DIE RÜCKKEHR DER BLUTIGEN NUDELN
La vendetta di Lady Morgan
Weitere Episoden aus der Geschichte des Italo—Horrorfilms

FICKI—FACKI IN DEN KACKI!

Ich habe mir fest vorgenommen, diesen Artikel mit einem kindischen Akt der Provokation zu beginnen. Wen oder was ich damit provozieren will, weiß ich eigentlich nicht so genau, aber in einer orientierungslosen Zeit wie der unsrigen ist die Geste ihr eigener Hauptgewinn.

Abgesehen von dem Provokationscharakter der Eingangsformel ist sie auch der Titel eines Kleinods, das mir ein alter Mann auf der Türschwelle zurückgelassen hat, zusammen mit einem Haufen anderer Zeichentrickpornos. Auf dem Cover von FICKI—FACKI befindet sich übrigens ein forscher Wolf, welcher rücklings einer unemanzipierten Lebedame die Rosette versilbert. Was mich wirklich entzückt hat, ist die Tatsache, daß der Wolf noch ein T—Shirt trägt mit der Aufschrift "Wolf". In der Literatur nennt man so etwas einen Pleonasmus. Wie man so etwas bei Zeichenfickfilmen nennt, ist mir nicht bekannt.

Ein Artikel läßt sich nicht umgehen. Einige der Werke haben Märchencharakter und werden in Versform gesprochen! Da der Berg aber erst gesichtet werden muß, müssen Filme wie DORNMÖSCHEN — TANZ AUF DER PFEIFE noch a bissele warten. Dafür gibt's jetzt mehr Krauses aus dem Reich des Italo—Horrors. Von versteinerten Frauen bis zu aufgespießten Säuglingen ist wieder alles vertreten.

In eigener Sache muß ich aber noch voraussenden, daß die übliche Fehlerquote im ersten Teil eindeutig in den nicht mehr tragbaren Bereich übersiedelte. Drei Sachen: 1) Daria Nicolodi war NICHT Argentos Ehefrau, nur sein Gspusi. 2) Es gab natürlich schon vor TRAUMA Titten in Argento—Filmen (wenngleich keine so hübschen). 3) Auch italienischen Nachschlagewerken darf man nicht rückhaltlos Glauben schenken: Massimo Pupillo wurde noch vor wenigen Monaten von Lucas Balbo interviewt und ist somit NICHT in die Imkerlehre gegangen. Ab dafür.

MÜLLERS MÜHLE

Als ersten Film habe ich mir Giorgio Ferronis IL MULINO DELLE DONNE DI PIETRA (DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN, 1960) ausgesucht, einen kleinen Brillanten im Fahrwasser des Gotikhorrors.

Ferroni ist an und für sich keiner der Regisseure, über den Lobeshymnen geschrieben werden. Seine Filme zeichneten sich stets durch handwerkliches Können und ordentliche Effektivität aus, ohne daß die Inspiration eines Bava zu spüren war. Da er seit 1937 aktiv ist, ist seine Filmographie recht umfangreich und umfaßt in den 60ern sowohl Sandalenepen als auch Western (als Calvin J. Padget). In den Bereich des Horrorfilms fiel auch sein vorletzter Film, der 1972 entstandene LA NOTTE DEI DIAVOLI (NIGHT OF THE DEVILS), eine ziemlich blutdürstige, aber gleichzeitig wunderschön unheimliche Version der "Wurdalak"—Episode aus Bavas DREI GESICHTERN DER FURCHT.

Der handwerklich schönere Film ist bestimmt IL MULINO. Neben einem überdurchschnittlichen Drehbuch, an dem auch Duccio Tessari und Ugo Liberatore mitgearbeitet haben, glänzt der Film durch zahlreiche inszenatorische Einfälle, die einen überzeugenden Rahmen für die düster—romantischen Geschehnisse schaffen. Die Kameraführung ist vorzüglich, und auch Carlo Innocenzis ungewöhnlich verspielte Musik läßt die Nackenhaare vor Wonne erzittern.

IL MULINO spielt in Veeze (Holland), wo ein junger Wissenschaftler namens Hans von Harnim eintrudelt, um die Biographie eines angesehenen Bildhauers und Kunstprofessors zu vervollständigen. Professor Wahl wohnt in einer alten Mühle (mit einer weithin bewunderten mechanischen Drehbühne mit Frauengestalten) und erweist sich als verschroben, aber durchaus kooperativ: Die Marotten des berühmten Mannes akzeptierend, macht sich Hans an die Arbeit.

