DIE WELT NACH DEM SATELLITEN

Statt der angekündigten Peplums gibt es nun doch erstmal weitere deftige Schonkost aus der "Giallo"-Küche - in erster Linie, da ich Lust hatte, mal wieder was in der Richtung zu sichten. Berücksichtigt habe ich hierbei besonders die obskureren Thriller, da über diese zumeist bedrückend wenig Sekundärliteratur existiert. Der blöde Titel des Artikels hat übrigens mit dem Satelliten zu tun, der im September auf die Erde krachen soll, wenn die NASA nicht aufpaßt. Der Termin soll angeblich mit Nostradamus´ Prophezeiungen den Weltuntergang betreffend koinzidieren. Wie es ein Freund von mir ausdrückte: "Der Satellit verspricht Gnade..." Recht so!

CLAIREWERK

Als erstes möchte ich zwei unbekannte Filme des m.E. großartigen Brunello Rondi heranziehen, von dem man hierzulande höchstens den Frauengefängnisfilm PRIGIONE DI DONNE (REVOLTE IM FRAUENGEFÄNGNIS) oder den prätentiösen Sexfilm VELLUTO NERO (in dem Laura Gemser eine Fotosession neben einem Pferdekadaver macht) kennt. In Wirklichkeit hat Rondi aber schon mit den ganz Großen zusammengearbeitet, wie etwa Roberto Rossellini oder Alessandro Blasetti. Eine besonders lange Teamarbeit verband den 1989 Gestorbenen mit dem Chefkoch Federico Fellini, mit dem er an zeitlich so weit auseinander liegenden Filmen wie IL BIDONE, 8 1/2 oder INTERVISTA kooperierte. Als mir nun diese beiden Frühwerke Rondis ins Haus flatterten, war ich ein glücklicher Mensch; umso mehr, da beide von hoher Qualität sind. Der erste heißt PIU´ TARDI, CLAIRE, PIU´ TARDI (1968) und erzählt in feierlichem Schwarzweiß eine Geschichte, die zu Anfang unseres Jahrhunderts spielt: Der meistenteils in Italien lebende britische Richter George Dennison verliert seine geliebte Frau Claire und den gemeinsamen Sohn durch einen Giftanschlag. Da seine Mischpoke eine selten mißgünstige Ansammlung von geldgierigen Existenzen ist, schockiert er alle durch seine Ankündigung, er werde bald erneut heiraten. Die Frau seiner Träume ist die bezaubernde Anne, die bizarrerweise seiner toten Frau wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Die junge Braut wird von den Anverwandten entsprechend frostig behandelt, glaubt man in ihr doch eine Erbschleicherin zu entdecken. Hausarzt Boyd (Georges Rivière) meint sogar, daß Zweifel an dem Gesundheitszustand des ohnehin heftig bechernden Witwers angebracht seien. Je mehr Anne in das Geflecht dieser morschen Aristokratenfamilie eindringt, desto dringlicher wird ihr Verdacht, daß sie für George nur eine wiederauferstandene Claire ist. Und am Ende stand bei der ja schon der Giftbecher... Rondi verwendet die stark an Hitchcocks Frauen-Thriller aus den frühen 40ern erinnernde Schauergeschichte zu einer sozialen Demaskierung, bei der die Oberklasse sich letzten Endes gegen die arme Proletarierin verbündet: Dem Reichen, was des Reichen ist. Rondi verwendet hierbei weniger eine "Ich"-Perspektive der Heldin, obwohl der von Elga Andersen gespielte Charakter immer mehr in den Mittelpunkt rückt. Stattdessen schildert er ausgiebigst die Intrigen und Bosheiten, von denen das junge "Glück" umwittert ist. Punktsiegerin ist sicherlich Rossella Falk als Georges Schwägerin Evelyn, in deren feuchten Träumen er den Zeremonienstab führt. Das Gesicht dieser Schauspielerin ist hinreichend bizarr, um sie als legitime Nachfolgerin von REBECCAs Mrs. Danvers auszuweisen. In den Nebenrollen findet man bekannte Gesichter wie das damalige Ehepaar Michel Lemoine (als Klavierlehrer) und Janine Reynaud (aus NECRONOMICON), sowie eine vorzügliche Adriana Asti (Messalina in Brass´ CALIGULA) in der Rolle einer geistig Zurückgebliebenen, die dubiosen Umgang mit Annes Sohnematz pflegt. Einer meiner Lieblinge, John Karlsen, spielt einen gestrengen Priester. Karlsen ist ein häufig verwendeter Charakterdarsteller, der mit seiner hageren, dominierenden Statur bis in die 