat nur recht wenig davon gedreht. Das meiste stammte von Luigi Montefiori. Luigi ist ein sehr lieber Mensch, was seine enorme Körpergröße häufig überdeckt. Jetzt ist er in die Staaten gegangen, soviel ich weiß. In diesem Film spiele ich einen faschistischen Diktator. Für diese Rolle ließ ich mir den Kopf rasieren und sah wohl recht wild aus. Am Schluß des Filmes bekomme ich eine Axt in die Brust; ursprünglich sollte sie in den Schädel gehen, aber der Spezialeffekt, den die Makeup-Leute hingetrickst hatten, sah dermaßen realistisch aus, daß Aristide und die anderen der Ansicht waren, es wäre etwas zuviel. So kam dann die unblutigere Variante. (Anm.: Auch so fehlt in der deutschen Fassung einiges.)


- 1986 hattest du einen Part in Sergio Martinos VENDETTA DAL FUTURO (PACO-KAMPFMASCHINE DES TODES).


Das war nur eine kleine Rolle, als Wissenschaftler, der den Androiden erfunden hat und dann von Dunkelmännern aus dem Wege geräumt wird. Luigi war wieder dabei. Der Tod von Claudio Cassinelli während der Dreharbeiten warf einen Schatten über den Film.


- 1988 warst du in Umberto Lenzis LA CASA 3 (GHOSTHOUSE).


Ja, ich spiele diesen Psycho. Der Film wurde im Nordosten der Vereinigten Staaten gedreht, zumeist mit jungen amerikanischen Darstellern. Ich erinnere mich mit Wohlwollen, aber an nicht viel mehr.


- Wie steht es mit ATOR 3 (TROLL 3)?


Das war natürlich eine Rolle, die mir sehr zugesagt hat: Als kunstbesessener König Gunther, der die perfekte Frau sucht, die wie eine Statue ist, habe ich einige schöne Monologe. Am Schluß werde ich selber zur Statue. Wieder ein Fall, wo sich ein alter Freund an mich erinnerte, in diesem Fall Aristide.


- Der Gnom (deutsche Fassung: Troll) mit den roten Schwulenstiefeletten ist absolut göttlich...


Domenico war sein Name, und, ob du's glaubst oder nicht, er wurde gleich hier, in einer Seitenstraße, ermordet! Er hatte schon bei den Dreharbeiten diesen jungen Mann dabei, der so etwas wie sein Butler war, eine ganz merkwürdige Sache. Auf jeden Fall hat eben dieser junge Mann ihn dann eines Tages aus dem Wege geräumt - es hatte was mit einer Frau zu tun - und den armen Kerl außerhalb der Stadt auf eine Müllkippe geworfen!


- Brrr! Das hätte man mit dem Hauptdarsteller machen sollen. Wie war das mit deiner Rolle in Michele Soavis LA SETTA?


Rolle ist gut: Ich sollte halt diese Rede halten, über das Sektenwesen in der heutigen Zeit, als Wissenschaftler. Dann habe ich mir den fertigen Film angesehen und mußte feststellen, daß sie meine Szene nur ganz kurz in einem Fernseher laufen lassen, an zwei Stellen. Insgesamt bin ich vielleicht 10 Sekunden zu sehen! Das ist für einen Schauspieler natürlich höchst unbefriedigend.


- Dein bislang letzter Auftritt fand statt in Massaccesis RITORNO DALLA MORTE...

Ritorno dalla morte

Es gab da auch noch einen ganz wundervollen Film, BRIGANTI von Marco Modugno, in dem ich eine fabelhafte Rolle hatte, als sizilianischer Baron. Das waren so großartige Kostüme, so wunderbare Schauplätze... Wir drehten zum Beispiel in der Villa Adriana, an einem Ort, der sich "Sanctuaria di Ercole" nannte. Das Schloß, San Gregorio, war ein Traum. Die Kostüme wurden von Leuten gemacht, die schon an Viscontis IL GATTOPARDO (DER LEOPARD) gearbeitet hatten. Alles an diesem Film war wunderschön. Und die Produzenten - warum, weiß ich nicht - ließen den Film einfach verschimmeln! Der Film setzt jetzt in irgendwelchen Regalen Staub an. Man könnte wahnsinnig werden...


- Warum macht man so was?


(An dieser Stelle mischt sich Luigi, der dynamische Bartender, ein und zeigt mir die Kinoanzeigen: "Hier kann man wunderbar betrachten, wie es um den italienischen Film steht! Vier, fünf Großproduktionen in ein, zwei Kinos, davon mehrere am Rand der Stadt. Dagegen ein Hollywoodfilm wie HEAT, der in gleich zwanzig Kinos läuft! Die italienischen Filme laufen bestenfalls im Pay-TV. Hier, der neue Argento: ein Kino, in ganz Rom! Verdammt, es leben 3 Millionen Menschen in dieser Stadt, und sie zeigen einen italienschen Film in einem lausigen Kino. Und dann fragen diese Leute, wieso sich niemand mehr italienische Filme anschaut! Verdammt, wenn ich ins Kino gehen will, dann gehe ich doch nicht in irgendein Vorstadtkino mit 100 oder 200 Plätzen, wo ich Gefahr laufe, zu stehen - ich gehe in ein üppiges Kino in meiner Nachbarschaft, in ein gutes Kino. Und was läuft da? De Niro und Pacino.")


- Frage beantwortet. RITORNO DALLA MORTE ist ein moderner Frankenstein-Stoff...

Ich spiele den Diener einer jungen Frau, die von jungen Rowdys überfallen und vergewaltigt wird. Dabei stirbt ihr Sohn. Sie selbst fällt ins Koma. Da ich der einzige bin, der am Tatort zugegen ist, hält man mich für den Mörder. Von korrupten Polizisten werde ich umgebracht. Aber ich erstehe von den Toten auf und räche meine Herrin. Hier in Italien ist der Film leider nicht rausgekommen, obwohl er eigentlich viele marktträchtige Elemente enthält. Obwohl der Film in Österreich spielt, haben wir viele Szenen im ehemaligen De-Laurentiis-Studio gedreht. Keine Ahnung, wie Aristide das gedeichselt hat, bei dem Budget! Cinzia Monreale ist dabei, eine wundervolle Person, mit der ich bereits in SELLA D'ARGENTO gearbeitet habe.


- Hast du Vorbilder?


Aber ja. Meine Helden heißen William Butler Yeats, André Malraux, Maurice Ravel, Giorgio di Ciricho, Laurence Olivier und Max Schmeling! Und Douglas Baader...


- Wer ist das?


Ein Armeepilot, der sich von anderen dadurch unterschied, daß er keine Beine hatte! Er fiel dann den Deutschen in die Hände, die den Briten aber erlaubten, Baaders Stahlbeine am Fallschirm abzuwerfen! Auf diesen Prothesen.... haute er ab! Wie Geronimo, wie Dschingis Khan befindet er sich jetzt in Walhalla. Also: Bleib' mir vom Leib mit den lustigen Weibern von Windsor; sprich' mit mir über Douglas Baader!


Heartfelt thanks to Donal and Luigi, who really know the heartbeat of Italian cinema. Bless you.

Das Interview wurde geführt im März 1996 und erschien erstmals in der "Splatting Image" Nr. 26.

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