THIS IS THE END...
oder Es ist fünf nach zwölf

I nuovi barbari
Italienische Endzeitfilme, die nachdenklich machen

Es gibt sehr, sehr wenige Science-Fiction-Filme aus Italien. Dies ist sehr schade, haben sich italienische Kommerzfilme doch meist durch eine starke visuelle Seite hervorgetan. Was für Möglichkeiten hätte es da gegeben: Filme über riesige Salmonellen, die das Kolosseum verwüsten; fliegende Untertassen gegen die Mafia; Kommissar Eisen im Weltraum... Die vertanen Chancen treiben einem die Tränen in die Augen.

Woran lag's? War es die Angst vor der eigenen Courage, im direkten Vergleich mit Hollywood doch aufgrund der nicht so ausgefeilten Spezialeffekteressourcen auf die Römernase zu fallen? Aber, aber! Hat es Antonio Margheriti, jenen Chefkoch unter Cinecittàs Trivialästheten, etwa gestört, daß die Astronauten in seinen Mitt-60er-Weltraumopern an deutlich sichtbaren Drähten durch die Gegend schweben Oder daß die Monstertentakel, die auf fremden Planeten gekappt werden, etwas an einen handelsüblichen Gartenschlauch gemahnen? Tut das diesen trefflich gearbeiteten Filmen etwa Abbruch?

Ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Was sich manche Regisseure haben einfallen lassen, um dieses Manko zu besiegen, verlangt nach Bewunderung. So war z.B. Mario Bavas vielbesungener TERRORE NELLO SPAZIO (PLANET DER VAMPIRE) eigentlich der erste veritable Gothic-Horror im Weltenraum, lange vor ALIEN. (Zwar wird häufig der lustige Cahn-Film IT! THE TERROR FROM BEYOND SPACE als ALIEN-Stammvater genannt; die schauerromantische Poesie von Bavas Film geht diesem flinken Gassenhauer aber ab.)

Doch die SF-Filme sind gegenüber den anderen großen Genres wirklich in der bedauerlichen Minderzahl. Ausnahmen gibt es freilich: Als Anfang der 80er der Australier George Miller zu seinem Rundumschlag gegen die Zivilisation ansetzte, der da lautete MAD MAX 2-DER VOLLSTRECKER, waren die Italiener zur Stelle. Es hagelte mehr oder weniger gelungene Nachahmungsfilmchen, deren Kostümausstatter häufig aus dem reichen Fundus der verschiedensten Filmgattungen schöpfen durften.

Selbiges traf auch zu, als der Sozialdarwinist aus Österreich mit donnernden Hufen die Altzeit erbeben ließ und zu seinem Siegeszug um die ganze Welt antrat! Aus allen Richtungen strömten sie herbei: Ator, Thor, Eigentor. Und wer könnte jene wunderbare Kurzserie von nur zwei Endzeitfilmen vergessen, die Castellari den WARRIORS hinterhergeschleudert hat?

Dieser Artikel macht sich die Freude, einige der schönsten Gegenentwürfe zur knabbergebäckfrönenden Zivilisation näher zu betrachten, dabei Sinn und Unsinn locker Revue passieren zu lassen. Die Elaborate sind von sehr unterschiedlicher Qualität; einige, so argwöhnen manche, fordern gar zur Gewalt auf. Nun ja. Das tut AKTENZEICHEN XY auch, wenn man der Berichterstattung eines nicht lange zurückliegenden Entführungsfalles Glauben schenken darf. Die Anregungen für geschmackliche Entgleisungen liegen auf der Straße. Man muß nur suchen. Wer sich bei seinen Straftaten auf keulenschwingende Neanderthaler oder Bodybuilder in schwarzen Latex-Strampelhöschen beruft, darf sich jedenfalls einer gewissen Originalität rühmen, die ihm bei Ede Zimmermann wahrlich versagt bleibt.

Los geht's!

ROCK ME, BABY!!!

Ein schöner Start ist bekanntlich die halbe Miete. Und wie könnte man solch einen Artikel angemessener beginnen als mit einem Film, dessen deutscher Kinotitel lautet: ROCKIT - FINAL EXECUTOR?

Abgesehen davon, daß in diesem Film keine Person mit dem Namen "Rockit" auftaucht, beschert der fast schon obligatorische Anfangskommentar einen Einblick in die Handlung des Films. Es geht um die postatomare Zukunft, in der ständig verstrahlte Mitmenschen vom übrigen Kader separiert werden "müssen".

Solchermaßen instruiert, sieht sich der mit reichlich Salzletten und Bier (eventuell auch Freunden, aber die sind nicht so wichtig!) ausgestattete Zuschauer einem Backpfeifengesicht namens Alan gegenüber, der im Begriff steht, ausgestoßen zu werden. Ich kann das sehr gut verstehen: Wenn es jemals ein Individuum verdient hat, ausgestoßen zu werden, dann Alan. Der Schauspieler heißt übrigens William Mang, verkörpert aber keine gelbe Gefahr. Er sieht einfach nur etwas doof aus. Um ausgestoßen zu werden, muß man übrigens in eine U-Bahn steigen ("Isolierungszug"). Draußen sieht sich der frisch Geschaßte einigen Ruinen gegenüber, die entweder einem Vorort von Rom entstammen oder Bremen-Schwachhausen.

Obwohl er doof aussieht, klebt ihm gleich eine Heldin mit ihren fettigen Haaren am Hacken. Das Glück währt aber nur kurz, denn eine Bande fieser Rocker (deren Obermotz auf den Namen Melvin hört) überfällt das aufgestoßene Paar und vergnügt sich mit der Fetthaarigen solange, bis sie tot ist. Die Rocker werden uns als nicht resozialisierbare Sonderfälle vorgestellt, die von Gruppenzwängen zu unvorstellbaren Schandtaten getrieben werden. Alan hat dafür allerdings kein Verständnis: Er will Rache. Erstmal schlagen ihn die Melvins aber zusammen, bis er Blut speit. ("Ihr seid keine Menschen! Abschaum seid ihr, Dreck, DRECK!!")

Was für ein Glück, daß es auch in der postatomaren Wüste noch Samariter gibt: Der Ex-Polizist Sam ist schwarz und gut und Woody Strode, der hier eine eher undankbare Rolle erwischt hat. Da ihm der Spieß im Blut liegt, trainiert (= schindet) er Doofkopp Alan, bis ihm die Drüsen qualmen. ("Ja, kriechen, kriechen sollst du, du gottverdammter Wurm!" - "Schwäche zu zeigen, bedeutet den Tod!")

An dieser Stelle sollte kurz angemerkt werden, daß der Film gar nicht so schlecht ist, auch wenn sich das hier vielleicht anders ausnimmt.

Um den Melvins an den Kragen zu gehen, muß er sich mit einiger Hintertücke in das Fort einschleichen, das die Unholde bewohnen. Und dann geht das Gemetzel los, die Fetzen fliegen, kein Achselhaar bleibt auf dem anderen...

Ich bin dazu angehalten worden, festzuhalten, daß Herr B. aus S. den Film für ein Meisterwerk hält. Die zeitgenössische Kritik ist mit dem Film wenig glimpflich umgesprungen. Meine Meinung liegt irgendwo dazwischen. Handwerklich ist der Film ordentlich gemacht, zumal, wenn man sich vor Augen hält, daß das Budget etwa bei einer Flasche Spaghetti gelegen haben muß.

Viele Actionszenen in L'ULTIMO GUERRIERO (1983) (O-Titel) erinnern in ihrer Zeitlupenstrategie an Castellari. Dies überrascht nicht, denn es bleibt in der Familie: Regisseur ist Romolo Guerrieri (=Girolami), Enzos Onkel, der einige gute bis sehr gute Filme auf dem Kerbholz hat, die handwerklich eigentlich alle sehr versiert gemacht sind und über eine interessante Handlung verfügen. Mit der Handlung hat es bei diesem Film nicht so ganz geklappt. Die deutsche Synchro hat aber auch diesem Film übel mitgespielt. Es fällt schwer, eine dramatische Grundstimmung zu erzeugen, wenn andauernd Austäusche stattfinden wie: "Hey, wie heißt du eigentlich?" - "Ich heiße Alan." - "Aha. Und ich bin Sam. Eigentlich ist es egal, wie man heißt. Das einzige, was zählt, ist, zu überleben..."

Ideologisch beißt sich der Film in den eigenen Schwanz. Da fallen wahre Klassenkampfparolen; von den "Privilegierten" wird gesprochen, die die armen "Ausgestoßenen"...na, eben ausstoßen! Dann aber trumpft der Film auf mit geballtem Sozialdarwinismus, die Muskeln flexen, das Gesetz des Stärkeren triumphiert. Aber das alles ist natürlich etwas neben dem Punkt. Die Hauptaussage des Filmes ist die, daß alle schwer was auf die Mütze kriegen sollen. Und dieses schöne Motto wird zu einem stets wiederkehrenden New Wave/Disco-Motiv ausgiebigst beherzigt.

Anmerken möchte ich noch, daß Harrison Muller einen Musketier-Sadomaso-Rocker mit weißem Johannes-Heesters-Schal spielt, der meist zu sehen ist, wie er ein Samuraischwert dramatisch aus seiner Scheide zieht. (Die hat er nämlich auch.)