80er hinein in italienischen Filmen mitwirkte und mich immer etwas an einen magersüchtigen "Sam der Adler" erinnert hat. In dem von Fulci geskripteten TOTO´ NELLA LUNA spricht er kurz mit Originalstimme, und die klingt britisch. Die Musik zu CLAIRE stammt vom häufigen Antonioni-Komponisten Giovanni Fusco und ist ebenso sparsam wie effektiv. Ein sehr eleganter Film, dessen Kameraführung (der Umgebung angemessen) unaufdringlichen, aber deutlich spürbaren Stilwillen verrät: Das Auge des Betrachters schwebt an den "Idle Rich" und ihren Fisimatenten vorbei und dokumentiert dabei unbestechlich die Heruntergekommenheit dieser Welt. Kein Leser des "Goldenen Blatts", unser Brunello! Ein sehr hübscher Film, für Freunde dezenter Bosheiten.
LE TUE MANI SUL MIO CORPO (1970) hingegen ist eigentlich kein Thriller, ist aber so gut gemacht, daß ich ihn hier nicht aussparen möchte. Lino Capolicchio (der Protagonist von LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO) spielt einen höchst neurotischen jungen Mann, der in frühem Alter seine über alles geliebte Mutter verloren hat. Bei seinem reichen, aber ignoranten Vater lebend (dessen Lieblingsbeschäftigung darin zu bestehen scheint, sich auf seinem Trimmdich-Fahrrad abzustrampeln), hat Andrea sich eine sehr komplizierte Beziehung zum anderen Geschlecht aufgebaut: Frauen ziehen ihn zwar magisch an, aber er ist zu einer menschlichen Beziehung vollkommen unfähig. Stattdessen sammelt er Fotos und Memorabilia (z.B. von Marilyn Monroe) und filmt seine junge Schwiegermutter (eine hier besonders schön aussehende Erna Schürer) beim Ehebruch. Als deren amerikanische Freundin Carol zu Besuch kommt, verliebt Andrea sich in sie, was zu den erwarteten Komplikationen führen, die schließlich in einer Tragödie enden. Andrea ist in gewisser Weise einer jener Rebellen, wie sie seit Bellocchios PUGNO IN TASCA oder Bertoluccis PRIMA DELLA RIVOLUZIONE schwer en vogue waren; nur, daß in jenen Filmen die Helden meist aus der sozialen Unterschicht stammten und auf streng pasolinesken Pfaden wandelten, während hier der Protagonist ein junger, gestörter Mensch aus guter Familie ist, der die Krankheit der ihn umgebenden Gesellschaft besonders intensiv wahrnimmt, deren oberflächliche Selbstverliebtheit ihn ankotzt. Die Sinnsuche wird bei Rondi aber angereichert mit spekulativen Elementen (der Film wurde ursprünglich als SHOCKING angekündigt), was bei der Wahl der weiblichen Darstellerinnen aber leicht in Kauf zu nehmen ist: Tante Erna ist eine echte Wuchtbrumme, und die Französin Corinne Descombes ist auch leckerleckerlecker. Gleich zu Anfang fährt Lino mit seinem Moped durch eine Herde Schweine, düst dann einem Leichenwagen hinterher und jagt dann das K-Rad aus Jux über die Klippe. In einer häufig wiederholten Rückblende erinnert er sich daran, wie er einst der Mutter am Strand entgegenlief: Die Kamera wechselt zwischen Aufnahmen des laufenden jungen und des laufenden alten Andrea und subjektiven Shots, die der Mutter näherkommen. Schließlich fällt der Knabe der Mutter fast zu herzlich in die Arme, während die Schritte des alten Andrea weitergehen und immer lauter werden. Ähnlich raffiniert sind auch viele andere Szenen aufgelöst, die alle die Kontaktunfähigkeit des jungen Mannes zum Thema haben. Wer sein Leben nur aus zweiter Hand erlebt, dem wächst bald eine dritte, das ist nicht neu. Einige der bemerkenswerteren Einfälle sind noch der Nackttanz einer Schwarzen in einem Ku-Klux-Klan-Kostüm und eine Bezugnahme auf den Tod von Marilyn. Giorgio Gaslinis Musik gehört zu seinen besten Kompositionen und verarbeitet spielerische "Easy Listening"-Grooves mit experimentellem Jazz. Der Score ist auf Platte erschienen, aber die müßte man halt haben... Ein exzellenter Film mit einem eher bedrückenden als schockierenden Ende und einem hervorragenden Capolicchio in der Hauptrolle. Yeah!

