EIN ZOMBIE HÄNGT IN DER GEISTERSTADT

Prosakrümel, die die Nacht des italienischen Horrorfilms zum Tage zu machen versuchen
Il Boia Scarlatto
— Für Onkel Donald —

PROLOG

Viel vorauszuschicken habe ich nicht. Das Horrorgenre ist von allen italienischen mittlerweile das populärste geworden. Es florierte in den Sechzigern und deflorierte sich dann in den Achtzigern, als den Zombies die Zähne ausgingen. Und die sind leider nicht nachgewachsen.

Die hier vorgestellten Filme sind NICHT aus Qualitätsgründen ausgewählt worden. Wie immer denke ich, daß alle diese Filme Aufmerksamkeit verdienen. Einige von ihnen sind böse Stiefkinder, andere verzauberte Frösche, wie das halt so ist. In manchen Fällen wollte ich mir die Filme auch nur mal wieder ansehen, verdammt noch mal. Was soll's.

Es ist abzusehen, daß es in der nächsten Ausgabe einen zweiten Teil geben wird, denn Horrorfilme sind eben doch die beste Alternative zum gegenwärtigen Fernsehprogramm. Man gönnt sich ja sonst nichts. Also denn...

JUNGER WEIN IN ALTEN SCHLÄUCHEN

Der erste Film des Artikels ist ein lupenreiner Klassiker seines Genres. Leider ist es eine Tatsache, daß die meisten Fans ihn nur vom trockenen Rascheln der Lexika her kennen, denn man hat von Riccardo Fredas großartigem I VAMPIRI (1957) lange nichts mehr gehört, obwohl er einst in deutschen Kinos gelaufen ist, unter dem reißerischen Titel DER VAMPIR VON NOTRE—DAME.

Zwar weiß Phil Hardy von einer obskuren Frankenstein—Bearbeitung zu berichten (IL MOSTRO DI FRANKENSTEIN von Eugenio Testa), die immerhin schon 1920 entstand. Die Ehre, den ersten richtigen Horrorfilm aus italienischen Landen vorgelegt zu haben, gebührt aber sicherlich dem in Ägypten geborenen Freda, denn sein Film enthält bereits viele der markigen Elemente, für die man das hier vorgestellte Genre lieben lernen sollte. Unterstützt von der bereits spürbaren Genialität des vielfach verehrten Mario Bava, der hier eine seiner besten Arbeiten als Director of Photography absolviert, schafft Freda ein denkwürdiges Gemisch aus alten angelsächsischen Horrormythen und ursüdländischer Sexualpathologie, ein Traumgebilde aus schwellendem Romantizismus und lasterhafter Getriebenheit: Gotik, daß die Eier knacken.

Leider mußte ich bei der Besprechung auf eine amerikanische Version (THE DEVIL'S COMMANDMENT) zurückgreifen, die durch eine stümperte Synchronisation und einige offensichtliche Schnitte einiges vom Charme des Originals durch die vertriebstechnische Wurstmühle schickt. Tatsächlich bin ich mir gar nicht so sicher, ob die anfängliche Mordsequenz mit ihrer Stripszene und dem platten Akkordiongedudel auf dem Soundtrack (um den Zuschauer darauf zu stoßen, daß wir uns in Paris befinden, hätte man dem Mörder genau so gut ein Baguette in die Hand drücken können!) wirklich auf dem Mist von Freda gewachsen ist. Sie stellt in ihrer krassen Prosa jedenfalls einen Gegensatz dar zur morbiden Poesie, die die späteren Vorgänge auszeichnet.

Einige junge Damen — häufig aus übel beleumundeten Spelunken entwendet — werden in den düsteren Gäßchen der Stadt an der Seine aufgefunden. In ihnen befindet sich weniger Blut als im Hirn einer toten Motte, was die Sensationsblätter zu farbigen Spekulationen veranlaßt über vampirische Umtriebe.

Besonders Feuer gefangen an der Sache hat der seriöse Zeilenschinder Pierre Lasalle, der sich auch nicht von dem Umstand entmutigen läßt, daß ihn der untersuchende Bulle nicht ausstehen kann. Sehr zu seinem Leidwesen muß er feststellen, daß die Spur ihn geradewegs in das medizinische Forschungsinstitut eines Professors namens Du Grand führt, mit dessen Enkeltochter ihn einst zärtliche Bände verknüpften. Diese Bande sind jedoch von Giselles Unart, andere Menschen zu benutzen wie Taschentücher ("a vicious woman of prey"), gekappt worden. Obwohl sie ihn immer noch zu verführen versucht, ist sein vorherrschendes Gefühl das der Verachtung. Mit von der Partie sind auch eine steinalte Gräfin (Giselles Großmama), ein hinkebeiniger Klotzkopf, der dem Doktor assistiert, und ein drogensüchtiger Mörder, der dem Professor auf sehr direkte Weise Material für Experimente beschafft.

Wie sich nämlich herausstellt, sind Großmama und Enkeltochter ein und dieselbe; der "mad scientist" hat es fertigbracht, nach bestem Bàthory—Rezept ein Serum der ewigen Jugend zu entwickeln, auf der Grundlage süßen Lebenssaftes freilich, der unfreiwilligen Spendern abgesaugt wird. Unter diesen Umständen bekommt auch die Passion der fiesen Giselle für Pierre etwas Morbides: Ihr wurde einst von Pierres Papa das adelige Herz gebrochen, was sie nun anhand seines Sohnes zu heilen trachtet. Liebe, die die Jahrhunderte überdauert...schön!!!

Bis es dann zu einem wunderbar melodramatischen Finale kommt, werden aber noch einige der weniger wichtigen Charaktere vom Rochus besucht, was durchaus passieren kann.

Daß die amerikanische Sprachverwirrung den Schluß aufzwingt, sämtliche Figuren seien aus einem Heim für alternde Cowboydarsteller entwichen (das Weiße Haus?), nervt beizeiten massiv. Wie humorig auch die lässig eingestreuten Franzismen sein mögen ("Mämsäll..."), sie stören doch den weitgehend ruhigen und schicksalsschweren Ablauf der Dinge, der die modernen Charaktere in eine Welt gotischer Alptraumtableaus entführt. Ohne daß übertrieben an der Totenglocke gebimmelt würde, ist man schon bald bereit, die zunehmende Desorientierung Pierres zu glauben, dessen Weltbild schwersten Schwankungen ausgesetzt wird. Wenn er dann schließlich durch die modrigen Korridore und Geheimgänge von Schloß Du Grand irrt, ist er schon längst vom Reich der Lebenden zu dem der Toten übergewechselt, wo mottenzerfressene Vorhänge wehen und Totenschädel satt die Modergruft drapieren. Hier möchte man mit seiner Schrankwand einziehen.

Es gibt zwei Verwandlungsszenen, die weitgehend überzeugen, dank der geschickt eingesetzten Beleuchtungseffekte (wie in Mamoulians DR. JEKYLL AND MR. HYDE wird verstecktes Make—Up durch besondere Farbhinzufügung sichtbar gemacht; Schwarz—Weiß macht's möglich) und der bemerkenswerten Leistung der Darstellerin Gianna Maria Canale. Auch dabei ist ein noch sehr junger Paul Muller, der in Caianos großartigem Sadomasogothickracher AMANTI D'OLTRETOMBA Barbara Steele begegnen durfte und über Jess Franco zu Tinto Brass gelangte.

Der düstere Romantizismus von I VAMPIRI findet sich nicht nur in einigen der oft besungenen Bava—Filme wieder, sondern auch in späteren Fredas, wie etwa seinem gotischen Meisterwerk, L'ORRIBILE SEGRETO DEL DR. HICHCOCK (sic), einer kreuzgruseligen und sehr gewagten Ode an die Nekrophilie. Es wäre schön, wenn diesem (noch lebenden) Regisseur etwas von der Aufmerksamkeit zuteil würde, die man seinem wohl besten Schüler, Mario Bava, geschenkt hat. Denn auch wenn Freda die intuitiv wirkende Genialität Bavas abgeht, so besitzt er dennoch dieselbe Gabe zum visuell geschickten Erzählen einer fantastischen Geschichte, in der der Zauber und das Wunderbare im Vordergrund stehen. Der Zuschauer wird wieder zum neugierig staunenden Kind, das noch die Fähigkeit besitzt, im See der Fantasie zu baden. Je älter man wird, desto mehr geht dieses Talent verloren, aber in den Werken von Künstlern wie Bava, Argento oder Soavi findet sie sich wieder und kann ständig neu erlebt werden. Und am Anfang dieser Tradition steht eben Riccardo Freda.

SCHÖNE TOTE MENSCHEN

Und wer steht am Ende? Hähä, Renato Polselli natürlich. Dieser lustige Wandersmann nämlich bescherte uns eine reichhaltige Anzahl saftiger Sexploiter, in denen nackte Tatsachen präsentiert werden, die selbst den sattelfestesten Moralisten im Handumdrehen zu einem bibbernden Gemüse degenerieren lassen... Beispiele sind der wundervolle (bereits von der Bäddie—Ecke entsprechend gewürdigte) DELIRIO CALDO (DAS GRAUEN KOMMT NACHTS), der einen Psychokiller eine Frau hinrichten läßt, indem er sie vaginal an eine Gasflasche anschließt (!); der von mir bitterlich gesuchte Thriller RIVELAZIONI DI UNO PSICHIATRA SUL MONDO PERVERSO DEL SESSO mit Klaus Kinski; der in Deutschland gelaufene LA VERITA SECONDO SATANA (IM LUSTHAUS DER TEUFLISCHEN BEGIERDEN); und der sadistische Sexthriller CASA DELL'AMORE: LA POLIZIA INTERVIENE, in dem drei Archäologen unterschiedlichen Geschlechts eine Satanssekte beim blutigen Zeremonieren überraschen und darauf reagieren, indem sie erst mal ordentlich miteinander rammeln. Er ist ein rechter Schmutzfink, der wiedergeborene Renato. Einen Porno hat er allerdings meinen Informationen zufolge nie gemacht. Vielleicht ganz gut so.

Ja, besagter Sleazemeister (der im selben Jahr geboren ist wie mein Vater und Charles Bronson) hat sich auch auf dem Sektor des gotischen Horrorfilms versucht, und zwar im Jahre 1960. Der Titel des Werkes ist L'AMANTE DEL VAMPIRO (DIE GELIEBTE DES VAMPIRS), und es ist gar nicht mal so schlecht. Das soll nicht heißen, es wäre gut, aber wer die aufgemalten Hintergründe von DELIRIO CALDO genossen hat, ist für wenig dankbar. Daß dieses Wenige die Pfade von Bava und Freda unsicher macht, ist nur ein weiterer Pluspunkt.
Um gleich zu den Minuspunkten des Filmes zu kommen: Das Drehbuch ist nicht das zusammenhängendste.
So steht eine Truppe von Ballerinas im Mittelpunkt, die sich in einem Rasthaus irgendwo in der Nähe von Entenhausen aufhält, aber es wird niemals klar, wo die Girls eigentlich herkommen. Entweder kommen sie von auswärts, in welchem Falle es nicht als zwingend erscheint, zum gemeinsamen Hupf an diesen gottverlassenen Winkel der Erde zu reisen. Oder sie sind einheimisch, was aber ihre komplette Unwissenheit bezüglich des "Schlosses der Verdammten" unverständlich machen würde, das offensichtlich einen Ruf wie Donnerhall besitzt. Sehr zu recht, denn eine Vampiresse und ihr getreuer Sklave treiben dort ihr schwarzweißes Unwesen. Die beiden haben ein perfektes System der Arbeitsteilung entworfen: Er schleicht mit einem Gesicht durch die Gegend, das zu Beginn vor den Augen der Zuschauer verborgen wird (nicht ohne Grund, wie man bereits richtig vermutet) und lutscht an weißen Frauenhälsen; sie bedient sich danach second—hand bei ihm und behält so ihre Würde und ihre Schönheit! (Hier klatscht der Film eindeutig I VAMPIRI ab...)

