DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE

Eine willkürliche Auswahl italienischer Thriller
 

Am Anfang war Karin Schubert. Und sie stand vor einem Spiegel, Üppiges bewundernd, während die Schatten der Nacht sich dräuend vor den Fenstern ihres Schlafgemaches abzeichneten. Eine Nacht wie für die Liebe geschaffen.
   Aber nein. Wir schreiben das Jahr 1971, nicht 1991! Hier gleitet dem schwarzgekleideten Fremden keine anzügliche Eindeutigkeit aus der Hose, nein, nur ihre freudianische Repräsentation: Ein glühendes Messer, wie aus feuchten Alpträumen geschmiedet, erhebt sein häßlich Haupt und läßt Bitteres erwarten, ein Schäferstündchen mit Folgen.
   Tatsächlich: Er packt sie, knetet sie, knautscht sie. Sie leistet erbittert Gegenwehr, doch - ihre Heftigkeit ermattet, sie ergibt sich dem Drängen des Eindringlings, männliche Muskeln knacken triumphierend über die erfolgte Unterjochung. Gefällt's ihr gar?
   Da kommt ihre Hand hervor, eine lange Klinge in der Hand. Schnippschnapp, mit einer flinken Bewegung gießt sie Wasser auf das glühend Messer. Ein weiteres Opfer katholischer Lustangst schwimmt im Strom seines eigenen Blutes.
   Doch halt: Spot an! Das Szenario entpuppt sich als eine Bühnen-Performance, dargeboten dem zahlenden Publikum eines Nachtclubs. Applaus. Die Mimen verbeugen sich und gehen ab.
Mit diesem furiosen und vielsagenden Auftakt beginnt ein früher Giallo des Italieners Enzo G. Castellari, COLD EYES OF FEAR. Karin Schubert werden wir in diesem Film nicht wiederbegegnen (versucht's mit Andrea Bianchis bei VTO erschienenem DOUBLE DESIRE!). Dafür aber dient die schockierende Episode als treffliches Resümee des Italo-Thrillers, kurz Giallo.
   Es ist nicht ganz einfach, den Begriff Giallo zu erläutern. In seiner weiteren Definition erfaßt er im Grunde genommen die gesamte Bandbreite thrillender Hausmannskost. Nimmt man's aber ganz eng (was man nicht tun sollte), versteht man darunter eher eine besondere Spielart des Genres, in der vermummte Killer mit - richtig, mit schwarzen Handschuhen! - das italienische Sündenbabel von Kot und Unflat reinigen. Das hat dann immer viel mit Nuditäten und blitzenden Messern zu tun, aber niemand ist schließlich vollkommen.
   Als erster realexistierender Giallo wird gemeinhin Mario Bavas 1962 entstandener LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO (THE EVIL EYE) angenommen. Den definitiven Ur-Giallo schuf derselbe Regisseur aber 2 Jahre später mit dem grandiosen SEI DONNE PER L'ASSASSINO (BLUTIGE SEIDE), der die Themen und Stilmittel des Genres formvollendet vorskizziert hat. In den Folgejahren begannen zahlreiche Regisseure damit, die Elemente aufzugreifen, die SEI DONNE zu einem erfolgreichen Film gemacht hatten. Die populärsten Beispiele dieser Versuche sind sicherlich Dario Argentos Frühwerke; später dann entwickelte er die Grundmuster des Genres weiter zu seiner ganz individuellen Art des Deko-Schockers.
   Nahmen die frühen Giallos bereits zahlreiche Motive vorweg, die man in Dutzenden späterer Thriller wiedererleben konnte, so gilt dies auch für die kritische Rezeption, die durchaus gespalten war und ist: Während das Lager der Bewunderer sich gar nicht mehr einbekommt angesichts der pittoresk ausgemalten Schreckensbilder und der psychologisch ausgefallenen Ideen, lästern die Gegner über die häufig an den Haaren herbeigezogenen Storylines, deren Auflösungen nicht selten Agatha Christie als herbe Realistin erscheinen lassen.
   Tatsächlich geht es in Giallos in erster Linie um die visuelle Seite, um die akustische Seite. Sie sind reinstes Kino in ihrer Betonung der formalen Komponenten. Es ist wie bei einer geschickt erzählten Lagerfeuergeschichte: WAS erzählt wird, ist im Grunde völlig Wurscht, solange der Erzähler ein Könner seiner Zunft ist...
   Nicht allen Regisseuren, die sich im Genre probiert haben, kann man freilich zugestehen, Zunftkönner zu sein. Einige weniger Begnadete haben auf diesem Wege ausgesprochene Graupen produziert. Man muß aber fair sein und zugestehen, daß es kein Genre gibt, das nicht seine Ausrutscher aufzuweisen hat. Wie immer halte der geneigte Zuschauer sich also an die gelungenen Exemplare; wer meckern will, muß sich zur Strafe hundertmal JENSEITS DER SCHULD mit Klodeckel de Mornay und Don Johnson ansehen. Die Einweisungspapiere unterschreibt danach jeder Facharzt.
   Im folgenden zu finden sind (wie üblich) brillante Meisterwerke, hier und da vermischt mit weniger tollen Filmen, die ein wenig guten Willen erfordern, für den hier geworben werden soll. Und ein oder zwei Graupen sind auch dabei.

(Bevor die Milch kommt, möchte ich schnell noch auf zwei Sachen aus dem letzten Heft hinweisen. So bin ich zum einen darauf hingewiesen worden, daß all die Mühe, die ich mir gegeben habe, um die Vorzüge von JONATHAN OF THE BEARS hervorzuheben, peinlicherweise dadurch zunichte gemacht worden ist, daß ich in der Kritik auf einmal von KEOMA zu schwafeln beginne. Selbiges kommt auch in der MANNAJA-Kritik des Western-Artikels vor. Ich hoffe, daß mir so ein Mißgeschick nicht nochmal unterläuft.
   Viel peinlicher ist da noch die Titularisation der Polizeifilme als Poliziotto. Dadd is Kohl. Richtig dagegen ist: Poliziesco! Für die Falschinformation danke ich Massimo, dem menschlichen Preßlufthammer; für die Richtigstellung Umberto Lenzi himself - schwitz! Wie schon gesagt: Peinlich.)

DAS WILDE AUGE

Wie bereits angedeutet, begann der Siegeszug des Giallo im Jahre 1964 mit dem Film SEI DONNE PER L'ASSASSINO (BLUTIGE SEIDE). Der große Kameramann Mario Bava, der mit seinem ersten allein verantworteten Spektakel, LA MASCHERA DEL DEMONIO (DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT, 1960), den vielleicht größten, mit Sicherheit aber visuell schönsten Italo-Horrorfilm gezaubert hatte, initiierte mit SEI DONNE eine lange Reihe von Thrillern, in denen die formale Ausgestaltung unheimlicher Szenen eine wichtigere Rolle spielt als die Erzählstruktur. Ketzerisch, besonders im Hinblick auf das angelsächsische Genre des "Whodunnits", das als unverkennbares Modell fungiert. Die Handlung ist im Grunde immer dieselbe, nur der Schauplatz und die äußeren Umstände variieren. Stets treibt ein mysteriöser Killer sein Unwesen, hinterläßt zahlreiche Leichen. Eine stattliche Anzahl Verdächtiger wird eingeführt, von denen alle irgendwelche abstrusen Motive hätten für die vorangegangenen Metzeleien. Einer von ihnen stellt sich unweigerlich als Mörder heraus, häufig verbunden mit einem wenig realistischen, aber leidlich überraschenden "Twist" im Schlußteil...
   Bava ist wunderbar ehrlich. Schon im Titel sagt er ganz genau, was Sache ist: Sechs Frauen für den Mörder. Das Programm ist abgesteckt, es ist im Grunde alles klar. Würde es sich hier um ein traditionelles Kriminalfilmchen handeln, wäre der Zuschauer kaum mehr für die Vorgänge zu begeistern. Führt man sich hingegen vor Augen, daß nicht die Thrillerstory die Hauptrolle spielt, sondern die kunstvolle Erzeugung von Oberflächenspannung, dann wird schnell klar, wieso der Film trotzdem so enervierend aufregend ist.
   Tatsächlich vibriert die Leinwand förmlich vor Spannung, die Kamera fährt wie entfesselt durch die Sets, macht aus an und für sich bodenständigen Schauplätzen eine Abfolge von Alptraumtableaus. Eine Reise in die Abgründe der menschlichen Sexualpathologie.
   Jawohl, Sex ist der Auslöser. Geilheit wird signalisiert an allen Ecken und Kanten. Kein Thrillerkino ist erotischer als das italienische. Beweglich streicht/streichelt die Kamera über die Personen, vollführt wahre Balzrituale in ihren unablässigen Bewegungsabläufen. Hier und da zoomt die Kamera, macht ganz klar, woher der Wind weht. (Wie Max Merkel so schön bemerkelt hat: "Im Fußball wie in der Liebe ist es dasselbe: Das Vorspiel ist zwar ganz schön, aber rein muß er doch!") Ganz hemmungslos tobt die Kamera dann, wenn Gefahr droht, wenn jene lustähnliche (masochistische) Sensation erzeugt wird, die Nackenhaare sich aufrichten läßt; harte Schnitte, opernhaft-opulente bis aufpeitschend-nervige Musik, der gnadenlose Zoom ins Antlitz des Todes. Viel konkreter und viel garstiger geht es eigentlich nicht. Vermutlich ist es auch diese Gegenüberstellung von Sex und Tod, die den Verteidigern des "Story-Thrillers" solche Kopfschmerzen bereitet.
   Natürlich ist das nicht ganz unproblematisch. Schließlich handelt es sich um einen (großartig gemachten) Exploitation-Film. Auch wenn das Motiv des Mörders zumeist sexuellen Ursprungs ist, so sind dies auch die Attraktionspunkte des Films. Diese Zweischneidigkeit verleiht dem Film (bzw. den meisten seiner Zunft) eine sehr morbide Atmosphäre, aber auch gleichzeitig eine unterbewußt sehr glaubhafte, auch wenn sich manche unter den Zuschauern unter Berufung auf die unrealistische Oberfläche dagegen verwahren würden. Aber die sexuelle Komponente dieser Filme macht sie einfach sehr effektiv und um ein Gutteil mutiger, als dies bei den herkömmlichen Norman-Bates-Geschichten der Fall gewesen ist.
   Im Unterschied zu vielen anderen Giallos ist Bavas Film nicht nur ungleich besser gemacht, sondern auch ungleich klüger. Angelegt als visueller Horrorthriller, wird auf die visuelle Fixierung des Mörders ständig Bezug genommen: Seine Agression richtet sich bevorzugt gegen heiß hergemachte Frauen, gegen ihre Sehwerkzeuge (einem Opfer wird ein Haken in die Augen getrieben, einem anderen das Model-Gesicht mit Feuer entstellt). Und wo spielt das ganze natürlich? Im Tempel des Oberflächenglanzes, einem Modesalon! Hier wird der Mörder voll wahnsinnig, der rastet total aus! Auch wenn die Auflösung am Schluß einen anderen Grundton anschlägt, die Botschaft ist klar: Male frustration did this! Bava selber bleibt (anders als viele seiner Kollegen) von dem Verdacht verschont, da er virtuos mit dem Grundmotiv der visuellen Fixation spielt. Ob sich nun das Innenleben der Figuren anhand von Primärfarbenausleuchtung in der Umgebung widerspiegelt (oft kopiert, auch gern von Argento) oder ob sich eine Nahaufnahme von einem Model als Spiegelbild entpuppt, wenn die Kamera zurückgeht: Das Spiel mit dem Voyeurismus (auch dem Kino-Voyeurismus) wird konsequent durchgezogen. Das Resultat ist ein grandioser Film, ein schuldiges Vergnügen und beste Unterhaltung.
   Die englische Fassung ist (jedenfalls bei mir) stark geschnitten, die französische basiert scheinbar auf der deutschen und ist uncut. Dies überrascht, denn der Film geht streckenweise recht drastisch zur Sache (obwohl natürlich nicht so drastisch wie etwa Keoma). (2001: Mittlerweile ist nicht nur KEOMA in den Vereinigten Staaten auf DVD erschienen, sondern auch eine ungeschnittene Version von BLOOD AND BLACK LACE - Qualität okay, ein Muß für jede Modenschau!)