Insgesamt ein durchaus gelungenes Partytape mit einem recht spannenden Schlußakt. Der Film ist WIRKLICH nicht so schlecht! Und fotografiert von Guglielmo Mancori, der einer ganzen Sippe von guten Kameraleuten entstammt.

Wachposten: "Hier ist allmählich wirklich alles im Arsch!"

THE DAY IM AFTER

Wie schwer ist es, einen brauchbaren Endzeitfilm zu drehen? Nicht sehr. Die Erwartungen sind nicht gar zu hoch. Mit dem Film URBAN WARRIORS (IT-Titel nicht eruierbar) hat man es mit ganz erlesenem Müll zu tun. Die VideoWoche schrieb ihrerzeit über den Film "Apokalypse am Baggersee", was nicht nur hübsch formuliert ist, sondern die Sache auch auf den Grünen Punkt bringt.

Brad Milford und zwei andere Luschen gammeln in einem "modernen Computer-Centrum" herum, als es an der Oberfläche gigantisch pilzt. Natürlich bekommen die Burschen nichts mit; einer verstaucht sich aber trotzdem den Knöchel.

Als die drei nach draußen gehen, sehen sie nichts, wo vorher angeblich viel gewesen ist: Doomsday was here. Da es unter den obwaltenden Umständen keinen großen Sinn macht, nach den Autos zu suchen, tapern sie durch die Gegend. Sie finden u.a. eine Scheune; eine Bande mutierter Rocker, die den Verstauchten durch Kopfabreißen von seinem Leid erlöst; und ca. 10 Minuten recycletes Material aus ROCKIT - FINAL EXECUTOR!

Wie dreist kann man eigentlich sein?? Die gesamte Partie mit Western-Bäddie Giovanni Cianfriglia (komplett mit Nietenarmbändern und dazu passendem Halsring) ist geklaut, sowie zwei oder drei andere Sequenzen, darunter auch der tolle Schal von Muller.

A bissele enttäuscht war ich ja schon, denn Regisseur Giuseppe Vari steht gemeinhin für gute Exploitation-Ware. Hier steht er überhaupt nicht. Der Film ist to-tale Kacke. Lieber zitiere ich noch ein bißchen Dialog: "Halt mal an!" - "Was glaubst du hier zu finden?" - "Ich weiß nicht. Egal!"
Ansonsten empfehle ich, was ich neulich in einer Anzeige lesen durfte: "Schwedenpollen gegen nächtlichen Harndrang"!

DIE WÜSTE LEBT!

Frage: Was unterscheidet George Millers Endzeit-Opus MAD MAX 2 von seinem unmittelbaren Vorgänger? Antwort: Ein Budget von 5 Millionen Dollar. Noch 'ne Frage: Was unterscheidet I NUOVI BARBARI (METROPOLIS 2000, 1982) von MAD MAX 2? Antwort: Auch ein Budget von 5 Millionen Dollar!

Dies ist wohl der erste richtig feine Film dieses Artikels. Die deutsche Titelschmiede legt ein gutes Tempo vor, indem sie den Film mit einem sehr verwirrenden Rufnamen ausstattet. Erst einmal trifft die Bezeichnung "Metropolis" es nicht ganz; "Steinbruch" oder "Landebahn" wäre da angebrachter gewesen! Auch mit dem Jahr 2000 haut es nicht ganz hin, da die Handlung im Jahre 2012 spielt, dem Jahr, "in dem der Atomkrieg zu Ende ging". Ein doppelter Axel gleich zu Beginn also. (Nun klingt STEINBRUCH 2012 freilich etwas ärmlich...)

Der Film ist wirklich toll. Der beste Film, den man in einem Steinbruch drehen konnte. Nein, ohne Hohn. Denn der Regisseur heißt Enzo G. Castellari, und der hat schwer was auf dem Kasten.

Die Handlung ist wie üblich eher das Geschwür an der Nase des Propheten: In deutlicher Anlehnung an den teuersten australischen Film bis anno dato geht es um menschliche Siedlungen, in denen die letzten Überlebenden des großen Oktoberfests sich gegen religiöse Sektierer zur Wehr setzen. Würde Herbert Achternbusch einen Barbarenfilm drehen wollen: Hier wäre der Ansatzpunkt.

Es gibt einen "good guy": Giancarlo Prete, der unter dem Pseudo Timothy Brent firmiert und sich "Skorpion" nennt, dem fanatisches Eiferertum zuwider ist und der einen persönlichen Groll gegen den Bösewicht des Filmes hegt. Das ist nämlich ein Kreuzritter namens One, dessen leicht homophil angehauchte "Templar"-Clique die Worte der Bibel in die Analen der Welt einbrennen will, mit dem Feuer des Herrn! (In einer Szene fickt er den Helden vor versammelter Gruppe in den Arsch, was ich sehr originell finde; mal was anderes.)

Es wäre etwas langweilig, wenn es nur einen einzigen Schurken gäbe. Deswegen ist da noch der besonnenere Unterschurke Shadow (gespielt von Enzos Bruder Enio Girolami) und der Gespiele von One, Mako, dessen Temperament sehr hitzig ist und der eine Palastrevolte plant.

Unter den Darstellern ist hervorzuheben der hünenhafte George Eastman (bürgerlich Luigi Montefiori), der seit den Zeiten der Spaghettiwestern ein fester Bestandteil des italienischen Kommerzkinos ist - bei Fellini gab er einst den Minotaurus! Mit weißen Strähnen im Haar versehen, macht er einen wahrlich furchterregenden Eindruck; man möchte ein Handgemenge mit diesem Mann vermeiden. Alle, die ihn kennen, sind aber immer voll des Lobes über ihn, was für ein netter Mensch er doch sei. Privat hat er, glaube ich, ein Fischrestaurant. Auch das spricht für ihn.

Die bloßen Gräten der Handlung werden von Castellari mit erheblichem inszenatorischen Eifer zu einer Bewegungsorgie geformt: Überall kreiseln Wagen, fliegen Schauspieler und brennen Benzinkanister. Der Film macht, wenn man nicht von Vorurteilen belastet ist, einen Heidenspaß; viele Szenen sind ausgesprochen sorgfältig und geschickt ausgetüfelt. Daß ein Endzeitfilm Spannung erzeugt, ist nicht selbstverständlich. Und jenseits des "Ernstnehm"-Sektors, der bei diesen Filmen eh nicht so ausgeprägt ist, gibt es ja noch die launigen Extravaganzen eines winzigen Budgets, wie etwa den drolligen Köpf-Ventilator an Makos Wagen.

Die deutsche Fassung ist ein wenig geschnitten, aber nicht annähernd so stark wie derzeit die RTL-Fassung, die nicht viel mehr als 70 Minuten lief! (In dem Film kommt meine Lieblings-Dummy-Explosion vor, in der ein Charakter einen Explosivpfeil in die Rübe bekommt: Es macht PUFF, und ein Motorradhelm macht sich auf die Reise...) Die Geräuscheffekte sind ultracheap. Fred Williamson ist noch mit von der Partie. Der Synthie-Score stammt von Ex-Goblin Claudio Simonetti.

Viel Spaß für wenig Geld!

DER STÄNDER DES BARBAREN

Nachdem Hollywoods Vorzeige-Fascho John Milius uns mit seiner Version von Howards Conan-Geschichten beglückt hatte, rasselte es lauter billigst gedrehte Plagiate aus dem Land der Nudeln, allen voran vielleicht Massaccesis ATOR-HERR DES FEUERS. Ein etwas unbekannteres Elaborat ist SANGRAAL, LA SPADA DI FUOCO (1982), der bei uns als DAS SCHWERT DES BARBAREN lief. Tatsächlich besteht eine Verwandtschaft zwischen dem ersten und dem zweiten Film, da beide beherzten Bezug auf Ator nehmen: der Bodybuilder Peter McCoy (Covertext: "Der faszinierende, neue Barbaren-Typ!") spielt Ators Filius.

Besagter Sangraal ist die einzige Hoffnung eines fast vollständig ausgemerzten Volkes. Er fährt es ins gelobte Land. Leider dringt er dabei ins Gebiet der Feuergöttin Rani ein, einer aufregenden Person, deren Brüste wesentlich kleiner sind als die von Sangraal. Dafür hat sie permanent aufgerichtete Brustwarzen, was auch bemerkenswert ist. (Bestimmt zieht die ihr Höschen aus, wenn sie Motorrad fährt!)

Von Ranis Hohepriester Nantuck und seinen Tucken wird Sangraals Volk komplett sattgemacht, was dann in blutiger Rache barbarenseits mündet...

Der Film ist mit Leichtigkeit einer der unterhaltsamsten seiner Zunft. Zwar scheue ich vor der Behauptung zurück, der Film wäre gut gemacht, aber sein idiosynkratischer Inszenierungsstil läßt einfach keine Langeweile aufkommen. Regisseur Michael E. Lemick ist übrigens Michele Massimo Tarantini, ehemaliges Ziehkind von Sergio Martino. Tarantini ist hauptsächlich bekannt für zahlreiche Teenie-Komödien mit Gloria Guida et al. Diesen Film drehte er scheinbar zumindest teilweise in Südamerika, wohin er sich in den Folgejahren zurückzog, um dort noch einige andere Sachen zu drehen. Er neigt etwas zu überemphatischen Effekten, was manchmal hinhaut, manchmal aber auch dem unfreiwillig Komischen nicht gerade aus dem Wege geht. Aber wen stört das in diesem Genre der wippenden Muskeltitten und ölbeträufelten Luxustorsi?

