NEUES AUS GRUNEWALD

(Erstmals erschienen im Spiegel-Magazin Nr. 12/00)
 
 

Die mulmigen Birkenwäldchen hinter mir lassend, von denen die kleine Ortschaft Brunswick im Bezirk Stade/Niedersachsen umgeben ist, drang ich ins Herz des Grunewaldes vor. Hier sollte es sein, daß ein Ereignis stattfinden sollte, von dem ich niemals zu träumen gewagt hätte: das erste internationale Treffen der "Greenwood"-Fans! Ein längst dahingegangenes Videolabel, dem zu Ehren Weihefeste veranstaltet werden - das war doch zu aufregend, als daß ich es mir hätte entgehen lassen an diesem 27. Februar. Es war zudem ein Sonnabend, an dem das Gelage veranschlagt war, und der Veranstaltungsort befand sich in moderater Entfernung von meinem Wohnort, und so pilgerte ich frohen Herzens in Erwartung eines unvergeßlichen Abends dorthin, und die Äcker flogen an mir vorbei, während deutsche Punkmusik in beeindruckender Phonstärke meine Ohren zerlegte.

Der Stadtkern von Brunswick befindet sich inmitten malerischen Marschlandes, das hier und da unterbrochen wird von Hofeinfahrten, die für gewöhnlich Trecker entlangtuckern. Jetzt, wo der Tag sich allmählich dem Ende entgegenneigte, tuckerten keine Traktoren mehr. Alles lag stumm und starr da und wartete auf einen neuen Abend, der den arbeitsamen Tag beendete und eine Nacht des Vergessens einläutete. Doch dies war keine Nacht wie jede andere! Das wurde mir bereits klar, als ich mich auf dem Parkplatz des Mövenpick-Hotels einfand: Autokennzeichen aus Dänemark, Polen und Luxemburg prangten da. Das konnte kein gewöhnlicher Abend sein!

Und tatsächlich: Im Foyer des Hotels lungerte bereits eine ermüdet aber gespannt aussehende Menschentraube, und der Hotelier stalkste mit leuchtendem Gesicht zwischen den Gästen umher. Kein Zweifel, soviel war hier seit Jahren nicht mehr los gewesen!

Ich hatte mein Erscheinen gut abgepaßt, denn schon bald erschien der Veranstalter des Reigens, Harmut Hundgeburth, der mir die freundliche Einladung hatte zukommen lassen. Viele andere waren lediglich aufgrund der Anzeigen gekommen, die vorab die einschlägigen Gazetten geschmückt hatten. Der Video-Underground ganz Europas hatte sich zusammengefunden, und es waren sogar drei Gäste aus den Staaten anwesend: Craig Ledbetter aus Texas, Tim und Donna Lucas aus Ohio und ein mir nicht näher bekannter Gentleman aus North Dakota, den ich in ein intensives Gespräch über Opposums verwickelte (=das nationale Hoftier von North Dakota, dem zu Ehren Schönheitswettbewerbe veranstaltet werden!) Auch ein netter Herr aus Japan war da - Hiroguchi oder so ähnlich.

Nach einem reichhaltigen Abendessen im Hotelrestaurant wurden wir zum Veranstaltungsort geführt - einer ortsansässigen Kaschemme mit Namen "Die Schräge". Ich hatte mit Craig (ein echter Texaner!) und den Lucassen schon angeregt geschnattert und den einen oder anderen Rotwein gezilcht und war so in allerbester Laune. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, am selben Abend wieder zurück nach Bremen zu fahren, aber ich habe ja einen Schlafsack in meinem Wagen, und so dachte ich, es sei einfach angemessen, notfalls in meinem Kadett Maurizio zu übernachten. In der "Schräge" ging es dann munter weiter. Tim und Donna vertellten mir die Marktchancen ihres im übrigen famosen Magazins "Video Watchdog". Tim war schon etwas knülle in der Kappe, und auch Donna schwankte in den Seilen. Craig und der mysteriöse Dakotaner (alle Dakotaner sind mysteriös!) stießen gelegentlich hinzu und lallten Wissenswertes über Europloitationfilme, die sie gerade gesehen hatten.