SEGELABTÖRN

Und jetzt gibt es Blut und Titten! Ferdinando Baldi drehte 1977 den Film NOVE OSPITI PER UN DELITTO, hinter dem ich lange Jahre her war wie der Teufel hinter der armen Seele. Als ich ihn schließlich sah, war ich gleichermaßen enttäuscht wie begeistert: Seine filmischen Qualitäten hielten sich in bescheidenen Grenzen, aber sein Sleaze-Wert - wau! Neun kleine Negerlein, die alle durch Blutsbande miteinander verknüpft sind, schippern auf einer Jolle zu einer beschaulichen, trauten Insel, die nur an der Oberfläche an unser Helgoland nach dem Bombenteppich erinnert. Hier möchte man besinnliche Ferien zusammen verbringen - wann führt einen das Schicksal schon mal zusammen? -, aber der geheimnisvolle Mörder, der aus dem Dunkel der Nacht heraus zuschlägt, hält sein Regiment und fordert bedingslos Opfer! Und was fast noch besser ist - die weiblichen Opfer ziehen sich alle vorher aus... Da kann ja nicht mehr viel schiefgehen, meinte wohl auch Baldi, der noch zwei Jahre von seinem Sleazathon LA RAGAZZA DEL VAGONE LETTO (HORRORSEX IM NACHTEXPRESS) entfernt war, und setzte flugs die Kelle an. Während das Drehbuch sich in angenehmer Simplizität übt - man fühlt sich an die amerikanischen Slasher erinnert -, tauchen die Menschlein nacheinander kieloben an der Oberfläche auf. Was die Figurenkonstellation angeht, so herrscht dort moderne Unordnung: Die Ehemänner vertragen sich mit ihren jeweiligen Ehefrauen nicht so gut - John Richardsons Ehefrau stößt sich an seinem zurückweichenden Haaransatz, und Massimo Foschis Mietze findet es nicht gut, daß er in Deodatos ULTIMO MONDO CANNIBALE den Vogelmenschen gegeben hat. Die Morde sind ähnlich brillant motiviert wie die Entschuldigungen, die die Charaktere finden, um sich möglichst sportiv zu entkleiden. Mein Liebling ist die Szene, in der Venantino Venantinis Gemahlin ihren Gatten beim Bohnern mit einer anderen erwischt und sich danach nicht besser zu behelfen weiß, als eine Spontandusche im Volldreß zu nehmen, bei der ihre weiblichen Rundungen den neugierigen Augen der gaffenden Männlichkeit schonungslos preisgegeben werden! Jawohl, dies ist Sleazeland, und hier kann alles passieren... Nacheinander werden die Charaktere gefällt wie morsche Eichen, und die Auflösung ist wie üblich ein echter Heuler. Schade, daß dieses Meisterwerk uns in Deutschland erspart geblieben ist, wo immer noch der gute Geschmack regiert, der hier so erfrischen abwesend ist. Arthur Kennedy hat gewiß schon mal bessere Tage gesehen als in diesem Film, wo er den Veteranen der Familiengruppe spielt. Aber ihm wird Italien wohl gut gefallen haben, und wer könnte ihm das verübeln? Jedenfalls fährt er schon bald in die Grube. Auch Dana Ghia ist mit dabei, als alptraumgeschüttelte Tante Elisabetta. Kaum hat sie ihren letzten Alp verkündet, schon stürzt Venantinis Frau über die Klippe und ist tot - das passiert! Amerikanische Regisseure könnten hier wahrlich lernen... Ja, wem solche Filme gefallen, der wird auch hier sein Halleluja finden. Untermalt wird die heilige Grütze von Carlo Savinas munterer Musik, die ich, glaube ich, schon mal in dem Fahrstuhl eines der hochklassigeren Hotels dieser Erde gehört habe. Baldi hat früher einmal gute Unterhaltungsfilme von herkömmlichem Zuschnitt gefertigt; meist in abenteuergetränktem Umfeld. Später drehte er einige Western (wie den sehr gute I PISTOLERI DELL´AVE MARIA und den noch viel besseren BLINDMAN), um dann in den 80ern unter dem Pseudonym "Ted Kaplan" bei einigen lauen Vietnamfilmen zu stranden, die auf Video wirklich gut aufgehoben sind. Er ist mir vor kurzem nur knapp entkommen, aber bei der nächsten Rom-Tour ist er fällig! Venantino Venantini war nicht so glücklich und ist mir bereits vor die Flinte gekommen - ein hochinteressanter Mensch, der sehr bizarre Bilder malt (macht er übrigens auch in diesem Film) und eine sehr bohémieske Geschichte hat, die vielleicht bald in diesem Heft zu lesen ist... Er erschien mir als ein Prophet des Untergangs, der vor meiner Videokamera im Gegenlicht die Apokalypse des italienischen Staates beschwörte - das ist so die Sache mit den Heimatländern! Neun Gäste für ein Verbrechen, und mir ist auch schon schlecht...nächster Film!