Für die Kameraarbeit lieh sich Tarantini Martinos trefflichen Stammfilmer Giancarlo Ferrando aus, der den Film mit einer geradezu hyperaktiven Bildführung versieht: Zooms, Schwenks und Wackler, wohin das Auge blickt. Zweiter Kameramann ist Pasquale Fanetti, der unter dem Pseudo Frank de Niro (!) zahlreiche Soft- und Hardcore-Produkte fotografiert und inszeniert hat! Es gibt auch einen saftigen "Sangraal"-Titelsong, der ein wenig an die "Carmina Burana" erinnert...

Mit von der Partie ist die hübsche Sabrina Siani, die ihre Brüste, glaube ich, von ihrem Vater geerbt hat. Und einen Gastauftritt als Stammesfürst absolviert der illustre Luciano Rossi, hier mit Bart, unter dem Pseudo Lu Kamante!

Bleibt zu erwähnen, daß der Film trotz der Freigabe ab 16 wohl einer der blutrünstigsten Barbarenstreifen ist : In einigen Szenen fliegen die Eingeweide. Meine Lieblingsszene ist jene, in der die etwas schmerbäuchige Eskimotucke Nantuck dem Hauptdarsteller mit beiden Füßen in Zeitlupe gegen das Brustbein donnert: Männliche Grazie in Vollendung! Jetzt aber weiter...

DAS SPIEL IST AUS!

Der 1983 entstandene ENDGAME ist nicht Joe PORNO HOLOCAUST d'Amatos Bearbeitung von Samuel Becketts gleichnamigem Bühnenstück. Viel eher kann man den Film als eine weitere Adaption von Robert Sheckleys MILLIONENSPIEL ansehen, das selbst Stephen King für seinen RUNNING MAN ausgeschlachtet hat und dessen spannendste Filmversion Yves Boissets derber KOPFJAGD - PREIS DER ANGST ist.

In einer hoffentlich fernen Zukunft (nach dem großen Knall) hat ein merkwürdiges Spiel großen Zuspruch, das sich "Manhunt" nennt und das dem Begriff "Reality TV" neue Dimensionen verleiht: Gedungene Mörder hetzen ein freiwilliges Opfer für horrende Summen durch die ruinengesäumte "Unterstadt", stets verfolgt von sensationsgeilen Fernsehkameras, die den Zuschauer in der ersten Reihe sitzen lassen. Ron Shannon heißt der Gejagte, und er kämpft nicht nur gegen seine Häscher, sondern auch gegen mutierte Penner, die alle aussehen wie Gurkenmurkser. Schließlich läßt er sich von telepathisch begabten Rebellen zum Kampf gegen das faschistische System aufstacheln...

Aristide Massaccesi, der auch unter dem Namen Federico Slonisco für die (erstaunlich gute) Fotografie verantwortlich ist, hat hier als "Steven Benson" einen wirklich brauchbaren SF-Kracher hingelegt, dessen gute Grundidee (trotz ihrer Abgenutztheit) dem Film ein solides Rückgrat verleiht, an dem die zu erwartenden Bizarrerien aufgefädelt werden wie Perlen an einer Schnur. Sogar die gesellschaftskritischen Elemente der Story finden hier und da Einlaß, was für Massaccesi recht bemerkenswert ist. Der Film ist wesentlich spannender als die Softsexer, die er in den 80ern reihenweise produziert hat. Inzwischen macht er wieder Filme, in denen auf andere Weise geknallt wird als in ENDGAME.

Die Besetzung macht Spaß: Pier Luigi Conti alias Al Cliver gibt einen brauchbaren Helden ab (ja, er ist besser als in JUNGFRAU UNTER KANNIBALEN!); Laura Gemser spielt überraschenderweise unter Pseudonym (Moira Chen); George Eastman ist dabei als Killer Curt Carnac; und Gordon Mitchell ist als General zu bewundern.

In der letzten Szene ist auch der Regieassistent zu sehen, Michele Soavi, bis zu dessen fulminantem Regiedebüt AQUARIUS, für Massaccesi, noch einige Jahre verstreichen sollten.

Auch sehr empfehlenswert ist der eher unzusammenhängende, aber manchmal recht surreale TEXAS 2000 (2020 TEXAS GLADIATORS, 1983) von "Kevin Mancuso", dessen deutsche Fassung saftig geschnitten ist. Regieassistent auch hier "Mike Soft". Den Großteil des Films hat übrigens Schauspieler George Eastman inszeniert. Unbezahlbar in diesem Film ist der Oberschurke: Donal O'Brien in SS-Uniform, mit der schäbigsten Lache der Endzeit...(Er heißt übrigens wirklich "Donal", ohne D.)

Ruckzuck die Fresse dick!

PANEM ET CIRCENSES!

Auch wenn Lucio Fulci der Honigseim noch vom letzten Artikel vom Maul trieft, hielt ich es doch für unerläßlich, ihn auch hier hochleben zu lassen! Grund des Jubels: I GUERRIERI DELL'ANNO 2072 (DIE SCHLACHT DER CENTURIONS, 1983)...

Eigentlich wollte ich den Film ja nur so nebenbei unterschmuggeln; eine Viertelstunde reingucken, die Erinnerung aufleben lassen und flink den Text in den Rechner gerotzt...Falsch gedacht: Es ist kurz nach 1 Uhr morgens,  und der Film hat großen Spaß bereitet!

Die Handlung ähnelt dem vorangegangenen ENDGAME, auch wenn 2072 sich eher an Jewisons ROLLERBALL orientiert. Ein Multimediaheld namens Drake zieht sich den Groll seiner TV-Gesellschaft zu, indem er heiratet: Die Quoten sacken. Deshalb bringen die Miesniks seine Braut um und schieben ihm die Eliminierung ihrer Mörder in die Schuhe. Drake bekommt eine Chance, sich zu relahibitieren - ein Super-Kampfspektakel im Kolosseum, mit 20 zum Tode verurteilten Sträflingen als Gladiatoren...
Obwohl ich anfänglich noch meine Vorbehalte gegen den Film hatte, lösten sich diese im Rausch der schnellen Bilder im Nu in Wohlgefallen auf: Was Fulci mit wenig Geld arrangiert hat, verdient Respekt. Natürlich sind verschiedene Effekte nicht ganz so geglückt, aber das spannende Geschehen läßt Mosereien darüber gar nicht erst zu. Das Drehbuch bastelt äußerst geschickt Versatzstücke und Genreklischees aneinander, kombiniert sie mit einigen recht gelungenen neuen Einfällen. So ist der Wagemut, ein futuristisches Wagenrennen à la BEN HUR in Szene zu setzen, komplett mit spacig aufgezottelten Bikes mit Beifahrer, bei dem Budget glatte Tollkühnheit. (Der Produzent muß ein Optimist gewesen sein, anders kann ich mir das nicht vorstellen.)

Nirgendwo sind Besetzungsangaben zu finden, deshalb hier ein paar der Leckerbissen: Oberbösewicht Cortez wird von Claudio Cassinelli gespielt, mit besonders unpassendem Haarteil; unter den Gladia-Toren befinden sich Fred Williamson und Al Cliver; und ein Verbündeter mit entstelltem Narbengesicht ist gerade noch als Donal O'Brien zu erkennen...

Der Held wird von dem mimisch etwas blassen Jared Martin gegeben, den DALLAS-Fanatiker noch als Dusty Farlowe in Erinnerung haben mögen. Fulci besetzte ihn auch bald darauf in AENIGMA (DÄMONIA). Ach ja, und Howard Ross gibt einen wunderhübsch sadistischen Leuteschinder, mit einer übergroßen Mütze, die etwas an die der Offiziere aus den STURMTRUPPEN-Comics erinnert...

Natürlich können Dämlacks (oder Dämlacke) dem Film vorwerfen, daß er, obschon er die Sensationsgeilheit der Medien geißelt, sich an eben diesen Sensationen ergötzt. Aber eben solches traf auch schon auf ROLLERBALL zu, und weshalb sollte man ausgerechnet Fulci diesen Vorwurf machen?
Der Film ist bunt, grell und streckenweise sehr hart, gut fotografiert von Unbekannt, mit einem krachenden Rocksoundtrack von Riz Ortolani garniert. Insgesamt finde ich es eigentlich nicht einzusehen, daß sich 2072 so viele schlechte Kritiken eingehandelt hat, denn die Inszenierung ist alles andere als "dilettantisch" (KFD), sondern unter den gegebenen Umständen geradezu Zauberwerk. Kein Meilenstein vielleicht, aber ein hochunterhaltsamer SF-Reißer, der dem Zuschauer genau das liefert, was er verspricht. Finde ich in Ordnung.

Übrigens hat Fulci zur selben Zeit auch noch den Weichzeichner-Barbarenfilm CONQUEST gedreht, der einigermaßen minutiös die Odyssee eines jungen Herrn namens Ilias durch unwirtliche Gegenden nachvollzieht. Abgesehen davon, daß der Film in der alten VCL-Fassung ausgesprochen blutrünstig ist, kann man dem Film auch im Formalen einige Fulci-Touches nicht absprechen. Insgesamt finde ich ihn aber etwas langatmig. Die beste Sequenz zeigt eine schwule Version von Chewbacca, wie sie einem Greis zugrunzt: "Okra mag keine alten Männer!" und ihm mit einem einzigen beherzten Schlag das Gehirn freilegt. Endlich mal jemand, der seinen Standpunkt überzeugend darlegt.