Handwerklich ist der Film recht angemessen gefertigt. Es gibt viele stimmungsvoll ausgeleuchtete Gotik—Szenarios zu betrachten. Auch kann man nicht sagen, daß der Film mit seinen Attraktionen geizen würde. Wo genau allerdings diese Attraktionen liegen, ist manchmal etwas unklar. Das auffallendste Merkmal des Filmes ist nämlich die unverhüllte Spekulativität, mit der sinnliche Drallheiten in das rechte Scheinwerferlicht gerückt werden. Gleich zu Anfang, als eine Bauernmagd (mit ausgesprochen modernem Ausschnitt) vom Blutsauger niedergestreckt und von beflissenenen Dörflern ins Wirtshaus getragen wird, kommen die Miezis zuhauf: Schicke Ballerinas in Negligées (weiter geht der Film noch nicht), die vollbusigste im Vordergrund. Überhaupt macht die Ballettgruppe (die über ein Repertoire verfügt, das aus einem Beach—Party—Film zu stammen scheint) den Eindruck, als wäre sie aus einem Russ—Meyer—Spektakel entkommen. Ich weiß nicht, aber stört sowas nicht beim Pas—de—deux? Egal, bei Renato sind sie damit an der richtigen Adresse, hier paßt das ganz prima hin. Und der Speck wird geschleudert, nach links und nach rechts. Mitten im schönsten Vampirreigen proben die Mädels ihre neuesten Improvisationen. Eine heißt sogar "Der Tod des Vampirs"! Ich fühlte mich dabei erinnert an den unglaublichen Film EIN TOTER HING IM NETZ von Fritz Böttger, in dem eine auf einer einsamen Insel gestrandete Dutzendschaft von Mannequins eine Spontanparty schmeißt, obwohl Riesenspinnen ihr Unwesen treiben. Keine Feigheit vor dem Feind. Dem Tod kühn ins Antlitz gespuckt. Sehr lobenswert, so was.

Überraschend eigentlich, daß die Hauptdarstellerin nicht die dicksten Möpse hat, aber dafür hat sie den dümmsten Freund: Luca heißt der Knabe und ist der Augapfel der gesamten Belegschaft. Selbst der muskulöse Tanzlehrer (Giorgio geheißen) meint sofort anerkennend: "Luca, you're looking great!" Man möchte Luca in die Schnauze hauen. Aber wir erinnern uns: Nur ein Film, der Regisseur hätte selbst Fuzzy auf die Bühne schicken können und die Mädels hätten sich reihenweise defloriert. Kinowelt=Scheinwelt. Wieder einmal genasführt.

Von den vielen Füllszenen, in denen Leute durch den dichten Tann latschen, sollte man sich nicht irritieren lassen. Was immer der Film mit seiner mangelhaften Story falsch macht, wird mehr als ausgeglichen durch die heißen Tanzgirls, die aufreizend durch die Gegend fliegen. Wenn der Film klaut, dann klaut er wenigstens bei den richtigen Vorbildern: Aus den Wänden ragen fackelhaltende Arme, wie einst bei Cocteau; und eine subjektiv gefilmte Beerdigung á la Dreyers VAMPYR ist auch drin. Und als an einer Stelle ein Sarkophag geöffnet wird, entfleucht nicht nur der Mief der Jahrhunderte, sondern auch eine weiße Taube. Das ist jetzt gar nicht geklaut, sondern Polselli der Poet. Er kann's. Entzückend.

DIE LANGE KAPELLE DES TODES

Und gleich noch ein Film aus der Knarrende—Türen—und—Spinnweben—Liga. Der einzige Regisseur, der meiner Ansicht nach den Meistern Bava und Freda das Wasser reichen kann, ist der sympathische Antonio Margheriti. Obgleich er in nahezu allen vorstellbaren Filmgenres Professionalität und handwerkliches Geschick bewiesen hat, war es doch angenehmerweise im gotischen Schauerkino, wo er wirkliche Inspiration bewies. Nach Deutschland geschafft hat es leider nur das schwächste der drei Gotikprodukte, LA VERGINE DI NORIMBERGA (SCHLOSS DES GRAUENS), der immer noch meilenweit vor vergeichbarer Ware rangiert. Wirklich großartig sind aber die beiden Kollegen der Nürnberger Jungfrau, namentlich LA DANZA MACABRA (zusammen mit Sergio Corbucci) und I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE (THE LONG HAIR OF DEATH, 1964). Ersterer ist später von Margheriti mittelmäßig neuverfilmt worden, als DRACULA IM SCHLOSS DES SCHRECKENS, und ist Numero Uno im Schaffen des Herrn. Da ich aber gerade woanders über diesen Film geschrieben habe, nehme ich I LUNGHI CAPELLI, der nur unbedeutend schwächer ist.

Tja, mit Barbara Steele in der Hauptrolle kann man nicht viel falsch machen! Wie eindrucksvoll diese merkwürdige Schönheit ist, kann man aus der Tatsache ersehen, daß nicht ein einziger ihrer Horrorfilme enttäuscht, auch wenn sie (besonders Michael Reeves' THE SHE—BEAST) manchmal etwas dünnblutig angelegt sind. Aber ihre atemberaubende Präsenz ist niemals nur Leuten wie Fellini vorbehalten gewesen (8 1/2), sondern auch in Exploiter geflossen, was die Dame sehr sympathisch macht.

In I LUNGHI CAPELLI spielt sie Helen Rochefort (Synchro: Karnstein), deren Mutter Ende des 15. Jahrhunderts als Hexe verbrannt wird. Obwohl sie ganz genau weiß, wer das Verbrechen, das ihrer Mutter zur Last gelegt wird, wirklich begangen hat (nämlich der skrupellose Kurt von Humboldt, Sohn ihres Anklägers), kann sie die Hinrichtung nicht verhindern. Dafür nimmt sie der Schloßherr aber noch mal richtig zur Brust und bringt sie dann um, aus Furcht, sie könne ihn verraten.

Dieses unangenehme Beispiel männlichen Chauvigeistes bleibt nicht ungerächt, das ist sofort klar. Es dauert freilich seine Zeit; so lange nämlich, bis Lisabeth, die jüngere Tochter, zur reifen Frau herangewachsen ist. Als solche erregt sie die Libido des bösen Kurt, der sie dazu zwingt, ihn zu heiraten. Fast gewöhnt sie sich an den herrischen Mistkerl. Dann aber geschieht Fürchterliches: Während eines Gottesdienstes (bei dem Hexentöter Von Klage aus dem "Buch der Offenbarungen" zitiert) befreit ein Unwetter die sterblichen Überreste Helens. Die Kirchentür fliegt auf; eine Frau, die Helen wie aus dem Gesicht geschnitten ist, betritt das Gotteshaus. Für den alten Schloßherrn ist diese Wiederkehr der schuldigen Vergangenheit zuviel; er sackt röchelt hernieder.

Kurt fängt aber Feuer für die schöne Mary, wie sie heißt. Mit ihr setzt er seiner Ehefrau Hörner auf. Gemeinsam schmieden sie einen teuflischen Trick, wie sie Lisabeth aus dem Wege räumen wollen. Aber alles ist nur ein teuflischer Plan, um den ruchlosen Schurken seiner gerechten Strafe zuzuführen. Und die ist ziemlich grauslich.

An diesem Film stimmt fast alles. Die Geschichte wird sehr unterhaltsam vermittelt, es gibt kaum überflüssige Stellen. Der Kameramann Riccardo Pallottini, der unzählige von Margheritis Filmen fotografiert hat (bis zu seinem tragischen Tod 1982 am Set von TIGER JOE / HÖLLENKOMMANDO ZUR EWIGKEIT), leistet ganz vorzügliche Arbeit, die sich stark von der eher verspielten, stark zoomorientierten Kamera von LA DANZA MACABRA unterscheidet. Hier umschmeichelt er die Darsteller, akzentuiert er, ohne von den Vorgängen abzulenken. Und die sind fesselnd zu betrachten.

Großer Pluspunkt auch die Musik von Carlo Rustichelli, der die vielleicht schönsten "Gothic—Horror"—Soundtracks gemacht hat, z.B. zu Bavas LA FRUSTA E IL CORPO und zu OPERAZIONE PAURA. Die Musik von I LUNGHI CAPELLI ist sogar mal auf Single erschienen, aber da muß man schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Die wunderschöne Atmosphäre des Films geht jedenfalls auch auf sein Konto.

Neben Barbara Steele sind noch andere gute Schauspieler zu bewundern: Den bösen Kalle spielt Giorgio Ardisson, der in den 60ern auch als Agent 3S3 zu sehen war, Sergio Sollimas außergewöhnlich brutale James—Bond—Kopie; Umberto Raho, der den Hexengegner Von Klage (!) spielt, ist in unzähligen Filmen zu sehen gewesen; und Giovanni Pazzafini, der ebenfalls in einer unglaublichen Anzahl von Genrestreifen mitgespielt hat, besonders in Polizeifilmen, spielt einen finsteren Schloßschergen.

Der Schwarzweißfilm wird übrigens an einer Stelle etwas indezent, wenn man nämlich das erste Mal die blanke Brust der Steele zu sehen bekommt. Ich sag' das ja nur so. Interessiert Euch nicht, ich weiß.
Ein Juwel von einem Film.

SPORTSTUDIO ROTE NARRENKAPPE

Nach Margheritis Meisterklasse können wir den Schirm jetzt getrost wieder niedriger halten: Massimo Pupillos IL BOIA SCARLATTO (SCARLETTO, SCHLOSS DES BLUTES, 1966) zeigt vorbildlich, was passiert, wenn die Italiener sich mit Amerikanern zusammentun, um ein gotisches Horrorstück zu kreieren!