DIE KLEINEN FREUNDE

Tonino Valeriis MIO CARO ASSASSINO (1972) ist vor kurzem bei "Redemption" auf Video erschienen, und zwar unter dem Titel MY DEAR KILLER. Obwohl das Format bombig ist, lassen die Farben leider einiges zu wünschen übrig. Aber das paßt eigentlich auch ganz gut zu diesem Film, der ein denkbar unerfreuliches Bild der Gesellschaft zeichnet. Aber von Anfang an: Inspektor Luca Perretti (George Hilton, mit Schnäuzer und Brille) muß den Tod eines Detektivs ergründen, der von einer Baggerschaufel enthauptet worden ist. Obwohl der Baggerführer selbst wenig später erhängt aufgefunden wird, glaubt Perretti nicht an einen abgeschlossenen Fall. Bei seinen Nachforschungen findet er heraus, daß die Verbrechen mit einer lange zurückliegenden Kindesentführung zusammenhängen, bei der sowohl die Tochter als auch ihr Vater den Tod gefunden haben. Je tiefer er in das Geflecht von gegensätzlichen Interessen eindringt, umso höher wächst der Stapel an "innocent bystanders", die der Killer über die Klinge springen läßt. Am schlimmsten erwischt es dabei Patty Shepard (bekannt aus diversen spanischen Horrorfilmen der Zeit), die von einer Flex zerschnetzelt wird. Bei dieser Szene erfreut die britische Fassung durch betuliche Dezenz. (Ansonsten ist sie, glaube ich, uncut.) Der Film ist sehr dialoglastig und - wenn man ihn mit den anderen Valerii-Filmen der Periode vergleicht - einigermaßen unattraktiv gefilmt. Tatsächlich war dies einer der wenigen Fälle, wo ich mir die Breitwand mal weggewünscht hätte, da die Schauspieler in den vielen Totalen regelrecht verlorengehen. Immerhin gelingen Valerii (besonders zum Ende hin) einige spannende Szenen, und es gibt auch viele verschrobene Charaktere zu besichtigen. Mein Favorit ist Alfredo Mayo, der einen pädophilen Bildhauer spielt und offensichtlich die gesamten Jahrgänge von "Sonnenfreunde" im Schrank hat. Auch William Berger ist ein rechter Rapunzelprinz: Er spielt einen zwielichtigen Transportunternehmer, der auch schon mal mit einer viel zu jungen Nymphe erwischt worden ist. Auch klasse sind Dante Maggio und Lola Gaos als leicht verrücktes Liebespaar, das sogar die Lösung für den Inspektor bereithält. Der Film spielt (abgesehen von der Prachtvilla der Moronis, die dann aber auch diskreditiert wird) zumeist in schäbigen Milieus, wie wackeligen Hütten, alten Bunkern und armseligen Mietshäusern. Die meisten Leute haben zudem große Beziehungsprobleme. Der Inspektor und seine Freundin Marilù Tolo führen keine sehr harmonische Partnerschaft (verheiratet ist in diesem Film kurioserweise kaum jemand), und Impotenz macht ihm auch zu schaffen. Hilton ist recht gut als gebeutelter Bulle und spielt den Inspektor relativ zurückhaltend. Am Schluß darf er vor den versammelten Verdächtigen in bester Poirot-Manier die Karten auf den Tisch legen, und er macht das sehr stilvoll. Helga Liné taucht auch kurz auf, wird aber stranguliert, bevor sie sich ausziehen kann. Nach dem geschnittenen Mord mit der Flex (der im Original extrem blutrünstig ist) klaubt der behandschuhte Mörder übrigens ein Dagobert-Duck-Comic vom Tisch; das finde ich toll. Die Musik von Morricone ist sehr sparsam und besteht im wesentlichen aus einer traurig singenden Kinderstimme, die sich mit fiesem Gefiepse paart. Den Soundtrack gibt es auf CD, wo er mit dem deutlich besseren zu Elio Petris TV-Film LE MANI SPORCHE zusammengewürfelt wurde. Insgesamt ist MIO CARO ASSASSINO gesundes Mittelmaß, wegen dem man nicht die Nacht durchheulen sollte. Aber die Handschuh-Gialli aus der Zeit finde ich jedesmal wieder unwiderstehlich - das gilt auch für die weniger gelungenen. Und den Trick mit der Baggerschaufel muß man echt gesehen haben!