DAS EI IM MANNE

Über Giulio Questi und seinen bodenlosen Nihilo-Western TÖTE, DJANGO ist bereits im Western-Artikel ausführlich berichtet worden. Daß sich Questi aber auch im Giallo-Bereich (zumindest in einer Randzone) umgetan hat, macht seine Erwähnung auch hier erforderlich.
   Jean-Louis Trintignant spielt einen ehrenwerten Geschäftsmann. Eine Nutzheirat hat ihn in die Lage versetzt, einen angemessenen Lebensstil zu führen. Seiner Frau, Gina Lollobrigida, gehört nämlich ein riesiger Hühnerhof, in dem glückliche Hühner zu lateinamerikanischer Muzak von Fließbändern mit Körnern gefüttert werden. Wissenschaftler arbeiten bereits daran, Hühner ohne Flügel, Köpfe und Beine zu züchten. Die ersten Resultate sind schauerliche, wabbelnde Schreckensgebilde. Eierfressen langt eben noch nicht, man muß die Biester auch noch demütigen. Vorm Werktor schauen Arbeiter traurig über den Zaun: Eine neue Maschine hat alle wegrationalisiert. Derweil die Hühnlein traulich picken.
   Aber auch innerhalb des Mikrokosmos, den der Familienbetrieb darstellt, ist einiges im Unreinen: Jean-Louis liebt seine Frau nicht mehr wirklich. Dafür springt er um so lieber mit ihrer süßen Kusine Ewa Aulin durchs Getreide und phantasiert über den Reiz des Desperadotums. Einmal draußen vor stehen...
   Dann sind da noch Geschäftsmänner, biedere, liebe Menschen, die zu Prostituierten gehen, um dort Psychokiller zu "spielen". Als so ein Spiel etwas zu weit geht, fällt dem untersuchenden Kommissar auch nichts Besseres ein, als sich über die "Unmoral" des Ganzen zu mokieren. Draußen penetrieren aufdringliche Reklamesäulen die Gemüter der Menschen. Überall nur grelle Gefühlssimulationen, aufgesetzte Künstlichkeit, gespieltes Leben.
   Natürlich geht Questi auch in diesem Film dem betulichen Leben der Reichen an den Kragen; ein ähnlich wütender, krasser Film wie der vorangegangene Western. In einer schwer entzifferbaren Folge surreal-düsterer Bilder bietet er einen Ausblick in eine Welt, in der die perversen Bluttaten des Mörders vollkommen untergehen in der allgemeinen Zeichenwüste. Die Menschen haben ihre Bestimmung verloren und taumeln durch ihre sinnlos gewordene Existenz. Der Hühnerstall wird zum unfreundlichen Sinnbild für die automatisierten Menschlein, die vom Fließband mit Plazebos ruhiggestellt werden.
Geht man noch etwas weiter, dann ist der Killer das Menschlichste am ganzen Film. Zwar ein Produkt der Perversion, greift er als einziger die Gefühllosigkeit der Zivilisation an, wirft Sand in das Getriebe. Erst die Perversion, so scheint es, ermöglicht einen Ausgang aus dem Labyrinth der Versteinerung. Selbst die Musik dokumentiert diesen hoffnungslosen Zustand: Die atonalen Akkorde des modernen Komponisten Bruno Maderna wirken einerseits beängstigend, dann aber wieder wie der einzige Aufschrei, die einzige Lebensäußerung in einer nur zum Schein lebendigen Welt.
   Es ist schwierig, diesen merkwürdigen Kunst-Giallo vollständig zu entwirren, vielleicht unmöglich. Der Schlüssel zu der ganzen Angelegenheit liegt vielleicht im Vorspann, der eine Mikrokamera durch den menschlichen Organismus fahren läßt. Das Lebendige wird im weiteren Verlauf des Filmes immer mehr ausgeklammert, weggeschlossen, peinvoll verschwiegen. Die Lollobrigida bemerkt an einer Stelle: "Manchmal wünsche ich mir, wieder weich zu sein!"
   Sicherlich handelt es sich bei dem Film NICHT um ein ausgesprochenes Party-Tape. Der Film ist - ähnlich wie TÖTE, DJANGO - nur schwer verdaubar, noch doppelbödiger in seinen bizarren Bildern. Hat man aber Lust, sich auf einen schwierigen, intelligenten Film einzulassen, ist der Film mehr als lohnend. Starker Tobak, genau wie Keoma, aber brillant gemacht.
   Habe ich was vergessen? Ach ja: der Titel! LA MORTE HA FATTO L'UOVO heißt der Film im Original, bei uns hieß er DIE FALLE. Übersetzt lautet der O-Titel "Der Tod legte ein Ei"!
Auch Giulio Questi hat mit diesem Film ein Ei gelegt, und zwar ein goldenes. (2001: Dieses Ei ist bei uns auch unter dem Titel PSYCHO-TERROR auf einem obskuren Label namens "Solitär Video" erschienen...)

DER BÖSE ZWILLING

Die Tatsache, daß der Begriff "Giallo" eben doch eine etwas größere Bandbreite umfaßt als die ewigen Kapuzenkiller, gibt mir Gelegenheit, auch auf ein paar verdienstvolle Thriller hinzuweisen, die sonst mit einem bohrenden Gefühl der Ungerechtigkeit im Magen in einer Ecke vor sich hinschmollen würden.
   LA VITTIMA DESIGNATA (DER TODES-ENGEL, 1971) ist solch ein Film. Überhaupt nicht im eher grellen, fast schon aufdringlichen Stil der Psychokiller-Giallos, herrscht stattdessen eine gar melancholische Stimmung vor, ein Gefühl allgemeiner Vergänglichkeit. Dies ist nicht überraschend, spielt sich die Handlung doch zu einem großen Teil in der Lagunenstadt Venedig ab, die bekanntermaßen auch andere Regisseure nachhaltig fasziniert hat.
   Tomas Milian spielt den Teilhaber in einer Mailänder Werbeagentur, dem vorschwebt, seine Anteile für teures Geld zu verscherbeln. Dies stößt aber auf Widerwillen bei seiner Frau, der besagte Anteile gehören. Sie denkt gar nicht daran, ihm bei der Verflüssigung ihres Besitzes zu helfen, zumal ihre Beziehung in letzter Zeit auch nicht das Gelbe vom Ei war: Von der Geliebten ihres Mannes weiß sie sowieso.
   Mit dieser macht Milian eine kleine Erholungsreise in die Stadt der Trauergondeln, ständig grübelnd, wie er sein ganz spezielles Problem auf elegante Weise lösen könnte.
   Eine Lösung bietet sich an, als er den dekadenten Grafen Matteo kennenlernt, denn dieser hat einen sadistischen Bruder, der ihn von Kindesbeinen an offenbar immer gequält hat und den er nun unter die Erde wünscht. Er schlägt Milian eine Art "Gentlemen's Agreement" vor: Wie du meinem, so ich deiner.
Milian hält diesen Vorschlag freilich für einen schlechten Scherz bzw. für eine der üblichen Tagträumereien des sehr versponnenen Aristokraten. Wie anders sieht er die Sache jedoch, als er von der Polizei vom Mord an seiner Frau erfährt! Er selber ist nicht unverdächtig. Umso mehr wurmt es ihn, daß Matteo Beweise gegen ihn in der Hand hält, mit denen er Tomas zur Einhaltung seines Teils der Abmachung zwingen will...
   Die etwa sieben Drehbuchautoren (darunter auch Regieassistent Aldo Lado) müssen große Highsmith- bzw. Hitchcock-Fans sein, denn die Ähnlichkeit zum FREMDEN IM ZUG ist natürlich unübersehbar. Man könnte fast annehmen, daß bei einer solchen Zahl an Köchen das Drehbuch zu einem verdorbenen Brei geraten sein müßte. Aber nicht so: Einer der großen Pluspunkte dieses fantastischen Filmes ist das erstaunlich kohärente und stimmige Drehbuch.
   Dem Film liegt jede "Aussage" fern, ihm geht es um die Schicksalshaftigkeit, mit der die Personen ihrer Bestimmung zugeführt werden. Man bekommt das Gefühl, daß jedes der Ereignisse im Grunde genommen nicht hätte verhindert werden können. Großen Anteil an dieser Prädestinationsglocke, die über dem Film liegt, hat natürlich der pittoreske Schauplatz Venedig, der häufig im morgendlichen Nebel oder mittäglicher Verklärung präsentiert wird. Auch im Dialog wird darauf eingegangen, wenn z.B. Tomas'  Frau ihm an einer Stelle bescheinigt, daß genau das aus ihm geworden sei, was seinen Anlagen entspräche. Und das meint sie nicht als Kompliment.
   Überhaupt die Charakterisierungen. Milians Charakter ist weit davon entfernt, ein strahlender Held zu sein. Tatsächlich schelten verschiedene Personen seine ausgesprochene Mittelmäßigkeit, seine Unfähigkeit zu Entscheidungen. Und genau das trifft den Punkt: Er ist kein Agierender, er wird von den Ereignissen vollkommen überrumpelt und gibt sich auch eher der Verzweiflung anheim, als daß er einmal wirklich in die Handlung eingreifen würde. Das einzige Mal, daß er wirklich handelt, ist ganz am Schluß, aber auch dann tut er dies ganz anders, als er ursprünglich geplant hatte.
   Wie anders dagegen Matteo. Obwohl ganz einwandfrei der Bösewicht der Geschichte, ist er mit seiner nervösen, sprunghaften Fantasie eindeutig der "Macher". Niemals wird er vollkommen zum Schurken, da er im Grunde genommen in unschuldiger Abhängigkeit von Tomas handelt: Er ist das Alter Ego, der böse Zwilling, der alle die Sachen durchführt, zu denen der lasche Tomas nicht in der Lage ist. Daß sein Charakter so faszinierend erscheint, liegt auch an der Darstellung von Pierre Clementi, der Milian - obwohl dieser wie üblich sehr gut ist - an die Wand spielt, daß es klatscht.
   Untermalt wird diese streckenweise sehr spannende Geschichte von Luis Bacalovs Musik, die fast vollständig aus Variationen eines Songs der italienischen Rockband "The New Trolls" besteht und die Stimmungslage des Films exzellent abklärt. (2001: Mittlerweile habe ich die Soundtrackplatte - inklusive Foldoutcover mit Bacalov und den Musikern - auf dem Bremer Flohmarkt für 5 Mark abgestaubt!)
   Der Film ist ein absoluter Geniestreich, den sich auch Keoma gerne angesehen hätte.