SARTANA IN DER WÜSTE

Der bestinszenierte Endzeitfilm - neben den Castellaris und FIREFLASH - ist für mich ohne Zweifel THE EXECUTOR (GLI STERMINATORI DELL'ANNO 3000, 1984). Was aus diesem Film hätte werden können, wenn man sich nur etwas mehr Mühe mit dem Drehbuch gegeben hätte...

Aber auch so gibt es viel zu bestaunen. Zum Beispiel ähnelt der Film sowohl inhaltlich wie auch formal verblüffend MAD MAX 2. Auch hier geht es um die erbarmungslose Jagd nach Wasser, in die ein Fremder ohne Namen gegen den eigenen Willen hineingezogen wird. Eigentlich nur auf seinen Vorteil bedacht, landet er schließlich auf der Seite der Guten.

Gleich die erste Szene, in der der Fremde von zwei post-apokalyptischen Killer-Cops verfolgt wird, ist eindeutig eine (sehr begabte) Kopie von Millers Film. Die Besessenheit mit Autostunts in Zeitlupe und splitternden Knochen findet sich ebenso wieder wie die düstere Stimmung und die Wortkargheit des Geschehens. Das Leben ohne Wasser ist wahrlich kein Zuckerlecken.

Daß der Film so ausgesprochen gut inszeniert ist, überrascht nicht, wenn man weiß, daß hinter dem "Jules Harrison"-Pseudonym Giuliano Carnimeo steckt, der als "Anthony Ascott" eine stattliche Anzahl lustiger Western (häufig herben Zuschnitts) gedreht hat, die durch tolle Regieeinfälle aus dem Rahmen fielen. Nachdem die Western-Zeit vorbei war, versuchte sich Carnimeo (nicht Carmineo, wie häufig geschrieben wird) an Komödien. Sein letzter hier erschienener Film war der nicht so berühmte Horrorfilm RATMAN.

Zwar verpuppen sich die Schauspieler alle hinter Ami-Namen, aber einige sind doch zu erkennen: Der unverwüstliche Eduardo Fajardo spielt den Kommandanten der Siedlerfestung, mit langem weißen Bart; ein Unterguter wird gemimt von Venantino Venantini; die wohl berühmteste Schwarze in Italo-Filmen der späten 60er und frühen 70er, Beryl Cunningham, spielt eine heiße Lederbraut; und auch der omnipräsente Luciano Pigozzi hat einen Gastauftritt.

Wie schon gesagt, wenn man noch ein paar eigene Ideen investiert hätte...

Auch so ist der recht harte Film aber deutlich über dem Schnitt. Ein kleiner Junge fragt den Helden, warum man keine Motorräder erfinde, die mit Sand führen. Darauf dieser: "Dann würden wir hier in einer Benzinlache schwimmen. So ist das Leben!"

Wie deprimierend. Kellner, noch zwei Schnaps, bitte...

SCHNEEWITTCHEN UND DIE 7 PILZE

Ein weiterer Italo-Regisseur mit den höheren Weihen der Endzeiterfahrung ist Sergio Martino. Dieser fleißige Filmemacher gab uns im Jahre 1983 den Streifen 2019: DOPO LA CADUTA DI NEW YORK, bei uns gelaufen als FIREFLASH! Und was soll ich Euch sagen: Der Film ist sehr gut!

Bekannt für seine dankbare Aufnahme populärer Filmstoffe, würfelt Martino hier Elemente aus DIE KLAPPERSCHLANGE und BLADE RUNNER zusammen und reichert diese Saucengrundlage an mit eigenen Bizarrerien, die vielleicht auch der Feder seines häufigen Ko-Autors, Ernesto Gastaldi, entstammen, der hier als Julian Berry firmiert. Gastaldi hat übrigens neben seinen schier unzählbaren Drehbüchern auch als Regisseur gearbeitet: Am erfolgreichsten ist der 1966 erschienene LIBIDO, ein exzentrischer Landhausthriller mit Giancarlo Giannini in einer frühen Filmrolle; danach kommt aber sofort der sleazige Hippie/Rockerthriller LA LUNGA SPIAGGIA FREDDA, der auf Video als DEATH COMPANY erschienen ist: Der sanftmütige Robert Hoffman als Rockerchef ist einfach eine Schau!

In FIREFLASH äußert sich die Neigung Gastaldis zu Exzentrizitäten u.a. darin, daß er die reichlich actionlastige Mär mit Anleihen bei Schneewittchen (!) verfeinert hat, samt Zwergen und Prinzessin im Glassarg!

Bevor wir zu den Gebrüdern Grimm kommen, gibt es allerdings viel Bekanntes aus Doomsday County: Die fiesen Euraker haben nämlich einen atomaren Krieg angezettelt, der zur fast vollständigen Verseuchung der Erde geführt hat und zur Unfruchtbarkeit sämtlicher Frauen - die Tage des kriegslüsternen Menschengeschlechts sind also gezählt.

Da wird der Megafighter Flash eingeführt wie ein Diaphragma. Er boxt am besten und bekommt das Recht zur Tötung dreier Menschen(!). Dazu darf er sich noch mit einer geilen Megasusi vergnügen, die nicht den Eindruck macht, als würde sie regelmäßig zum postatomaren Gesundheitsamt gehen. Flash sieht das genauso und schenkt ihr die Freiheit.

Aber Unerwartetes geschieht: Flash wird gespacenappt und nach Alaska verfrachtet. Dort wartet der ehemalige Präsident der "Konföderierten" auf ihn. Scheinbar haben die Schlaumaxe ein fertiles Weibchen ausgemacht in der Ruinenstadt Manhattan! Flash nun ist der Auserwählte, der sie (mit zwei Mitkämpfern namens Bronx und Racket!) zuerst befreien und danach bumsen soll. (Letzteres natürlich ohne die zwei anderen!)

Was für ein Szenario! Natürlich fallen Flash und Konsorten in die Hände der Euraker, werden durch eine Horde von Zwergen aus diversen Gefahren gerettet (!), geraten in die Gefangenschaft von Affenmenschen unter der Führung eines gewissen Big Ape (!!), und nebenbei lacht sich Flash auch noch eine Freundin an, was ich auch machen würde, wenn sie von Valentine Monnier gespielt würde... (Euraker: "Gut gewaschen und desinfiziert dürfte sie Vergnügen bereiten!")

Gemessen am Endzeitstandard ist der Film offensichtlich besser produziert worden und gewinnt beträchtlich durch Martinos geschickte Regie, die aus den Actionszenen das bestmögliche herausholt. (Für mich der beste Martino der 80er.) Auch wird der Film enorm aufgewertet durch die saubere Kameraführung von Giancarlo Ferrando, die den Zuschauer an den aufregenden Aktionen teilnehmen läßt.

In der deutschen Fassung kommen zahlreiche Dialoge sehr dummdreist daher; auch hapert es mit der internen Logik, deren Fehlen manche Handlungen etwas unmotiviert erscheinen läßt. Davon abgesehen erfreut der Film das Herz von Jung und Alt.

Der Held wird gespielt von dem Ami Michael MONSTER SHARK Sopkiw; der zum Ehrenitaliener ernannte Brite Edmund Purdom gibt ein Gastspiel; und George Eastman ist gut wie selten als großer Affe, der den Planeten mit kleinen Äffchen zu bevölkern trachtet! Auch dabei der häufige Castellari-Veteran Romano Puppo, der eine der Hauptrollen in RACKET gespielt hat und hier eine Rolle gleichen Namens ausfüllt.

Die deutsche Videofassung verprellt durch garstiges Vollbild und zahlreiche Schnitte. Gerüchten zufolge ist der Film auf Pro 7 letterboxed gelaufen, was immerhin die schöne Kameraarbeit retten würde, aber ob die Fassung dieselben Schnitte aufweist, weiß der Wind allein.

Peter hält den Film für den besten Endzeitfilm aus Italien. Bei mir reicht der Enthusiasmus nicht für ein volles Glas mit Ambrosia, aber auch mit dem Rest läßt es sich sehr gut leben.

ZARTE BANDEN

Der 1982 entstandene 1990: I GUERRIERI DEL BRONX (THE RIFFS-DIE GEWALT SIND WIR) ist sicherlich kein Film, den man dem New Yorker Amt für Touristik vorlegen möchte, es sei denn, es reitet einen der Schalk. Denn die Stadt der tausend Gelichter wird in Castellaris Bandenfilm von ihrer gänzlich unattraktivsten Seite gezeigt: Ruinen und verwahrloste Slums, wohin man sieht; brutale Straßengangs, die den lieben langen Tag damit verbringen, sich gegenseitig den Bregen weichzuklopfen; und psychopathische Bullen, die gewissermaßen als Vorbild für die aufstrebende Jugend nicht viel taugen!

Auf die Gefahr hin, den letzten Anstrich intellektuellen Vergeistigtseins zu verspielen: THE RIFFS ist vollkommen genial, großartig, 10 Punkte, alles aus! Von der ersten Sekunde rast Sergio Salvatis Kamera durch die Stadt der Träume und nimmt die Gebäude auseinander, man kann den Mörtel förmlich rieseln hören! Vollgestopft mit großartigen Einfällen, läßt die visuelle Faszination des Filmes keinen Moment nach. Der Rocksoundtrack von Walter FRIEDHOFSMAUER Rizzati besorgt den Rest: Wieder etwas, das in keiner Plattensammlung fehlen darf.

