EINE HANDVOLL BLANKER MESSER

Noch ein paar Giallo-Schmankerln

DIE WAFFEL: DAS MOTIV!

Gleich mitten hinein ins Getümmel: Im realexistierenden Sozialismus haben sich neben vielen Kruditäten auch einige Wunder zugetragen. So konnte es geschehen, daß Mitte der achtziger Jahre im Rahmen der beliebten TV-Reihe "Film ihrer Wahl" aus fünf Kontrahenten ausgerechnet ein obskurer italienischer Giallo mit antiklerikalen Untertönen ausgewählt wurde: L'ARMA, L'ORA, IL MOVENTE (DIE WAFFE, DIE STUNDE, DAS MOTIV, 1972) von Francesco Mazzei. Durch diesen Film habe ich mich einst auf italienisch durchgewürgt. Die deutsche Fassung enthält nur wenige Schnitte und ist wirklich ein Fund, den man sich unter das Kopfkissen legen kann. In dem vergleichsweise gemächlich erzählten Film geht es um den hübschen Priester Don Giorgio (Maurizio Bonuglia), der das Objekt der heißen Liebe von gleich zwei Frauen ist: Giulia und Orchidea. Das Gewissen des Priesters poltert gar entsetzlich, ist das Lotterleben doch nicht mit seiner Profession vereinbar - dummerweise ja auch noch heute ein Problem. Aber Don Giorgio hat Glück: Seine inneren Probleme werden auf äußerst direkte Weise gelöst von einem unbekannten Mörder, der ihn in der Sakristei absticht. Inspektor Boito untersucht den Fall, und das ist gut so, denn er wird gespielt von Renzo Montagnani, der normalerweise in Komödien als ewiger Platzhirsch seiner entschwindenden Männlichkeit nachgelaufen ist. Für diesen herrlichen Mimen (der leider inzwischen ganzinhaltlich entschwunden ist: Krebs!) gab es auch einige wenige ernsthafte Rollen, in denen er zeigen konnte, wie vielseitig er war. (Im selben Jahr war er auch zu sehen in Pan Cosmatos' Faschismus-Drama MASSACRE IN ROME, in dem er die dreißig Zivilisten auswählen muß, die aus Vergeltungsgründen hingerichtet werden sollen.) Sein Inspektor in L'ARMA liegt irgendwo zwischen den ernsten und den lustigen Parts: In einem ansonsten eher nüchternen Film liefert er zynische und lakonische Kommentare zu einem Geschehen, das zum Himmel stinkt. Dabei verliebt er sich in Orchidea, was nicht gut ist, denn sie steckt mitten drin in der Geschichte. Obwohl der Film weitgehend seriös gestrickt ist, verstört er dann und wann sein Publikum mit extrem spekulativen Zutaten, z. B. in Negligées duschende Nonnen, die nicht den Eindruck machen, als wäre hier der Klosteralltag realistisch eingefangen worden. Zudem geißelt sich Bonuglia für seine Verfehlungen, und als er dann gestorben ist, veranstalten die Ordensschwestern eine Art Bonuglia-Gedächtnis-Geißeln, das dem ostdeutschen Zuschauer einst erspart blieb. (Wie so vieles andere auch!) Überhaupt ist sein Charakter eher Don Johnson als Don Giorgio, aber zum Korinthenknacken haben wir uns nicht in den Sessel gesetzt. Stattdessen freuen wir uns lieber über die Geschichte des Findelkindes Ferruccio, das das finstere Geschehen durch ein Loch in der Zimmerdecke beobachtet hat und somit die ganze Aufmerksamkeit des Killers besitzt. Wir freuen uns auch über Salvatore Puntillo, der den Assistenten Renzos spielt und andauernd von ihm zusammengerüffelt wird. (Einmal drischt ihn sein Boß sogar zusammen - Superjob!) Es gibt auch Katakomben mit rituell hergerichteten Skeletten; warum auch nicht. Trotz vieler sehr konstruiert wirkender Handlungsteile hat der Film aber meine Sympathie, denn er ist hübsch gemacht und teilweise richtig spannend. Der Schluß mit der Hochzeit ist sogar ein richtiger Bringer, zumal der rettende Engel schließlich eine Katze ist, und Katzen sind ja überhaupt das Allerschärfste! Erwähnt sei auch die kettenrauchende Restaurantchefin, die auf einmal unmotiviert Fremden erklärt, daß ihr Sohn in Haiti lebe und dann einfach verschwindet. Schön! Wenn mir in der Straßenbahn jemand sagen würde: "Mein Sohn lebt in Haiti!", dann würde mich das noch den ganzen Tag beschäftigen... Der Film beschäftigt einen nicht so lange, aber er tut dies für 90 Minuten, und das sehr angenehm. (Was wohl die anderen vier Filme waren?)