FEUCHTE SAMENDATTELN

Schöne Filmtitel muß man einfach für die Nachwelt erhalten. Dies gilt nicht nur für das oben genannte Lustspiel, sondern auch für FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT. Ich halte es durchaus für möglich, daß es Thekenkunden gibt, die sich diesen Film ausgeliehen haben und sich ganz was anderes darunter vorgestellt haben, z.B. einen mißmutigen Glatzkopf, der gefesselte und geknebelte Jungfrauen auspeitscht. Da sich aber jeder denken kann, daß ich hier nicht über Glatzköpfe schreibe, liegt die Vermutung nahe, daß der Titel eher unglücklich gewählt ist.
   Im Original heißt Luciano KILLER COP Ercolis Film LE FOTO PROIBITE DI UNA SIGNORA PERBENE (1971). Die Signora Perbene in Frage wird von der schönen Deutschen Dagmar Lassander gespielt. Gleich zu Beginn wird Daggi Opfer eines maskulinen Übergriffes, als Simon Andreu sie nächtens überfällt und ihr etwas das Kleid in Unordnung bringt. Gleichzeitig steckt er ihr, daß ihr Mann (ein reicher Fabrikant) einen Mord begangen haben soll.
   Obwohl sie das natürlich nicht glaubt, kommen ihr dann doch Zweifel, als sie erfährt, daß ein Geschäftsfreund ihres Gatten, dem dieser obendrein noch eine Menge Geld geschuldet hat, von einer Brücke gefallen worden ist. Wäre ihr Mann dazu in der Lage?
   Weiter kompliziert wird die Mär dadurch, daß der unheilige Simon wieder auftaucht und sie erpreßt mit einem Tape, auf dem eindeutig zu hören ist, wie ihr Mann mit einem Untergebenen über die Durchführung der Untat palavert. Um ihren Mann zu schonen, gibt sie sich dem Fiesling hin.
   Das alles wäre ja noch schön und gut. Aber es zeigt sich in durchschwitzten Nächten, daß ihre biedere Hausfrauenseele lustvolle Gedanken an die verruchten BLUE VELVET-Spielchen nicht vermeiden kann: Ein Abgrund tut sich auf, der die Zeit zwischen den Cocktailparties zu einer Zeit des Erwachens werden läßt.
   Mit solchen Sadomaso-Coming-Out-Problemen hat ihre Freundin Dominique keine Probleme, denn sie hat Haare auf den Zähnen und frißt täglich zwei Ziegelsteine. Die ist ziemlich TN. (2001: Das bezog sich auf den sensiblen Begriff "Trümmernutte", der aus dem toll synchronisierten Film BLUTRAUSCH von Silvio Narizzano stammt. Der Ausspruch von Telly Savalas spielte damals bei meinen Pottfreunden eine große Rolle.) Außerdem hat sie Aktfotos von sich machen lassen, die leider nicht gezeigt werden, aber Daggis Bürgermoral zum angstvollen Hüpfen bringt. Endgültig den Haschmich bekommt sie aber, als sie auf einem Pornofoto ihren Peiniger erkennt!
   Als ich mir diesen Film das erste Mal angekuckt habe, maß ich ihm nicht sonderlich viel Qualität bei. Beim nochmaligen Ansehen für den Artikel (stellvertretend für die anderen beiden Ercoli-Giallos, die hier nicht erschienen sind) fiel mir aber wie Schuppen aus den Haaren, daß der Film ziemlich gut gemacht ist! Mit ruhiger Boshaftigkeit wird hier - über 10 Jahre vor BLUE VELVET - die Alptraumseite des "Heute-schon-geschweppt"-Menschen beleuchtet, konsequent und recht unterhaltsam. Zwar wäre der Begriff "Meisterwerk" sicher zwei Latten zu hoch gegriffen, aber...wer Garrone nicht ehrt, der ist Keoma nicht wert! (Das ist jetzt grammatisch nicht korrekt, aber der Genetiv von Keoma klingt reichlich ungrazil.)
   Darstellerisch ist noch anzumerken, daß die verruchte Dominique von Ercolis Augapfel Nieves Navarro (alias Susan Scott) gespielt wird, die ihre Rolle (wie immer) mit exotischem Domina-Charme versieht. (1980 scheint sie übrigens nicht mehr mit Luzie zusammengewesen zu sein, da sie in dem Jahr in Joe d'Amatos recht saftigen WOODOO BABY Richard Harrison die Peanuts massiert. The doctor is out!) (2001: War sie doch!)
   Bleibt nur noch anzumerken, daß das Nichtvorhandensein von Ennio Morricones Musik auf Schallplatte eine echte Rattenschande ist und daß der Film wohl in Österreich auch im Kino gelaufen ist, da die Synchro einwandfrei noch aus den Siebzigern stammt. In der BRD wurden auf der Leinwand keine Frauen gequält; das hat man sich für die eigenen vier Wände aufgespart. (2001: Der Soundtrack ist mittlerweile auf CD erschienen und ein beliebter Easy-Listening-Standard.)

SCHWARZE MILCH DES WIDDERS

Die DEFA hat uns neben einigen sehr schönen Filmen auch einige bemerkenswerte Erstaufführungen beschert. So etwa der "italienische Kriminalfilm" GIORNATA NERA PER L'ARIETE (DER SCHWARZE TAG DES WIDDERS/EIN SCHWARZER TAG FÜR DEN WIDDER).
   Zuerst ein paar Worte zum Regisseur: Luigi Bazzoni hat in seiner Laufbahn insgesamt nur vier Filme veröffentlicht, jeder auf seine Weise ganz hervorragend. Der 1965 zusammen mit Franco Rossellini (Neffe von Roberto) gedrehte LA DONNA DEL LAGO ist eine faszinierende Geschichte um einen jungen Mann, der auf der Suche nach seiner Schwester mit einem ganzen Dorf voller eigenartiger Leute konfrontiert wird, die offenbar alle kein Kabelfernsehen haben. Bei seinen Nachforschungen sticht er unter anderem auch in das berühmte Wespennest. Eine Familientragödie nimmt ihren vorbestimmten Lauf. Der Film vereinigt in durchaus interessanter Manier generisches (gotisches) Horrormaterial mit einer formalen Stilisierung, die mal an Antonioni, mal (in den Alptraumszenen) an Dreyer erinnert. Böse Menschen haben dem Film deswegen Prätentiosität vorgeworfen, aber solche Leute essen auch aus schwarzer Milch hergestelltes Eis namens "Mandingo". (Wenn man's liest, klingt es bestimmt nicht mehr lustig, aber als mir der Gedanke gekommen ist, habe ich mich bepißt vor Lachen.)
   1967 machte Bazzoni einen Western nach Merim‚es "Carmen": L'UOMO,L'ORGOGLIO, LA VENDETTA. Bei uns fand man Ansatz und Titel etwas altbacken und betitelte ihn flott MIT DJANGO KAM DER TOD! Die Rainer-Brandt-Synchro sprengt jeden Zahnschmelz.
   Sein letzter Film ist der vielleicht beste, sicherlich aber eigenartigste: LE ORME (FUSSPUREN AUF DEM MOND), in dem die verwirrende Geschichte einer Frau in der nahen Zukunft erzählt wird, die einen Black-Out von mehreren Tagen hat und der verlorenen Zeit nachrecherchiert. Der poetische, aber kühle Film entwickelt sich zu einer Studie über Schizophrenie, die viel mit Polanskis EKEL gemeinsam hat.
Um nun zu dem 1971 erschienen GIORNATA NERA zu kommen, er ist ein eher kommerzieller Bazzoni, mit einer konventionellen Killergeschichte als Rückgrat, einigen konventionellen Spannungssequenzen (brillant ausgeführt) und ein wenig konventionellem Sex. Sieht man unter die Oberfläche dieses beunruhigenden Filmes, stellt man allerdings fest, daß er doch auf hinterhältige Weise unkonventionell ist, der Spielverderber.
   Viele Dinge irritieren: Erst einmal wäre da die Tatsache, daß der Schauplatz Italien fast durchgängig verschwiegen wird; die Stadt, in der der Film spielt, könnte ebensogut der Zukunft von LE ORME entsprungen sein: stählerne Bauten, Asphalt, hier und da ein Mensch. Überhaupt die Menschen: Alle haben sie Namen, die sie als Mitglieder der verschiedensten Nationalitäten ausweisen.
   Dann der Held. Franco Nero gibt eines seiner Neurotikerporträts, einen heruntergekommenen Journalisten, der wegen seiner Unfähigkeit, sich anzupassen, in Ungnade gefallen ist und jetzt, nachdem er seinen Revoluzzerdrang ad acta gelegt hat, sich lieber in der Gesellschaft gelangweilter Reicher einen brennt als aufzumucken. Seine Beziehung zu seiner Frau ist schlecht wie 10 Jahre alte Milch. Sein Kind ist niedlich und hat auf dem Tisch ein Spielzeughaus stehen, das inwendig aus Zahnrädern besteht.
   Seine Geliebte ist hübsch, nymphoman und steht offenbar auf versoffene Versager. Als ihr Bruder Zeuge eines Mordes wird, untersucht auch Nero den Fall. Eine ganze Reihe von Morden findet statt.
Dieser Existentialistenthriller ist Giallo vom feinsten. Abgesehen von der sehr spannenden Krimigeschichte steckt so viel in diesem Film, daß man damit ein Cineastenkränzchen auf Monate auslasten könnte. Da ich eh schon zu viel schreibe, begnüge ich mich hier mit der Anmerkung, daß Morricones Musik ein Traum ist und Nero sehr gut. Die Tatsache, daß Bazzoni Architektur studiert hat, findet sich in der unglaublichen Verwendung von Formen im allgemeinen und Gebäuden im besonderen wieder. Dieser Film ist so unglaublich geometrisch, daß Kameragott Vittorio Storaro ständig Zirkel und Geodreieck dabeigehabt haben muß. Irgendwann tanzen die Linien vor den Augen und machen kurzen Prozeß mit den Unregelmäßigkeiten: Es ist eine leblose Welt, in der die Menschen verzweifelt versuchen, sich bemerkbar zu machen. Wenn's sein muß, mit dem Hammer.
   Wenn jetzt noch ein Leser rausfindet, wieso die letzte Einstellung zwei ineinanderlaufenden Hochstraßen gehört, die von einer Irisblende auf ein ganz und gar schamloses Dreieck reduziert werden, dann nominiere ich ihn für den Goldenen Keoma!