Das offensichtliche Modell für die RIFFS ist Walter Hills THE WARRIORS. Verknüpft wird das Ganze mit Elementen aus Carpenters KLAPPERSCHLANGE. In der nahen Zukunft ist die Bronx nämlich ein einziger Trümmerhaufen, ein Alptraum marodierender Straßengangs. In diesen Alptraum hinein flüchtet Ann, die Tochter eines der reichsten Männer der Welt. Von den gewissenlosen Schergen des Kapitals wird der vollkommen wahnsinnige Bulle Hammer auf die Stadt losgelassen: Mit seiner abgesägten Schrotflinte zersetzt der Mann das Lumpenproletariat - auch eine Art von Städtesanierung!

Wie gut, daß es da die "Riffs" gibt, zu denen Ann sich geflüchtet hat. Ihr Chef ist ein junger Lockenkopf namens Trash, der den bösen Plan Hammers - die Banden gegeneinander auszuspielen - durchschaut. Am Schluß des Films steht eine gigantische Polizeiaktion, die einen Peckinpahschen Kloß im Hals erzeugt.

Wer nur ein kleines bißchen zart besaitet ist, sollte sich von diesem Film fernhalten: Er ist wirklich ultrahart, erspart dem Zuschauer nicht viel. (Das gilt übrigens nicht für die Rüttel-Plus-Fassung, die dem Zuschauer viel erspart.) Alle anderen werden ihren Spaß haben an diesem großartig inszenierten Film, dessen Bildkompositionen Westernmotive in den Großstadtdschungel übertragen, daß kein Auge trocken bleibt. Die coolen Rituale der Banden werden mit bizarrem Humor geschildert, der sich in den "Uniformen" der Gangs niederschlägt. So gibt es etwa eine Stepdance-Gang, eine Rollschuh-Gang, eine Zuhälter-Gang etc. Die Autos und Paraphernalien sind ohnehin bereits eine Schau. Mit viel Sinn für surreale Details (z.B. ein am Hudson River vor sich hin trommelnder Schlagzeuger, der ein Gipfeltreffen von Bikern untermalt) wird aus den überbetonten realistischen Details der unschönen Wirklichkeit eine Art Parallelwelt geschaffen, in der die Unterdrückten des Systems ihre Männlichkeitsrituale austragen. Dahinter der nur von Haß motivierte Hammer ("Ich will euch vernichten!"), dessen Menschenverachtung die Brutalität der Gangs ins rechte Licht rückt. Kein Gut oder Böse im Kampf ums Überleben.

Unter den Darstellern finden sich viele Bekannte: Hammer wird gegeben von Vic Morrow, der einst selber als Juvenile Delinquent begann, in Richard Brooks' SAAT DER GEWALT (1955), und der nur ein Jahr nach den RIFFS bei Dreharbeiten aufgrund eines Hubschrauberunfalls etwas den Kopf verlor. Fred Williamson hat hier eine richtig geile Rolle als Bandenguru Oggi, mit knallbunten Pluderklamotten. Christopher Connelly gibt einen guten Cop. George Eastman ist wieder mal 100 Meter groß und spielt einen Bandenchef namens "Mongole"! Und der langjährige Castellari-Mitstreiter Gianni Loffredo ("John Sinclair"!) hat auch eine schöne Rolle, als verräterisches Bandenmitglied.

Übrigens beginnt der Film wie ein Familienfilm: In der ersten Szene ist das erste, was wir sehen, Enzos Tochter Stefania, die Ann spielt. Die beiden bösen Konzernschergen, die gleich danach zu sehen sind, sind Enzo himself und sein Bruder Enio!

Es sind jetzt bereits 72 Zeilen; wenn ich nicht aufpasse, dann läßt meine Begeisterung diesen Artikel ausufern. Also, nehmt die Begeisterung zur Kenntnis und seht Euch beizeiten dieses düstere Comic-Strip-Juwel an! Es lohnt sich.

NEUE HEIMAT

Mit der Fortsetzung FUGA DAL BRONX (THE RIFFS 2-FLUCHT AUS DER BRONX, 1983) nimmt sich Enzo den sozialen Wohnungsbau vor. Die Bronx wird leergeräumt im Rahmen einer gigantischen Umsiedlungskampagne. Ein großer Konzern plant, die Stadt der Zukunft zu errichten. Nach außen hin gibt man sich menschenfreundlich, "traumhafte" Ersatzwohnungen werden angeboten, die Evakuierung geschieht auf "freiwilliger" Basis.

Die Wirklichkeit schaut freilich etwas anders aus: Unter fachkundiger Leitung des Annihilations-Experten Floyd Wangler (Henry Silva in guter Zähnefletsch-Form) streifen mit Flammenwerfern ausgerüstete Spezialtrupps durch den Stadtteil und machen jeden kalt, der ihnen vor die Flinte kommt. Den Stadtrat kümmert das Ganze angesichts der zu erwartenden Finanzspritzen herzlich wenig: Man schaut in die rosige Zukunft.

Gleich zu Beginn erwischt es Vater und Mutter von Trash. Dieser denkt gar nicht daran, sich zu beugen und geht im wahrsten Sinne des Wortes in den Untergrund, um sich mit dort lebenden Gangs zu verbünden, den letzten Überlebenden des alten Gang-Systems.

Zusammen mit einem als wahnsinnig geltenden Eremiten und dessen Söhnchen klaut Trash kurzerhand den Präsidenten des Konzerns (Enio G.) und läßt die Bronx damit zu einem Kriegsschauplatz werden...

Der zweite Teil ist nicht ganz so gut wie der erste, was teilweise an der Synchro liegt (die uns mit Sprüchen versorgt wie "Ich hab' nicht Schwein, ich hab's drauf!") und teilweise an der etwas zu lang ausgedehnten Schlußmetzelei, die das Interesse für Explosionen und fliegende Körper ein wenig überstrapaziert.          

Abgesehen davon ist auch dieser Film blendend inszeniert, sehr spannend und unterhält ganz famos. Neben Silva hat Antonio Sabàto einen Gastauftritt, als Rocker mit Ohrringen und sehr fröhlichem Gemüt. Und Moana Pozzi, die derzeitige Pornokönigin Italiens, steckt mitten im Getümmel. Die Musik von Francesco de Masi ist sehr ansprechend. Fotografiert ist der Film nicht ganz so gut wie Teil 1, aber immer noch zweckdienlich. Die Dummy-Explosionen in diesem Film sind nicht zu zählen. Die deutsche Fassung ist an einigen Stellen etwas geschnitten.

In meinen heißesten Träumen stelle ich mir ein Double Feature mit diesen beiden Filmen vor, auf großer Leinwand, mit hunderten begeisterter Fans mit Bierbechern aus Plastik. Das muß dann der Himmel sein. (Anm.: Damals hätte ich was von Buio Omega ahnen müssen, was?)

RATTEN FOR PRESIDENT!

Bisweilen gelingen den deutschen Verleihern ja geradezu geniale Schachzüge. So werden Filme als Fortsetzungen deklariert, die mit den erfolgreichen Vorläufern nicht die Bohne zu tun haben. Ein famoses Beispiel für diese schöne Tradition ist der dritte Teil von Castellaris RIFFS-Reihe, im Original geheißen: RATS - NOTTE DI TERRORE (1985)! Unbescholtene Beobachter (so es sie gibt) mögen nach einer oberflächlichen Betrachtung des Covers diesem Etikettenschwindel aufsitzen; bemerkt man aber den Namen des Regisseurs Bruno Mattei, so sollten sich ernsthafte Zweifel einstellen.

Diese werden bestätigt. Denn gleich zu Beginn ist schon alles vorbei. Nachdem die Welt wieder mal atomar vor die Hunde gegangen ist, treibt sich eine Bande von Überlebenden durch die Ruinen New Yorks, wo sie Hilfreiches zu finden trachtet. Die Überlebenden sind Rocker, deren Ausstaffierung den Hell's Angels die Freudentränen auf die wettergegerbten Wangen zaubern würde. Die Charaktere haben Namen wie Chocolate, Luzifer und Video (!). Der Boß heißt wenig originell King. Auch existiert ein Depp, der für die Komplikationen zuständig ist und sich Duke nennt, da er Carpenters KLAPPERSCHLANGE gesehen hat. Dumb fucks unite!

Gemeinsam richtet man sich in einem unterirdischen Labor namens Delta 82 ein; ein zerschundener Leichnam, der den Weg nach unten säumt, wird ignoriert. Nicht ignoriert werden können aber die Millionen von Ratten, die sich daraufhin mausig machen und ein "10-kleine-Negerlein"-Spektakel mit den Faschingsrockern anfangen, daß die gesellschaftskritischen Fetzen fliegen!

Tja, gar nicht schlecht, Bruno! Es handelt sich hier um einen neo-gotischen Horrorfilm im Gewand eines ökologiebewußten SF-Schockers im Stile der frühen Siebziger. Natürlich wird das Ganze aufgemotzt bis zum Abwinken, die Sterne werden verschwendet, bis keine mehr da sind! Und auch wenn das Drehbuch totale Hirnfinsternis verursacht, auch wenn die Regie wenig beeindruckend ist und die Spezialeffekte den Bereich des Lächerlichen ohne Scham penetrieren, bereitet der Film bescheidenen Spaß. Denn Trash gibt es in diesem Werk zuhauf zu bewundern. Mir gefällt es einfach, wenn Bilder von wahren Rattenbergen geschickt zusammenmontiert werden mit Einstellungen, in denen blutüberströmte Darsteller mit ein oder zwei Ratten wahre Veitstänze aufführen.