KALTE SCHALE

Mit unserem zweiten Film begeben wir uns in Sleazeterritorium, denn in Sergio Pastores bekanntestem Film, SETTE SCIALLI DI SETA GIALLA (1972), wird auf Dezenz kein nennenswerter Wert gelegt. Stattdessen verwöhnt uns der obskure Regisseur mit zahlreichen bekannten Gesichtern, die in einen bunten Mordreigen eingewoben sind. Angeführt wird die Besetzung von Anthony Steffen, der die zahlreichen Gewaltakte, die ihm in den Western zuteil wurden, offenbar doch nicht schadlos überstanden hat: Er ist blind wie ein Maulwurf! Sein Peter Oliver ist ein anerkannter Pianist, dessen Ex-Mätresse auf rätselhafte Weise den Tod fand. Obwohl alles auf einen Herzschlag hindeutet, vermutet er Schindluder, und zusammen mit seinem Butler und der schönen Margot schickt er sich an, den Straßen von Kopenhagen das düstere Geheimnis zu entreißen. Zur Freude des Zuschauers ist ein Modesalon das Zentrum des Geschehens, und der wird von niemand Geringerem geleitet als der bezaubernden Kroatin Sylva Koscina und ihrem vorbestraften Stammstecher Giacomo Rossi Stuart. Da in diesem Salon die Wände Augen und Ohren haben, setzt es zahlreiche Verdächtige und Augenzeugen, die im erbarmungslosen Räderwerk des Filmes knirschend zuschanden gehen... Pastore erweist sich dabei in ausgesprochener Torlaune und gibt dem Affen Zucker. Spekulatives Beiwerk? Oh ja, reichlich davon! Niemand packt ungestraft die Sille, Annabella Incontrera (mit der Nase) und Shirley Corrigan (aus DIE NACHT DER BLUTIGEN WÖLFE) in einen Film, ohne daß sie sich bei der Verrichtung ihrer Arbeit ab und an mal auszögen! ("Von einem Mann, der sich auszog, das Fürchten zu lehren"...) Die Auflösung ist so schön, daß ich sie jetzt einfach mal verrate: Einer Katze, die auf das Zusammenspiel von gelben Schals (Originaltitel: "Sieben Schals aus gelber Seide"!) und Terpentin denkbar ungünstig reagiert, werden die Krallen mit Curare eingerieben... Agatha Christie, eat chain! Wer der Mörder ist, sage ich aber nicht. Pastore hat seine Ehefrau Giovanna Lenzi auch mit eingebaut: Sie spielt eine Ex-Zirkus-Tierbändigerin, die zu einer drogensüchtigen Tierladenbesitzerin mutiert ist. Ja, so eine Liebe währt ewiglich - zumindest bis 1987, denn da starb Sergio, und Giovanna (die in allen seinen Filmen mitspielte) mußte seinen Schwanengesang DELITTI selber zu Ende inszenieren. SETTE SCIALLI ist, wenn man ihn qualitätsmäßig beurteilt, ein heilloser Mischmasch aus Elementen von IL GATTO A NOVE CODE, SEI DONNE PER L'ASSASSINO und SERENGETI DARF NICHT STERBEN und einfach echt absurd, aber er unterhält das Exploitation-Publikum auf mehr als faire Weise mit Spaß + Dollereien. Die Morde sind pittoresk: Ein Opfer bekommt auf dem Bahnhof etwas Zug; Frau Pastore findet das Glück am Ende des Stricks; und was mit Schönherzchen Corrigan am Schluß in der Dusche passiert, ist dermaßen heftig, daß ich mich über die ungeschnittene TV-Kopie aus Italien schon sehr gewundert habe... Ach ja, und Giacomo (Zitat: "You will drive those Hamburger Hausfraus wild!") landet kopfüber im Kalk: Der Tenor im Gefangenenchor! Raho als Butler ist auch klasse. Die Musik stammt von Manuel de Sica, der für seinen berühmten Vater einige wunderschöne Scores gemacht hat und für SETTE SCIALLI in Beat-Regionen wildert. Wie meine Exxe immer zu sagen pflegte: Das zeckt! Fazit für den Film: Man kann Niveaulosigkeit wirklich weit unansehnlicher zelebrieren. Yeah!