SCHMETTERLINGE IM BAUCH

Der vor kurzer Zeit verstorbene Duccio Tessari war einer der m.E. besten italienischen Unterhaltungsregisseure. Einer seiner großartigsten Filme gehört direkt in das hier beschriebene Genre: UNA FARFALLA CON LE ALI INSANGUINANTE ("Ein Schmetterling mit blutigen Flügeln"), aus dem bei uns BLUTSPUR IM PARK (1971) wurde. Der Film gehört ohne Frage zu den elegantesten und virtuos inszeniertesten Beispielen seiner Gattung, und es ist eine wahre Freude, der Kameraführung von Carlo Carlini zu folgen, die - im Verbund mit einer straffen Schnittmontage - den Zuschauer gebannt an das düstere Geschehen fesselt. Dieses dreht sich um den Mord an einer jungen Frau (Carole André), die im Park erstochen wurde. Unter Verdacht gerät der angesehene Sportmoderator Marchi, den verschiedene Zeugen erkannt zu haben meinen, und auf den auch gewisse andere Umstände weisen. Nachdem er zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist, reißt die Mordserie aber mitnichten ab: Sein Anwalt und Freund Giulio erwirkt einen Freispruch, während Kommissar Berardi (Silvano Tranquilli, später in Rainer Erlers SF-Reihe DAS BLAUE PALAIS) versucht, den wahren Mörder dingfest zu machen. Es scheint alles darauf hinauszulaufen, daß der junge Aristokrat Giorgio mit den Morden zu tun hat... Bereits der Anfang gefällt durch auffällige, aber nicht übertriebene Eleganz: Nach einem Vorspann, der durch ein Schmetterlingsmotiv hindurch gefilmt ist, werden alle Verdächtigen der folgenden Ereignisse der Reihe nach mit Namen vorgestellt. Schon mit dem Mord und der Spurensicherung wird klar, daß Tessari sein Handwerk versteht: Der Zuschauer wird direkt in die Ereignisse mit eingezogen, wird quasi mit den Charakteren eingesperrt. Dabei gefällt sofort die Kulturbeflissenheit der Polizei: Ein Beamter findet eine Aufnahme von Tschaikowskys Klavierkonzert Nr.1 und weiß anzumerken: "Übrigens ´ne gute Aufnahme!" Na also, ist also doch unter einen Hut zu bringen. Der Kommissar hat interessante Verhörmethoden (Lampe ein- bzw. ausschalten) und ist Mensch genug, um mit den Tücken der Technik, etwa in Form von Kaffeeautomaten, zu kämpfen. Die beste Rolle hat aber zweifellos Helmut Berger, der den neurotischen reichen Sohn spielt, der schon bald psychopathische Züge entwickelt. Zu Anfang spielt Berger einfach nur sich