Es dauert natürlich nicht lange, und das Schicksal klopft an die Türe: Es hat die Gestalt von Wahls schöner Tochter Elfi, welche ein einsames, aufgrund einer seltenen Krankheit eingesperrt lebendes Geschöpf ist, das sich sofort in Hans verballert, bis über die hübschen Ohren. Das wäre nun auch nicht weiter bedenklich, hätte der junge Mann nicht bereits eine Flamme (die prüde Liselotte), die auf Heirat drängt. Aber Hans läßt sich umzirzen und landet auf dem Faulbett. Als er Elfi dann die schnöde Wahrheit ins Gesicht schleudert, bekommt sie einen Anfall, der sie hinwegrafft. (Ich wünschte, ich hätte bei meinem letzten Laufpaß einen so melodramatischen Auftritt hingelegt!) La donna é immobile!

Hänschen ist jetzt natürlich vollkommen außer Rand und Band: Von Schuldgefühlen getrieben, vermischt er Realität und Fantasie, bis er sich am Rande des Wahnsinns befindet. Daß nicht alle seiner fiebrigen Halluzinationen Figmente einer überspannten Fantasie sind, liegt auf der Hand: Der Professor hat mehr als nur ein Skelett im Keller! Verraten will ich aber nicht zuviel, denn das würde den Spaß nehmen...

Man kann sich die Freude machen und jede einzelne Szene bewundern, mit welcher Sorgfalt die gut gewählten Bilder ausgeleuchtet sind, mit welchem erzählerischen Geschick hier gearbeitet wird. Obwohl in der deutschen Fassung wieder mal knapp 15 Minuten abhanden gekommen sind, kann man vermuten, daß auch in der O—Fassung eine traumgleiche Atmosphäre erzeugt wurde, die dann im allerdings knüppeldicken Finale einen einwandfrei morbiden Einschlag bekommt. Traditionelle Gotikmotive (die Mühle, die unheimlichen Figuren) werden auf exquisite Weise verwoben mit dem "medical horror", der in jenen Jahren zu blühen begann, in Filmen wie Franjus AUGEN OHNE GESICHT oder Francos AWFUL DR. ORLOFF. Als wahnsinniger Wissenschaftler steht dem Professor noch ein vor der Justiz getürmter Arzt namens Dr. Bohlem zur Seite, der vom wie üblich eindrucksvollen Wolfgang Preiss gegeben wird. Als junger Hans ist Pierre Brice zu sehen, hier noch ohne Indianerschmuck, der auch in Ferronis nächstem Film, DIE BACCHANTINNEN, mit von der Partie war.

Ferroni offenbart in diesem Film viel Flair für das hier besprochene Genre. Um so bedauerlicher, daß er so selten darin tätig war. 1981 versteinerte es auch ihn. IL MULINO jedenfalls bleibt als ein zauberhaftes Einzelstück in der Erinnerung haften, das sich streckenweise durchaus mit Bava messen kann. Wenn Brice, kurz nachdem seine Liebschaft das Besteck gereicht hat, zur Fähre geht und dort eine alte Dame mit schwarzem Schleier und gelbem Blumenstrauß sitzt, dann ist das ganz genau die Art von poesievoller Extravaganz, die mir das Genre ans Herz geschweißt hat.

WO BARTEL DEN MOST HOLT

Zwar wesentlich weniger bemerkenswert als IL MULINO, aber doppelt so obskur, ist Antonio Boccaccis schwarzweißer Gruselkrimi METEMPSYCO (DIE BESTIE VON SCHLOSS MONTE CHRISTO, 1963). Selbst italienische Quellen bezeichnen den Film als ausgesprochen rar. Wie nett, daß ihn die wunderbare Firma Greenwood auf Video veröffentlicht hat.

Bereits der Regisseur ist eine recht obskure Figur. Boccacci hat an einigen Drehbüchern gewerkelt (darunter Brescias Western SEIN WECHSELGELD IST BLEI), machte dann unter dem Pseudonym Anthony Kristye diesen Film und verschwand dann für immer in der Versenkung. Selbstverständlich aromatisiert diese Tatsache seine Person ungemein: Bestimmt ist er von der Mafia umgelegt worden oder aus Steuergründen nach Nairobi geflohen. Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust mehr.