WUNSCHKONZERT

Viele meinen, es sei ausgesprochen leicht, eine Krimikomödie zu zaubern. Dem mag so sein, aber es ist sicherlich ausgesprochen schwer, eine GUTE Krimikomödie zu zaubern. Michele Lupo ist das gelungen in dem 1970 hergestellten CONCERTO PER PISTOLA SOLISTA, der in Deutschland als SOLO-KONZERT FÜR EINE PISTOLE gelaufen ist, während er verwirrenderweise im DDR-Fernsehen zu sehen war als KONZERT FÜR EINE SOLOPISTOLE! In diesem wundervollen Film findet sich eine Gruppe von Exzentrikern zusammen zur Testamentsverlesung des ehrenwerten Sir Henry, der das Zeitliche gesegnet hat. Schon bald liegt der Butler tot darnieder, und Scotland Yard schaltet sich ein, in Gestalt des vortrefflichen Inspector Grey und seines Gehilfen Alowishus Thorpe. Mit viel Gespür für die sensiblen Verästelungen menschlicher Verhaltensweisen dringen die Gesetzesmänner in ein Labyrinth verwandtschaftlicher Absonderlichkeiten ein, und es ist ein Testament für Lupos Fähigkeit als Regisseur (und das ist es tatsächlich, denn er ist schon seit einigen Jahren tot!), daß diese Bemühungen zu einer rundum unterhaltsamen Angelegenheit werden. Anders als viele andere Spaghetti-Thriller der Zeit spielt dieser Film in dem beschaulichen Dörfchen Somerlayton in Suffolk, wo nicht nur britische Dialekte florieren (zumindest in meiner britischen Fassung), sondern auch ein Sinn für stilvolle Perversion: Was da als Familie präsentiert wird, ist ein erbarmungswürdiges Konglomerat an menschlichen Niedrigkeiten. Michele Lupos Anliegen war aber nicht die Enttarnung dieser Monstrositäten, als vielmehr die zielgerichtete Zufriedenstellung eines unterhaltungssüchtigen Publikums, und dieses Ziel erreicht er mit Bravour! Unterstützt wird er dabei von einem italo-britischen Schauspielerensemble, das wirklich alles gibt: Gastone Moschin (ein wundervoller Darsteller, der aus der Gegend um Verona stammt) spielt den hasenzahnbewehrten Sergeant Thorpe, dessen Naivität nur noch überboten wird von seiner unglaublichen Spürnase, die seinem Vorgesetzten letztlich zur ersehnten Altershilfe gereicht. Als dieser Vorgesetzte ist auch der mir sonst unbekannte Brite Lance Percival brillant, der in einer perfekten John-Cleese-Rolle einen Polizeimann gibt, der meint, stets auf der Höhe des Geschehens zu sein, auch wenn Conan Doyle im Grabe rotiert. Unter den Familienmitgliedern ragt die Nichte des Verstorbenen, Barbara, hervor, die von der Opernsängerin Anna Moffo gegeben wird. (Sie war die Ehefrau des Regisseurs Mario Lanfranchi und war bereits in Lupos Film aus dem Vorjahr, DIE GELIEBTE, in dem sie sich sogar entblätterte, was zu einiger Entrüstung führte.) Evelyn Stewart blinzelt mit ihren sanften blauen Augen, und die Welt ist wieder in Ordnung. Giacomo Rossi Stuart gibt einen in schummrige Geschäfte verstrickten Playboy, der die schwarze Beryl Cunningham geheiratet hat, um seiner Familie eins auszuwischen. Großartig ist die ältere Marisa Fabbri, die als Tante Gladys ungehemmte Exzentrität versprüht, und deren fast schon sadistisches Matriziertum ihren Sohn Georgie zu einem perversen Spannemax mit Sinn für krude Späße hat werden lassen. Als Domestiken huschen auch Robert Hundar und Orchidea de Sanctis durch die Gegend. (Einer von beiden zieht sich aus.) Man könnte die Aufzählung jetzt fortführen, aber ich lasse das mal! Jedenfalls darf die Besetzung sich in einem wunderschönen Herrenhaus herumtreiben, wo fast jeder von ihnen einem mißlichen Geschick zum Opfer fällt. Zu grausliche Effekte werden zwar ausgespart, aber Dezenz vermeidet auch dieser Film erfolgreich, und ich liebe ihn dafür sehr! Sondernormen ist die Zahl von Zooms und Reißschwenks auf verdächtige Gesichter, und stets werden sie untermalt von Francesco de Masis toller Musik, die sich erneut des ersten Klavierkonzerts von Wladimir Iljitsch Tschaikowsky bedient. (Eine unbedingte Pflichtanschaffung auf CD!) Der Film ist unglaublich sympathisch und wirbelt an einem vorbei wie ein Wiener Walzer... Gastone Moschin radelt andauernd auf seinem Fahrrad durch die Gegend; seine Plastikzähne (wie schafft es der Mensch, damit zu sprechen?) möchte man fast zu einem Modehit für die neue Saison erklären. Ein ohne Abstriche wundervoller Film von dem viel zu wenig besungenen Michele Lupo, der für mich zu den Königen des italienischen Unterhaltungskinos gehört hat. Dies ist eins seiner Meisterwerke, und ich möchte am liebsten pausenlos um meinen Tisch tanzen. Das wird aber bald langweilig - deshalb schnurstracks zum nächsten Film...