DER KLEINE MANN DREHT AUF

Es gehört zwar nicht so ganz hierher, aber ich lese gerade in der neuen HÖRZU unter einem Foto der Tänzerin Zizi Jeanmaire die Erläuterung: "Mit ihren langen Beinen schrieb sie Ballettgeschichte." Ich finde diese Formulierung ganz entzückend und habe sie somit für die Nachwelt erhalten.
   Jetzt zu GLI OCCHI FREDDI DELLA PAURA (COLD EYES OF FEAR). Bereits angesprochen wurde der Einstieg des Filmes: die Live-Performance eines Vergewaltigungsversuchs. Dieser Erbauung wohnt auch der Richterssohn und Playboy Gianni Garko bei, der Gefallen an Giovanna Ralli findet und sie einem Deppen ausspannt, der den erotischen Sex-Appeal des Ültje-Mannes ausstrahlt.
   Gemeinsam begeben sie sich zur Villa seines Vaters, der noch bis spät in die Nacht zu arbeiten hat. Das sich anbahnende Liebesspiel wird jedoch abrupt gestört durch das Auftauchen eines toten Butlers. Auch der mit grauenhaftem Cockney parlierende Sado-Gangster, der auf einmal im Wohnzimmer steht, erweist sich nicht als lustfördernd.
   Als sich dann auch noch ein zweiter Galgenstrick zu der munteren Runde hinzugesellt, beginnt sich ein Stimmungsbild abzuzeichnen: Der ehemalige Bulle Arthur Weld ist extrem sauer auf Giannis Vater, da dieser ihn einst (angeblich zu Unrecht) in den Kahn hat wandern lassen, und zwar für eine Zeitdauer, die offenbar keinen Spaß gemacht hat. Weld kocht vor Rachedurst. Der Mann will Blut sehen. Gemeinsam wartet man auf das Erscheinen des alten Richters...
   Der Film überrascht gewaltig. Ist man von Enzo G. Castellari eher temporeiche Actionware gewohnt (wie etwa KEOMA), ist dies das einzige Beispiel seiner Laufbahn, das fast vollständig an einen Schauplatz gebunden ist: Obwohl einzelne Szenen an Außenschauplätzen stattfinden, spielt sich der Kern des Dramas nur im Haus des Richters ab.
   Wer nun aber befürchtet, es mit einem drögen Kammerspiel zu tun zu haben, der sieht sich angenehm getäuscht: Trotz der beengten Verhältnisse schafft es Castellari auf imposante Weise, die für ihn so typische Bewegung in den Film einzubringen. Er wird unterstützt von präziser Kameraarbeit (die allerdings in der britischen Kopie unter einem elenden Vollbild leidet) und der wie üblich brillanten Musik von Morricone, die einen stark jazzbetonten Einschlag hat.
   Interessant ist auch die Story: Der Film beginnt mit einer sehr eindimensionalen Präsentation der Killer, die sie im wesentlichen als gesichts- und gewissenlose Schreckgestalten erscheinen läßt; im weiteren Verlauf aber gewinnen die Charaktere an Profil, bis sich der Zuschauer am Schluß gar die Frage stellen muß, ob der Aufstand des unverstandenen Polizisten nicht bis zu einem gewissen Grade sogar berechtigt gewesen war. Hier erinnert der Film etwas an Martin Scorseses Neubearbeitung von CAPE FEAR (KAP DER ANGST), ohne allerdings dessen überzogene Schrecktaktiken zu übernehmen.
Vielleicht sind einige Zuschauer beim ersten Hinsehen etwas enttäuscht (schöne Grüße in den Pott!), da es sich wirklich um einen untypischen Castellari handelt und obendrein um einen stark dialoglastigen. Geht man aber an den Film in der Erwartung eines Charakterdramas mit Giallothematik heran, das sich in punkto schockträchtige Elemente etwas zurücknimmt, kann man erfreut feststellen, daß die Bemühung, einen Film zu machen, dem es um Hochspannung geht, die eher aus den geschickt entworfenen Charakterkonstellationen erwächst als aus raffiniert eingesetzten formalen Kniffen, durchaus gelungen ist. In dieser Hinsicht wirkt der Film sehr amerikanisch, wie eine Anti-Establishment-Variante von William Wylers großartigem DESPERATE HOURS (AN EINEM TAG WIE JEDER ANDERE).
   Der Film gewinnt übrigens einen etwas morbiden Charakter durch die Tatsache, daß der Darsteller des tobenden Anarchisten, Frank Wolff (amerikanischer Hauptdarsteller etwa von Rosis SALVATORE G.), etwa drei Monate nach diesem Film äußerst grausigen Selbstmord begangen hat. Die Einzelheiten über die Tat verkneife ich mir hier, aus Gründen der Pietät: Sie sollen nämlich einem bald zu erscheinenden Buch vorbehalten bleiben...
   Man mag insgesamt Castellaris mehr actionbetonte Filme vorziehen, aber abgesehen von seinen formalen Qualitäten ist GLI OCCHI FREDDI DELLA PAURA ein hochgelungenes Beispiel für einen psychologisch stimmigen Thriller. Die Krieg-den-Palästen-Attitüde stört da kein bißchen, sondern versieht den Film obendrein noch mit der Patina der 68er.
   Eine Ballettszene gibt es leider nicht, sonst hätte man Zizi Jeanmaire auch noch mit einbauen können... (2001: Die US-DVD ist eine feine Sache, bei der man schon mal ein kaltes Auge zudrückt!)

KINDERMUND TUT NICHTS MEHR KUND

Es gibt Videokassetten, an denen geht man jahrelang vorbei, als handele es sich um irgendein Bauerndrama (oder COOLMAN KEOMA). Später dann stellt sich heraus, daß es sich um ein verschollenes Meisterwerk gehandelt hat. Gewisse Situationen lassen sich nur mit einem zivilen Quantum hochprozentigen Alkohols ertragen.
   Der Firma "Starlight" möchte ich für einen solchen Fall danken, da sie ihren Film THE CHILD mit einem Cover verziert hat, auf dem der Titel des Films in so digitalisierter Taschenrechnerschrift auf einem Hi-Tech-Hochhaus erscheint und alles in allem den Eindruck einer amerikanischen Actiongurke der eher minderen Preisklasse vermittelt.
   Gewogene Menschen wiesen mich auf die wahre Existenz dieses Filmes hin, wofür ich ihnen auf ewig dankbar bin. Leider war der Film zu diesem Zeitpunkt bereits aus dem Programm genommen, aber das gehört nun wirklich nicht hierher.
   Der Originaltitel des Films ist CHI L'HA VISTA MORIRE? (1972) Als Regisseur zeichnet der verdienstvolle Aldo Lado verantwortlich, der ja bereits bei DER TODES-ENGEL Erwähnung gefunden hat. Überhaupt steht der Name Lado für Qualität. Schon in seinem ersten Film, LA CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO (MALASTRANA, 1971), nistete sich das okkulte Böse in der repressiven Umgebung eines Ostblockstaates ein. Sein späterer LAST HOUSE ON THE LEFT-Rip-Off L'ULTIMO TRENO DELLA NOTTE (der bei uns auf Video den tollen Titel MÄDCHEN IN DEN KRALLEN TEUFLISCHER BESTIEN bekommen hat) nahm mit vehementer Wucht den Scheinfrieden bürgerlicher Großstadtfamilien auseinander.
   CHI L'HA VISTA belegt sehr deutlich die Anti-Establishment-Attitüde, die dem Giallo gemeinhin innewohnt. Das Böse wird nicht repräsentiert von den Häßlichen, Armen und Brutalen (wie das zum Beispiel im Italo-Polizeifilm meist der Fall ist); stattdessen lauert es versteckt in den gelangweilten Gesichtern feister Bürger, die jeden Kontakt zum Leben abgebrochen haben und sich mit der gefühllosen Ignoranz lebender Toter immer tiefer in die Gewinde ihrer nichtigen Existenzen hineinschrauben. Der Feind hat ein schönes Gesicht, weil er es sich leisten kann.
   In diesem Fall geht es um einen Maler, Franco, dessen süße Tochter das Opfer eines grausamen Mörders wird. Obwohl ihm das Unglück fast das Herz bricht, hält ihn der Wille aufrecht, den Mörder seiner Tochter zu enttarnen. Und dieser scheint in seinem nächsten Bekanntenkreis zu sitzen...
   Die Gondeln vibrieren in diesem großartig gemachten Thriller. Mit virtuosem, aber nicht zu aufdringlichem Einsatz der bewährten spannungssteigernden Mittel (z.B. subjektive Kameraeinstellungen) schafft es Aldo Lado in seinem, wie ich meine, besten Film auf vorbildliche Weise, ein gutes Drehbuch durch wirklichen Stil (anstelle des weiter verbreiteten Stylings) aufzuwerten. Er hat allerdings massives Talent zur Verfügung: Die Kameraarbeit etwa stammt von dem hochbegabten Luigi Kuveiller, der es vermeidet, die depressiven Aspekte Venedigs überzubetonen, wie das andere Filme bis zum Kitsch betreiben. Das Venedig von Lado ist glaubhaft, auch wenn unter der Oberfläche der Verfall zu lauern scheint. Die phänomenale Musik von Morricone, die zur Gänze aus Kinderchören besteht, sollte mal auf Zeh Deh herausgebracht werden; sie ist für den Film von unschätzbarem Wert und verschafft den Vorgängen verständlicherweise eine etwas morbide Schönheit. (Kinderchöre und Kindermorde miteinander zu konfrontieren, finde ich recht poetisch! Warum nicht?) (2001: Auf LP gibt es den Score - yeah!)
   Die Besetzung zumindest der Hauptrolle überrascht doch gewaltig: Der australische Ex-Bond George Lazenby gibt einen sehr glaubhaften Italiener ab, was man ihm nach dem Agentenfilm nicht zugetraut hätte. Das ziemlich hagere Aussehen des Schauspielers läßt allerdings Spekulationen zu über seinen Lebensstil in den nur 3 Jahren nach 007. Unterstützt wird er von der hochgewachsenen Anita Strindberg, die (Gott segne sie!) eine Sexszene hat. Und der begnadete Adolfo Celi geht wie üblich mit seiner Rolle auf und davon! (Mir fällt gerade auf: Das sind dann ja schon ZWEI Bond-Veteranen...)
Molto bene!