Dann begann das Hauptprogramm. Hartmut begrüßte die Versammelten (immerhin etwa 70 Gäste!) und kündigte das Erscheinen einiger Ehrengäste an, namentlich Joachim Grunewald, Sproß des Familienpatriarchen Gustav Grunewald, und Irmgard Grunewald, der mittlerweile leider Gottes dahingegangenen Ehefrau Gustavs. Nach einer ausführlichen und spannend vorgetragenen Analyse der Labelgeschichte war es Joachim, der den Anfang machte: Mit viel Herzblut und Erzähltalent schilderte er seine persönlichen Erfahrungen im Dschungel des Videoundergrounds. Danach vertiefte die reizende Irmgard die gewonnenen Einsichten durch Episoden im Leben ihres Gemahls, und so manchem von uns stahl sich eine Träne in die Augenwinkel! Eine tolle Frau...

Es gab stehende Ovationen für beide Ehrengäste, und sodann begab man sich an die Filmvorführungen. Es waren drei an der Zahl: Zuerst gab es per Video-Beam den Topseller des Labels, einen italienischen SF-Horrorfilm mit dem Titel ALIEN - DIE SAAT DES GRAUENS KEHRT ZURÜCK. Dieser kurz vorher im "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega" zur Aufführung gelangte und wirklich geil-langweilige Tropfsteinhöhlen-Schocker wirkte auf das zum überwiegenden Teil angemessen angesäuselte Publikum denkbar vorteilhaft: Die Filmmusik der Oliver Onions wurde fröhlich mitgeschnalzt und -geschnippt, und bei den Höhlenerscheinungen des titelgebenden Ungetüms kam es zu manchen lustvoll zelebrierten Angstschreien. Craig (der gerade wieder bei uns kauerte) kam bei einem besonders geschickt gesetzten Schockeffekt ins Straucheln und vergoß einen Maßkrug voll Beck´s über seine Strickweste. Tatsächlich war es übrigens so, daß alle anwesenden Serviererinnen - bildhübsche Geschöpfe alle - für die Dauer des Abends den Namen Greenwood trugen. "Hallo, Greenwood!" - "Greenwood, kann ich noch ein Bier haben?" - "Gazonggg, äh, Greenwood, ist noch Bier in der Laube?" - "Dürfte ich bitte um ein volles Maß bitten, Greenwood?" - "Greenwood, hast du´n Namen, gllll..."

Es gab dann ein Zwischenprogramm. Aus der Familiengeschichte wurden verschiedene aufwühlende Geschichten feilgeboten - ich erinnere mich nicht mehr so genau. Irmchen erzählte mit krächzender Stimme von einer Lady Greenwood, die sich einen Liebhaber hielt, der in Widerstreit mit einem Greenwood-Ahnen geriet. Da ging es hoch her, mit Revolverkugeln und allem Schnickschnack. Da bogen sich die Balken, und am Ende überlebten es nur wenige. Familiengeschichten können ja so spannend sein!

Dann kam ein wahres Schmankerl: der hervorragende Jacopetti-Film MONDO CANDIDO, der einst als BLUTIGES MÄRCHEN in seiner einzigen deutschen Inkarnation auf Greenwood erschien. Ich erinnere mich vage daran, daß ich mehrfach offen niederkniete, und verschiedene andere Gäste, die sich a) in Sichtweite und b) in einem entsprechend angesäuselten Stadium befanden, taten es mir nach! Der Film ist aber auch zu toll: Die einzige rein fiktionale Verkörperung des Gesellschaftspessimus des Regisseurs, dessen satirische Wucht von uns Anwesenden aufs Trefflichste bestätigt wurde! Das ist eine der seltensten Kassetten des Labels - umso verdienstvoller, daß hier einmal Gäste aus aller Welt in seinen Genuß kamen.