LABERRIND

Eine sehr ungewohnte Übung für den westernerprobten Mario Caiano ist der 1971 herausgekommene L'OCCHIO NEL LABIRINTO ("Das Auge im Labyrinth"), der zwar deutsch koproduziert wurde, aber scheinbar niemals unsere Kinos erreichte. Und das ist schade, denn der Film ist einer von Caianos besten und entwickelt eine ambitionierte und verwirrende Geschichte, in der eine junge Frau namens Julie ihren Lebensgefährten Lucas Bernhardt sucht, der als Irrenarzt tätig ist. Bei ihren Nachforschungen erhält sie viele verblüffende Hinweise von Fremden, die sie schließlich in eine mondäne Villa führen, in der eine gewisse Gerta eine bunte Gruppe von Halbverrückten beherbergt. Es mendelt sich immer mehr heraus, daß Lucas in kriminelle Machenschaften verwickelt war, die mit den Exzentrikern verknüpft sind. Bis Julie die ziemlich schockierende Wahrheit erfährt, muß sie sich noch diverser Mordanschläge erwehren... Der Film beginnt mit einem Borges-Zitat und versucht auch nach besten Kräften, den Zuschauer zu desorientieren: Man weiß bald nicht mehr, ob die zunächst eingenommene Perspektive der schönen Heldin Rosemary Dexter wirklich verläßlich ist. Die zufällig erscheinenden Randfiguren der Handlung machen alle den Eindruck, als wären sie kunstvoll von jemandem arrangiert worden und die Entdeckungsfahrt von Julie lediglich eine Charade, in der nichts vom Zufall bestimmt wird. Selbst die zahlreichen Rückblenden (sonst ja Garant für verläßliche Informationen über die Vergangenheit) können genausogut erfundene Geschichten sein, die den Erzählern aufdiktiert worden sind. Irgendwann rechnete ich fest damit, daß sich schließlich alles (wie in Finchers THE GAME) als elaborate Inszenierung entpuppt, aber tatsächlich ist die Auflösung ebenso weit hergeholt wie bestürzend. Caiano verwendet viele einschlägig bekannte Schauspieler. Neben der Valli brilliert Adolfo Celi als amerikanischer Ex-Gangster, der an Rosemaries Reize rankommen möchte. Sybil Danning ist eine Fotografin, die in einer Szene Franco Ressels Füße fotografiert (!), der seinerseits mit einem Mikro herumläuft, um Naturkompositionen aufzunehmen... Der verschwundene Lucas ist dann sogar Horst Frank, und der Hottemax wird gleich in der Anfangsszene blutig umgeraspelt, was den Tatsachen entsprechen kann oder auch nicht. Eine hübsche Blonde (die ich wirklich für eine Frau gehalten habe) entpuppt sich als Mann! Man folgt dem Geschehen eher fasziniert, als daß echte Hochspannung erzeugt werden könnte - dazu ist die Handlung zu bizarr. Aber allein schon durch die für Caiano ungewohnt psychedelische Bildführung gibt es genug zu sehen, und es verwundert nicht, daß der Regisseur den Film sehr mag. Ich habe ihn übrigens getroffen, aber ein Interview wird erst später erfolgen, da der Mann nach wie vor sehr aktiv im Fernsehen ist. Marios Mirakelstunde ist auf jeden Fall Fans dieser Filmgattung wärmstens empfohlen und wird durch einen guten, sehr jazzorientierten Soundtrack von Nicolosi abgerundet.

LUSTIGE HYÄNE

Der altgediente Unterhaltungsregisseur Silvio Amadio drehte in den 70ern zwei handfeste Giallos. Der seltenere der beiden ist IL SORRISO DELLA JENA ("Das Lächeln der Hyäne") von 1971, in dem Jenny Tamburi einen ihrer ersten Auftritte hatte als Amerikanerin Nancy Thompson, deren Mutter sich angeblich mit einer Glasscherbe die Kehle durchgeschnitten hat. In Rom sucht sie ihren Stiefvater Marco auf, der Trost erhält von Gianna, der einstmals besten Freundin ihrer Mama. Das Drehbuch stellt sehr bald klar, daß die beiden Erwachsenen ein böses Spiel spielen, und da Nancy ihnen bei der Verwirklichung ihrer kostenintensiven Pläne im Wege steht, soll ein "Unfall" herbeigeführt werden. Der Fall wird aber dadurch kompliziert, daß Marco durch die wenig prüde Nymphe angeregt wird, die auch vor sapphischen Beziehungen zu Gianna nicht zurückschreckt. Die unvermeidliche Dana Ghia (die früher als Sängerin aktiv war und diverse Tourneen gemacht hat) läuft auch herum als überschlaue Dienerin Magda, aber sie wird blutig von Marco abgemessert. Alles führt dann zu einem irgendwie vorhersehbaren Finale. Das Drehbuch des Filmes ist denkbar simpel, und es ist ein Fehler, die Fronten so früh zu klären. Immerhin serviert der Schluß noch eine hübsche Überraschung, und der finale Gag (ein "deus ex machina" im wahrsten Sinne des Wortes) hat mich ziemlich erheitert. Eine Moral von der Geschicht gibt es in dem Film auch nicht, und so hatte Amadio auch keine Skrupel, die gerade 20-jährige Jenny sehr häufig nackt herumturnen zu lassen, was ich sehr anständig finde. Jenny firmierte hier als "Luciana della Robbia", obwohl sie eigentlich Venturini heißt. Mittlerweile ist sie eine knackige 45-jährige und leitet eine Filmagentur, durch die ich auch an Barbara Bouchet rangekommen bin. Gianna ist ein erneuter "Bitch Goddess"-Part für die umwerfende Rosalba Neri, die sich zwar kaum auszieht, aber ihre Rolle mit viel intensiver Bosheit ausstattet. Ihr Freund ist hier Silvano Tranquilli, der auch in der deutschen Serie DAS BLAUE PALAIS von Rainer Erler mitwirkte und im vorletzten Jahr leider gestorben ist. Als kleine Überraschung am Rande setzt es noch Hiram Keller, der in Fellinis SATYRICON eine große Rolle hatte. Jenny erzählte im Interview, daß sie den gutaussehenden Briten sehr lecker fand und alles daran setzte, ihn zu "knacken". Ihre Bemühungen waren aber umsonst, da Hiram auf der anderen Seite des Geschlechterkarussels fuhr. Die Musik von Roberto Pregadio (der hier als "Bob Deramont" firmiert) ist pausenlos am Abjammen und übertüncht die weitgehende Abwesenheit einer Handlung angemessen. Das komödienhafte Titelstück ("Choo-choo-choo-choo...") ist auf der ersten "Beat at Cinecittà" enthalten, während der US-Sampler "Italian Girls Like Ear-Catching Melodies" einen anderen Track enthält. Der bessere der beiden Filme ist aber mit Abstand ALLA RICERCA DEL PIACERE von 1973, in dem die Neri mit Barbara Bouchet herumpoussiert...