IN DEN POE GEZWICKT

Dieser Film ist leider nie auf dem deutschen Markt erschienen. Im Original heißt der Film GENTLY BEFORE SHE DIES aber "Dein Laster ist ein verschlossener Raum und nur ich habe den Schlüssel". Allein dieser Umstand verdient seine Einbeziehung in diesen Artikel, finde ich.
   Er steht hier stellvertretend für eine ganze Reihe guter bis hervorragender Giallos, die Sergio Martino zu Beginn der Siebziger hingelegt hat und die meines Erachtens den Gipfelpunkt seines stets routinierten, aber selten inspirierten Schaffens bilden.
   In der BRD erschienen sind der ganz ausgezeichnete LA CODA DELLO SCORPIONE (DER SCHWANZ DES SKORPIONS); der fulminante LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH, der bei uns als DER KILLER VON WIEN im Kino gelaufen ist, aber immer noch seiner Fernsehauswertung harrt; und der morbide TORSO, dessen O-Titel übersetzt etwa lautet: "Die Leichen tragen die Spuren fleischlicher Gewalt"! Ja lechz!! Nicht in deutschen Landen zu sehen war der megageile TUTTI I COLORI DEL BUIO, eine Art Pop-Art-Variante auf Polanskis EKEL. Und dieser Film.
   Bei GENTLY BEFORE SHE DIES ist alles aus: Hier wird der gotische Overkill zelebriert, daß die Augen tränen, bis daß die Polizei kommt! Mustermime Luigi Pistilli spielt einen Professor, der in untrauter Zweisamkeit mit seiner hübschen Frau Anita Strindberg auf einem alten Schloß wohnt, wo die Vorhänge sich blähen, dauernd schwarze Katzen herumlaufen und das Moos über die Felsen wuchert. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein in ihrer Beziehung. Genaugenommen ist nichts auch nur eine 60-Watt-Birne: Der fiese Prof quält und triezt seine Angetraute, daß man ihm einen baldigen Tod in frischer Stempelfarbe wünscht. Der Mann ist schlechterdings nicht zu ertragen: Gleich zu Beginn demütigt er seine Frau vor geladenen Gästen bis über die Schmerzgrenze, da sie im Kleid seiner über alles verehrten Mama erschienen ist, die wie ein REBECCA-Gespenst den Geist aristokratischer Dominanz verbreitet.
   Hier aber zeigt sich auch sofort Martinos Bereitschaft zum bedingungslosen Experimentieren: Eine der Gästinnen erkennt die Gunst des Augenblicks und setzt an zu einem hippiesken Tischtanz, begleitet von einem windigen Protestsong, der die Schlaghosen qualmen läßt. Somit löst sich eine potentiell ausgesprochen eklige Darbietung in trunkener Bizarrerie auf: eindrucksvolle Vorahnung der dekadenten Ereignisse, die da folgen sollen.
   Il Professore, der von seiner Frau freilich den bedingungslosen Gehorsam erwartet, treibt es selber dicke, und zwar so ziemlich mit allem, was nicht schnell genug auf die Bäume kommt. Auch das schwarze Dienstmädchen ist nicht vor seinen Nachstellungen sicher; er behandelt sie mit kolonialistischer Geringschätzung. Kein Mann für jede Party.
   Dieser eheliche Härtefall beginnt für den Giallo-Fan interessant zu werden, als auf einmal eine Gespielin des Professors in entschieden toter Form auftaucht. Anita traut ihrem Gatten keine Schwanzlänge weit und vermutet das Schlimmste. Die Frage ist nur, ob sich auch hier das eherne Gesetz bestätigt, daß Menschen, die einen ganzen Film lang verdächtig gemacht werden, in der Regel die einzigen sind, die es ganz bestimmt nicht gewesen sind.
   Der Regisseur geht mit ausgesprochenem Gusto zu Werke. Von Zurückhaltung kann bei dem Kompendium greller Zutaten kaum die Rede sein, aber als dekadente Unterhaltung ist der Film schwer zu übertreffen. Die Grundhaltung ist einwandfrei spekulativ: Sex gibt es reichlich. Da die weiblichen Hauptrollen aber von der Strindbergschen und Edwige Fenech gegeben werden, sieht man Martino diesen kleinen Makel gerne nach und wird ganz Schwein. Ein Film, in dem diese beiden Aktricen auftauchen und NICHT bezeiten unter unglücklichen Umständen ihre Kleider verlieren, wäre auch der dritte Grad.
   Obwohl die beiden Frauen sich auch darstellerisch ordentlich aus den Affären ziehen, liegt die volle Wucht des Rampenlichts aber dezidiert auf dem kantigen Ponem von Luigi Pistilli, der den Sadomanen mit glühenden Augen versieht, die beim Betrachter einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Ohnehin ist er ein sehr renommierter Darsteller, der schon mit zahlreichen Regisseuren von Rang zusammengearbeitet hat (z.B. Elio Petri). Hier glänzt er, mit Sternchen.
   Wem dekadente Aristokratiestories mit Blut, Titten und psychedelischem Zierat behagen, der kann sich auch mit Romano NIGHTMARE Scavolinis tollem Frühwerk UN BIANCO VESTITO PER MARIALE' befassen, in dem Evelyn Stewart alias Ida Galli dem Begriff Schönheit neue Formen verleiht. Und Luigi Pistilli ist auch dabei: 100 Punkte! Den gibt's aber nicht auf Englisch, leider! (KEOMA gibt's aber auf Englisch, und er ist dort einige Minuten länger, ätsch!)

GRIECHISCHER WEINKRAMPF

Über Umberto Lenzis Polizeifilme ist bereits in der letzten Ausgabe einiges zu lesen gewesen. Ein sanfter Hinweis bereitete den Leser bereits darauf vor, daß der Maestro sich auch im hier besprochenen Genre betätigt hat. Von diesen nicht minder bemerkenswerten Filmen gibt es bei uns in Deutschland nur einen: Unter dem Titel DEADLY TRAP wurde bei uns der Anti-Establishment-Thriller UN POSTO IDEALE PER UCCIDERE (Ein idealer Platz zum Töten) unter dem Titel DEADLY TRAP verbraten, der jenseits seiner Spannungsqualitäten auch als Zeitdokument nicht ohne Interesse ist, da Ray Lovelock und die damals noch entzückend schweinebäckige Ornella Muti zwei Hippies mimen, die sich mit dem Verkauf von pornographischen Fotos den Urlaub finanzieren. Dabei geraten sie an die frischgebackene Witwe Irene Papas, die als Witwe tatsächlich so frischgebacken ist, daß ihr neuer Status noch gar nicht bekannt ist. Die beiden Hippies kommen da als Sündenböcke gerade recht...
   Aber von dieser Sorte hat Lenzi noch 3 oder 4 andere Filme gemacht, ALLE mit Carroll Baker in der Hauptrolle: ORGASMO, COSI DOLCE COSI PERVERSA und PARANOIA. Verwandt ist auch SETTE ORCHIDEE MACCHIATE DI ROSSO, der bei uns (sehe ich gerade) mal innerhalb der Edgar-Wallace-Reihe gelaufen ist, als DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS! Lenzi war übrigens überrascht, von dieser Fremdverwertung zu erfahren, ebenso wie von dem fehlenden Material. So ist z.B. die Szene der Schere zum Opfer gefallen, in der die selige Marisa Mell unliebsame Bekanntschaft mit einer Bohrmaschine schließt!
   Der beste dieser Filme ist meiner Ansicht nach aber IL COLTELLO DI GHIACCIO, der als KNIFE OF ICE in Griechenland (!) herausgekommen ist. Gleich in der ersten Szene wird klargemacht, daß mit der Hauptdarstellerin (Carroll) ganz entschieden etwas nicht stimmt: Sie steht auf einem Bahnsteig; als auf einmal ein Zug vorbeirauscht, schreit sie aus unerfindlichen Gründen. Ihr Schrei ist lautlos, denn sie ist stumm.
   Wie sich dann herausstellt, ist die Stummheit über sie gefallen, als sie ein junges Mädchen war und dummerweise Zeuge wurde, als ihre Eltern in einem Zugunglück ums Leben kamen. So geht das, dumm, dumm. Da wird man schon grüblerisch. Na, und stumm.
   Justamente zu diesem Zeitpunkt meldet sich Besuch bei ihrem Vater an: Ihre Verwandtin Evelyn Stewart, die unpassenderweise als Sängerin zu Ruhm und Ehren gekommen ist, möchte sich um die Familieneinheit verdient machen. Das paßt aus mysteriösen Gründen jemandem aber nicht in den Plan, und so landet die verehrungswürdige Evelyn dort, wo sie nicht hingehört: unter einem Auto, liegend, tot. Natürlich findet Carroll sie, und da sie nicht schreien kann, drückt sie gleichzeitig auf die Autohupe. Nicht auszudenken, wie WAIT UNTIL DARK verlaufen wäre, wenn Audrey Hepburn so eine Hupe gehabt hätte. Nein, Augenblick, die war ja blind, Verwechslung, sorry.
   Also...Na ja, dann beginnt das übliche Rätselraten, und was für eine wunderschöne Sammlung von Verdächtigen sich da im Landhaus eingefunden hat! Wir haben einen Patriarchen, der sich zwar der Wissenschaft verschrieben hat, gleichzeitig aber mit Voodoo herumwurschtelt. Dann gibt es den sinistren Chauffeur, dessen Sonnenbrille so schwarz ist, daß man sofort zum Schrank laufen möchte, um alle eigenen Sonnenbrillen schleunigst zu verbrennen, bevor der Sommer kommt. Und ein Arzt ist auch noch da, der ungefähr so spielt wie ein Sack voll Mücken.
   Carroll Baker ist zwar nicht Audrey Hepburn, gibt (sie soll ja auch keine Blinde spielen, Christian!) aber ihr Alles, und das läßt die Augen beschlagen! Eine besondere Erwähnung verdient sicherlich Eduardo Fajardo als der Brillenfetischisator. Fajardo kennt man aus etwa hunderttausend Italo-Western, in denen er meistens bodenlose Schurken gegeben hat, u.a. in Corbuccis DJANGO. Es gibt niemanden, der so hämisch lacht wie er.
   Ansonsten glänzt der Film, wie auch Lenzis übrige Giallos, durch ein ungewöhnlich gutes Drehbuch; nicht die Stärke von Lenzis letzten Filmen. Die Musik stammt von Marcello Giombini und ist sehr fein, auch wenn sie die Frage aufwirft, was in den Alfonso-Brescia-Star-Wars-Rip-Offs passiert ist, zu denen Giombini unglaubliche Synthiemusik abgeliefert hat, die etwas an Spielautomaten der ersten Generation erinnert...(Ich weiß nicht, ob es noch mal einen Italo-SF-Artikel geben wird, aber falls nicht: DIE BESTIE AUS DEM WELTRAUM ist DAS Meisterwerk des Jahrtausends, da fliegt der Zahnersatz aus der Hose!)
   Sehr bedauerlich, daß der Film nur in Griechenland erhältlich ist. Also lacht Euch einen griechischen Freund an, laßt ihn den Film kopieren; dann könnt Ihr ihn wieder absägen!
   Keoma hat auch einen griechischen Freund (glaube ich).

OL SONNO: GLI ULTIMI ZOMBI!