selbst: Er torkelt betrunken durch die Gassen (Passant: "Der steht unter Drogeneinwirkung - solche Leute sollte man einsperren...") oder fährt rücksichtslos durch die Stadt. Bald wird aber klar, daß er nicht nur einen Vaterkomplex hat, sondern auch eine starke Abneigung gegen das adlige Milieu, dem er angehört. Zu seinen Aufgaben gehören hier nicht nur eine verkrampfte Sexszene, sondern auch ein Ausraster, bei dem er die Einrichtung seines Zimmers zertöppern darf. (Er hatte bald darauf auch einen psychopathischen Charakter zu spielen in Sergio Gobbis exzentrischem IL BEL MOSTRO mit Virna Lisi.) Seine Schlußszene ist klasse und wird hier nicht verraten. Vor Gericht kommen natürlich die Deutschen zum Zug: Wolfgang Preiss ist der Staatsanwalt, während Günther Stoll den trügerischen Freund und Verteidiger von Marchi spielt ("...Voyeure, Diebe, Homos, Abartige..."). Absolut berückend anzuschauen ist Evelyn Stewart aka Ida Galli, die Marchis gehörnte Gattin spielt, die aber ihrerseits ein Eisen im Feuer hat und eine kurze, wenngleich geschmackvolle, Nacktszene. (Manchmal ist man ja auch mit wenig zufrieden...) Wieder mit dabei ist die unvermeidbare Dana Ghia als Helmuts Mutter. Der Film unterscheidet sich von amerikanischen Pendants dadurch, daß er seine Themen - eine kaputte Ehe, eine gestörte Vater-Sohn-Beziehung, zerstörte Liebe etc. - nicht nur auflistet, sondern sie in der sehr sinnlichen, auf romantische Schauwerte ausgerichteten Ästhetik der Inszenierung dem Zuschauer spürbar macht. Selten habe ich es gesehen, daß es einem Film so sehr gelingt, eine simple Unterhaltungsgeschichte derart kunstvoll und gleichzeitig unter Verzicht auf jedweden überflüssigen Schnickschnack aufzubereiten - toll! Die Form steht vollkommen im Dienst der ausgesprochen spannenden Geschichte, die in der deutschen Videofassung überdies durch exzellente Qualität von Bild und Ton und gutes Bildformat gekürt wird. Hach, wenn es doch immer so wäre! Gianni Ferrios schöne Musik macht häufigen Gebrauch von den Anfangsakkorden des bereits erwähnten Klavierkonzertes und enthält auch viel jazzige Klavierpassagen, die auf der wie üblich exzellent angefertigten "Easy Tempo"-CD zu bestaunen sind. Einer der besten Gialli überhaupt, den man sich nicht nur als Helmut-Berger-Fan um gar keinen Preis entgehen lassen sollte.