TRIEFMÖRDER

Dem Cozzi, was des Cozzis ist! In der Regel ist das nicht viel, denn was der langjährige Argento-Mitarbeiter so zusammengeprokelt hat, verdient selten Beachtung. Nachdem er den undergroundigen SF-Film IL TUNNEL SOTTO IL MONDO und eine Folge von der von Argento präsentierten TV-Serie LA PORTA SUL BUIO gemacht hatte, begab er sich 1975 (mit gerade 28 Jahren) in den gelben (Giallo-) Bereich, wo er seinen besten Film machen sollte: L'ASSASSINO E' COSTRETTO AD UCCIDERE ANCORA ("Der Mörder ist gezwungen, wieder zuzuschlagen"). In diesem nicht sonderlich gutaussehenden, aber streckenweise mordsspannenden Film erzählt Luigi die Geschichte des windigen Architekten George Hilton, der seine Frau satt hat, ihren Mammon aber nicht. So trifft es sich überaus gut, als er der Leichenbeseitigung eines Frauenmörders ansichtig wird, den er zu einer kleinen, aber naheliegenden Gefälligkeit erpreßt. Hier kann der Triebmörder sozusagen Arbeit und Vergnügen miteinander verbinden... Bei der Durchführung des Planes geht aber einiges schief: Nachdem er die mißliebige Gattin im Kofferraum eines Wagens verstaut hat, wird das Gefährt von den Kiddies Luca und Laura (Peter Lee Lawrences Sweetheart Cristina Galbo) geklaut. Es entbrennt eine wilde und suspensehaltige Verfolgungsjagd, die schließlich bei einem einsamen Haus endet. Der Killer muß jetzt die mißliebigen Zeugen beseitigen, aber das erweist sich als leichter gesagt als getan... Cozzi bedient sich inhaltlich sehr stark bei Grusel-Altmeister (schluck!) Hitchcock, während die Aufbereitung der einzelnen Szenen doch sehr stark seinem großen Idol Dario ähnelt, für den er noch heute die "Profondo Rosso"-Shops leitet. Natürlich geht Luigi nicht mit soviel Kunstfertigkeit und Ästhetik zu Werke wie das Vorbild, aber die kriechende Spannung, die gerade die Szenen in dem alten Haus verursachen, sind wirklich nicht von Pappe, und die nervige Musik von Nando de Luca (die allerdings singende Sägen etwas überstrapaziert!) tut ihr übriges, um den Film gelingen zu lassen. Für die Sleaze-Fraktion hat Luigi noch eine bezaubernd überflüssige Randepisode reingepackt, in der Luca die blonde Anhalterin Femi Benussi aufreißt, die den Traum eines mitnahmewilligen Autofahrers männlicher Abkunft darstellt: dumm, geil und sexy! Die nun folgende Besteigung der femininen Femi wird parallelmontiert zu der weit weniger erwünschten Kuschelstunde zwischen der Galbo und dem brutalen Mörder. Diese Szene ist weit, weit unter der Gürtellinie und hätte wohl kaum das Placet hiesiger (oder amerikanischer) Zensurbehörden gefunden. Der Psycho wird im übrigen gespielt von Michel Antoine, der ein unglaubliches Gesicht besitzt, dessen Hohlwangigkeit noch durch ein geschicktes Makeup unterstützt wurde - kein Mann, dem man nachts im Dunkeln begegnen möchte - no, thanks! Eine unerwartete Western-Leihgabe ist der vortreffliche Eduardo DJANGO Fajardo, dessen süffisanter Inspektor die Hosen an hat und Hilton sofort die Daumenschrauben ansetzt... Was Cozzi in seinen späteren Filmen selten gelang - hier ist's getan: eine wirklich effektive Anderthalbstunde mit viel anrüchtigem Zubehör, das man an sich herunterperlen lassen kann wie ranzigen Champagner, der zum Trinken eh viel zu sauer ist... (Der Film, den Hilton und der Mörder im Kino sehen, ist Cozzis IL TUNNEL SOTTO IL MONDO!)