Danach war es schon nahezu zwei Uhr, und die meisten Anwesenden waren schon strunzstrack. Hartmut erschien noch einmal auf der Bühne und hatte offensichtlich selber schon überreichlich geladen. Machte aber nichts, denn sein Sinn für Humor war ungebrochen: Mit wedelndem Zeigefinger drohte er uns spielerisch mit der spanischen Ekel-Gurke AUTOPSY, und die meisten von uns waren schon hinreichend platt, um ihm zu glauben - der Saal bog sich in ungespieltem Unbehagen. Doch dann entpuppte sich die Drohung als Scherz - in Wirklichkeit gab es jetzt den netten spanisch-italienischen Geisterfilm DAS HAUS IM NEBEL, und da atmete das ganze Haus spürbar auf. Alle genossen in wohliger Ermattung Evelyn Stewart, Franco Fantasia und all die anderen, und danach war dann auch gut. Allerdings ging der Abend noch weiter, denn an Ladenschlußgesetze hielt man sich hier auf dem Lande nicht, und auch ich war schon zu blau, um noch Nein sagen zu können. Bis 7 Uhr morgens lallte man kollektiv weiter und kippte so manches schäumende Bier und so manchen edlen Wein. Der Wirt war sogar hinreichend begeistert von dem rollenden Rubel, um - ich lüge nicht! - mindestens drei Freibier für die versammelte Menge zu schmeißen! Da waren nur wenige Matte, die vorzeitig die Segel strichen. Ich trank Bruderschaft mit Joachim, und sogar mit seiner Mama, Irmgard, die mir nicht nur deshalb ans Herz geschweißt ward. Der Japaner bewies prima Sportsgeist und lallte mir in gebrochenem Englisch wilde Wahrheiten über sein Heimatland ins Ohr. Ich konterte mit nicht minder wüsten Wahrheiten über mein eigenes Heimatland, und auch Craig und die Lucasse wollten nicht hinter dem Berg halten... Es gibt vieles, was gegen Alkoholkonsum spricht, aber an diesem Abend war es weiß Gott vergessen, und der Geist frommen Kosmopolitentums schwebte über den profanen Wassern...

Irgendwann war es dann morgen. Durch den wabernden Nebel des Vergessens geisterte die Parole, daß Aufbruch befohlen. Irmchen war mittlerweile platt auf meinen Schoß geschweißt, und auch der Umstand, daß uns fast fünfzig Jahre trennten, war nicht mehr maßgeblich. Mit geballten Kräften schoben wir uns zum Ausgang. Craig schwor, daß er etwas Derartiges auch in Texas noch nie erlebt habe. Ich lallte ihm entgegen, daß auch ich so etwas in Texas noch nie erlebt hatte. Ich verteilte Besuchsversprechen gen Texas, Ohio und Japan und schlidderte ins Morgengrauen. Draußen trauten wir unseren Augen kaum: Statt bunter Kosmopolitenpracht wartete dort das satte Grün von Niedersachsens Marschland. Wir fanden das aber irgendwie total geil und eierten frommen Herzens auf die nächste Wiese, um dort den Sonnenaufgang zu erleben. Ich sank in irgendein Matschloch, wo - ich schwöre es! - mir ein Maulwurf am Hosenbein nagte. Als ich wieder einigermaßen zu mir kam, war es hellichter Morgen. Außer Craig, Tim, Donna und dem Japaner war niemand mehr bei uns. Ein sehr zwielichtiger Vogel ließ sich neben uns nieder und gründelte in einer Pfütze. Craig fragte, was das denn für ein Vogel sei. Ich meinte nur strack, daß das ein westfälischer Haubentaucher sei, der sich irgendwie hierhin verirrt habe. Craig verstand nur Bahnhof, und ich explizierte, das sei ein "Westfalian Capdiver". Mein Adressat gab sich mit der Antwort zufrieden und versank mit der Birne im Morast. Tim und Donna gaben bald kund, daß es vielleicht Zeit sei, ins Hotel zu stromern. Als ich wieder aufwachte, lag ich alleine im satten Grün. Ich dachte mir, daß es eigentlich fein sei, ein Nordlicht zu sein. Ich roch die Ackerkrumen, spürte die Erde um mich herum atmen und dachte mir, wo denn wohl die doofen Kühe bleiben.

Die Kühe kamen nicht, aber ich ging. Ich schleppte mich zu meinem Kadett, dachte "Wie nett!", vergaß meinen Schlafsack und ratzte weg im Handumdrehen. Der freundliche Dorfbüttel, der mich morgens weckte, wollte mal kurz meinen Ausweis sehen. Ich tat ihm genüge. Dann schlief ich weiter. Bis ich wieder gen Bremen fuhr. Ich war glücklich. Es war alles in Ordnung.

Wer hier noch nicht verstanden hat, warum man das "Greenwood"-Label vergöttern muß, dem ist weiß Gott nicht zu helfen. Alles Liebe Euch allen.

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