Überhaupt ist der Film ziemlich gschmackig. Bruno hat keine Kosten und Geschmacksgrenzen gescheut: Selbst aus Mündern kommen die kleinen Racker gekrabbelt! Einige Leichen sehen aus wie aufgeblähte Dinosaurierarschlöcher. Das Blutgespritze ist aber weniger eklig als die Hundertschaften von Ratten, die einzelnen Darstellern auf den Kopf fallen. Die mögen das scheinbar. Bah.

Auf dem Qualitätssektor überzeugt in erster Linie die ordentliche Fotografie von Veterinär Franco delli Colli, die das schmale Budget an und ab ganz geschickt umschifft; zur Absicherung der Spannungseffekte dient die synthetische Musik von Luigi Ceccarelli, die mit sakralen Orgelklängen Gothic Flavor verbreitet.

Das schundige Drehbuch stammt von Matteis häufigem Mitstreiter Claudio Fragasso, der als Regisseur unter anderem MONSTER DOG mit Alice Cooper und den Zombie-Knüller AFTER DEATH (DAS BÖSE IST WIEDER DA) zu verantworten hat. Auch hier hat er an der Regie mitgearbeitet. Ihn trifft Mitschuld. (Anm.: Mittlerweile macht er ja richtig gute Filme!)

Die Synchro schafft barocke Höhepunkte mit feinsinnigen Bemerkungen wie "Dir haben sie wohl auf die Platte geschissen!". Auch wäre der Film ärmer ohne die insgesamt zwei hinzugemogelten Bezugnahmen auf die "Riffs". Hier erfreut Sinn für Kontinuität.

Am Schluß bemerkt eine Darstellerin resigniert zu den Rattenhorden: "Wir haben die Atombombe überlebt, aber wir müssen vor euch kapitulieren!" Auch der Zuschauer wird entwaffnet vom naiven Charme eines nicht ganz so bedeutenden Filmes.

Hingewiesen sei an dieser Stelle auf die beiden von Bing Crosby produzierten Rattenfilme WILLARD und BEN. Zu letzterem sang der damals noch unmündige Kinderfreund M.J. den Titelsong. Wäre sein Leben anders verlaufen, hätte er vielleicht auch den Titelsong zu RATS gesungen...

ALLES GUTE KOMMT VON UNTEN

Die Überschrift ist nur mit Vorsicht zu genießen, denn ich kann I PREDATORI DI ATLANTIDE (ATLANTIS INFERNO, 1983) nicht so ganz leiden. Schade eigentlich, denn der Regisseur ist immerhin der verdiente Ruggero Deodato, der sich hier hinter dem Pseudo "Roger Franklin" verbirgt. Er selber hat gegen das fertige Produkt nämlich auch so seine Vorbehalte. Der Mann hat recht.

Jeder Regisseur, der Kannibalenfilme mit US-Pornodarstellern in der Hauptrolle dreht, verdient einen Platz in der Ruhmeshalle. Deodato, der einst als Assistent bei Rossellini angefangen hat und später mit CANNIBAL HOLOCAUST (NACKT UND ZERFLEISCHT) den vielleicht grausamsten und grauenvollsten Film aller Zeiten gedreht hat, gilt nicht zu Unrecht als einer der originelleren und begabteren der italienischen Kommerzregisseure. Im Idealfall haftet seinen Filmen eine bizarre Effektivität an, die den Zuschauer überrumpelt wie eine Ente ohne Schnabel.

Nun - bizarr ist ATLANTIS INFERNO allemal; lediglich mit der Effektivität hapert es hier.

Das wirre Drehbuch will es so, daß eine Gruppe von Wissenschaftlern in einer Unterwasserstation mit einem Seebeben konfrontiert wird, das Unerwarteteres zutage fördert als fliegende Fischstäbchen: Der versunkene Kontinent Atlantis feiert ein stürmisches Comeback. Die Eierköpfe, die vom Beben verschont bleiben, paaren sich mit einigen gelegen kommenden Teufelskerlen und Glücksrittern, darunter immerhin Chris Connelly und Ivan Rassimov. Gemeinsam erreicht man die heimatliche Scholle. Diese ist in der Zwischenzeit aber filettiert worden von einer marodierenden Rockergang, deren Anführer einen Totenschädel aus Plexiglas trägt und mit seinem Tambourstab Cheerleaderambitionen verrät: Wo sein Stab wackelt, herrscht Mord und Entsetzen. Nach ausführlichen Schießereien verschlägt es die Helden dann auf die Insel der Atlantiden, wo eine Menge Schnickschnack passiert, der einem aber auch nicht den Lebensabend sichert.

Ja, konnte man seinen Kannibalenfilmen gewisse neorealistische Ansätze nicht absprechen, so ist hier von Deodatos Ursprüngen nicht viel zu sehen. Zwar sind die Ereignisse für sich ganz ordentlich inszeniert, aber die grellen Ereignisse machen unter dem recht feierlichen Grundtenor der Regie irgendwie keinen Spaß. Der Film verwundert, da er, obschon besser gemacht als manche anderen in diesem Artikel, doch weniger Freude bereitet. Ich denke, dies ist darauf zurückzuführen, daß der Ansatz, den Deodato wählt - den eines minutiös beobachtenden Actiondramas - mit den grotesken Ereignissen übelst disharmoniert und vom dümmlichen, schwach motivierten Drehbuch nur unzulänglich gestützt wird. Die Charaktere sind einem einfach scheißegal. Selbst das Auftauchen der Westernveterane Rassimov und George Hilton kann die grundlegende Blaßheit des Spektakels nicht überdecken. (Michele Soavi hat eine relativ ausgedehnte Gastrolle als überlebender Wissenschaftler und Deodato erscheint kurz auf einem Hubschrauberlandefeld.) Außerdem wird den ganzen Film über nicht gekachelt. Dies verwundert, steht doch der Fortbestand der Spezies Mensch auf dem Spiel.
Die Musik stammt von Guido + Maurizio de Angelis, die in der besten Szene des Films ihren Sommerhit "Santa Maria" einsetzen, zu makabrem Effekt. Die deutsche Fassung ist freilich geschnitten.

Man gewinnt an und ab den Eindruck, daß die Crew etwas mit Pilzen herumexperimentiert hat. Dem Zuschauer empfehle ich dasselbe, wenn er sich den Filmabend etwas angenehmer gestalten möchte. Deodato hat einige großartige Filme gemacht; dieser hier gehört nicht dazu. Sein nächster Film wird übrigens wieder ein Horrorfilm, WASHING MACHINE. Der Chronist hofft und schweigt.

COCKTAIL DER FREUDE

Der Film THE LAST WARRIOR macht es einem etwas schwer: Zwar ist er definitiv in Italien entstanden, unter dem Titel IL GUERRIERO DEL MONDO PERDUTO; wie der Kameramann des Filmes, Giancarlo Ferrando (wer sonst?), aber bestätigt hat, handelt es sich bei dem Regisseur David Worth aber wirklich um einen Amerikaner. Außer einem kurzen Gastauftritt von Harrison Muller sind aber kaum Spaghetti-Regulars festzustellen - rätselhaft...

Der Prolog erzählt vom Atomkrieg, den nur wenige überlebt haben. Ein fieser Diktator hat die Macht an sich gerissen. Revoluzzer haben sich unter der sachkundigen Leitung eines gewissen McWayne in die Berge geschlagen.

Auftritt Josh McBride: Dieser kernige Haudrauf düst auf einem Motorrad, das der Sprecher dreist als "technisches Wunderwerk" bezeichnet, durch die Pampa. Sein Bordcomputer heißt Einstein, hat eine "Nummer Fünf"-Stimme und gibt die ganze Zeit mehr oder weniger gelungene Späße zum besten. Die ersten 10 Minuten bestehen fast ganz aus diversen Keilereien mit Andersdenkenden. Danach fährt er gegen ein Felsmassiv und wacht überraschend bei den Rebellen auf. Diese wollen ihn für ihre Zwecke gewinnen...

Der Film ist ganz drollig. Es gibt eine schöne Sequenz in einer Art Sadomaso-Disco, wo es wirklich abgeht wie 10 Zäpfchen. Im Hintergrund intoniert eine Big-Brother-Stimme ungerührt: "Ihr alle seid meine liebsten Kinder. Trinkt den Cocktail der Freude!". Es gibt unterirdische Zombies, die aussehen wie Lebertran auf Beinen. Ein bukolischer Späthippie trägt mutig eine Toga, obwohl das Wetter eine recht frische Angelegenheit zu sein scheint. Die Bösewichter tragen alle SS-Uniformen; gelegentlich huscht sogar ein Hakenkreuz durchs Bild, um zu beweisen, daß die Macher Geschichtsbewußtsein besitzen. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, daß ich die Korruptionsaffären, in die sich die derzeitige Regierung Italiens verstrickt, sehr begrüße.)