Was könnte dabei herauskommen? Vor dem geistigen Auge des arglosen Betrachters entstehen gräßliche Anomalien, in denen Mimen vom Schlag eines John Ashley oder Anthony Eisley durch finstere Korridore irren und Zuckerwattespinnweben beiseite wischen. Aber es kommt noch viel schlimmer: Hauptdarsteller ist Mickey Hargitay. Jawohl, meine Damen und Herren, Sie haben richtig gehört — der scharlachrote Henker wird verkörpert vom ehemaligen Mister Universum und Ex—Ehemann von Busenwunder Jayne Mansfield, die ja bekanntlich in einem bösen Autounfall den Kopf verlor. Ihre Brüste werden sie überdauern. Was wohl auch für Hargitay gilt: Wer ihn auf die Empfehlung von Sven und Thomas hin in dem Opus DAS GRAUEN KOMMT NACHTS als heulenden Derwisch durch die Schmiere hat waten sehen, weiß, was ein Mensch alles ertragen kann, bevor er stirbt! (Das gilt im nämlichen Fall nicht nur für ihn.)

In SCARLATTO spielt er jedenfalls gleich zu Beginn John Stewart, den scharlachroten Henker, der mit einer drolligen Kapuze (die scharlachrot ist) von waffenstarrenden Komparsen des Mittelalterspektakels in die Rumpelkammer gebracht wird, um dort unter fürchterlichen Quallen zu verenden. Wie es scheint, ist er in seinem Beruf etwas zu sehr aufgegangen, als daß die Krone seine Effizienz noch tragbar gefunden hätte. In einer Szene voller Garagen—Gotik—Inbrunst wird er in die "Nürnberger Jungfrau" gesperrt, bis daß der Tod eintritt. Ich muß das kurz beschreiben: Jungfrau auf, Henker rein, Schnitt auf Augen hinter Kapuze, Zoom zurück ("UÄÄÄRXXX!"), Schwenk runter auf hervortretendes Blut, dann Zoom mitten hinein in die Jauche. So werden Filme gemacht. Natürlich wird dann noch viel Theaterdonner abgeladen, Fluch forever und so fort.

Einige Jahrhunderte später wird das Schloß zum Schauplatz einer Foto—Session: Eine Gruppe Unzurechnungsfähiger will in dem vermaledeiten Schloß eine Fotoserie schießen mit dem Titel "Die Rache des Irren von Schloß Westermore". Hübsche Dummchen sind zuhauf anwesend, so was verkauft sich gut. Daß das Schloß unbewohnt scheint, erweist sich nur zuerst als Hemmschuh, denn eine Anklage wegen Hausfriedensbruch tapfer ignorierend verschafft man sich Zutritt.

Und das Schloß ist `ne Wolke: Skelette in Kutten stehen da einfach so rum, Fledermäuse fliegen an Drähten durch die Gegend und sämtliche Fenster sind vergittert. Macht nichts!! Stört doch nicht!

Nach einigem Gelaber erscheint auf einmal ein geiler Bodybuilder mit Kerzenleuchter und Seemannshemd, der zwar noch nicht der scharlachrote Henker ist, aber zum Aufwärmen schon mal taugt. Gemeinsam gelangt man nun zum Hausherren, der über das unrechtmäßige Eindringen höchst erbost ist, sich aber nach anfänglichem Zaudern als kulanter Gastgeber erweist. WIE kulant genau, das erweist sich erst im weiteren Verlauf der Handlung, denn der Gastgeber ist Mickey Hargitay, und das ist nun wirklich der scharlachrote Hänger in Reinkultur! Zwar gewandet er sich noch in Zivil, aber wir wissen, daß Mickey das Mausen nicht läßt...

Und dann geht's los: Ein Poe'scher Pendel—Act gerät zur unfreiwilligen Perforationsnummer. Egal, es wird weitergemacht, wer hier nach Gewerkschaft greint, hat den wahren Geist italienischer Guerilla—Kunst verraten und verkauft!

Der Held ist übrigens ein netter Drehbuckkasper namens Rick, dessen Schnalle Edith einst eine Beziehung zum Schloßherrn gehabt hat. Es scheint, als handele es sich bei Mickey um einen eremitenhaften Schauspieler, dessen Eigenbrötlertum auch ihre Heirat mit ihm vereitelt hat. Die Welt ist so klein.

Und auf Burg Schreckenstein ist bald Geisterstunde: Mickey zieht vor Edith seine Mönchskutte aus und entblößt seinen Luxuskörper, komplett mit Strampelhöschen, welches scharlachrot ist. Sein Kommentar: "Die Menschheit besteht nur aus gemeinen Kreaturen, aus entarteten Geschöpfen mit physischen Mängeln, die meinen vollkommenen Körper schon mit ihren Blicken besudelt hätten!" Während der Zuschauer noch über seine eigenen physischen Mängel nachsinnt, stellt sich Mickey vor einen Spiegel und fängt nun an, sich den Body mit Öl einzuschmieren! Ich schwöre es, ich sauge es mir nicht aus den Fingern, das passiert wirklich! Edith hat den Arsch jetzt GESTRICHEN voll und sucht das Weite. Sie findet es aber nicht und landet nebst Kumpanen in der Mündelkammer des scharlachroten Trenkers. Hier dreht er voll auf: Dem Chefredakteur spuckt er voll in die Visage ("Verseuche mich nicht mit deinem unreinen Blick!"); die Mädels werden mit Nagelbrett, Messerdrehe und Wasserfolter gut unterhalten. Als der Held dann zum Showdown erscheint, liegt das Publikum eh schon geschlossen unter den Stühlen, hingemacht von Bier und Brezeln...

Dieser Sadomasokarneval ist oberempfehlenswert. Pupillo (der 1982 vom scharlachroten Imker besucht wurde) drehte noch Besseres, etwa den lakonischen Western BILL IL TACITURNO. Daß der Film nicht totaler Schund ist, liegt an der gelegentlichen Qualität von Luciano Trasattis Kameraarbeit. Gino Peguris Musik klingt etwas nach Edgar Wallace. Unter den Mädels fällt eine junge (und hübsche) Femi Benussi auf. Der Held wird gegeben vom männlichen Vampir aus L'AMANTE DEL VAMPIRO, Walter Brandi. Und den Finanzier der Fotoserie macht Amerikaner Ralph Zucker, der ein Jahr zuvor einen gorigen Film mit Barbara Steele inszeniert hat (CINQUE TOMBE PER UN MEDIUM), der häufig Pupillo zugeschrieben wird. Die deutsche Fassung ist — klaro — geschnitten, aber immer noch besser als nix. Ab in Rotkäppchens Nagelstudio!

KLAUS UND DIE FRAUEN I

In mondklaren Nächten liege ich häufig da und frage mich, wie es wohl gewesen wäre, ein Interview mit Klaus Kinski zu führen. Entweder, wir hätten uns prima verstanden, oder er hätte mir sofort eine in die Schnauze gehauen. Bestimmt hätte er mir eine in die Schnauze gehauen, wenn ich ihn nach Fernando di Leos LA BESTIA UCCIDE A SANGUE FREDDO (DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL / DER TRIEBMÖRDER, 1971) gefragt hätte. Zu Unrecht übrigens, denn der Film ist ganz ulkig.

Bestimmt hat Klaus aber nicht viel Spaß gehabt mit der schönen Margaret Lee, da er in einer seiner Biographien sehr anschaulich beschreibt, wie er während der Drehzeit vermutlich von VENUS IN FURS mit einer gewissen Maria R. verkehrt, sehr zur Animation von Maggie, die ihren Fingern freien Lauf läßt. Eine Fraufrau, so spricht der große Verkehrer.

Wie auch immer, ich finde es sehr schade, daß die wunderbare Firma VPS für ihre Videoveröffentlichung des Filmes den Kinotitel hat fallen lassen, denn es muß seinerzeit viele Zuschauer gegeben haben, die ihre steil erigierten Hälse verrenkt haben, um auch nur einen blauen Vogel ausfindig zu machen. Das gefällt mir. Interaktiver Kinobesuch. Das Publikum spielt mit. Vögel gibt's im Schloß keine, GEvögel um so mehr, denn di Leo greift hier voll in die Sexploitationkiste. Und das darf er auch, denn er hat Darstellerinnen wie die Lee oder Rosalba Neri zur Verfügung. Besonders letztere wird reichlich zur Kasse gebeten.

Die Geschichte (von Konsalik, meint der deutsche Verleih: ha—ha!) spielt in einer Klapse der gehobenen Art, in der ein gewisser Professor Dorian in den "Goldene—Blatt"—Neurosen seiner Patientinnen herumwühlt.
Mit von der Partie sind auch ein gewisser Dr. Kamphausen und ein gewisser Dr. Keller. Und natürlich die Bestie, die kaltblütig mordet; eine Menge Kandidaten, die alle der Reihe nach verdächtig gemacht werden. Ringsumher gibt es noch viel Gruselbrimborium, wie etwa eine Eiserne Jungfrau. Auch beweist die titelgebende Bestie viel Stil in der Auswahl ihrer Mordwerkzeuge: Mit Sense, Gartenschere und Dolch arbeitet sie sich im Zehn—Minuten—Takt durch die Besetzungsliste.

Ja, das Drehbuch ist schon ein rechter Glücksfall. Da platzen echte Schoten. Wunderbar zum Beispiel die Szene, in der die Nymphomanin des Schlosses (Rosalba natürlich!) einem Gärtner nachstellen will, der mit einer Sense sexuelles Begehren suggeriert. Leider wird sie vom Personal abgefangen. Zur Strafe gibt's eine kalte Dusche. Und dabei begleitet der Zuschauer sie und bekommt Gelegenheit, über die Länge ihrer Brustwarzen zu meditieren. In diesem Meilenstein der Duschszenen windet sich und tanzt Rosalba, krank vor Geilheit, durch den Raum, sich neckisch an die Wände schmiegend. Manch eine Zuschauerin mag so etwas schon einmal erlebt haben (unter LSD, etwa). Ihre Nymphomanie ("Männer sind alles, was ich brauche!") ist übrigens, der Nußschalenpsychologie des Filmes zufolge, auf inzestuöse Begierden zurückzuführen, die nicht erwidert werden.

Der Film wäre aber wirklich nur die Hälfte, wenn di Leo sich nicht mitten in seiner Beat—Phase befunden hätte: Der Mann kurbelt die Kamera herum, bis die Leinwand verschwindet! Es ist ihm zuzuschreiben, daß die Akkordarbeit, die der Mörder leistet, zu einem wahren Sleaze—Marathon wird. Und ja, manche Szenen sind satt geschmacklos: Diejenige etwa, in der eine schwarze Patientin vor der lesbischen Tochter des Arztes tanzt — zu Urwaldtrommeln! Auch sehr nett der Moment, in dem Rosalba vom Mörder aus Lustträumen gerissen wird, und sie ihn sofort anmacht — seine Axt stört sie nicht weiter! Ich liebe das.

Lauter kleine Murksereien sind natürlich auch dabei: So etwa der Exitus des Dieners, der vollkommen grundlos die Eiserne Jungfrau öffnet, nur damit der Killer ihn hineinstoßen kann... Ach ja, und die Auflösung! Hohoho, vergeßt TENEBRAE, hier stehen einem endgültig die Nackenhaare zu Berge — Agatha Christie hätte sich für diesen Einfall selber in den Schornstein gestopft!