LURCHIS FEUERZUNGE

Riccardo Freda war stets einer, der die ambitionierten Künstler unter seinen Regiekollegen belächelte und sich selbst voll und ganz dem Unterhaltungskino verpflichtet fühlte. (Das tut er auch noch jetzt, mit fast 90 Jahren!) Obwohl weit von seinen Glanzleistungen entfernt, offeriert L´IGUANA DALLA LINGUA DI FUOCO (1971) die Gelegenheit, ihn dabei zuzuschauen, wie er mal richtig die Sau rausläßt! Der Film spielt in Irland, und deshalb gleich ein Limerick: "Der große Riccardo Freda/ der kannte kein Ent noch Weder/ Er trug gern dick auf/ und ließ Blut freien Lauf/ Bei ihm gingen sich alle ans Leder." Und zwar gleich zu Beginn, als eine unbekannte Frau von dem unbekannten Killer zuerst mit Vitriol eine Munddusche bekommt und zur Vervollständigung die Kehle durchgeschnitten bekommt, was mit einem Geräusch von der Subtilität einer Klospülung untermalt ist. No sir, Freda macht keine Gefangenen! Besagte Leiche wird im Kofferraum des Wagens von Mrs. Sobieski entdeckt, der divaesken und dem Alkohol nicht abgeneigten Ehefrau des Botschafters von Italien (Anton Diffring). Der unkonventionelle Inspektor John Norton (Luigi Pistilli), der einst einen Verdächtigen so übel traktierte, bis sich dieser mit einer entwendeten Waffe das Gehirn rausblies (ebenfalls liebevoll eingefangen), schafft sich voll rein in die Stieftochter des Diplomaten, und das ist gut so, denn diese saftige Sexszene gehört der schnuckeligen Dagmar Lassander! Der Botschafter ist mit den rüden Methoden des Polizisten nicht einverstanden, zumal er mit seinem Stiefsohn Mark und dessen zwielichtigem Freund Werner "Bravo" Pochath zwei echte Gauner am Hacken hat. Wer ist der Mörder? Freda schippt die Verdächtigen hektoliterweise heran und geht nicht übermäßig subtil dabei vor. Besonders heftig sind die "Sonnenbrillenschocks", die der Filmsoundtrack zu Beginn jedesmal wie Watschen verteilt, wenn jemand eine Sonnenbrille trägt. (Fast jeder.) Die Musik von Cipriani ist überhaupt reichlich überemphatisch, aber Freda (der hier das Pseudonym "Willy Pareto" benutzte und den Film selber ablehnt) scheint das Werk eh nicht übermäßig ernst genommen zu haben: In einer Szene wird eine Wäschereirechnung von der "Swastika Laundry" ins Bild gehalten! Yeah!! Die beste Rolle hat die großartige Valentina Cortese als durchgeknallte Sobieski, die während des Verhörs säuft wie ein Loch, ständig französische Brocken verwendet und eine Arie aus "Carmen" flötet. Luigi Pistilli war eine Zeit lang der Freund der Sängerin Milva und erschoß sich vor kurzem. Dies ist unverständlich, denn eine Sexszene mit der Lassander zu haben, müßte eigentlich lebenslang vor Depressionen schützen... Aber der wirklich gute Schauspieler wurde eigentlich sein ganzes Leben lang mit solchen Finsterrollen unterfordert. Diffring ist wie üblich sehr gut und gibt den Botschafter als herrschaftlichen, bornierten Aristokraten. Und Werner Pochath ist sowieso immer toll. Was bei diesem groben, geschmacklosen und dennoch unterhaltsamen Film am meisten auffällt, ist die unglaubliche Blutrunst, die sich vor den entsetzten (oder erfreuten) Augen des Betrachters entfaltet. Nicht nur bei den Mordszenen spritzt das Blut eimerweise. Selbst in einer relativ redundanten Szene wie der, in der Doktor Johnson dem Luigi den Kopf zunäht, hält die Kamera voll drauf, was spätestens wenige Szenen darauf zum Problem wird, als Luigis Kopf von oben gefilmt wird und die medizinisch erschorene Tonsur bereits wieder zugewachsen ist... ("My name ist Freda, not Willy Pareto! Do I look like Willy Pareto? Vaffanculo...") Kurz und gut, Trashfilmfreunde werden sich diesen Film nicht entgehen lassen wollen, aber die Kinogeschichte muß nicht umgeschrieben werden. Übrigens erwähnt Freda in Interviews gerne, daß er unter Mussolini einer der Miterfinder von Cinecittà gewesen sei, aber da verweise ich auf obigen Limerick...