Die Musik von Armando Sciascia stellt sofort klar, aus welcher Richtung der Wind weht: Eindeutige Edgar—Wallace—Atmosphäre entsteht, effektbewußte Aufdringlichkeit, die Freude im Herzen bereitet. Eine Kamera gleitet auch sofort subjektiv durch die Peripherie und öffnet eine Tür, die einen Totenschädel verbirgt, in dem noch ein Gummiauge drinsteckt. Ein hübscher Türöffner für einen Film, der zwar alles andere als klassisch ist, aber eine nette Abwechslung für den Feinschmecker.

Die Anfangsepisode beschert dem noch nicht unruhig auf dem Sitz herumrutschenden Betrachter zwei holde Maiden, die es mal wieder nicht lassen können und in einem Gruselschloß herumstromern. Im Verlaufe dieser Szene kommt es zu der einen wirklich unheimlichen Einstellung des Films, dem ersten Auftritt der Schloßherrin, einer gallebitteren Feudalmumie aus besseren Zeiten. Wesentlich weniger aufsehenerregend ist da der erste Auftritt der titelgebenden Bestie, einem ehemaligen Butler namens Bartolomé. Besagter Bartel ist im Laufe der Zeit ziemlich auf den Hund gekommen und trägt sein linkes Auge wie ein Spiegelei auf der Wange. Seine Haltung hat stark gelitten, ich vermute da schwere Branntweinexzesse; er vermittelt den Eindruck eines Bahnhofspenners. Und wo wir gerade von Exzessen reden: Einen Folterkeller hat er auch, und dort heizt er den Girls hübsch ein!

Als die Leichen gefunden werden, findet sich auch eine illustre Gesellschaft ein. Allen vorweg der ehrenwerte Dr. Darnell, dessen Tochter Anne zwar hübsch ist, aber auch dumm, der Herr ist eben gerecht.
Dann ist da noch der Inder Rama Shandra, dessen Turban eine ständige Irritation in der Garagengotik dieses Filmes darstellt. Beide, Darnell und Rama Shanker, haben früher mal mit der verschwundenen Schwester der bereits eingeführten Schloßherrin zu tun gehabt. Letztere ist übrigens immer noch scharf auf den Turban, aber der Inder möchte lieber rausfinden, was mit Irene passiert ist.

Wie es der Zufall so will, ist Anne Irene wie aus dem Gesicht geschnitten. So kommt es auch, daß sie fürchterliche Träume hat, in denen es von rumpumpelnden Rittern und rasselnden Ketten nur so wimmelt. Dann wimmeln noch überall Ratten herum. Und bevor man es sich versieht, ist der Film zu Ende. Wer war der Mörder?

Tja, wie man aus dieser inhaltlichen Beleuchtung wohl ersehen kann, ist der interessanteste Charakter dieses Filmes zweifellos Bartel der bärtige Butler. Wenn er mit seinem Wermutbrudercharme durch Geheimgänge turnt und an den Dekolletées gefesselter Frauen herumgrabscht, dann hat das hohen erzieherischen Wert, welchen auch immer. Auch wenn seine Auftritte im Mittelteil etwas nachlassen (hier wird ein "pfiffiger" Journalist eingeführt, in den sich Dummbatz Anne verkuckt), ist er gegen Ende des Films wieder voll präsent, er drückt auf die Tube, wie man so schön sagt. Da sich den Film sowieso niemand anschaut, kann ich schon mal verraten, daß es ihm gelingt, sich aus Versehen zu erhängen, da ihn das fortgeschrittene Stadium des Alkoholismus etwas tolpatschig gemacht hat. Auch in dieser Hinsicht kann man einen gewissen erzieherischen Wert ausmachen: Wer gekettete Frauen quält, sollte sich wenigstens das Saufen verkneifen! Weiße Mäuse und Folterkammern passen nicht zusammen. Das ist eine Geschmacksfrage. Genau wie der Film.

DAS STERBEN NACH DEM TODE

Angestachelt vom "scharlachroten Henker" habe ich mir noch einen Horrorstreifen von Massimo Pupillo zu Gemüte geführt. Und was für eine Entdeckung LA VENDETTA DI LADY MORGAN (1966) ist! Bei uns lief der Film in den Kinos als DAS FOLTERHAUS DER LADY MORGAN und harrt noch seiner medialen Wiedergeburt. Der Film würde es lohnen.