Noch ein paar Worte zu Klaus: Sein erster Auftritt ist blanke Poesie: Er kommt ins Bild, wischt sich SOFORT die langen Haare aus der Stirn, der Professor labert auf ihn ein, aber Klaus interessiert das offensichtlich einen Scheiß, er guckt einfach woanders hin! Erinnerungen werden wach an LE AMANTI DEL MOSTRO und LA MANO CHE NUTRE LA MORTE, zwei Garrone—Filme, in denen Klaus so extrem Gas gibt, wie ich das noch nie gesehen habe: Wie er als Dr. Hyde—Monster durch den Mischwald stolpert, das ist der wahre Beginn der transzendentalen Obdachlosigkeit. Ein Mann sucht sich selbst und findet Garrone.

Übrigens: In der französischen Fassung dieses Films befinden sich (nebst einigem geschnittenen Material) auch drei Hardcore—Details. Eine Masturbation (mit Rosalba) ist leider schwer zu verifizieren; die anderen beiden sind aber wohl echter di Leo und die echten Darstellerinnen... Aber was rede ich denn da, das interessiert Euch bestimmt gar nicht...

DAGOBERT DRACULA

HANNO CAMBIATO FACCIA (WETTLAUF GEGEN DEN TOD, 1971) von Corrado Farina ist ein sehr eigenartiger Film, der knallige Systemkritik auf unterhaltsame Weise mit alten Gruselmythen verbindet. Tatsächlich bezieht sich der Originaltitel wohl auf die im Film geäußerte Idee, daß die Mythen nicht sterben — "sie verändern sich nur".

Dottore Alberto Valle ist ein ziemlich blasses Dutzendgesicht in einer großen Automobilfirma. Als er vom Präsidenten der Fabrik erstmals in den Olymp des 20. Stockwerkes beordert wird, schlägt ihm die Hemingway'sche Stunde: Tatsächlich verlangt der Gründer der Firma höchstpersönlich, ein Ingenieur namens Giovanni Nosferatu, dessen Ponem die Wände der Büros schmückt, seinen namenlosen Mitarbeiter zu sehen. Er erwartet ihn in seiner Villa.

Als Alberto wegen Benzinmangels mitten in der Pampa anhalten muß, stellt er fest, daß die Dörfler so ihre Marotten haben. Auf den Namen Nosferatus hin reagieren sie sogar richtiggehend verschnupft, allerdings ohne Knoblauch und Kruzifixe. Immerhin gabelt Berti eine leckere Hippiemieze (nackt im Pelz!) auf, die aus unerfindlichen Gründen einen Narren an dem sortierten Bruder frißt.

Und der Nosferatu wohnt absolut genial! Eine feudale Prachtvilla, in einer Gegend gelegen, bei der James Whale mit einer unfreiwilligen Emission lächelnd abgetreten wäre, voller Nebelschwaden, Eisenzäune und unheimlicher Wachposten. Im Preis inbegriffen ist auch eine scharfe (wenngleich etwas bizarre) Sekretärin, die nicht lange braucht, um den steifen Bürohengst zum Wiehern zu bringen. Die moosüberwucherte Plebs vor den Toren nicht weiter beachtend, macht man sich hier den berühmten flotten Lenz.

Und Nosferatu selber... Nun, wer Adolfo Celi kennt, weiß, daß der Mann für diese schmierigen reichen Kindsverderber geboren ist! Der Fernsehschirm bläht sich förmlich auf, wenn er erscheint. Und er ist ein kapitalistischer Hundsfott, ein garstiger Machtvampir, dessen Finger sich nicht nur in die Autoindustrie, sondern in so ziemlich alle wirtschaftlichen Bereiche bewegt haben, die man sich denken kann. Sogar "ein paar" politische Parteien gehören ihm. Der Mann ist echt super. Valle bekommt den Job als Präsident der Autowerke angeboten. Er bittet sich Bedenkzeit aus.

Tja, und die hat er nötig, denn es tun sich unheimliche Sachen im Anwesen. So findet er einen Brutraum mit Babys ("für den Nachwuchs unserer Mitarbeiter"), in dessen "Gästebuch" auch er selber enthalten ist (mit Babyfoto), wodurch angedeutet wird, daß hier die Führungselite von morgen geklont wird. Im Keller finden pseudo—okkulte Managerseminare statt, wo so lustige Sachen eingetrichtert werden wie die "Züchtung von Optimismus" oder die "Rückkehr des Konsumenten in die Wiege"...

Der kritische Teil, das darf hier kurz erwähnt werden, neigt hier und da etwas zum Plakativen. Diese Tendenz ist aber nur oberflächlich ein Makel, da der Film letztlich von der systematischen Verdummung der Konsumenten handelt, die eingespannt ist in ein wahrhaft teuflisches Netz von erzeugter Abhängigkeit und Befriedigung. Es geht um bereits abgestorbene Nervenstränge. Was Wunder, daß selbst Valle nur mehr grinsen kann, wenn ihm in seinem Zimmer fortwährend dümmliche Werbesprüche um die Ohren sausen, die zu Marktforschungszwecken ausprobiert werden sollen.

Wahrhaft bizarr wird der Film, wenn die ohnehin vorhandenen gotischen Ansätze vertieft werden. So findet Valle etwa bei einer fröhlichen Golfpartie ein halb verschüttetes Mausoleum, in dem Nosferatus Sarkophag steht! Auch die Musik von Amedeo Tommasi verstärkt diesen Eindruck mit gelegentlichen Chor— oder Orgelstücken. Die Frage ist nun: Wird der Naivling Valle den Krallen des grausigen Profitdämons Nosferatu entkommen können oder wird er seine Seele gegen ein Leben in kalter Behaglichkeit eintauschen?

Diese Meditation über das Für und Wider des Ulrich—Meyer—Effekts ist schwer in den Griff zu kriegen. Den "seriösen" Filmkritikern wird zum einen die Vermengung von politischem Inhalt mit Horrormotiven nicht schmecken, die zudem in comichafter Stilisierung stattfindet. Was die auf herbe Schocks wartenden Horrorfans mit den satirischen Elementen anfangen, ist auch etwas unsicher. Sicher ist, daß der Film mit einem angenehm ruhigen Erzähltempo ein beachtliches Maß an Spannung erzeugt, das nicht zuletzt daraus resultiert, daß Protagonist wie Zuschauer zunehmend den Boden unter den Füßen verlieren. Die eigentlich platte Gleichung "Kapitalismus = Vampirismus" wird durch diese desorientierende Vagheit jedenfalls zu einer spürbaren Realität.

Mit dabei sind auch einige Angriffe auf die Schickeria, auch die Kunstschickeria. Denn natürlich hat Nosferatu (Kondomwerbung "Auf du und du mit Nosferatu"!) auch einen gescheiterten Kunstfilmer an der Hand, der die Werbefilme für das neueste Produkt aus dem Hause Dracula (LSD!!!) mit gezielten Godard— und Fellini—Taktiken ausstattet. (Zumindest der Fellini—Spot ist ziemlich ulkig...)

Farina hat außer diesem hübschen Film nur noch eine ähnlich extravagante Bearbeitung des Crepax—SM—Comics BABA YAGA gemacht. Das Drehbuch schrieb er zusammen mit Giulio Berruti, dem Regisseur des guten Nonnen—Thrillers SUOR OMICIDI (GESTÄNDNIS EINER NONNE).

VIER FLIEGEN KÖNNEN SICH NICHT IRREN

Dario Argento ist sicherlich kein Regisseur, dessen Flagge man unter das Volk tragen müßte. Über seine Filme wird eine Menge geschrieben. Vieles davon stimmt sicherlich, auch wenn ich den Lobeshymnen bisweilen nicht in vollem Umfang beipflichten kann. Daß er ein begnadeter Filmemacher ist, der eine ähnlich geniale Intuition besitzt wie Mario Bava, steht für mich außer Frage. Daß seine Drehbücher die Grenzen der Gutgläubigkeit manchmal etwas über Gebühr ausdehnen, sollte aber ebenso klar sein.

Der Film, über den bei uns wohl noch am wenigsten zu lesen war, heißt QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO (VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT, 1972). Dies ist darauf zurückzuführen, daß, obschon der Film Anfang der 70er in den Kinos lief, er seitdem in der Versenkung verschwunden ist. Einzige Bezugsquelle war bislang der französische Markt, wo der Film brav auf Video herausgebracht wurde.

Wenn man einen Argento—Film aus den frühen Siebzigern betrachtet, weiß man schon während des Vorspannes, was die Stunde geschlagen hat. In diesem Fall wohnt der Zuschauer einer Jam—Session bei, deren rhythmisches Rückgrat das beherzte Trommelfeuer von Roberto Tobias darstellt (anders als die Helden der meisten Argentos stammt er scheinbar nicht aus den Staaten, auch wenn er von Michael Brandon gespielt wird). Um das Publikum auf die bevorstehende Zeichenwüste vorzubereiten, erfolgt eine kunstvolle Parallelmontage mit einem rätselhaften Mann mit schwarzer Sonnenbrille; eine Fliege, die sich auf einem Becken niederläßt (verdammt, nennt man das "Hi—Hat", wo man durch einen Fußdruck wundervoll Fliegen mit zerquetschen kann? Na, also darauf halt).

Besagten Rätselmann wird Roberto nun nicht mehr los, er klebt ihm an den Fersen. Als Roberto seinen Verfolger stellt (in einem verwüsteten Theater, das aussieht, als hätte dort "Silvester im ZDF" stattgefunden), kommt es erst zu einem Hand—, dann zu einem Messergemenge. Der Mann ist tot.

Zu Robertos nicht enden wollendem Leidwesen ist dieser Vorfall photografisch festgehalten worden. Sein Mitwisser scheint aber nicht an Kohle interessiert zu sein. Er will Roberto einfach etwas foltern. Das geht sogar bis zu einem gewaltsamen Übergriff in Robertos Apartmentwohnung. Kein Wunder, daß der gestreßte Musikus schwere Paranoia schiebt.

Richtig unangenehm wird die Sache aber erst, als sich im persönlichen Umfeld Robies die Leichen zu stapeln beginnen. Das sieht einfach nicht aus, und so versichert sich Roberto der Dienste eines Privatschnüfflers, der so tuntig ist, daß man sich fragt, an was der so alles schnüffelt.

Tja, und da wären wir auch schon an dem Punkt angelangt, wo der Film richtig interessant wird: die Geschlechterfrage. Nun ist Argento schon häufig Sexismus vorgeworfen worden. Ein Vorwurf, der — wenn man den sanftmütigen Italiener kennt — vollkommen an den Haaren herbeigezogen erscheint. Trotzdem ist schwer abzustreiten, daß Sex und Sinnlichkeit in den bewußt künstlichen Arrangements Argentos wenig Platz haben. Sexualität erscheint meist als abstrakte Stilisierung. Wenn es zwischendurch mal menschelt, dann tut es das nur sehr verhalten. Lustig eigentlich, daß die ersten nackten (Frauen—)Brüste, die es in einem Argentowerk zu sehen gab, ausgerechnet seiner Tochter Asia gehören (TRAUMA). In den 70ern pflegten die Helden seiner Filme — so sie überhaupt beweibt waren — eher diese typischen 70er—Jahre—Beziehungskisten, wo die Bettelheim—Bücher im Regal stehen und sich die gemeinsam Wohnenden eigentlich eher zufällig treffen, wenn das "Hegel—für—Fortgeschrittene"—Seminar mal früher aus hat oder wenn's im Unterleib gar zu sehr ziept. Diese "reifen", distanzierten Beziehungen eben, nicht mehr investieren als unbedingt nötig.