EDE HOLZ DER KLEINERE

Als uns Antonio Tentori - der Autor von verschiedenen Büchern über die Genres, die in dieser Kolumne abgehandelt werden - uns einst eine Kassette mit IL PRATO MACCHIATO DI ROSSO (1974) überreichte, bemerkte er dazu, daß es sich hier um die Arbeit des italienischen Ed Wood handele. Beim Betrachten des Filmes (das von der Einnahme diverser Rauschdrogen begleitet war) konnte ich nicht umhin, dem guten Manne Recht zu geben: Der Film ist der nackte Wahnsinn auf Stelzen. Das Geheimnis, das ihn umgibt, könnte nicht einmal von Sherlock Humbug gelüftet werden... Aber langsam: Onkel Max und seine Hippie-Freundin werden von der Straße weg in eine reiche Villa eingeladen, in der nicht nur der Beat-Teufel regiert, sondern auch ein wahnsinniger Wissenschaftler namens Antonio Genovese. Eben jener betreibt - was die doofen Langhaarigen nicht wissen - einen schwunghaften Handel mit Frischblut, das den "Gästen" des Hauses unfreiwillig entnommen wird. Die hierzu verwendete Maschine erinnert etwas an den Roboter R2D2 beziehungsweise an eine überdimensionale und sehr geschmacksunsichere Haschpfeife. Das Gerät, das mit einem Staubsaugerarm mit Vampirzähnen dran ausgestattet ist, steht bequemerweise mitten im Wohnzimmer, wo es unter den bedrogten Gästen ein großes Oho und Aha hervorruft. Natürlich sind auch Max und seine Genossin vorgedacht für die Spende: Nicht umsonst werkelt der Onkel Doktor (zusammen mit seiner geilen Frau Nina) an der Erschaffung eines "höheren Menschen"... Autsch, autsch, es geht nichts mehr rein! Was für ein Film. Also, abgesehen davon, daß dieser SF-Horror-Drogen-Cheapo allein schon durch die schier unerschöpfliche Vielfalt an Fliegen und Krawatten eine Erwähnung verdient, die Enzo Tarascio als der verrückte Arzt aufträgt (alle haben einen Rotationsradius von mindestens 30 Zentimetern!), ist hier wirklich alles vorbei! Der Doktor und seine Gemahlin (Marina Malfatti, aus DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN) haben im oberen Stockwerk eine nackte Schönheit gefesselt und geknebelt und erklären das damit, daß sie unter Epilepsie leide! (Klar - Supertherapie...) Aus den Duschen dieser Villa kommt aus unerfindlichen Gründen Wein (!), während der kostbare Körpersaft in Flaschen abgefüllt exportiert wird. Durch diesen Umstand kommt auch ein Spezialagent (der ein bißchen wie Nino Castelnuovo aussieht) auf die Spur der Übeltäter und rettet den Tag. Claudio Biava, den man möglicherweise aus einigen Western kennt, spielt den Bruder der geilen Nina und ist ihr auch in sexueller Weise zugetan. Sex spielt angenehmerweise eine große Rolle in diesem Meisterschlock, und es wird wieder einmal propagiert, daß das Rauchen von Joints im nackten Zustand wesentlich mehr Spaß macht. Das Ehepaar Genovese ist darüberhinaus großer Bewunderer der Musik Wagners ("musica per una razza superiore"), die dann auch prompt bei den Entsaftungsaktionen im Hintergrund
dudelt... Regisseur Ghione wurde genau 14 Tage nach meinem Vater geboren, aber die Karriere war dann eine ganz andere: Er begann unglaublicherweise als Mitarbeiter von Genies wie Cesare Zavattini und Marco Ferreri. (Äh, Ghione.) Sein erster Film als Regisseur war der 1968 gedrehte IL RIVOLUZIONE SESSUALE, der nicht nur auf einer Vorlage des Psychologen Wilhelm Reich basierte (!), sondern auch noch Laura Antonellis erster Film war. (Drehbuchautor war Dario Argento!) Ein unglaubliches Werk, das Freunde des Trashfilmes definitiv auf ihre Wunschliste schreiben sollten!

P.S. Versäumen Sie nicht die bald aus den Vereinigten Staaten herübergerettete Extrem-Talkshow "Human Remains", wo nur noch Personen mit grotesken Perücken und dunklen Sonnenbrillen auftreten. Einmal im Jahr ist dann Tombola; da dreschen psychisch Gestörte mit Gummikeulen aufeinander ein und es wird der Deppenkönig im Zombieland gekürt.

P.P.S.: Bald ist er da, der Satellit!

(Zuerst erschienen in der "Splatting Image" Nr. 38, Juni 1999.)

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