Kennt Ihr den Film ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG, Buch Friedrich Dürrenmatt, mit Fröbe als Kindermörder und Rühmann als Polizant? Tja, auch Lucio Fulci hat so einen Film gemacht: NON SI SEVIZIA UN PAPERINO (DON'T TORTURE THE DUCKLING). Und da ich es einfach höchst bedauerlich finde, daß dieser großartige Regisseur nur für seine blutdürstigen Spätwerke Anerkennung findet, muß dieser Film hier rein, hilft alles nichts!
   Über Fulci wird eine Menge Unflat ausgegossen, der nach Widerspruch schreit. Dieser Mann, dem die italienische Filmindustrie so viel zu verdanken hat wie kaum einem anderen, der jetzt am Rande des Existenzminimums vor sich hinknabbert, hat sich in unzähligen Genres mit großem Erfolg betätigt. Seine Arbeiten sind prägnant, effektiv und häufig von ungewöhnlichem Experimentiereifer.  Daß es natürlich am einfachsten ist, diesen Stil auf die endlose Zoomerei von WOODOO zu reduzieren und zu trompeten: "Kuckt mal den Stümper an, hä hä!", liegt auf der Hand. (Abgesehen davon, daß ZOMBI 2 alles ist, nur kein schlechter Film. Man vergleiche seine formalen Qualitäten etwa mit denen von Andrea Bianchis LE NOTTI DEL TERRORE, wo sich wirklich die Balken biegen!)
   Eigentlich hätte ich bereits im Rahmen des Western-Artikels auf den einen oder anderen Fulci zurückgreifen können, da seine Beiträge zum Genre absolut Klasse sind. (Eine der besten Szenen von VERDAMMT ZU LEBEN - VERDAMMT ZU STERBEN ist bezeichnenderweise keine Gewaltszene, sondern eine vollkommen untypische Zutat: Als in einer Goldgräberstadt ein Baby zur Welt kommt, bricht dies selbst den hartgesottenen Westernern für einen Moment fast das Herz vor Freude! Das ist auch Fulci.)
Fernab seiner Brutalo-Filme gibt es feine Filme zu besichtigen wie den populären WOLFSBLUT (mit Franco "Keoma" Nero), den Früh-Giallo UNA SULL'ALTRA (NACKT ÜBER LEICHEN) oder den wunderbaren Lando-Buzzanca-Film ALL'ONOREVOLE PIACCIONO LE DONNE, der bei uns den interessanten Titel DER LANGE SCHWARZE MIT DEM SILBERBLICK gekriegt hat. Gerade bei letzterem zeigt sich Fulcis Talent, aus eigentlich derbem Schwankmaterial Richtung "Commedia all´italiana" eine streckenweise ultraherbe Satire gegen bürgerliche Scheinheiligkeit und klerikale Aggression zu zaubern. Mit Saft, versteht sich.
   In NON SI SEVIZIA UN PAPERINO nun geht es um ein bezauberndes kleines Provinzdorf im italienischen Gebirge, in dem alles lieb, nett und sauber ist: Die Menschen gehen zur Kirche, sind arbeitsam und gut zu Tieren. (Sehr gut zu Tieren.) Leider trübt eine Abfolge von Kindsmorden den Frieden der Umgebung empfindlich: Es sind ausschließlich Jungen, die dem Killer zum Opfer fallen. Als schließlich ein Erpresser gefaßt wird, der versucht hat, aus dem Unglück der Eltern Kapital zu schlagen (sinnigerweise der Dorftrottel), gibt es für den aufgestauten Volkszorn kein Halten mehr: Die "schweigende Mehrheit" übt gesundes Empfinden und ermordet erst einmal eine Zigeunerin, die mit der ganzen Angelegenheit nun wirklich gar nichts zu tun hatte.
   Obwohl die Sexploitation-Elemente dem Film eher abträglich als förderlich sind, gelingt Fulci nicht nur ein ausgesprochen spannungsreicher Thriller, der bis zum bitteren Ende fesselt; er gewinnt zusätzliche Energie durch die unerbittliche Art, in der er die stupide Engstirnigkeit der Dorfbewohner darstellt. Phil Hardy verweist sinnvollerweise auf Martin Sperrs Theaterstück JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN, in der es zwei Homosexuelle sind, die ähnlichen Torturen ausgesetzt werden. Ob Bayern oder Italien: Die anderen sind immer die Bösen, und der Seiber fließt in Strömen. Hier ist der didaktische Zeigefinger abwesend. Das Resultat ist ein spannender, intelligenter Thriller mit Exploitation-Elementen.
   Den untersuchenden Journalisten spielt Tomas Milian; Florinda Bolkan (eine herb-schöne Darstellerin von großem Talent, die glücklicherweise nie in Bimbo-Rollen gelandet ist) ist glänzend als Zigeunerin; Irene Papas ist noch dabei; und Marc Porel (einer der EISKALTEN TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN) spielt einen Priester!
   Viva Fulci! (2001: Und Viva Bill Lustig, dessen "Anchor Bay"-Label den Film in schöner Quali als DVD veröffentlicht hat...)

GRAUPENZAUBER

Was läßt sich über einen Film sagen, dessen Originaltitel übersetzt etwa lautet: "Geständnis eines Triebtäters vor dem Leiter der mobilen Einheitstruppe"? Man könnte damit anfangen, festzustellen, daß der deutsche Titel (SCHÖN, NACKT UND LIEBESTOLL) nicht viel besser ist. Dann könnte man fortfahren mit dem großartigen Covertext des Filmes ("Er kommt mit dem Messer!...Ein Film nur für starke Naturen, in dem die einzelnen Mordszenen ganz genau dargestellt sind!"). Wer danach noch Lust hat, bekommt mit diesem Film haargenau das, was er verdient: eine monumentale Sleazegranate, vielleicht der geschmackloseste Giallo, den ich je gesehen habe!
   Der Killer in diesem Film hat voll die Kappe kaputt. Mit einem sehr elaborat wirkenden Schwarzkostüm (wieso sich solche Psychokiller immer dermaßen aufzotteln, ist mir eh schleierhaft) überfallt er junge Damen und macht sie hin. Was alle Opfer gemeinsam haben - außer, daß sie schön, nackt und liebestoll sind -, ist die gehobene Stellung ihres Gatten und das Faktum ihres Fremdgehens. Der Mörder haßt untreue Frauen, gerade im katholischen Italien eine Ansicht, die auf Unterstützung hoffen kann.
   Jedesmal, wenn der Mörder seinen Opfern den Keoma macht, hinterläßt er neben geschnetztlerten Bugetten auch Fotos, auf denen die Ehefrauen im Akt der Untreue festgehalten sind. Es ist nun aber nicht so, daß die Untersuchungen daraufhin eingestellt werden, nein: Man verfolgt den Mörder mit der ganzen Wucht des Gesetzes!
   Und diese Wucht ist hier Farley Granger, der am berühmtesten wohl für seine beiden Hauptrollen bei Hitchcock ist, in COCKTAIL FÜR EINE LEICHE und DER FREMDE IM ZUG. Dies ist aber ungerecht, da man einen großen Schauspieler auch an seinen Leistungen in weniger begnadeten Filmen messen soll (das denke ich nicht wirklich), und auf dieser Grundlage ist die Tatsache, daß er vom Louis-de-Funès-Sprecher Martienzen gesprochen wird, nicht wirklich hilfreich. Zumal die gesamte Synchro ein vollkommener Bauchklatscher ist. Beispiele hierfür: Gleich zu Beginn sieht man eine junge Frau, die ungefähr so aussieht, als wäre sie unter einen Rosenmontagszug geraten. Schön, nackt und zerschnetzelt halt. Folgender Dialog entspinnt sich unter den Gesetzeshütern: "Na, habt ihr noch was gefunden?" - "Joh, 'ne Puderdose." - "Gepudert hat sie ja wohl ganz schön, he, he..."
   Nachdem man sich von diesem Gnadenhammer erholt hat, geht's dann munter weiter: Ein Krüppel fällt unklugerweise die Treppe runter und ist platt. Kommentar der Polizei: "Das erste Mal gestorben und schon tot!" Ich kann mir nicht vorstellen, daß das im Sinne von Roberto Bianchi Montero gewesen ist, dem Regisseur.
   Übrigens Montero: Er ist der Vater von Mario Bianchi, dessen PROVINZ OHNE GESETZ im Polizeifilmartikel Würdigung erfahren hat und dessen Film DAS SEX-TAXI bei uns auch in einer Porno-Fassung erschienen ist, als DER GEILE TAXI-FICKER!
   Aber zu Montero: Er ist handwerklich beileibe nicht so untalentiert wie sein Sohn (gewesen, denn er ist tot); das macht sich bei S,N+L darin bemerkbar, daß die ganz genau dargestellten Mordszenen wirklich mit einigem Gusto arrangiert sind. Man muß allerdings festhalten, daß es damit dann auch schon aufhört.
   Interessant ist die sehr geradlinige Aneinanderreihung von Spekulationsszenen: Frau erscheint, zieht sich aus, fickt, wird alleingelassen und geschnetzlert. Dann kommt Kommissar Farley Granger, und gleich wieder da capo al fine. Und das nackte Fleisch quillt förmlich aus der Leinwand, es will raus: Selbst Obduktionsszenen werden zum Darbieten von Nuditäten...hmm, tja: ausgeweidet.
Es gibt ein paar unfreiwillig komische Szenen, z.B. die Szene, in der Granger sich die billige Mietswohnung des nekrophilen Leichenbestatters Luciano Rossi ansieht, nur um wiederholt zu bemerken, was für eine schöne Einrichtung er doch habe. (Stimmt: Ein Tisch, ein Schrank, ein Stuhl...) Jedenfalls erscheint das nicht sehr zwingend.
   Wirklich alles ist das stets wiederkehrende Killermotiv in der Musik von Giorgio Gaslini. Interessenten finden es auf der vierten Fantastival-Soundtrack-CD, zusammen mit anderen raren Tracks aus Filmen wie d'Amatos SADO, Bavas MIDNIGHT KILLER oder Lenzis GROSSANGRIFF.
   Abschließend noch ein schöner Dialogsatz des Kommissars: "Wie soll ich einen impotenten Mann finden...unter Tausenden?!?"
   Tjaaa...vielleicht mit einer Karotte...?

DER DUFT DER FRAU

Das Gefühl einer merkwürdigen Nachbarschaft ist ja an sich ein weit verbreitetes. Nun kann dieses Gefühl, so es in gesteigertem Umfange zu einer Belastung zu werden beginnt, auch schon mal zu einer handfesten Psychose werden. Hier wird es für den Horrorfan interessant. Polanski hat dieses Thema gleich zweimal abgehandelt: Einmal in seinem großartigen ROSEMARY'S BABY; einmal in seiner Besser-latent-als-niemals-Variante THE TENANT (DER MIETER). (Mit Abstrichen kann man auch seinen EKELigen REPULSION dazurechnen. Man fragt sich, ob der Mann Pech bei der Wohnungssuche gehabt hat.)
   Spuren dieser Filme finden sich auch in einem Film, den ich mal ganz vorsichtig als den vielleicht besten Giallo bezeichnen möchte, den ich jemals gesehen habe: IL PROFUMO DELLA SIGNORA IN NERO (PERFUME OF THE LADY IN BLACK). Bei diesem Film kommt kein Mieterschutzbund mit, da rollen die Tapeten von den Wänden!
   Hauptmieterin in diesem marvellös stilvollen Drama ist Mimsy Farmer, die bereits 1969 in Barbet Schroeders MORE nicht genug kriegen konnte. In Armando Crispinos Morbido-Giallo MACCHIE SOLARI (der auch gerne mit der hierzulande rausgekommenen Pathologie-Schote AUTOPSY aus Spanien verwechselt wird) hat sie mit einer Kette von Selbstmorden zu tun, die scheinbar von Sonnenflecken verursacht werden. (Erst Krebs und jetzt das: Scheiße!)
   In PROFUMO ist sie ein labil Mägdelein, das eine verantwortungsvolle Stelle in einem Laboratorium innehat und darüber hinaus auch einen (etwas laschen) Freund, dem ihre Selbstständigkeit nicht schmeckt, ist er doch aus dem etwas konservativeren Lager. Sie pflegt etwas merkwürdige Bekanntschaften, z.B. einen ältlichen Lockenkopf, dem der willenlose Axtmörder aus jedem Knopfloch schaut, oder einen gelahrten Schwarzen, der ihr wüste Voodoomärchen runterbetet. Alle scheinen nur eins im Sinne zu haben: sie kirre zu machen.
   Aber es wird bald deutlich, daß Mimsy-Mausi an einer schweren Altlast zu tragen hat, schon ohne die bizarren Biedermänner. Spätestens dann, als ihr Phantome erscheinen: ein kleines Mädchen, das offensichtlich Bavas OPERAZIONE PAURA (DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA) gesehen hat, und eine schwarzgewandete Frau, die sich lasziv mit einem Flakon verlustiert. Geister aus ihrer Vergangenheit!
   Denn da war einmal ein Akt maskuliner Gewalt, der...Ups, ich darf nicht zuviel verraten! Auf jeden Fall aber ist das Ende eine echte Überraschung und ein gnadenloser Schocker dazu! Denn nachdem der Film erstaunlich geschickt den Eindruck erweckt hat, als würde hier eine zwar gutbürgerlich verspießte, aber eben normale Nachbarschaft durch die Augen einer paranoiden Natur in entsprechend verzerrter Weise gesehen, stößt der Schluß den sich mittlerweile aber in Sicherheit wiegenden Zuschauer ohne Vorwarnung in einen Strudel bizarren Horrors. Dieser grause Höhepunkt ist zwar extrem blutig, kommt aber ohne jedes Reißertum aus. Sein nüchtern-klinisches Aufnehmen des Unaussprechlichen läßt den Zuschauer mit einem entsetzten Starren vom Film Abschied nehmen - kein Plazebo für die Seele, der Film.
   Der Regisseur dieses großartigen Filmes, der auf gekonnte Weise Giallo- und Geisterfilmmotive mit fellinesker Charakterbetrachtung vermischt, heißt Francesco Barilli und ist hierzulande noch fast unbekannt. Tatsächlich hat er im wesentlichen auch nur zwei Filme gemacht: diesen hier, und zwei Jahre später noch den ebenfalls sehr eleganten PENSIONE PAURA, der thematische Parallelen aufweist. Noch ein Mietshausgeschädigter...Er hat auch an einigen Drehbüchern mitgewirkt, etwa an Lenzis MONDO CANNIBALE und an Griffis DER KÄFIG. Er ist übrigens auch der jugendliche Hauptdarsteller aus Bertoluccis Zweitlingswerk VOR DER REVOLUTION!
   Abgesehen von den schon gepriesenen Vorzügen hebt sich der Film auch durch schöne Kameraarbeit und einen tollen Score von Nicola Piovani ab, der leider noch nirgendwo erschienen ist. (2001: Mittlerweile doch!!!)
   Übrigens ist dies noch ein Film, den es in englischer Fassung offenbar nur in Griechenland gibt. Also müßt Ihr Euch Euren griechischen Freund noch einmal gefügig machen; danach könnt Ihr ihn zum zweitenmal fallenlassen! (Die Welt ist hart, sagt Keoma. Und der weiß Bescheid.)
   Ein Diamant.