Die Frauen sind meist einigermaßen befreit und engagiert (wenn auch gelegentlich grotesk verzeichnet, wie Daria Nicolodi in PROFONDO ROSSO). So richtig sinnlich und offensiv sind sie aber nie; auch die vorzügliche Mimsy Farmer in QUATTRO MOSCHE, entzückend mit Bubikopf, macht hier keine Ausnahme. Umso größer das Erstaunen der gestreßten Männerwelt bei Bella Asia. Aber das war ja nicht der einzige Trendwechsel bei Argento in jüngerer Zeit.

Was die Schwulen angeht: Egal, ob Werner Peters in L'UCCELLO, ob John Steiner in TENEBRAE oder ob der Detektiv aus QUATTRO MOSCHE, die Tucken sind eher negativ besetzt. (Ich reflektiere über den Satz und finde den Begriff  "negativ besetzte Tucken" sehr komisch!) In QUATTRO MOSCHE gibt der Schwulibus Rex jedenfalls Vollgas, auch wenn er eigentlich ein lieber Kerl ist, der sogar bereitwillig Auskunft erteilt, daß er von bisher 84 Fällen keinen einzigen gelöst hat!

Der Dario. Wenn man nun von diesen geschlechtlichen Betrachtungen abgeht, bleibt ein sehr eleganter und streckenweise extrem spannender Giallo, der vollgestopft ist mit Menschen, denen man schon immer begegnen wollte: ein debiler Postbote etwa, oder ein eremitenhaft lebender Künstler namens "Gott" (gespielt von Bud Spencer!), der sich im wesentlichen von Fisch ernährt und einen Papagei namens "Jerkoff" ("Wixdireinen") besitzt. Einige Morde sind schon recht sadistisch, aber kein Vergleich mit PROFONDO ROSSO. Bei der (gerade auf CD erschienenen) Musik von Morricone fliegen alle Möpse weg.
Auch die von Asia. Die englische Fassung kommt ohne eine rituelle Köpfung aus; dafür enthält sie eine Gummizellen—Szene, die in der französischen Fassung fehlt.

Es gehört vielleicht nicht hier her, aber zu all dem schwulen Kram: Warum ausgerechnet die Südländer auf dem Thema so herumreiten, ist mir schleierhaft. Das einzige Mal, daß ich von einem (ziemlich häßlichen) Mann angebaggert worden bin, fand statt auf der "Spanischen Treppe" in Rom. Daß dieser Mann so häßlich war, hat mir schon zu denken gegeben. Der Film ist aber gar nicht häßlich, sondern ein wundervoller Deko—Thriller, wie man das halt von Onkel Dario gewohnt ist. Molto bene.

KLAUS UND DIE FRAUEN II

Aristide Massaccesi alias Joe d'Amato alias Peter Newton alias Alexandre Borsky alias D.W.Griffith... Man kennt diesen Vorzeigerömer am ehesten durch seine zahlreichen Versuche, aus den unterleibszentrierten Neurosen der männlichen Weltbürger Kapital zu schlagen. Wie schön, daß er sich auch im Horror—Genre versucht hat, da es mir die Möglichkeit gibt, ihn in den Artikel mit der Wucht einer Dampframme hineinzupunzen.

LA MORTE HA SORRISO ALL'ASSASSINO
(DIE MÖRDER—BESTIEN, 1974) ist tatsächlich der einzige Film in Massaccesis reichhaltigem Schaffen, den er mit seinem eigenen Namen gezeichnet hat. Hieraus zu schließen, daß es sich um einen besonders persönlichen Film handelt, kann nicht weit ab vom Schuß sein, zumal LA MORTE alles ist, nur nicht kommerziell!

Ich vermute, daß viele Leser sich mit Schrecken an ihre erste Begegnung mit dieser unscheinbaren SILWA—Videokassette erinnern. Ein Horrorfilm? Noch dazu einer mit Klaus Kinski?? Und steht da nicht was von "wiederkehrendem Leben"??? Alles klar, man hat einen Zombie—Schocker mit Kinski an der Hand, die Pforten zur Glückseligkeit sind geöffnet, holt die Knabbermischung raus...

Aber dann! Ho—ho—ho, die Ernüchterung, die Jogger—Gums laufen einem im Halse davon... Boah, ey, wat ne langweilige Scheiße, haste nicht noch den neuen Seagal—Film da etc. (Womit ich nichts gegen Steven Seagal sagen will; ich liebe den Mann. Er verkörpert den Sieg der rohen Gewalt über Materie.)

Wenn Ihr den Film beim ersten Ansehen nicht kapiert habt, grämt Euch nicht — ich selber habe erst beim zweiten Mal verstanden, wovon det Janze überhaupt handelt! Macht aber nichts, dieser Film ist der ANDALUSISCHE HUND des italienischen Horrorfilms, wenn auch vielleicht nicht absichtlich...

Zu Anfang erscheint Luciano Rossi, der Unentwegte, wie er schräg und schwitzend vor seiner aufgebahrten Schwester kniet. Großartiger Anfang, schwer zu übertreffen. Rückblenden (die uns den ganzen Film hindurch aus unserer Wohlstandstaubheit aufrütteln werden) verraten gerade mal, daß Rossi mit seiner Schwester Ewa Aulin ein behütetes Leben abseits der Großstadt geführt hat. In einer der surrealeren Rückenblenden läuft Rossi (der hier übrigens einen Buckel hat) mit einer Lupe in der Hand hinter seiner Schwester her, über eine idyllische Wiese. Was er mit der Lupe will, bleibt ungeklärt, aber Ewa landet in den Armen ihres ganz speziellen Adams, gespielt vom Sixties—Schwarm Giacomo Rossi Stuart, mit Schnäuzer und einer Frisur, die so recht vor dem Mißbrauch toter Tiere warnt. Hier endet der vernünftige Teil des Films.

Auf einmal: Ein wohlhabendes Pärchen im Gärtchen am Tischchen. Der Mann sieht aus wie der letzte Schnäuzer—Asi und hat ebenfalls eine Frisur, die aussieht wie etwas, was die Katze in Haus getragen hat. (Im weiteren Verlauf erweist sich: er ist Giacomos Sohn!) Bei diesem Haubentaucher handelt es sich um Graf Walter von Ravensburg, dessen angetraute neben ihm sitzt. Auch sie schaut scheiße aus. In dieses Idyll bricht eine Kutsche hinein, die Vollgas in die Böschung rauscht. Mit dem Kutscher ist nichts mehr anzufangen, ihm quellen die Gedärme raus; die Frau in dem Gefährt ist allerdings wohlauf und —— Ewa Aulin!

Auftritt Klaus K.: Er tritt ins Zimmer, holt ein mittelalterliches Hörrohr raus (der Film spielt Anfang des Jahrhunderts) und geht Ewa sofort an die Wäsche! Furios ist das Wort hierfür. Nebenan sitzt die Kammerfrau Gertrud und träumt von Herrn Rossi. Dieser verfolgt sie kurz darauf über grüne Auen und schießt ihr mit einer Flinte direkt in die Visage, was drastisch dargestellt wird und mildes Gröhlen zuläßt. Klaus aber untersucht immer noch Ewa. Er verfährt dabei etwas unorthodox: Den Augapfel der ruhig Daliegenden durchsticht er mit einer langen Nadel. Keine Reaktion! Das kommt Klaus begreiflicherweise spanisch vor; er empfiehlt sich.

Jetzt splittet sich der Film in mehrere Erzählstränge auf, die alle ein wundersames Eigenleben führen. Der quasimodeske Herr Rossi suchte nämlich das Glück in Form des ewigen Lebens. Da auch Kinski dieses Geheimnis entdeckt hat, animiert er schnell einen Leichnam re. Seine Rolle erschöpft sich aber hierin; er wird abgemurkst. Außerdem verführt die flotte Ewa nacheinander den jungen Schnäuzer und seine Gattin, was in herben Zwistigkeiten der Eheleute resultiert. Die Gattin reagiert schließlich vollkommen überwertig und mauert Ewa kurzerhand ein. (Obwohl die ganze Zeit über eine schwarze Katze rumfleucht, wird diese aber nicht mit eingemauert.) Wer meint, daß die grause Mär hier zu Ende wäre, der sieht sich eines Besseren belehrt: Wer einmal von den Toten aufersteht, der kann das auch mehrmals. Ewa macht mit der Familie klar Schiff, und wenn Daddy Giacomo vorbeischaut, dann wird's erst richtig lustig...

Diese merkwürdige Mischung aus morbidem Edelkitsch, fröhlicher Splatterei und experimentellen Erzähltaktiken ist unbeschreiblich und wird von den einen als bodenlos langweilig, von den anderen aber als hochinteressantes kleines Schatzkästchen gewertet werden. Die Videosynchro ist freilich etwas Panne, aber die gestelzte Diktion der Sprecher paßt zu dem traumgleichen Szenengespinst eigentlich ganz gut. Die gelegentlichen Splatter—Einsprengsel sind sehr extrem und wirken wie Fremdkörper. Aufgebrachte Mägen werden aber sofort wieder eingelullt von den schönen Klängen Berto Pisanos, die auch in A. Bianchis MALABIMBA Verwendung fanden. Und die Kameraarbeit Massaccesis ist in ihrem forscherischen Wagemut ohnehin zu preisen.

Einige vollkommen selbstzweckhafte Sexszenen sind auch drin, aber so was wollt ihr bestimmt nicht sehen...

Nur für die Galerie: Kinski und Rossi waren auch im Jahr davor mit von der Partie in Massaccesis Kriegsepos EROI ALL'INFERNO. Der ist nicht so dolle.

NOGGER SHOCK

Und jetzt kommt eine absolute Granate... Es ist natürlich unerläßlich, einen Film von Mario Bava zu besprechen, der dieses Genre ja mindestens mitzuverantworten hat. Über die meisten Filme ist schon gar zu viel geschrieben worden. Deshalb habe ich mir einfach seinen letzten alleinverantworteten Film gegriffen, SHOCK: TRANSFER SUSPENSE HYPNOS von 1977 (dessen Titel übrigens überall unterschiedlich buchstabiert wird). Was für ein Fehler, daß ich mir SHOCK, den ich vor Urzeiten gesehen habe, ausgerechnet als letzten Film vorm Schlafengehen reindrücken mußte. Mit dem Schlafen hatte es sich da nämlich. SHOCK ist der unheimlichste Bava—Film seit den 60ern und darüber hinaus einer der unangenehmsten Filme, an die ich mich erinnern kann...