Ex-Terminator Robert "Hey Bob" Ginty gibt einen zotteligen Helden ab. Persis Khambatta, die kahle Sternenmaid aus dem ersten Star-Trek-Film, hat hier Haare auf dem Kopf und auf den Zähnen. Fred Williamson wird leider verschenkt als Guerilla. Und Donald Pleasence gibt eine großartige Imitation seiner Blofeld-Verkörperung aus MAN LEBT NUR ZWEIMAL. In einer Szene rotzt ihm Persis beherzt ins Gesicht. So was gefällt mir. Dafür wird sie dann mit einem sogenannten "Anti-Mind"-Gerät behandelt, das so ähnlich ausschaut wie die Fernbedienung für mein Videogerät. (Wer Onkel Donald mal richtig platt erleben will - so nach der zweiten Buddel Selbstgebranntem -, der sollte sich Bruno Matteis KAMPFGIGANT ansehen...)

Der Film sieht gut aus, bewegt sich mit ordentlichem Tempo voran und ist leidlich kurzweilig. Mein Lieblingsdialogsatz lautet: "Verdammte Ische, aus dir mach' ich ein Meerschweinchen!" Als schöngeistige Anmachformel gefällt die Zeile, die einem just Pinkelnden zugeworfen wird: "Hey, Macho, soll ich dein Mäxchen ausschlenkern?"

Der Schlußsong bemerkt philosophisch "I've been here before...", womit er durchaus recht hat. Insgesamt in Ordnung, aber keine Zigarre.

ROBOKLOPP

Irgendwann. Die von Pestiziden gebeutelte amerikanische Bevölkerung steht am Abgrund. Einen Ausweg verheißt sie sich von dem Reformpolitiker Mosley (wenig anheimelnder Plakatspruch: "You have no future!"), der zu einer Kundgebung erwartet wird. Aber es kommt anders: Ein muskelbepackter Fremdling erscheint und exekutiert ihn mittels Eiertritt. Die Polizei jagt den Mann in einen mit Hochspannung nicht geizenden Schacht, der den Anschläger brutzeln soll.

Aber das klappt nicht, denn es handelt sich um PACO - KAMPFMASCHINE DES TODES, welcher vom fiesen Konzernboß Turner gedungen worden ist, um dem Ökopapst die Lichter rauszuhauen: ein Cyborg, ein kybernetischer Gorilla, den nur Arnold Schwarzenegger stoppen könnte, wenn er sich für so wenig Geld zu einem Italo-Film hergeben würde. Aber die Schillinge bleiben unschuldig, und Paco dreht durch, denn Spuren seiner ehemals humanistisch gesinnten Persönlichkeit dringen an die Oberfläche. Er hat nämlich nur so getan, als hätte er Mosley zum Eunuchen gemacht...

Trotzdem wird er jetzt von allen Seiten gejagt: von der Polizei, die den Veranschlagten noch dem Tode nah wähnt; von den Bösewichtern, da die Schandtaten Turners nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollen.

In der Wüste von Texas schließt Paco Freundschaft mit der Kneipieristin Linda, deren Bar beliebter Anlaufhafen versiffter Truckerproleten ist. Mit einigen von denen legt sich der Robomex auch gleich an, daß der Sauerampfer spritzt...

Allein eine Szene, in der lauter verschwitzte Lastwagenfahrer von einem hübschen Bodybuilder quer durch die Landschaft gekloppt werden, wäre schon Anlaß genug, sich VENDETTA DAL FUTURO (1986) auszuleihen. Aber es kommt ja noch besser: Sergio Martino hat hier den schönsten italienischen TERMINATOR-Rip-Off hingelegt, Meilen vor Matteis Edelpocke CONTAMINATOR alias SHOCKING DARK alias TERMINATOR 2 (sehr komisch, Bruno!). Es macht Spaß, sich die ausgelassenen Ringelreihen anzusehen, die da stattfinden: Mit großer Comic-Strip-Verve und noch größerem Tempo treibt Martino die Geschichte durch die amerikanische Landschaft, wie üblich unterstützt von Signore Ferrando.

Und tatsächlich: Auch wenn der Film durch seine Schauplätze etwas amimäßig dreinschaut, so ist er den Actiongurken aus dem Land der untergehenden Möglichkeiten doch haushoch überlegen. Das Tempo gibt dem Pizza-Service recht!

Und Sergio lädt sich gern Gäste ein: Die blonde Linda ist die altbewährte Janet Agren; ein wahnsinniger Wissenschaftler namens Dr. Alster (der wohl das Alsterwasser erfunden hat) nimmt Gestalt an durch Donal O'Briens unverwechselbare Züge; und Claudio Cassinelli gibt einen Profikiller mit zurückgegelten Haupthaaren. (Für ihn zahlte sich der Film übrigens nicht aus, da er tragischerweise in einem Unglück ums Leben kam; bei seinem Ableben im Film wird deshalb etwas geschummelt.)

Wen habe ich vergessen? John Saxon gibt wie üblich einen glänzenden Chefschurken, und George Eastman brilliert als Truck Driver mit Nervenproblemen. (Eine schöne Szene: Eastman, 3 Meter hoch, nähert sich der Dampfmaschine des Todes drohend, um sie zu provozieren. George ist wohlgemerkt kein Mensch, dem man gerne eine Beule in den Wagen fahren möchte. Die ganze Bar zittert. Man hört Eierschalen knacken. Paco bemerkt cool: "Du bist ein Stück Dreck!". Wegen solchen Momenten bin ich Filmfan.)

So schrecklich ernst hat Martino den Film nicht genommen. Das Ergebnis ist ein aufregender, rasanter Actionjauler, der zwar etwas geschnitten aussieht, aber das Ansehen lohnt. Ein Partyfilm, wenn man auf der richtigen Party ist. Claudio Simonettis Musik gibt den passenden Schuß Cyber-Groove dazu und ist mit einem Stück auch auf der Fantastival-CD 4 vertreten.

Paco (mit der Stimme von Thomas Danneberg/Arnold Stallone): "Okay, ihr Schweine! Ihr wolltet die Hölle - jetzt bekommt ihr sie!!"

NUR HIRN UND KNOCHEN

Das Betrachten von Franco Prosperis GUNAN IL GUERRIERO (GUNAN, KÖNIG DER BARBAREN, 1982) weckt im Betrachter die Sehnsucht nach dem Mutterleib. Damals konnte man sich noch in aller Ruhe zurücklehnen, Fünfe gerade sein lassen und die ständig steigenden Mietkosten verdrängen. GUNAN funktioniert ähnlich. Ein tiefer Frieden macht sich in der Seele des Zuschauers breit, der Urzustand des Menschen, die Einheit mit der Natur, ist wiederhergestellt.

Es gibt übrigens ZWEI Franco Prosperis. Der eine war einst Ko-Konspirator von Gualtiero Jacopetti bei dessen Dokumentar-Schockern. Ein einziger Film mit Spielhandlung stammt von ihm: BELVE FEROCI (WILD BEASTS), der zeigt, was man im Tierpark Hagenbeck vermeiden sollte. Der andere Prosperi aber hat im Verlaufe seiner Karriere einige recht gute Filme gedreht und einige hundsmiserable. Zu den guten gehört sein Erstlingswerk TECNICA DI UN OMICIDIO (ICH HEISSE JOHN HARRIS), ein spannender Gangsterfilm von 1967 mit Fortsetzung. Auch empfehlenswert ist die Groteske L'ALTRA FACCIA DEL PADRINO (EIN PATE KOMMT SELTEN ALLEIN, 1973), dessen Hauptdarsteller in seiner Marlon-Brando-Parodie so erfolgreich ist, daß bei mir fast nächtlicher Harndrang ausgelöst wurde: Göttlich!

Mit GUNAN nun hat Prosperi den MONDO CANNIBALE 3 des Barbarenfilms abgeliefert. Selten wurde die ehrwürdige Technik der Zeitlupe so sinnlos überstrapaziert wie in diesem Film. Andauernd laufen Darsteller mit schweißglänzenden Muskelbergen über grüne Wiesen und Auen.

Gleich der Anfang überrascht durch seinen Verzicht auf eine Exposition: Die wortkargen Ereignisse fallen in luftleeren Raum. Dafür wird gleich zu Anfang ein ganzes Dorf von Zeitlupen-Reitern niedergemacht. Wem diese Szene bekannt vorkommt, der hat sie übrigens in SANGRAAL gesehen, der zeitgleich von Pino Buricchi produziert wurde. (Buricchi war auch der Produzent von ROCKIT und URBAN WARRIORS, wo ja ähnliche Tauschhändel vorgegangen sind.) Ein Schauspieler mit unglaublich schlecht sitzender Perücke (der obendrein aussieht wie eine Fleischeinwaage) bekommt von seiner Barbarenlady Mina zwei Söhne geschenkt, die von zwei Fellbeuteln verkörpert werden. Leider bekommt er nicht mehr viel mit, denn ein schwitzendes Schwein, der Nuriak der Furchtbare genannt wird (aber aussieht wie Schubiak der geistig Zurückgebliebene), bohrt ihm seinen Zweihänder in die Wampe und macht Mina einen Kopf kürzer.