ROSEN SIND ROT

Der Vollständigkeit halber möchte ich auch noch einen Film von Dario Argento aufführen, da bekanntlich nicht alles Silber ist, was glänzt. Damit es etwas unterhaltsamer wird, nehme ich die DEUTSCHE Fassung von PROFONDO ROSSO, die da bei uns heißt: ROSSO-FARBE DES TODES.
   Um es vorwegzunehmen: Den für diese Fassung verantwortlichen Luschen sollte man die Eier auf einen Amboß schmieden, denn sie haben es geschafft, aus einem Meisterwerk einen Haufen stinkender Schnittabfälle zu machen. Um aber den Regisseur nicht nur als Hampel dastehen zu lassen, haben sie ihm obendrein noch ein lustiges Hütchen aufgesetzt (Synchro) und mit Gülle beworfen (Bildqualität). Insgesamt fühlt sich der gute Dario nicht wohl, wie er so da steht. Aber manche Menschen können mit schönen Dingen halt nicht leben. Das hat tiefenpsychologische Gründe.
   Und schön ist das richtige Wort für PROFONDO ROSSO, denn die Kameraarbeit ist so erlesen, daß das Entzücken einfach keinen Namen hat. Ich wollte aber über die deutsche Fassung dieses Filmes sprechen. Also, die Gefühle haben auch hier keinen Namen. Grundsätzlich bin ich Zyniker und habe auch bei einwandfrei verhunzten Filmen mein böses Vergnügen. In diesem Falle gefrieren aber die Lacher zu Kotkrümeln, da das Bild so hochgezogen ist, daß man manchmal gar nicht erkennen kann, wer spricht. Unter diesen Umständen die Kameraführung zu beurteilen, fällt schwer. Die Farben erinnern mich an die ausgeblichenen Bilder, die manchmal vor Imbißbuden in sonnigen Zonen hängen, wo der Ketchup auf den Hamburgern bereits grün ist und so was.
   Der Film ist übrigens Argentos erste (konsequente) Bewegung in die Richtung des mittlerweile von ihm kultivierten Deko-Giallos, in dem die Story fast ausschließlich von der Kraft der Bilder getragen wird, die eine tiefenpsychologisch so wirkungsvolle Atmosphäre zaubern, daß man (zumindest im Kino) mit offenem Mund dahockt und staunt, und nicht einmal Absurditäten wie vendettaführende Schimpansen, von Insekten zerfleischte Zwerge oder Donald Pleasence fallen da ins Gewicht.
   Vor Staunen den Mund offen hat man allerdings auch bei der deutschen Fassung dieses Films, und der schließt sich bis zum bitteren Ende auch nicht wieder. Gleich der erste Mord an einem deutschen Medium namens Helga Ullman weckt selige Erinnerungen an die alte CIC-Fassung von Hitchcocks PSYCHO, bei der fast der gesamte Duschmord gekappt war! Helga stirbt in dieser Fassung vermutlich an einem Herzschlag. Auch die Lieblingsszene aller Zahnärzte wird in der vorliegenden Schnittfassung keinem Dentalhygieniker ein müdes Lächeln entlocken. Um aber die Brutalitätsschnitte nicht ganz so auffällig zu machen, hat man noch ein bißchen mehr entnommen: Etwas mehr als 20 Minuten fehlen gegenüber der IT-Fassung!
   Die Musik von Giorgio Gaslini und Goblin, mit ihren Leihgaben von Oldfield und ELP, ist natürlich immer noch toll. Aber die gibt's auf CD, deswegen muß man den Film nicht sehen.
   Kurz und gut, man kann die deutsche Fassung getrost in einem Baggersee versenken. Es gibt ganz glückliche Leute, die einen Laserdisk-Player haben; für die ist eh alles klar. Die anderen können sich mit der britischen Redemption-Fassung abgeben; die ist zwar Vollbild, aber dem Vernehmen nach wenigstens uncut.
   In meinen wüstesten Gewaltfantasien kann ich mir sehr gut vorstellen, was Keoma mit diesen schnittwütigen Trockenpflaumen machen würde: kurzen Prozeß! (2001: Holt Euch die "Anchor Bay"-DVD und setzt Euch zur Ruhe - mehr braucht man nicht zum Glücklichsein...)

STRUWWELPETER EXTREM

Dieser Film dürfte wohl so ziemlich der bizarrste Streifen dieses Artikels sein. Bei uns ist er auf Video erschienen unter dem, wie üblich, unzutreffenden Titel MAGNUM 45-EIN MANN JAGT DAS GESETZ. Tatsächlich hat der Film sogar Züge des Polizeifilms, die aber in entschieden unkonventionelle Bahnen gelenkt werden.
   Was absolut erschüttert an dem Film, ist seine vollkommene Bedenkenlosigkeit, eine ultrazynische, ambitioniert wirkende Aussage mit derbem Sleaze zu verbinden. Man weiß niemals, woran man ist: Meint es der Regisseur ernst mit einem oder ist alles nur Bestandteil einer gigantischen Gaukelei?
Der Regisseur, Paolo Cavara, stammt nicht nur aus dem linksintellektuellen Lager, sondern ist am berühmtesten für seine anfängliche Zusammenarbeit mit dem als ultrarechts geltenden Dokumentarschocker Gualtiero Jacopetti. Seine Mitarbeit an Filmen wie MONDO CANE 1 + 2 schien ihn arg verstört zu haben, da er 1966 mit dem bitteren L'OCCHIO SELVAGGIO (DAS WILDE AUGE) eine harte Abrechnung mit der Arbeitsweise Jacopettis (besonders bei AFRICA ADDIO) drehte, die von einem gewissenlosen Snuff-Dokufilmer handelt, der eindeutig nach dem Vorbild des umstrittenen Skandalregisseurs gestaltet ist...
   1971 versuchte sich Cavara an einem konventionellen, wenngleich gut gemachten, Giallo, LA TARANTOLA DAL VENTRE NERO (DER SCHWARZE LEIB DER TARANTEL). Seine Wiederkehr zu diesem Genre im Jahre 1976 ist ein Faustschlag ins Gesicht der Fans geradliniger Krimiunterhaltung. Die Auflösung ist dermaßen grotesk (absichtlich), daß, wer eine deutliche Enttarnung des Mörders erhofft hatte, das Videogerät und den Fernseher mit Schaum vorm Mund aus dem Fenster feuern wird.
   In Bella Roma treibt sich der Struwwelpeter-Mörder herum. Mehrere Personen nämlich werden sehr tot aufgefunden; am Tatort befindet sich immer eine Seite des berüchtigten Kinderschockers.   Kommissar Michele Placido, allein gegen den Struwwelpeter, kämpft mutig gegen die Untiefen des Falles, die ihn in die Arme einiger zutiefst devianter Charaktere führen: Da wäre einmal die Edelhure Corinne Clery, die ihn mit Bildung und intimer Kenntnis der Materie verwöhnt. Da ist auch der Leiter einer gigantischen Detektei, Eli Wallach, der seine Kameras, Wanzen, Mikros in ganz Italien versteckt hat. Und ein exzentrischer Milliardär namens Hoffmann (so hieß übrigens auch der Autor des "Struwwelpeters"), der zusammen mit einigen degenerierten Freunden abartige Soirées gegeben hat; auf einer dieser Gesellschaften geschah nämlich was ganz Abscheuliches...
   Der Film dampft vor Zynismus. So quittiert Placido einen in einem Tierkäfig schlafenden Penner mit den Worten "Das arme Tier..." Ein Schweinelaster, aus dem lautes Quieken ertönt, trägt die italienische Flagge. Ein positiv schwätzender Politiker wird vor laufenden Kameras erschossen. Ein Fleischfabrikant wird zwischen Rinderhälften aufgehängt. Es handelt sich um eine höchst unerfreuliche Welt, in der sich die Geschehnisse zutragen.
   Die Auflösung soll hier nicht vom Kamm geblasen werden, außer, daß sie im Grunde genommen gar nichts auflöst. Die brennende Frage, wer denn nun für die Bluttaten verantwortlich ist, geht völlig unter, wird bedeutungslos in einem Staat, in dem Existenzen auf Knopfdruck ausgelöscht werden können, in dem alles miteinander verkabelt und kurzgeschlossen ist. Niemand ist unschuldig.
   Am Schluß fegt ein Butzemann durch die Korridore, röhrt irgendwas davon, daß Italien wieder sauber werden muß und verspielt vermutlich die letzten Chancen des Filmes, auf einem Berlusconi-Sender ausgestrahlt zu werden. Auch nebensächliche Sätze weisen schon den Weg: "Die Autobahnen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!" In der Tat.
   Wer meint, es hier mit einem Message Piece zu tun zu haben, liegt aber falsch. Einige Episoden sind so stockspekulativ, daß der Hoden qualmt. So fängt z.B. die Dienerin eines reichen Mannes an, sich in der Badestube zu befriedigen; ihre Schreie gellen durch das ganze Haus und lassen die Szene bewußt absurd erscheinen. Aber es fasziniert: Was hat Cavara sich dabei gedacht? Die Morde sind recht blutig und werden von einem der genialsten Rotz-E-Bass-Beats der jüngeren Erinnerung begleitet. Der Humor ist - wie das Beispiel mit der Dienerin schon andeutet - eher extravagant.
   Die deutsche Fassung ist von eindrucksvoller Hunzqualität. Alles aus ist bei der Synchro. Mein Favorit ist die Szene, in der sich ein Charakter eine Weinflasche öffnet: Das Geräusch des herausgezogenen Korkens wurde offensichtlich mit dem Mund gemacht! Daß Apollinaire mit Apollo verwechselt wird, macht da schon nichts mehr aus. (2001: Und Keoma mit "Okay, Oma, ich nehme die Mittagsmaschine!")
   Man fragt sich bei diesem Film, was für ein Weltbild Paolo Cavara wohl getrieben haben mag und ob er der richtige Partner für ein Besäufnis gewesen wäre. Er selber kann diese Fragen nicht mehr beantworten, da er bereits seit 1983 im Jenseits weilt. Sein Film bleibt bestehen. Ich liebe MAGNUM 45; er wird aber vielen Zuschauern Magendrücken bescheren.