Totaler Schock! Alles aus! Daria Nicolodi, ehemalige Ehefrau von Dario A., spielt eine nervolabile Person namens Dora, die mit ihrem neuen Mann Bruno in ihr altes Haus zieht. Dort beging vor nunmehr 7 Jahren ihr Ex, ein drogensüchtiger Künstler (oh, Scheiße, bleib' mir vom Leib mit drogensüchtigen Künstlern!), auf ausgesprochen unansehnliche Art Selbstmord. Aber die Schatten der Vergangenheit haben sich verzogen.
So scheint es aber nur. Denn ihr kleiner Sohn Marco benimmt sich ausgesprochen eigenartig: Das angestrebte Familienidyll tapfer sabotierend, reagiert er immer häufiger verbiestert auf den neuen Lover (der übrigens von einem meiner Lieblinge, John Steiner, gespielt wird) und betrachtet seine Mutti lüstern beim Duschen. Könnte man diese Aktionen noch als typische Entgleisungen eines präpubertären Psychobalgs erklären, sind seine Versuche in Amateurvoodoo doch schon ernster zu nehmen.

Und was Dora angeht, so ist ihr Karma ohnehin nicht das beste: In ihr erwacht die Vergangenheit zu neuem Leben. Diese Vergangenheit — die bewegter war, als man das zunächst mitbekommt — bekommt schon bald ein Gesicht mit Schnäuzer. Ihr denkt jetzt, ich rede von Maurizio Merli — mitnichten. Der Geist von Doras Exmann macht das Haus unsicher und untergräbt den Haussegen auf fatale Weise. Zumal die Spannungen so intensiv geworden sind, daß schwer abzuschätzen ist, wer als erster zum Hackebeil greift...

Ganz so launig, wie sich das hier liest, ist der Film nicht. Wer den vorzüglichen Soundtrack der Gruppe "Libra" kennt (nur Japan—CD), der hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie "Goblin" klängen, wenn man sie mit LSD vollgepumpt in ein Bosch—Gemälde führen würde. Wie eindrucksvoll die Musik auf CD auch sein mag — im Film wird sie sparsam eingesetzt, vermengt sich mit der ruhigen, nur langsam die näheren Umstände preisgebenden Erzählspur des Filmes und hat eine absolut verheerende Wirkung. Man ist geneigt, die Personen des Filmes vollkommen ernst zu nehmen, und das ist durchaus als Warnung gedacht. Denn ist der Anfang auch nur ein langsames Sichvortasten in den heiklen Bereich familiärer Neurosenforschung, so verdichtet sich das Ganze, bevor man sich's versieht, zu einem alptraumhaften Spinnennetz, das die EXORZISTEN—Anklänge des zugrundeliegenden Besessenheitsthemas weit hinter sich läßt. Der Schluß ist dann das vielleicht intensivste Delirium des Wahnsinns, das in der jüngeren Erinnerung haftet (und auch für einige Zeit haften bleiben wird), ein totaler Absturz in psychopathisches Chaos. Vollkommen erschütternd.

Der Film steckt voller großartiger Einfälle. Z.B. spielt Dora in einer Szene auf dem Klavier ihres toten Mannes und schneidet sich an einem Objekt; das Objekt erweist sich als Rasierklinge, die zwischen den Tasten liegt. Es gibt eine Schaukelszene, die stark an OPERAZIONE PAURA (DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA) erinnert. Und diverse Alptraumszenen, die großartig arrangiert sind.

Der Film wird auch unterstützt durch die guten Schauspieler. Besonders Daria Nicolodi ist große Klasse, viel besser als in den Filmen ihres Ex. Ivan Rassimov hat einen Gastauftritt als Psychiater, der u.a. für einen hübschen PROFONDO—ROSSO—Einfall sorgt. Und das Kind, das Marco spielt, ist auch sehr gut ausgesucht, da es Unschuld ebenso überzeugend verkörpert wie dämonische Verdorbenheit. Der Kleine spielte übrigens auch schon in dem ersten italienischen EXORCIST—Rip—Off mit, den es gab, Sonia Molteni Assonitis' CHI SEI? (WER BIST DU? / VOM SATAN GEZEUGT).

In der englischen Fassung sind verschiedene Sachen geschnitten, etwa eine Alptraumszene, in der Daria die Hand ihres toten Ex zerquetscht und in der ihr danach das Laken vom Körper gezogen wird; eine Szene, in der Kinder einem Kaspertheater beiwohnen; und eine ziemlich wichtige Szene, in der der Junge seine schlafende Mutter streichelt und seine Hand auf einmal eindeutigen Zombie—Charakter aufweist, fehlt komplett. Tatsächlich fehlen mehr sexuelle Inhalte als blutrünstige, was überrascht, denn von ersteren hat der Film nur angedeutete (wenn auch toll gemachte) Exemplare, während die damals modischen "Body—in—Pieces"—Einflüsse doch schon recht deutlich sind. Universalmesser etwa sind etwas, womit ich in Zukunft sehr achtgeben werde.

Zum Thema "Nogger Choc" möchte ich noch kurz anmerken, daß ich neulich darauf hingewiesen wurde, daß es ein Videolabel für Fäkalpornos gibt, das "Choc" heißt. Das erwähne ich nur, weil der Sommer bald wieder sein Blütenband über die Fluren streift und viele Leute lecker Eis kaufen. Stattdessen sollten sie lieber im schattigen Kämmerlein sitzen und sich SHOCK ansehen. Dann gäbe es auf der Welt weniger Probleme, alle könnten sich an den Händen fassen, über die Wiesen tanzen und Fäkalpornos drehen.

MATSCHBIRNE IM FREUDENTAUMEL

Jetzt zu gleich zwei ALIEN—Rip—Offs. Numero Uno heißt ALIEN 2 SULLA TERRA (ALIEN — DIE SAAT DES GRAUENS KEHRT ZURÜCK, 1979) und gibt sich sehr mutig als direkte Fortsetzung aus. Sieht man sich das Produkt an, erscheint es weniger als Mut denn als Tollkühnheit, denn was Ciro Ippolito unter dem schönen Pseudonym Sam Cromwell abgeliefert hat, ist bei Lichte besehen ziemlich öde. Dies mag daran liegen, daß ein Großteil des Filmes in einer Tropfsteinhöhle spielt, und wer meint, daß man an so einem Ort einen anständigen SF—Schocker hinbekommt, der soll das ruhig mal probieren.

Ganz San Diego steht Kopf, weil dicht vor der Küste eine Raumfähre runterkommen soll. Höhlenforscherin Thelma Joyce ist eingeladen zu einer Konferenzschaltung des Fernsehens, hat aber dabei eine ihrer gefürchteten Visionen: Etwas Schreckliches wird geschehen!

Trotzdem hat sie keine großen Probleme, zusammen mit ihrem jesusbärtigen Freund Roy und einigen Knallköpfen auf eine Exkursion unter Tage zu gehen. Vorher greift einer der Teilnehmer (übrigens gespielt von Michele Soavi) einen der merkwürdigen Steine ab, die auf einmal überall rumliegen, so eine Art Mischung aus versteinerter Affenscheiße und Amethyst, was sich als ausgesprochener Fehler erweist. Denn der Stein ist in Wirklichkeit ein Monster, und das verschaschlikt sehr schnell so ziemlich alle Dulleks der Expedition. Am Schluß entkommen zwei Leute, indem sie einfach nach draußen gehen, aber sie erleben eine dieser Überraschungen.

Ja, unter Tage kann man viele schöne Schatten an die Wände zaubern, und Ippolito zeigt sie alle! Leider gibt es nur soundsoviele Möglichkeiten, wie eine begrenzte Anzahl von Leuten dekorativ durch die Gegend laufen kann, und deshalb ist der Film (trotz der ziemlich unheimlichen Musik von Guido + Maurizio de Angelis) eine ziemlich unspannende Angelegenheit. Besser gesagt, er demonstriert recht anschaulich den Unterschied zwischen "nervig" und "spannend". Ersteres ist der Film, letzteres nicht. Ippolito gelingen zwei oder drei wirklich gute Szenen. Davon abgesehen ist einigermaßen Auszeit. Eine sehr unerquickliche Episode mit einem kleinen weinenden Kind am Strand bleibt dem Betrachter sicherlich im Gedächtnis haften, genau wie die spärlichen (aber exzessiven) Gore—Extravaganzen. So spritzt das Ungetüm in einer Szene direkt aus dem Gesicht einer Frau an den Hals ihres Kollegen, welcher sehr umständlich stolpert und schließlich kopfüber an einer Leine baumelt. Da das Viech Humor hat, kommt die ganze Birne des gescheiterten Höhlenmenschen runter und erschreckt seine (Kohlen—) Kumpel und Kumpeletten. Dieses Bild schmückt meist das Videocover und ist auch als "Matschbirne" bekannt, was ich sehr passend finde. Die Kinofreigabe ab 16 muß man wohl als Spaß verstehen. Ansonsten bekommt man von Stalaktiten und Stalagmiten bald genug. Ippolito und seine wackelnde Kamera sind keine wirkliche Gefahr für Ridley Scott. Als Trash—Film ist ALIEN 2 natürlich trotzdem sehr nett.

Besser aber zieht sich Luigi Cozzi aus der Affäre mit seinem Werk CONTAMINATION (ASTARON, BRUT DES SCHRECKENS, 1979). Nicht VIEL besser, zwar, da auch er kein Meister des Zelluloids ist, aber immerhin besitzt sein Film eine größere Varianz der Schauplätze. Das erfreut das Auge.

ASTARON ist noch dichter am Scott—Film orientiert als SAAT. Auch hier krauchen Astronauten auf einem fremden Planeten herum (Mars, glaube ich; vielleicht aber auch Nuts oder Snickers) und entdecken Höhlen voller voller Eier mit Monster drin. Während aber der eine Astronaut mit der Geschichte nach außen tritt und mit Hohn + Spott überzogen wird wie Dr. Oetkers Nußkuchen mit einer klebrigen Glasur, streitet der andere fieserweise alles ab und verursacht den unehrenhaften Ausstoß seines Allschifferkollegen aus der Allschiffergewerkschaft. Besagter Hubbard ergibt sich daraufhin dem Trunke, welchem er auch zwei Jahre verpflichtet bleibt.

Als die 2 Jahre vorbei sind, geschehen aber absonderliche Dinge, absonderliche und erschreckende Dinge. Denn es werden Eier gesichtet, die pulsieren, platzen, schleimige Flüssigkeit ausstoßen (keine Nußglasur) und die damit Benetzten dazu veranlassen, es ihnen mit donnerndem Krachen gleichzutun. Derlei Vorgänge erregen die Mißbilligung der Obrigkeit: Colonel Stella Holmes versucht, den Eiern auf den Grund zu gehen. Sie erhält mannhafte Unterstützung vom Polizanten Arris.