Zwar ist LADY MORGAN kein Klassiker vom Format eines Bava oder Freda, aber er bepflügt verwandtes Terrain auf gänzlich eigenständige Art. Die gotische Tradition in Literatur und Film ist noch nie für ihre Subtilität bekannt gewesen. Stets lustvoll mit Klischees und Sensationen hantierend, ist sie im Grunde genommen wie geschaffen gewesen für das Kino, das seinen Ursprung ja im zirzensischen Spektakel der Jahrmarktsattraktionen besitzt. In LADY MORGAN wird diese Tendenz zum lustvoll Trivialen und zum schwelgerisch Romantischen auf die Spitze getrieben; eine Steigerung ist kaum mehr vorstellbar.
Unterstützt von einem großartigen Score von Piero Umiliani und guter Kameraarbeit von Oberdan Trojani, gelingt es Pupillo mit diesem straff inszenierten Film, trotz zahlreicher überdrehter Details eine durchgängige Spannung zu erzeugen, hier und da durchbrochen von Hardcore—Romantizismus. Natürlich ist das alles Hokuspokus, und der "Film—Dienst"—Rezensent hatte sicher nicht unrecht, wenn er seinerzeit schrieb, der Film sei in "italienischer Jahrmarktsmanier" gemacht (auch wenn ich bezweifle, daß er schon mal auf einem italienischen Jahrmarkt gewesen ist). Aber es ist genau dieses beherzte Ergreifen von lauten Attraktionen, die das Genre mitbegründet hat. Ob Mönche durch dralle Konkubinen vom rechten Pfade abgebracht werden oder die Zähne der geliebten Verblichenen über den Nachttisch kullern (das eine ist Lewis, das andere Poe) — durch übermäßige Dezentheit ist noch kein Sargtischler reich geworden!

Susan Blackhouse, die Nichte des ehrenwerten Sir Neville, ist schwärmerisch verliebt in den hübschen Pierre Brissac. (Gibt es nicht einen Käse, der so ähnlich heißt?) Aus diesem Grund weist sie auch die Hand Sir Harolds von sich, der sie anbetet und gerne zur Lady Morgan machen möchte. Aber die Chancen stehen gut für Harold, als Pierre Opfer eines Unfalls wird und verschillt. (Was ist das Präsens für "verschollen"? Was ist die Einzahl von "Zwieback"?)

Als Lady Morgan wird Susan aber nicht froh. Zu sehr lastet die Erinnerung an den schönen Käse auf ihr, und daß Harold und sein Gesindel versuchen, sie in den Wahnsinn zu treiben, hilft da nicht. So nach und nach zermürben die perfiden Attacken auf Susan ihren holden Geist, und in Hypnose stürzt sie sich schließlich von den Zinnen.

Fate has it, daß just in diesem Moment — JUST! — der hübsche Pierre wieder aus zeitweiligem Gedächtnisschwund und Käsekoma erwacht und nach seiner Geliebten fahndet. Auf Schloß Morgan erlebt er allerdings eine böse Überraschung: Alle Möbelstücke sind mit Laken zugedeckt, dicker Staub macht sich breit. Aber da ist sie schon, seine Verlobte, und selig lächelnd eilt er ihr entgegen, um sie in die Arme zu schließen...

Dies ist einer der ersten Geisterfilme, dessen Hauptteil als Rückblende erzählt wird, aber es klappt eigentlich ganz gut. Der Geisterteil ist ungewöhnlich, insofern die postmortalen Umtriebe nicht so sehr der Begruselung des Zuschauers dienen, als vielmehr der Ausübung einer höheren Gerechtigkeit. Tatsächlich könnte man LADY MORGAN als den ersten übernatürlichen Selbstjustiz—Film bezeichnen, da die Umstände recht bald geklärt sind, und man nur noch darauf wartet, daß die abscheulichen Bösewichte ihr wohlverdientes Ende finden.