SCHLAMPENFIEBER

Der Regisseur Giuseppe Bennati ist ein schwer einzuordnender Kollege, denn er hat sich im Laufe seiner Karriere sowohl mit anspruchsvollen Stoffen als auch mit schnöder Unterhaltungsware abgegeben. Zu letzterer gehört glücklicherweise auch sein Schwanengesang: L'ASSASSINO HA RISERVATO NOVE POLTRONE (1974). "Der Mörder hat neun Plätze reserviert", und das ist ganz wichtig, denn in diesem elegant gemachten, aber inhaltlich enorm trashigen AQUARIUS-Vorläufer spielen viele vertraute Gesichter (und Körper!) mit... Der reiche Industrielle Davenant (Chris Avram) hat sich dazu breitschlagen lassen, eine bereits angeschickerte Gruppe von hochnäsigen Nabobs von einer Party direkt in ein ihm gehörendes Theater zu verfrachten. Dieses Theater ist alt und hat Geschichte. Daß ein Großteil dieser Geschichte äußerst blutig ist, findet die mondäne Mischpoke heraus, als ein Mordanschlag auf Davenant verübt wird, und man das Weite suchen möchte. Doch nee-nee - is' nicht! Die Türen sind verriegelt, und schon bald macht ein Mörder das Areal unsicher. Zum Glück verlieren die Deppen nicht die Nonchalance, die solchen wohlgeborenen Schnöseln wohl zu eigen ist, und pimpern und plotten, was das Zeug hält. Freund Heiner hält derweil grimmig Strafgericht... Ja-ha-ha, dieser Film hat nun mal endgültig kaum Handlung! Macht aber nichts, denn es bereitet eine politisch nicht ganz unkorrekte Freude, dabei zuzuschauen, wie diese "partythrowers for a living" nacheinander den herben Tatsachen des Lebens (und des Todes) gegenübergestellt werden. Die meisten von ihnen machen ein ganz blödes Gesicht, und das macht der vermummte Mörder ohnehin, denn er trägt eine Faschingsmaske, die irgendwo zwischen Roman Herzog und dem Kaufmann von Venedig angesiedelt ist - das Phantom, der Oppa! Und was ist das für eine Menagerie: Avrams Schwester ist Eva Czemerys, die eine wahre Über-Lesbe spielt. Ihr ganz privater Dosenfreund ist die amerikanische Tänzerin Lucretia Love, die hier ihr hübsches langes Haar abgeschnitten hat und zur Strafe nackt von einer Tür entzweit wird... Das ist aber noch gar nichts gegen Evchens Geschick, denn sie wird vom Mörder (in der fiesesten Szene des Films) an den Brettern, die die Welt bedeuten, festgenagelt! Avrams Frau ist auch nicht von Pappe, denn sie ist Janet Agren, der während eines improvisierten "Romeo und Julia"-Auftrittes mit Messerschärfe bedeutet wird, daß es doch die Lerche war und nicht die Nachtigall. Ein widriger Gast ist auch Bodybuilder Howard Ross, der Janets geheimen Geliebten spielt, was aber etwas in die Schwebe gerät... Avrams Tochter ist - yippie-ty-ay! - Paola Senatore, die hier zwar noch nicht in einem Porno mitgespielt, aber garantiert Drogen genommen hat - ihr gehört ein aufsehenerregender und garantiert sinnfreier Nackttanz zu Radioklängen! (Ja, plötzliche Todesfälle animieren mich auch immer zum Tanzen...) Dann gibt es noch die berühmte Rosanna Schiaffino, deren Filmmann der häufige Nebendarsteller Andrea Scotti ist, der hier einen Bart trägt, wegen dem allein er schon unter die Erde gehört... Die Gruppe wird komplettiert von einem mysteriösen Guru (den keiner kennt) und einem ständig zynische Kommentare dreschenden Jungadligen. Wenn man gerade mal keinen Bock auf jede Art von Handlung hat, kann man mit diesem Film also einen großen Wurf landen. Überraschend ist aber doch, daß der Film zu den wenigen Giallos gehört, die übernatürliche Anklänge haben, die nicht wegrationalisiert werden. Jau, okay, akzeptiert!

WIENER SCHRAMMEN

Wer vom italienischen Thriller spricht, spricht auch von Edwige Fenech. Dieses bezaubernde maltesisch-italienische Gemeinschaftsprodukt kam in Algerien zur Welt, und zwar am 24. Dezember 1948. Und, oh ja, sie ist ein wahrhaftes Weihnachtsgeschenk, denn ihr ungemein sinnliches Gesicht verband sich mit opulenten Formen, die sie zunächst auf erotische Stoffe festlegten. Nach einer Reihe von deutsch-österreichischen Sexfilmen kehrte sie nach Italien zurück, wo sie mit diversen Giallos großen Erfolg einheimste und dann in vielen erotischen Komödien promenierte. Über das Fernsehen wurde ihr auch eine größere Bandbreite eröffnet, die bis zum heutigen Tage andauert. Auch am Theater bekam sie Gelegenheit, mit Patroni Griffi zusammenzuarbeiten. LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH (DER KILLER VON WIEN, 1970) war der erste der Thriller, die sie unter dem Produzenten Luciano Martino drehte. "Unter" auch deswegen, weil Luciano für die formidable Fenech Frau und Kinder verließ, und das würde ich auch sofort tun, wenn ich welche hätte... Na ja, die Liaison hielt dann einige Zeit. LO STRANO VIZIO wurde inszeniert von Lucianos Bruder Sergio, der vorher nur zwei sensationelle Dokumentarfilme gedreht hatte. Für das Drehbuch des sehr archetypischen Thrillers zeichnete Veteran Ernesto Gastaldi verantwortlich, der ausgerechnet in der Praterstadt Wien eine Mordserie ansiedelt, bei der schöne junge Frauen von einem offensichtlich misogynen Mörder mit Rasierklingen in hübsche Phallo-Krater verwandelt werden... Auch Julie, die Gattin des Diplomaten Neil Ward (um die alberne Schreibweise fallenzulassen), wird in den Fall verwickelt, denn ihr steigt ihr einstiger, sadomasochistischen Spielen nicht abholder Paramour Jean nach, und alles weist darauf hin, daß die Rasierklinge seinen Namen trägt. Da Julie keine Kostverächterin ist, greift sie sich auch den windigen George (Hilton), den sie auf einer Party kennengelernt hat. Nachdem auch ihre Freundin Carol das Zeitliche gesegelt hat, wird Jean aber in einer Badewanne aufgefunden, wo er Marat nachspielt. Ihre logische Reaktion ist die, daß sie umgehend mit Liebhaber George an die Costa Brava abhaut. Dort bekommt sie ominöserweise aber auch weiterhin Blumen von Jean geschickt, dessen Liebe über den Tod hinaus andauert... Ein krauses, unheimliches Garn, das sich Gastaldi da ausgedacht hat. Auch wenn der Film sich nicht gerade überschlägt vor originellen Ideen, so fügte er dem italienischen Thrillerkino immerhin eine stärker sexuell betonte Gewalt hinzu, die den gewöhnlichen Mördern noch mehr als sonst eine Krafft-Ebing-Komponente beimaß: Nackte Tatsachen und gleißende Stahlschneiden offenbaren, daß Roms Männlichkeit zum Gegenschlag gegen die Bedrohung Frau ausgeholt hat. In letzter Instanz offenbart sich allerdings natürlich, daß diese machistische Kraftmeierei eine vermeintliche ist, denn den gewalttätigen Apologeten ungebremster Maskulinität geht schließlich der Saft aus... Der Schluß ist tiefschwarz und eine echte Überraschung. Bis dahin haben Martino und Konsorten ihr Publikum annehmbar unterhalten und mit einer Vielzahl spannender Szenen versorgt, die nicht selten in nabelfreie Regionen schielen. In seinen späteren Filmen sollte Martino komplexere Geschichten erzählen. Einer davon trägt den Titel "Your vice is like a locked room and only I have the key", was auch eine von Jeans intimen Botschaften an Julie ist. Die ganze Aktion wird angemessen untermalen von Nora Orlandis gefälliger Musik, die auch einen wirklich unheimlichen Chor von Frauen enthält, die offenbar alle die falschen Pilze gegessen haben! George Hilton charmiert als undurchsichtiger Gillette-Mann George, während der Diplomatengatte vom Spanier Alberto de Mendoza gegeben wird. Is' cool, man!