Die beiden Brüder werden aber von einer diensteifrigen Amme zu Amazonen gebracht (den "Kunjats"), die die zwei Bälger zu strammen Bodybuildern erziehen. Als solche kloppen sie sich um das Recht, den Namen Gunan tragen zu dürfen, und zwar im "Wald der bösen Geister". Peter McCoy gewinnt, da seine Perücke nicht ganz so lächerlich aussieht. (Ein Wort zu schlecht sitzenden Haarteilen: Zwar ist die gröbste Verfehlung auf diesem Gebiet immer noch in Franco Agramas DAWN OF THE MUMMY/DIE MUMIE DES PHARAO zu bewundern, aber der Film GUNAN ist debil lächelnder Zweiter!) Sein Bruder möchte ihn verraten, wird aber von Schubiak auf einen Gummikopf reduziert. Gunan schwört blutige Rache.

Na, und die hat er dann auch. Wie schon gesagt, die Zeitlupen geben dem Ganzen manchmal eine fast surreale Atmosphäre. Wenn Kafka einen Barbarenfilm drehen würde, dann sähe der wohl so aus. Peter McCoy sah NIE so dull aus, wie in diesem Film. Er erinnert mich an den vor Jahren verstorbenen Pornostar Wade Nichols. (Jedenfalls schätze ich mal, daß Wade jetzt so aussieht.) Die Szenen, in denen er todesmutig mit seinem 10-Meter-Schwert Unbewaffnete niederstreckt, sind von zirzensischem Frohsinn. (Die Zeitlupen enthüllen übrigens bedrückend häufig, daß er seinen Gegnern mit der Waffe lediglich auf den Kopf klopft oder ihre Lederwesten streichelt.) Meine Lieblingsszene ist die in der Folterkammer, wenn Gunny und seine Braut Sabrina Siani auf dem unglaublichsten aller Foltergeräte ihre Marter erleiden. (Die Siani hat zahlreiche Nacktszenen, enthüllt Knabenhaftes und rettet den Film vor der Vergessenheit. Sie war übrigens auch in SANGRAAL und CONQUEST mit von der Partie...na, und MONDO CANNIBALE 3!)

Zu all diesen Vorgängen dröhnt eifrig Roberto Pregadios wohlmeinender Score, der aber an die Mainzelmännchen-Scharmützel dieses Films eher verschwendet ist. Kameraarbeit stammt vom bereits erwähnten Pasquale Fanetti. Das Drehbuch ist von Italiens Sleaze-Veteran Nr.1, Piero Regnoli, der seit den 50ern unzählige Drehbücher verfaßt hat, bis hin zur harten Pornographie. (Eines seiner Meisterwerke, Bianchis MALABIMBA, wird vermutlich im nächsten Artikel ausführlicher besprochen werden.)

Wer Näheres zur Entstehungsgeschichte des Films erfahren möchte, der lese bitte das Super-Meier-Comic-Album Nr.12. Die Produktionsfirma von GUNAN nennt sich "Leader Films"! Ein filmisches Pixie-Buch...

Da der Artikel ohnehin bereits seine weiten lebensanschaulichen Kreise zieht, sei hier auch noch festgehalten, daß die HÖRZU anläßlich der Ausstrahlung eines Elvis-Presley-Westerns ein Foto des recht mies gelaunten Kings mit folgenden Worten kommentierte: "Joe Lightcloud, singender Indianer, grillt aus Versehen einen Zuchtbullen." DAS nenne ich eine Inhaltsangabe...

KRAFT DURCH KEULE

GUNAN war nicht Prosperis letzter Film, merkwürdigerweise. Diese Ehre gebührt TRONO DI FUOCO (THE THRONE OF FIRE, 1984), der fast den Eindruck eines filmischen Suizides hinterläßt. Es wäre mal etwas Neues... Max Goldt weiß zu berichten von jemandem, der sich für seinen Selbstmord den Altglasbehälter der Apollinaris-Werke ausgesucht hat. Dieser Film könnte als das cineastische Gegenstück gewertet werden.

In TRONO treibt ein Hottentotte namens Morak sein Unwesen, der um ein paar Ecken mit dem Leibhaftigen persönlich verwandt ist. Seine Junggesellenträume werden von Prinzessin Belkarin beherrscht, deren Brüste von Sabrina Siani getragen werden. Peter McCoy ist hier Siegfried und sieht nicht einmal mehr aus wie Wade Nichols, sondern nur noch wie ein Haufen eingelegter Kutteln.
Eigentlich möchte ich nicht mehr so viel über den Film verlieren. Er ist tatsächlich noch schlechter als sein unmittelbarer Vorgänger. Der aufgesetzte Märchenanstrich blättert schon während des Vorspannes ab, und der Bart von Harrison Muller sieht so aus, als ob Fliegen drin nisten. Gleich zu Beginn, als die frisch geschwängerte Teufelsbraut durch den Wald eiert, sieht man am Rande, wie die Pappkulissen sich biegen, es stürmt gar so sehr. Auch in diesem Film findet sich Material aus SANGRAAL wieder, diesmal sogar zweimal! Der Soundtrack stammt vom Vater-und-Sohn-Team Carlo und Paolo Rustichelli und ist nicht so prall.

Mir fehlt jetzt die Lust, noch mehr über Barbarenfilme zu schreiben. Das könnt Ihr eigentlich selber machen... Macht Euan Dreck doch alleene!

Da ich Lenzi und Billie Berger ja nun mag, habe ich mir einen Text über IRONMASTER (ER-ST?RKER ALS FEUER UND EISEN) verkniffen. D'Amatos zwei ATOR-Filme sind nett, aber keine Zigarren. Eine Zigarre (zumindest auf dem Fun-Level) ist hingegen des letzteren TROLL 3, welcher auf amüsante Weise Elemente des Nibelungenliedes in das Barbarenterritorium überträgt, mit Laura Gemser als Kriemhild (!) und Donal O'Brien in einer absoluten Paraderolle als König Gunther (!!). Hagen von Tronje wird verkörpert von einem niedlichen Henson-Monster mit Sabber im Maul und "roten Schwulenstiefeletten", wie sie Herr B. aus S. bezeichnet... Das reicht jetzt aber auch. Ich will jetzt was von Dr. Alexander Kluge gucken...

PFUSH

Und doch noch einer zum Schluß: Tonino Riccis RUSH (1984) ist keine reine Freude. Wohl aber ist er der beste von insgesamt 4 Filmen, die Ricci mit dem mimisch eher unbedarften Conrad Nichols abgedreht hat. THOR IL CONQUISTATORE ist ja bereits in einem anderen Heft angemessen gewürgt worden. RUSH 2 ist vermutlich nur in der BRD eine Fortsetzung; in seinem Ursprungsland heißt er RAGE, FUOCO INCROCIATO und hat immerhin Werner Pochath als Bösewicht anzubieten. Und FRATELLI DI SANGUE schließlich ist hierzulande als AFGHANISTAN CONNECTION (!) verwurstet worden.

Rush - das ist das Geräusch, das ertönt, wenn man an der Kette zieht. Das ist aber auch der Held aus dem Nichts, der einfach so ins Bild fällt, um einem Lumpenloddel die Musik leiser zu stellen, der sich gerade an Rushs Lieblingsgeranie zu schaffen machen will. Pflanzen sind nämlich in der Zukunft des Films verboten. Nur "Bonzen" haben das Recht, sich ihre kleinen grünen Freunde zu züchten.
Da kommen Militärtrupps der "Neuen Ordnung" und suchen "arbeitsscheues Gesindel". Rush wird gekascht. Zusammen mit seinen Leidensgenossen kommt er in eine Art Mischung aus KZ und Treibhaus, wo Gefangene Radieschen züchten.

Nach diversen Reibe- und Foltereien gelingt Rutsch die Flucht. Wie Rambo der Erste zottelt er durch den Wald und beweist Einzelkämpfertugenden. Dann kommt er wieder zurück, zettelt eine Lagerrevolte an und macht den Oberbösewicht satt.

Ich gestehe es: Auch beim zweiten Durchgucken habe ich den Finger nicht von der bösen Taste mit "FF" drauf lassen können - zu ermüdend fand ich die pausenlosen Ballereien. Wenn es nicht wegen Gordon Mitchells Chefnazi wäre (mit Gelfrisur, Motorradjacke und geiler Gürtelschnalle) - der Film wäre kaum zu ertragen.

Zu den positiveren Eindrücken zählt da noch Francesco de Masis Musik, die versucht, den Eindruck einer Hanswurstiade auszulöschen. Aber Riccis Regietalent, das im Verlauf seiner fleißigen Karriere selten über die Ufer trat, flackert hier nur bescheiden und träumt von den Sternen. Sehr nett ist in dieser Hinsicht der Schlußfight, bei dem leider allzu deutlich wird, daß die Stuntmänner von Mitchell und Nichols ihren Vorbildern nur unzulänglich ähneln.

Ganz am Schluß kommt noch ein Moment der Freude, der die monotonen Metzeleien fast vergessen macht: Bodenloser Kitsch bricht sich Bahn und zaubert ein mongoloides Grinsen auf das Gesicht des Helden. Hier reichen sich Thor und Rush die Hand und gründen ein Nagelstudio in Entenhausen.
Ein Film für jene Leute, die beim Eismann die Sorte Stracciatella immer als "Schtraziatella" bezeichnen. Oder man muß sich mit Onkel Donald zumindest vorher einen ansaufen.
Gunan
Wir haben nur eine Welt.
Auf Wiedersehen.

Christian Keßler

Der Artikel erschien erstmals in der "Splatting Image" Nr. 19 (September 1994).

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