Und was sind das für Bösewichte! Paul Muller ist außergewöhnlich gut als ruchloser Edelmann im Doppelspiel. Muller ist irgendwie gemacht für diese dekadenten Aristokraten. Das Objekt seiner Zuneigung ist Kammerzofe Erika Blanc, die hier gegen ihren Typ eine Mischung aus REBECCAs Mrs. Danvers und ILSA spielt. Aber der absolute Knaller ist Gordon Mitchell, der hier vollkommen unerwartet einen Butler spielt! Seine Rolle ist sogar sehr elaboriert, und Mitchell scheint die Rolle Spaß gemacht zu haben, denn er gibt restlos alles. Als die böse Bande anfängt, durchzudrehen, tobt er wie ein Berserker durchs Schloß. Das muß man schon gesehen haben. Mit Sicherheit seine beste Leistung als Schauspieler.

Das Finale drückt sehr, sehr stark auf die Tube. Die bösen Geister erweisen sich als Vampire, die sich bislang an Susans angeketteten Oheim gehalten haben, der mittlerweile aber ausgedörrt ist. In einer Szene tropft Pierres Blut auf den Boden, und die Vampire stürzen sich gierig darauf, um es aufzulecken. Das ist ein Appetit, wie ihn sich jede Mutter wünscht.

Wie schon gesagt, man könnte diesen Film mal irgendwann ausgraben, vielleicht im Fernsehen. Da der Artikel noch nicht lang genug ist, mache ich schnell noch Werbung für ein tolles Buch, nämlich Cathal Tohill + Pete Tombs IMMORAL TALES, das sich auf 272 gutgeschriebenen und —recherchierten Seiten mit europäischen Horror— und Sexfilmen befaßt. Tolle Fotos, ein absolutes Muß.

ZWERGE SIND AUCH NUR MÄNNER

Sucht man nach den Ursprüngen des Genres, landet man unweigerlich bei Universal. Dies hat sich auch ein gewisser Robert H. Oliver gesagt, über dessen Pseudonym ich lange gerätselt habe, bis mir eines denkwürdigen Tages ein französisches Interview mit Gordon Mitchell in die Hände flatterte, in dem dieser enthüllte, der Film LA CASA DELLA PAURA (DIE LEICHENFABRIK DES DR. FRANKENSTEIN aka LEICHEN—FACTORY, 1973) stamme von Oscar Brazzi, dem Bruder des Hauptdarstellers. Dies hat mich etwas verwundert, war Brazzi bis zu diesem Zeitpunkt eher Regisseur von dem Vernehmen nach ordentlichen Sexdramen der gehobenen Mittelklasse...

LEICHEN—FACTORY ist einer der schlechtesten Horrorfilme aller Zeiten, Punkt. Daß er dabei so ausgesprochen reizvoll anzuschauen ist, liegt an der einzigartigen Konzeptionslosigkeit des Drehbuchs, das sich nicht darüber klarwerden kann, ob der Film nun eine Komödie oder ein ernsthafter Frankenstein sein will. Der Schlußteil legt letzteres nahe, und das ist ziemlich deprimierend...

Was seine inhaltlichen Qualitäten angeht, so erinnert der Film etwas an jene französische Kostbarkeit, die bei uns als einer der nur vier Filme des verdienstvollen HORROR—CLASS—Labels herausgekommen ist, als DEVIL STORY. Ebenfalls ein Frankenstein—Ableger, treibt dort nicht nur ein deppertes Monster, sondern auch noch eine Mumie ihr Unwesen, die am Anfang in einer Speditionskiste steckt, die einem Lastwagen von der Ladefläche fällt, als er gerade durch den Wald fährt, in dem auch das Monster haust! Ein weiterer Verwandter dieses Spektakels ist DIE GESCHÄNDETE ROSE/HORROR—MASKE vom späteren Pornoregisseur Claude Mulot (PUSSY TALK), in dem nicht nur Howard Vernon mitspielt, sondern auch zwei unglaublich häßliche Zwerge namens Igor und Olaf!

Gleich zu Beginn von LEICHEN—FACTORY wird ein Riese mit Lendenschurz von erregten Dörflern totgekloppt. ("So ein Monstrum hab' ich noch nie gesehen!" — "Vielleicht ist es einer von den Bergriesen!") Die sterbliche Hülle des Getüms wird flugs annektiert vom GRAFEN Frankenstein (normalerweise ischer ja Baron...), dessen Schergen auch die Leiche einer jungen Frau klarmachen. Zu diesen Schergen gehören: Ein tumber Buckliger namens Hidden (phonetisch); ein kleiner Zwerg namens Genz, der der Leiche sofort an die Titten grapscht; Luciano Pigozzi als Hans; und Gordon Mitchell als Rainer! Jetzt ist es klar: Der Film muß ein Kracher werden...