DER GOLDENE SCHNITT

Eine spätere Martino-Produktion mit Fenech und Hilton war der umständlich betitelte PERCHE QUELLE STRANE GOCCE DI SANGUE SUL CORPO DI JENNIFER? (sinngemäß: Woher kommt das blutige Geschmatter auf Jennifers Alabasterleib?) von 1973, der vom vormals westernhörigen Giuliano Carnimeo alias "Anthony Ascott" inszeniert wurde. Der Film gehört auf die Rennbahn von Ascot, wo er mit mindestens einer Schwanzlänge Vorsprung gewinnen würde, denn was Carnimeo hier in puncto frauenängstelnder Männerfurcht zelebriert, ist unbedingt preisungswürdig und macht den Film zu seinem vielleicht bestgemachten Werk. Ein großer Teil des Sternenglanzes geht aber auf die Kappe von Kamerazauberer Stelvio Massi, dessen Arbeitsinstrument wirbelt und zoomt, daß die Schote qualmt - Wahnsinn! Edwige ist das schnieke Model Jennifer, die zusammen mit ihrer Freundin Marilyn (Paola Quattrini) ein Appartment bewohnt. Vormals lebte sie mit einer anderen Kollegin zusammen, die aber einem heimtückischen Mordanschlag zum Opfer fiel; man kann nicht vorsichtig genug sein... Damit hat der Mörder sein Quantum aber noch nicht voll: Er metzelt beherzt drauflos und scheut dabei keine Geschmacksgrenzen! Kommissar Giampiero Albertini (wie üblich großartig) sammelt nicht nur mit Leidenschaft Briefmarken, sondern verdächtigt auch den ungemein gutaussehenden Architekten George Hilton, der neben einem Bluttrauma auch eine Vorliebe für zwielichtige Frauen zu seinen Vorzügen zählt. Die Verdächtigenliste reicht durch Edwiges ganzes Wohnhaus, und viele zwielichtige Gestalten leben dort, wie z. B. die unheimliche Miss Moss, die ausschaut wie der Pinguin von "Wallace und Gromit" und einen am ganzen Körper verbrannten Sohn versteckt hält. Auch gut ist der geigende Musikprofessor Jorge Rigaud, dessen Tochter Annabella "Nase" Incontrera einst Probleme mit Drogen und Prostitution bekam. Und als würde das nicht für einen Film bereits ausreichen, kommt auch noch Edwiges Ex Adam dazu, dem sie aus einer Art Drogen-Sexclub entflohen ist, was diesen zu eindeutig gemeingefährlichen Übergriffen bewegt... Viel Stoff zum Meditieren also, und der ganze Zauber wird überdies untermalt von einer großartigen Mucke von Bruno Nicolai, die einen hohen "Schubiduh"-Wert auffährt und ganz genau die Musik ist, zu der man immer im Fahrstuhl ermordet werden wollte! Oreste Lionello taucht dann noch auf als tuntig abtölender Fotograf Arturo. Oreste ist auch die italienische Synchronstimme von Woody Allen, dem er hier in der Tat auffallend ähnlich sieht. Der Film macht geballten Spaß, und auch wenn er ebenfalls einen frischen Wind in inhaltlicher Hinsicht vermissen läßt, so intoniert er das Giallo-Tantra mit viel Inbrunst und einem hohen Unterhaltungswert. Wem nackte Frauen nicht gefallen, der sollte allerdings vom Betrachten des Filmes abstand nehmen, doch allen anderen sei geraten, die Flimmerkiste mit hohen Erwartungen und einigen Knabbereien anzuknipsen... Woher nun das Blut auf dem Körper von Jennifer kommt, weiß ich auch nicht, aber wie bei allen rhetorischen Fragen sollte man hier getrost weghören und seine ganze Aufmerksamkeit diesem bunten Wonnebatzen aus Italien widmen - Edwige forever!