TOWN WITHOUT PITY

Meisterregisseur Pupi Avati drehte 1976 einen meisterlichen Film (was sollte er als Meisterregisseur sonst schon tun?), der dem Thrillergenre zugerechnet werden kann: LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO. In diesem Film geht es um einen Gemälderestaurateur, der in eine Kleinstadt kommt, um dort ein Bild zu rekonstruieren, das den heiligen Johannes in einer seiner weniger guten Stunden zeigt. Der verstorbene Künstler, der das Bild gemalt hat, stammte aus der Gegend und war sehr erfolgreich mit dem Ausdruck der Qual auf dem Gesicht des biblischen Greises. Unangenehm erfolgreich. Der Protagonist stolpert in ein Gewirr absonderlicher Ereignisse hinein, deren Ursprung und Ende sich bei einem alten Schwesternpaar finden.
   In seiner Erzeugung einer schleichenden, unangenehmen Atmosphäre, die auf Holzhammereffekte weitgehend verzichtet und die sich fast vollständig aus der Morbidität der Handlung ergibt, ist der Film schlicht grandios. Nach einem gemächlichen Beginn, in dem die Kleinstadtatmosphäre erzeugt wird, die später durch den Schlußakt pervertiert wird, lockt der Film seinen Zuschauer immer tiefer in das Gespinst seiner Story. Die zunehmende Paranoia des Helden erweist sich als berechtigt: Ein schuldiges Geheimnis liegt auf dem Dorf.
   Dieser wahrhaft unheimliche Film hat natürlich seine Fans gehabt. Einer davon scheint Antonio Bido gewesen zu sein. Bidos erster Film ist der 1976 entstandene IL GATTO DAGLI OCCHI DI GIADA (DIE STIMME DES TODES), der mit ordentlicher Spannung eine leider durch die etwas konfuse Story beeinträchtigte Giallo-Geschichte erzählt. Daß sein nächster Film, SOLAMENTE NERO (BLUTIGER SCHATTEN, 1978) ein absoluter Kracher werden würde, war somit nicht zu erwarten.
   Aber itzo war es! Mit hohem formalem Geschick erzählt Bido die fesselnde Story eines jungen Doktors, gespielt von Lino Capolicchio, der in das auf einer Insel gelegene Dorf seiner Kindheit zurückkehrt, um seinen Bruder zu besuchen. Jener ist mittlerweile ein Priester geworden und hat eine große Fangemeinde. Diese Gemeinde wird aber bald nach Linos Eintreffen immer lichter...Ein Mörder treibt sein Unwesen! Könnte es einer der drei Okkultisten sein, die im finstersten Rufe stehen (ein Doktor, eine Kräuterhexe, ein degenerierter Adliger)? Oder gibt es tatsächlich eine Verbindung zu einem früheren Verbrechen, das sogar als Bild verewigt wurde? Der Dottore untersucht...
   Die Ähnlichkeiten zu LA CASA sind recht augenfällig: Das Motiv des aus einem Dorf stammenden Helden, der in ein Dorf zurückkehrt, ist beiden Filmen gemeinsam; die zentrale Rolle eines Bildes, mit der die Geschichte des Mörders verknüpft ist, findet sich wieder; und auch der Hauptdarsteller ist derselbe!
   Überhaupt: Großes Lob an die Darsteller. Capolicchio ist viel interessanter und glaubhafter als die Helden, die man aus vergleichbaren Produktionen gewöhnt ist. Seine Partnerin, Stefania Casini (die mittlerweile selber inszeniert), ist ebenfalls erstklassig. Gleich die Anfangsszene, in der sie sich im Zug kennenlernen, ist auf glaubhafte Weise unspektakulär und setzt den Ton für einen Film, der echtes Interesse für seine Figuren erzeugt. Ein schönes Wiedersehen auch mit Westernveteran Craig Hill als Priester, der immer noch sauer ist, daß er nicht Keoma gespielt hat!
   Formal orientiert sich der Film ansonsten auch an einer anderen Erfolgsproduktion der Zeit: PROFONDO ROSSO! Wie auch Argento verwendet Bido größte Sorgfalt auf die dekorative Ausgestaltung seiner Horrorszenen, häufig mit schaurigem Gothic-Flair. Die Kamera ist sehr gut geführt und versieht Gegenstände mit einer extrem spannungssteigernden Signalwirkung; auch gibt es viele subjektive Einstellungen, die Kamera ist sehr beweglich. Das i-Tüpfelchen besorgt dann die fetzige Musik von Stelvio Cipriani, die auch an einen gewissen Gaslini/Goblin-Score erinnert... (2001: Na, und wer hat den Score auf CD herausgebracht?)
   Es ist richtig tragisch, daß Bido den hier eingeschlagenen Weg nicht weiter verfolgt hat und stattdessen mit Elaboraten wie dem TOP GUN-Abklatsch BLUE TORNADO aufgewartet hat. Er zeigt in SOLAMENTE NERO großes erzählerisches Talent und formale Beherrschung, die dem Giallo eine Zukunft auch in den Achtzigern hätte bescheren können...
   Die Videofassung ist zur Abwechslung mal GUT synchronisiert. Auch das ist möglich!

WIE DER VATER, SO...

In den Achtzigern ist der klassische Giallo nach und nach eines grausigen Todes gestorben. In demselben Maße, in dem die italienischen Produzenten und Regisseure versuchten, die amerikanische Kommerzware nachzuäffen, begannen auch die Thriller immer kommerzieller, glatter und überraschungsloser zu werden. Unter einer schicken Oberfläche verbarg sich nun - wie unschwer zu erkennen war - meist eitel gar nix.
   Was für eine Ironie des Schicksals, daß der Regisseur, der den ersten guten Giallo seit langer, langer Zeit drehen sollte, ausgerechnet der Sohn des Mannes war, der das Genre mitbegründen half: Lamberto Bava heißt der Regisseur, BODY PUZZLE sein Film. (2001: Und ja, Lamberto sucht immer noch nach dem Stiel seines Vaters, gröhl...)
   Lamberto hat schon immer an schweren Altlasten zu schleppen gehabt. Der Sohn des vielgerühmten Meisters zu sein, brachte natürlich erhebliche Erwartungen mit sich, Erwartungen, mit denen sich seine Filme häufig nicht messen konnten. Zwar war sein erster eigener Film, MACABRO (1980), ein durchaus stilvoller Achtungserfolg, der ihn zumindest in Momenten als seines Vaters Sohn auswies; jedoch begann er danach eine Reihe von Filmen zu machen, die in wenig eindrucksvoller Manier amerikanische Filmerfolge kopierten, meist ohne Eigenes hinzuzufügen. Der Tiefpunkt dieses Treibens geschah meines Erachtens mit dem 1984 entstandenen MONSTER SHARK. Der war nicht so gut.
Unter den Fittichen von Dario Argento brachte er dann seine beiden DÄMONEN-Filme zustande, von denen wenigstens einer den Staatsanwälten nicht so toll gefallen hat. Der andere fühlt sich ohne seine Schlußminuten entschieden unvollständig.
   Da diese Filme so recht von dem Zuschnitt waren, der mir immer Kopfzerbrechen bereitet - MTV-Hanswursten mit Gelfrisuren, Rocksoundtrack, Lärm, Spezialeffekte im Halbdunkel -, knüpfte ich an seinen neuen Thriller keine hohen Erwartungen. Als mich ein gewisser Herr B. aus S. - und Keoma - aber mit vorgehaltener Waffe dazu nötigten, dem Film eine Chance zu geben, willigte ich widerwillig ein. Meine Überraschung war komplett: Es handelte sich mit Leichtigkeit um den besten Bava-Junior-Film, den ich bis dahin gesehen hatte, und um einen fabulösen Thriller!
   Der Film beginnt mit einem Pianisten, der etwas Feines von Johann Sebastian zum besten gibt. Die klassischen Klänge vermischen sich dann aber mit der horrorerprobten Musik von Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge"; es wird signalisiert, daß dies keine Werbung für Bienenhonigsemmeln wird. Er macht dann auch etwas, was Justus Frantz niemals tun würde: Zuerst nämlich knallt er mit dem Kopf auf die Tasten, dann geht er in ein Süßwarengeschäft, verlangt Konfekt und ersticht den Candyman mit einem langen Messer. Dann erinnert er sich an BLUE VELVET und schneidet ihm ein Ohr ab.
   Dieses Ohr findet sich dann wieder in einem Kühlschrank. Tracey Grant findet das nicht sonderlich appetitlich. Wesentlich appetitlicher findet sie da schon den schmucken Inspektor, der sich auf ihren Fall stürzt. Der ist ein ganz schlauer, kann aber auch nicht verhindern, daß in ihrem Kühlschrank noch einiges zusammenkommt. Könnte eventuell ein Bekannter ihres verstorbenen Göttergatten Abe damit zu tun haben? Dessen sterbliche Überreste haben nämlich gerade den Elvis-Presley-Effekt kennengelernt.
   Das Ende überrascht, denn es überrascht wirklich. Der Film hat auch ansonsten einen Kessel Buntes anzubieten. Unter den Schauspielern glänzen die atemberaubend schöne Joanna Pacula und der (na gut, knirsch!) gutaussehende Tomas Arana, der den üblichen Pappnasen, die man aus solchen Rollen kennt, eine Menge Talent voraus hat. Die Musik stammt von Carlo Maria Cordio, der viel mit Massaccesi zusammengearbeitet hat und hier einen überdurchschnittlichen Synthiescore abliefert. Die Bildregie stammt vom bewährten Luigi Kuveiller und ist exzellent. Lamberto aber übertrifft sich einfach selber: Die Inszenierung läßt den glatten Plastikstil vieler neuerer Italoware vollständig vermissen und glänzt mit beweglicher Bildführung und erstklassiger Spannungserzeugung.
   Auch die Nebenrollen sind große Klasse: Gianni Garko, Star vieler Western, gibt einen Kommissar ohne Schnurrbart; Giovanni Lombardo Radice alias John Morghen einen schwulen Reitstallbesitzer; und Erika Blanc verwöhnt das Auge als hilfreiche Ärztin.
   Mittlerweile hat Lamberto Bava mit den drei "Fantaghirò"-Filmen eine hervorragende Märchenserie gemacht. Auch existiert eine vierteilige TV-Serie, die zumindest ein brillantes Segment enthält: die horrible Internatsgeschichte IL GIOKO. Auch ein Giallo ist dabei: TESTIMONE OCULARE mit Barbara Cupisti. Da die Filme von Berlusconi als eine Art Abschreibungsprodukt produziert wurden, erschienen sie nicht einmal in Italien (obwohl jeder deutsche Verleiher herzlich dazu eingeladen ist, sich nach ihnen umzuhören: es LOHNT sich). Auch BODY PUZZLE erhielt - ähnlich wie Argentos TRAUMA (AURA) - einen miserablen Kinoeinsatz und ging weitgehend unter. Hier in der BRD ist er glücklicherweise in einer brauchbaren Fassung erschienen, uncut. (2001: Die US-DVD ist qualitativ nicht so dolle.)
   KEOMA FOREVER!

(Zuerst erschienen in der "Splatting Image" Nr. 18, Juni 1994.)

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