Na ja, also, was soll ich sagen, das Gehirn der toten Titte wird dem Riesen einverleibt, der vom Grafen Goliath getauft wird, was nur mittelmäßig originell ist, finde ich. Viel origineller ist da Uk, der Neanderthaler, der in einer der Höhlen haust, von denen das Schloß umgeben ist, und Freundschaft mit dem Zwerg schließt. Jener ist nämlich gefeuert worden, weil es keine Gewerkschaft für Zwerge gibt, und schiebt jetzt die Haßkarre.

Just in diesem Moment — JUST! — begibt es sich, daß die Tochter des Grafen, Maria, zusammen mit ihrem zukünftigen Gemahl, Dieter (!), eintrudelt, welcher aussieht, wie eine wandelnde Hämorrhoide. Mit von der Partie ist auch Christiane Rücker (!) unter dem Pseudo Christiane Royce, die ihre beste Freundin Krista spielt und ein tolles Gepunktetes mit Zylinder trägt. Da der Graf auf Gepunktetes steht, entwickelt er Interesse für Krista. Das tut auch das Monster, das übrigens eine tolle Gummiglatze hat. (Helge Schneider meinte einst: "Wer unter der Gummiglatze steckt, interessiert kein' Mensch!", womit er die vermutliche Aussage des Films auf den Punkt bringt.)

Telegrammstil, sonst wird das jetzt zu lang. Das Schloß ist dasselbe, wie in L'AMANTE DEL VAMPIRO und IL BOIA SCARLATTO, mit dem schreienden Kaminsims. Es gibt eine vollkommen sinnlose Badeszene mit der Rücker und Fidani—Interpretin Simone Blondell, wo sich die beiden zur Krönung Schlamm auf die Brüste schmieren. Brüste gibt es übrigens viele; die von Domestikin Walda (die mit "The" Hidden Sadomasosex treibt!) hängen sogar bis zum Nabel. Die Lionel—Atwill—Rolle des Inspektors hat Edmund Purdom, der den Eindruck macht, als beiße er die ganze Zeit auf einen Schilling, um nicht laut zu schreien. Rossano Brazzi, immerhin ein Schauspieler von Namen, kaspert sich quer durch Quebec, da er den Stoff offenbar nicht ernst nimmt. (Wieso nur?) Pigozzi trägt so dick auf, daß man ihn förmlich sieht, wie er sich danach wegschmeißt. Der Regieassistent ist Enzo Castellaris Bruder Renzo Girolami. Das erste Opfer von Uk heißt Hanni Hansen.
Die Aufzeichnungen des Grafen, die an einer Stelle präsentiert werden, sind sowohl auf Englisch wie auf Italienisch — auf derselben Seite! Und der Darsteller von Uk, der sonst Sal Boris heißt und in tausend Genre—Produkten dabei war, wird hier mit Boris Lugosi angegeben...

Als Höhepunkte empfinde ich zum einen die Szene, in der Mitchell das Monster wiederholt mit einer Plastikkeule auf den Kopf kloppt, zum anderen die, in der das Monster mit dem Neanderthaler ringt: FRANKENSTEIN UND GODZILLA: ZWEIKAMPF DER GIGANTEN ist nichts dagegen.

Alle an LEICHEN—FACTORY Beteiligten hatten eine Menge Rechnungen zu bezahlen... und nach dem Film sicherlich noch mehr!

MITTEN DURCH DIE RÜBE

Mit ziemlicher Sicherheit der seltenste Film dieses Artikels ist Riccardo Fredas 1973 gedrehter ESTRATTO DAGLI ARCHIVI DI POLIZIA DI UNA CAPITALE EUROPEA. Dieser unsäglich lange Titel lehnt sich natürlich an bei den politischen Paranoia—Filmen von Elio Petri und Damiano Damiani, die für eine Zeitlang solche Monstertitel in Mode geraten ließen. Bei Fredas bizarrem Werk (von dem er selber sich zu distanzieren scheint) handelt es sich um einen perversen Giallo mit Satanisten und Geistern im Handgepäck.