HERKULISCHE SÄFTE

Zum Schluß jetzt noch einen richtigen Kracher, nämlich LA MORTE ACCAREZZA A MEZZANOTTE (1971) von Luciano Ercoli. In diesem Film hat die bezaubernde Nieves Navarro (in arte Susan Scott) eine ihrer besten Rollen als temperamentvolle Journalistin Valentina, die für den befreundeten Sensationsreporter Joe Baldi bei einem Experiment mit der Droge HDS mitmacht. Während sie zunehmend ausgelassener wird und Joe begeistert Fotos knipst, entwickelt sich das Erlebnis zu einem rechten Horrortrip: Sie sieht, wie ein Killer mit einer Art Stahlkralle eine junge Frau ermordet. Daß Valentina ihren Job bei der Zeitung daraufhin los ist, ist noch das geringste ihrer Probleme, denn es stellt sich heraus, daß ein identisches Verbrechen in einem Gebäude stattgefunden hat, das dem ihren gegenüberliegt. Auch die Schwester der Ermordeten tritt an sie heran: Sie will, daß Valentina den für den Mord verantwortlich gemachten Drogensüchtigen identifiziert, aber es ist nicht der Mann aus Valentinas Vision. Da die ganze Angelegenheit zunehmend unheimlicher und bedrohlicher für sie wird, will Valentina die Polizei einschalten, aber natürlich glaubt ihr dort niemand. Selbst ihr erfolgloser Bildhauerfreund Stefano tut sich mit ihren Stories schwer. Bevor die junge Heldin so ganz begreift, in was sie da hineingestolpert ist, scharen sich zahlreiche heruntergekommene Subjekte um sie, und sie muß alles geben, um mit dem Leben davonzukommen... Ercoli hat in seinem dritten Thriller seine Ehefrau Nieves so richtig in den Mittelpunkt gerückt, und er hat gut daran getan, denn sie versprüht genau die richtige Mischung aus Sex und Wehrhaftigkeit, um sich die Sympathie des Publikums zu erkämpfen. Der Film ist von Ercolis Giallos der mit Abstand temporeichste, und man wird als Zuschauer genau wie die Protagonistin in ein Netz von unerklärlichen Vorgängen hineingewirbelt, die sich schließlich als Plan eines international tätigen Drogenrings entpuppen. Die Prämisse (die sehr stark John Carpenters Grundidee zu THE EYES OF LAURA MARS ähnelt) wird nicht näher erklärt, aber das macht gar nichts, denn die Vorgänge werden so atemlos präsentiert, daß der unlogische Auftakt als irrationaler Aufhänger für die für Valentina unentwirrbaren Umstände akzeptiert werden kann. Der sehr flüssig und beweglich fotografierte Film reiht dann exzellent gestaltete Spannungssituationen aneinander, in denen man um das Leben der hübschen Heldin mitzittert. Als ihr (auch nicht ganz hasenrein scheinender) Reporterkollege ist erneut Simon Andreu mit dabei, während der von Depressionen geschüttelte Bildhauer Stefano eine ungewöhnlich attraktive Rolle für Peter Martell ist, dem im wirklichen Leben viele bizarre Sachen passiert sind. (Die kann man bald im Western-Buch nachlesen!) Der Film besitzt außerdem massenweise buntes 70er-Jahre-Flair, wie z. B. in der tollen Beat-Club-Szene, in der Valentina eine Perücke aus silbernen Makkaronis zur Schau trägt. Nicht nur in dieser Szene fällt der großartige Soundtrack von Gianni Ferrio auf, dessen CD-Veröffentlichung auf dem "Easy Tempo"-Label eine der wichtigsten Anschaffungen für Italo-Aficionados darstellt. Das von Mina gesäuselte Titelstück summt man noch wochenlang in der U-Bahn, und wenn man in seiner Stadt keine U-Bahn hat, muß man sich eben eine bauen! Die meisten der Nebendarsteller sind Spanier, aber Luciano Rossi hat einen denkwürdigen Auftritt als hysterisch gackernder Killer, der eine gelbe Weste und ein eigenartiges Korsett trägt und sich seine hellblond gefärbten Haare hier offensichtlich mit Pattex an den Schädel geklebt hat - sieht aus wie der Lead-Sänger der gerade gegründeten Heavy-Metal-Gruppe "The Soup Caspers"... Der Film ist leider relativ selten, aber man sollte sich wirklich nach ihm umhören, ebenso wie nach dem zeitgleich gedrehten LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI, dessen Story wesentlich gangsterfilmhafter ist, aber auch beeindruckend spannende Szenen produziert. Jetzt kann ich nicht mehr!

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