Ja, das Drehbuch von Cozzi ist herrlich unlogisch! In einer Szene etwa wird Frau Holmes eines dieser Überraschungseier vor die Dusche gelegt, worauf sie das tut, was ich wohl auch tun würde: Sie schreit, sie schreit, daß die Wände wackeln. Nur leider hört sie niemand. Es muß das bestisolierte Hotel in der westlichen Hemisphäre sein. Aber solcherlei Einwände treffen nicht den Punkt. Hier soll der gotische Gruseltenor von ALIEN mit kostengünstigem Splattersopran gekreuzt werden, und das gelingt weitgehend. Besonders nett finde ich, daß der Film auf einmal in Südamerika spielt, wo die Alien—Eier wie Melonen auf einer Plantage gezüchtet werden. (Der wissenschaftlich geschulte Betrachter folgert messerscharf, daß die klimatischen Bedingungen in Südamerika denen einer Marshöhle gleichen...)

Und die Special Effects sind natürlich alles: Wenn die Charaktere ihre herrlich künstlichen Eingeweide durch die Gegend fliegen lassen (wie heißt dieser Woody—Allen—Film noch mal — INNENLEBEN?), dann geht einem einfach das Herz auf, wenn ihm nicht das Essen aus dem Gesicht fällt. Ich habe jedenfalls nicht mehr so gelacht, seit sie die Geliebte von Harald Juhnke und ihre Mami interviewt haben. Daß Frau Doktor an einer Stelle einfach so eine Ratte platzen läßt, nur um die Explosivwirkung der grünen Mixed Pickles zu demonstrieren, ist, glaube ich, nicht als Statement gegen Tierversuche zu betrachten. Wenn Siegfriedt Rauch am Schluß der Pansen um die Ohren fliegt, dann geht für mich eine Sonne auf (auch wenn ich mich schmerzhaft an meine letzten Erfahrungen mit Laxoberal erinnert fühle). Rauch hat seine beste Szene, wenn ihm im Zustand der Erregung ein Spuckeflatschen auf die Lippe gerät und er ihn rasch wieder einsaugt. Cozzi weiß, was sich gehört: Er hat die Szene dringelassen!

Astaron heißt übrigens ein großes baumförmiges Gluckermonster mit gelbem Matschauge, das das beste Musikthema des ohnehin geilen "Goblin"—Scores bekommt, der als Japanpressung auf CD veröffentlicht wurde und eine absolute Pflichtanschaffung darstellt.

KALTE LIEBE

Wer schon mal auf Santo Domingo gewesen ist, der weiß, wie malerisch Palmen sich wiegen können. Ich selber war natürlich noch nicht da, aber da das Filmedrehen offenbar recht preisgünstig dort ist, kann man aus dem Gesamtwerk Aristide Massaccesis pittoreske Einsichten in die Lokalitäten gewinnen, von den pittoresken Einsichten in die Intimzonen der Darsteller mal ganz zu schweigen. Ende der 70er hat er dort jedenfalls eine ganze Handvoll Filme gedreht, für wenig mehr als eine Handvoll Lire. Dazu gehört das Susan—Scott—Alterswerk ORGASMO NERO (WOODOO BABY), in dem eine junge Schwarze mit kolonialistischen Säften bekanntgemacht wird. Dazu gehört der Porno PORNO HOLOCAUST, in dem ein Zombie mit einem Penis einhergeht, der John Holmes im Vergleich wie eine Erdnußlocke aussehen läßt.
Und dazu gehört auch NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI (1980), der bei uns als IN DER GEWALT DER ZOMBIES herausgekommen ist. Ein Trash—Woodstock, der Film.

Die Anfangsszene spielt in einer Klapsmühle. Dort laufen eine Menge lallender Irrer herum. Erinnerungen an die letzte Straßenbahnfahrt werden wach. Einer dieser Leute ist der großartige George Eastman (El Man—Eater), der sofort von einer geilen Nymphomanin besprungen wird. Beide ferkeln auf dem Korridor, daß die Fliesen knirschen. Ein weiterer Patient onaniert japsend im Hintergrund. (Das IST die letzte Straßenbahnfahrt!)

Nach diesem eher irreführenden Beginn erfolgt der Einstieg in das Universum des Films: Ein amerikanischer Dreckbatzen namens John Wilson, der gespielt wird von einem der fleißigsten italienischen Porno—Rammler, Mark Shannon (bzw. Shanon), macht den Kauf eines Eilandes perfekt, auf dem er ein Ferienhotel zu errichten gedenkt. Danach springt er mit zwei Inselschönen unter die Dusche und läßt sich die Flöte kneten. Von dieser besinnlichen Szene sind in der deutschen Fassung nur noch Rudimente vorhanden, aber die zerstören jede Überlegung, der Film wäre vielleicht soft gedreht worden.

Woanders zündet ein Inselbewohner eine andere Art von Kerze an; sofort erscheint ein Zombie und tötet den Kerzendreher durch Kehlenbiß. Dann haut er wieder ab. Zwei Dinge lernen wir aus dieser Szene. Erstens, der Zombie war nicht hungrig, denn er beließ es bei der Geste. Zweitens, man sollte auf der Insel keine Kerzen anzünden.

Zurück im Hotel ist dem Shannon seine Kerze mittlerweile erloschen, weil er die Insel erwähnt hat. Die Mädels reagieren auf seine Bemerkung, als würde dort was endgelagert. Gleich vor der Tür seines Apartments reißt er aber die nächste Schickse auf, die ihn bis zum Schluß des Films begleiten wird. (Ich muß die Anschrift von dem Hotel bekommen!)

Und da isser wieder: Eastman, wie er leibt und lebt, jetzt Besitzer einer stolzen Yacht. Da Shannon mit Scheinen wedelt, erklärt George sich bereit, ihn zur "Katzeninsel" zu bringen. Vorher aber muß George noch einen Zombie erledigen, der auf einmal im Wasser schwimmt.

Auf der Insel angekommen treffen sie auf eine schöne Prophetin namens Luna (Laura Gemser!) und ihren Onkel, der eine Beule auf dem Kopf hat, weil er immer gegen die Palmen läuft. Der alte Zausel hat was gegen das Projekt und stößt finstere Warnungen aus. Dem Shannon ist das so egal wie Schnee auf dem Himalaya.
Aber wie der Zuschauer schon richtig ahnt: Es liegt was in der Luft, und zwar ein ganz besonderer Duft.
Leichen steigen aus dem Erdreich empor und machen den Lebenden das Leben schwer. Obwohl das Material auf der Insel nur sehr begrenzt ist, wird nach besten Kräften gemetzelt. Zwischendurch knallen und lutschen sich die Inselbewohner um Leib und Seele. Nur der alte Mann mit der Beule kriegt niemanden ab, aber er hat ja das Meer.

Tja, es dauert natürlich fast 55 Minuten, bis die Zombie—Invasion beginnt, aber dann kommt Freude auf. Wie üblich setzen sich die Toten bei der Wiederauferstehung einfach senkrecht auf, so daß man annehmen muß, daß die Urbewohner ihre Verschiedenen in 10 cm Tiefe beizusetzen pflegten. Auch ist die Anzahl der Toten in den Schlußszenen schon erstaunlich. Das geht da zu wie auf dem Münchner Hauptbahnhof! Selbst aus dem Wasser kommen die Burschen. Na ja, Wasserbegräbnisse halt. Trotzdem: So, wie die Jungs sich da aus dem Erdreich wuchten, sieht das ziemlich wie eine Horde alternder Tuaregs aus. Tuaregs, Müllmänner, scheißegal, es wird gekeult, das Knabbergebäck zittert vor geistiger Anstrengung.

Daß Massaccesi und sein Drehbuchautor sich nicht übermäßig angestrengt haben, ist fast zu erwarten und macht ja auch nichts. Wer nichts hat, der klotzt doppelt! Und Pluto Kennedys Musik (wir erinnern uns: DIE BESTIE AUS DEM WELTRAUM!) macht so intensiv Stimmung, daß die Spekulationen über die wahre Identität des Mannes angefacht werden bis ins Unermeßliche. (Wahrscheinlich Morricone, ho—ho—ho!) Massaccesis Kameraarbeit ist nicht ganz so ambitioniert wie bei den MÖRDER—BESTIEN, erfüllt aber ihren Zweck.
Eastman und die Gemser haben keine Hardcore—Szenen, während Shannon und seine Mädels kräftig Gas geben: Die Schnitte verraten den Meister. (Wer so aussieht wie Shannon, muß allerdings bumsen können wie ein junger Gott!) Eine ähnliche Aufteilung besteht auch in PORNO HOLOCAUST, wo Eastman trocken bleibt; Shannon, die Mieze aus NOTTI EROTICHE und die Schwarze aus WOODOO BABY geben dem Affen Zucker, wie man so sagt. Auch Massaccesi spielt in PORNO mit: einen Ganoven mit Aktenkoffer, der schließlich abgeknallt wird.

Eine Frage zum Schluß noch: Wieso stehen die Zombies eigentlich so nach und nach auf, und wohin verziehen sich die vom Vortag? Handelt es sich um eine gestaffelte Wiederauferstehung oder buddeln die sich immer wieder selbst ein? Hmm...

GI—JOE AUF DER SPEISEKARTE

Auf Margheriti kann man sich fast immer verlassen. Zwar hat er in jüngerer Zeit nichts wahrhaft Begeisterndes zustande bekommen, aber seine Filme erfreuen durch die solide Profi—Arbeit, die da geleistet wird. APOCALYPSE DOMANI — wörtlich: Apocalypse Tomorrow (ASPHALT—KANNIBALEN, 1980) — ist der meiner Ansicht nach bestgemachte unter den kannibalistischen Zombie—Filmen aus Italien.

Zu Anfang ist es natürlich zappenduster. Da ballern lauter asoziale Soldaten aufeinander herum. Auch Frauen und Kinder werden abgekokelt, der Krieg war halt kein Zuckerlecken. Irgendwo in einer Grube hocken einige gefangene GIs. Die Chuck—Norris—Rolle hat John Saxon inne, der als Colonel die Befreiungsaktion führt. Als er seine Kameraden herausholen will, sieht er, daß diese gerade dabei sind, eine Vietnamesin zu zerlegen. Einer beißt Saxon volle Kajüte in die Hand.

Aber es war nur ein Alptraum. Saxon ist nämlich wieder zu Hause bei seiner Freundin. Die Kameraden befinden sich weitgehend in Nervenheilanstalten. Der Colonel selber leidet unter fürchterbaren Schlafstörungen.

Wie schön und passend ist es da, daß just zu diesem Zeitpunkt einer der Gefangenen, der besonders asoziale Charles Bukowski (sehr witzig, Antonio!), freigelassen wird. Das läuft dann so ab: Erst ruft er Saxon an, der ja mittlerweile seine Family—Man—Existenz wiederaufgenommen hat und nicht daran interessiert ist, wieder an die Greuel erinnert zu werden. Dann geht Bukowski ins Kino, Umberto Lenzis CONTRO QUATTRO BANDIERE läuft gerade, mit der Castellari—Footage aus BATTAGLIA D'INGHILTERRA allerdings. Dann beißt er ein Mädchen in den Hals, das gerade mit seinem Boyfriend herumschäkert. Und als krönenden Abschluß des Tages verbarrikadiert er sich in einem Einkaufscenter und schießt auf alles, was sich bewegt. Dabei beißt er auch wild um sich. Obwohl es der Polizei gelingt, ihn herauszuboxen (mit Hilfe von Saxon, allerdings), stellt sich schon bald heraus, daß die Sache ansteckend ist — immer häufiger treten Fälle von Kannibalismus auf. Auch Saxon denkt jetzt noch ängstlicher an seine Nam—Erlebnisse zurück. Zumal er ein junges Mädchen, das ihn angebaggert hatte, mehr als nur lustvoll in den Bauch gebissen hat. Blutig lächelt ihn das Fleisch aus dem Kühlschrank entgegen. Die langsame Zombiefizierung des Colonels wird von Saxon gut dargestellt und ist nur einer der Pluspunkte des Filmes.

Wenn sich Saxon und seine Crew schließlich voll und ganz ihrer Natur öffnen und durch Straßen und Kanalisation wüten, ist die Leinwand (der Fernsehschirm) eh schon am Kochen.

Ja, ein feiner Film! Wer auch nur das kleinste bißchen zartbesaitet ist, sollte vom Betrachten von APOCALYPSE besser Abstand nehmen, denn der Film gibt auch in der deutschen Fassung noch Vollgas. Zwar fehlen hier ein paar Szenen, wie etwa ein unangenehmer Flex—Mord und die großartige Kamerafahrt durch John Morghens Körper. Auch so ist der Reißer aber nichts für Vegetarier.

Unter den Darstellern ragt vor allen Dingen Giovanni Lombardo Radice alias John Morghen heraus, der seinen Bukowski mit einem Höchstmaß an Überzeugung ausstattet. Wenn er beispielsweise im belagerten Einkaufscenter sitzt, Vietnam—style mit seinem Gewehr, und dabei ein Lied singt, dann ist der Mann so zu, wie ein Mann nur zu sein kann. Abgründe der menschlichen Psyche tun sich auf. Daß er noch dazu von Klaus Löwitsch gesprochen wird, ist natürlich ein Glücksfall. Auch gut, wie schon gesagt, Saxon, der hier mehr Gelegenheit bekommt als sonst, um schauspielerisches Talent zu demonstrieren. Auch gut ist Tante Tina im Nebenhaus, die aussieht wie ein Mordopfer in einem John—Waters—Film. Hier landet sie im Kühlschrank.
Das Drehbuch ist ziemlich gut und leistet sich sogar eine recht ungewöhnliche Sympathievergabe, da die Polizisten als alles andere als nett dargestellt werden. Sie hetzen mit gefühlloser Härte hinter den infizierten Veteranen her. Von Saxon kennt man zumindest den familiären Background. So kommt es, daß der Schluß des Filmes sogar eine tragische Note aufweist, die Filmen dieser Art sonst abgeht.

Margheriti lag diese Art von Film eigentlich überhaupt nicht. Daß der Film so blutig ausgefallen ist (und die Zungenkuß—Szene ist wirklich mehr als geschmacksunsicher!), lag lediglich an der Gunst der Stunde. Aber um so angenehmer, daß die storytragenden Elemente so nicht vernachlässigt werden. APOCALYPSE DOMANI ist deswegen ein spannender Comic—Strip—Horrorfilm mit äußerst ungewöhnlicher Story, der bis zum Schluß aufregend unterhält und dessen Action—Szenen obendrein abgesichert werden von der fetzigen Musik von Alessandro Blonksteiner, welche man auf Vinyl erwerben kann.

DR. FREUDSTEIN MACHT KLAR SCHIFF

Als letzten Film dieses Artikels habe ich mir einen Klassiker meiner frühen Videotage ausgesucht: QUELLA VILLA ACCANTO AL CIMITERO (1981). Der deutsche Titel, DAS HAUS AN DER FRIEDHOFSMAUER, ist etwas irreführend, da weder ein Friedhof noch eine Mauer in Spuckweite von dem titelspendenden Gemäuer zu finden sind. Aber dafür steht das Haus AUF einem Friedhof, mit den Leichen im Keller! (Man sollte meinen, daß das den Verkaufspreis etwas drückt...)

Nach einem stimmungsvollen Prolog, in dem ein junges Pärchen den Keller des Hauses und seinen Bewohner kennenlernt ("Steve, ich will wieder zurück nach Haus!"), werden wir mit einer hübschen kleinen Familie bekanntgemacht. Papa ist ein Professor mit Bart, der aussieht, als hätte er früher mal die rote Fahne geschwungen; Mama ist eine intelligente Hausfrau, die etwas zu nervösen Stimmungsschwankungen neigt; und der Sohnematz ist Giovanni Frezza, der wegen seines ungewöhnlichen Gesichts häufiger in Horrorfilmen dabei war und jetzt bestimmt einen Schaden hat. Die meines Erachtens hübscheste Szene kommt gleich zu Anfang, wenn der Kleine auf das Foto eines alten Hauses starrt, das in der Wohnung an der Wand hängt. In einem der Fenster sieht er ein altertümlich gekleidetes Mädchen, das ihn zu warnen scheint. Als er seine Mutter darauf aufmerksam macht, ist das Fenster leer.

Die Familie zieht nämlich gerade um, da Papa dem Selbstmord eines berühmten Kollegen nachgehen will. Daß Vater Boyle seine kleine Familie nun geradewegs in das schaurige Gemäuer verfrachtet, in dem der Todesfall stattfand (Dr. Peterson hat obendrein noch seine Geliebte abgeschlachtet, also sind das schon mal zwei!), zeugt weder von seiner Sensibilität noch von der Logik des Drehbuches.

Aber wenn man sich die Credits anschaut (Regie Lucio Fulci, Kamera Sergio Salvati), dann wird sowieso klar, woher der Wind weht: Nicht leise säuselnde Gotik ist gefragt, die wie ein dünner Lufthauch durch den Türschlitz weht und die blassen Nasen sensibler Viktorianerfrauen sich kräusen läßt, sondern das private Gotikzirkusuniversum des späten Fulci, in dem besagte Tür mit schweren Axthieben von blutstarrenden Fingern in die Vergessenheit gehämmert wird. In diesem Fall von den blutigen Händen eines gewissen Dr. Freudstein (!), der so ähnlich aussieht wie Nihil Baxter mit Nogger Choc in der Visage. Dazu kreist die Kamera, der Zoom saust hin und her, der Zuschauer sitzt in der ersten Reihe. Wo andere Regisseure mehrere Einstellungen brauchen, um einen Sachverhalt zu verklickern, da reicht bei Fulci eine Einstellung mit geschickten Schwenks und Tiefenschärfespielereien.

Und die Geräuschkulisse ist ja ohnehin eine Wolke: Genau wie in Fulcis Zombiefilmen kracht und donnert hier die kleinste Handbewegung, daß einem Angst und Bange werden kann. Ja, ich dachte immer, daß die Tür meines Schlafzimmers die lauteste auf Erden wäre (besonders nachts, wenn alle schlafen, denn dann sind Türen am lautesten), aber bei MAUER, SEIL, STADT und INSEL flattern die Trommelfelle wie blutjunge Spatzen. Sensurround ist nichts dagegen. Auch wenn man manchmal dazu neigen mag, diese Neigung zum Überbetonen zu veralbern (wer keinen Humor hat, schafft sich halt welchen!), so besteht der besondere Reiz dieser Filme doch gerade in ihrer surrealen Komponente, von der die Tonspur ein wichtiger Teil ist. Der Zuschauer wird entführt in eine hyperreale Zauberwelt voller Wunder und Schrecken. In dem Maße, in dem seine Sinne malträtiert werden, wird sein Bewußtsein erweitert. Was will man mehr?

Aber Fulcis Zauberwelt der donnernden Holzhämmer ist natürlich immer ein Zirkus, ein Lachkabinett der eigenen Ängste. In der starken Künstlichkeit der Präsentation liegt immer auch die Gefahr, daß man die Story aus den Augen verliert...

...nicht bei Fulci! Denn: Wo es keine Story gibt, da kann man auch nichts aus den Augen verlieren! Was dem Zuschauer um die Ohren fliegt, sind Fetzen einer Handlung, die von Fulci ziemlich genial zusammengekittet werden. Ein Schelm, der sich Böses dabei denkt. Der Rausch der Sinne ersetzt die Logik. Wer fragt bei einem guten Alptraum schon nach der Rechtschreibung? Ich empfehle zum Betrachten des Filmes jedenfalls Humor. Den empfehle ich auch sonst.

Fulci selber spielt einen Prof mit Pfeife. Die Musik stammt von Walter THE RIFFS Rizzati, mit sachkundiger Unterstützung des kannibalengeschulten A. Blonksteiner. Needless to say, buy the damn thing.
Until the next time...

P.S.: Einen schönen Dank an den wundervollen Sender ARTE, der jüngst den unglaublichen Stummfilm THE MYSTERY OF THE LEAPING FISH (Buch: Tod Browning) von 1916 gebracht hat, in dem Douglas Fairbanks Sr. den genialen Detektiv Coke Ennyday spielt, der seinen sprichwörtlichen Scharfsinn durch die Einnahme harter Drogen unterstützt! So haut er sich am Anfang in Anwesenheit des Polizeikommissars eine Handvoll Kokain in die Fresse, daß es staubt. Während des ganzen Filmes jagt er sich reihenweise Spritzen in den Arm und lacht sich als Folge halb kaputt. Und als er Opium findet, das böse Chinesen zu schmuggeln versuchen, frißt er das Zeug fingerweise! Den Rest des Filmes TANZT er nur noch hinter den Ganoven her, weil er einfach so gut drauf ist! Unglaublich, was damals so alles gedreht wurde...

P.P.S.: Auch heute dreht man noch Absonderliches: Kölns magischer Kneipier und Filmemacher Walter Bockmayer macht sich demnächst an Winnetou heran. Verlautbarter Arbeitstitel des Wahnsinns ist WINNETUCK! Mit von der Partie ist Jürgen Zeltinger (dessen neue Platte übrigens SCHEISSE heißt) als grimmiger Gunslinger Sam Poppins... Man wartet und hofft.

P.P.P.S.: Lionel Stander tot, Sylvia Koscina tot, Woody Strode tot... und jetzt auch noch Donald Pleasence! Einer der liebsten Bekannten aus Italo—Filmen hat sich von der Leinwand verabschiedet und hinterläßt Kinder wie Deodatos UN DELITTO POCO COMMUNE, Martinos ASSASSINIO AL CIMITERO ETRUSCO, AMERICAN RICKSHAW und Avallones SPETTRI. Das waren nur die Horrorfilme. Andere Titel sind Rossatis DJANGO 2, de Martinos L'UOMO PUMA, Matteis DOUBLE TARGET, de Angelis' COBRA FORCE und Margheritis IL TRIANGOLO DELLA PAURA. Meine Lieblingsszene stammt aber aus Luigi Cozzis PAGANINI HORROR. Donald klettert da auf einen Kirchturm, läßt Geldscheine herunterrieseln und singt "Piccoli diavoli"... Requiescat in pace. Caro Donaldo.

P.P.P.P.S.: Ein Kühlschrank ohne Magnum ist für mich ein Alptraum.

Christian Keßler

Der Artikel erschien erstmals in der "Splatting Image" Nr. 21 (März 1995).

BACK