Der Film erzählt von vier jungen Flower—Power—Jüngern — Jane, Bill, Fred und Joe —, denen bei einer Fahrt nach Chelsea der Saft ausgeht. Da es stürmt und kracht, beknieen sie einen geizigen Tankwart, bis er ihnen schließlich genug Sprit gibt, um die Villa Alexander zu erreichen.

Und da wohnen Leute: Chef des Anwesens ist Luigi Pistilli höchstpersönlich, dessen reine Anwesenheit suggeriert, daß man vielleicht besser das Unwetter in Kauf genommen hätte. Auch seine Frau — die schöne Luciana Paluzzi, bekannt aus FEUERBALL — macht durch die lesbisch anmutende Aufmerksamkeit, die sie Jane schenkt, die langhaarige Schar nervös.

Nachts kommt dann der Böller: Im Keller des Anwesens wird eine schwarze Messe abgehalten, komplett mit krummfingriger Orgelspielerin! Die letzten Vermutungen, man könnte es doch mit einem konventionellen Thriller zu tun haben, werden freudig über Bord geworfen. Stattdessen tritt die unvorsichtige Jane hinzu, wird gekascht und sofort zum Spontanopfer erklärt. Bevor der Mörderdolch jedoch herniedersausen kann, kommen die Boys dazu und boxen Schönliebchen heraus. Die Satansjünger — samt und sonders reiche Leute — sind aber schon so gut drauf, daß sie anfangen, sich gegenseitig zu massakrieren. Hier fällt der Film wirklich aus der Rolle: Köpfe werden abgetrennt, durchschossen und gespalten. Der Schädelspalter ist in der Tat recht gut gelungen, wird auch später noch mal hervorgekramt. Keiner bleibt am Leben.

Die Hippies sind darob verständlicherweise verstört und setzen ihre Reise mit Fremdbenzin fort. Natürlich geraten sie prompt an eine Polizeistreife, und so wird, nachdem das Verbrechen entdeckelt worden ist, auch gleich nach bösen Hippie—Mördern gefahndet, die sich im Manson—Stil danebenbenommen haben sollen. Unsere vier Freunde schlottern vor Angst.

Da Bill aus einer guten Familie stammt, hat seine Mutter natürlich einen Liebhaber, und dieser hat natürlich ein Haus, wo die Gejagten unterkriechen können. Leider stellt sich die Illusion der Sicherheit als eine ebensolche heraus, und bald schon rollen die Köpfe...

Tja, also, was soll man sagen... Der alte Freda ist das sicherlich nicht. Eher schon sieht man hier Verwandtschaft zu dem gleichermaßen blutrünstigen ECOLOGIA DEL DELITTO (IM BLUTRAUSCH DES SATANS) von Mario Bava, der noch in guter Erinnerung sein mußte. Freda selber war zwei Jahre zuvor bereits auf Gore—Giallo—Pfaden gewandelt, im ordentlichen L'IGUANA DALLA LINGUA DI FUOCO, auch mit Pistilli. Später sollte er noch einen Horrorgiallo drehen, MURDER OBSESSION, dessen Ausflüge in splatteriges Grand Guignol noch extremer waren als die Kopftablette aus ESTRATTO.

Handwerklich ist ESTRATTO eine sehr ungewöhnliche Angelegenheit. Sehr viele handgehaltene Einstellungen, bizarre Kameraperspektiven und "Fischaugen"—Verzerrungen machen diesen Film im Oeuvre des sonst eher bodenständig operierenden Freda zum abgehobensten Beispiel. Womöglich ist diese Tendenz zum Experimentellen eher dem spanischen Kameramann Francisco Fraileo zuzuschreiben. Man weiß es nicht. Sicher ist, daß Stelvio Cipriani auf dem Soundtrack gut Gas gibt und die ohnehin schon lautstarke Messen—Metzelei mit einem dröhnenden Klavierkonzert versieht, daß dem Zuschauer die Ohren tränen. Ein sehr ausdrucksstarker Score; vielleicht zu ausdrucksstark für diesen Film.

Neben Pistilli und der Paluzzi gibt es auch ein Wiedersehen mit Buster Keatons Großnichte (!) Camille Keaton, die neben einigen Auftritten in Italo—Ware — z.B. Roberto Mauris wunderbarem Sex—Horror—Film MADELEINE, ANATOMIA DI UN INCUBO oder Mino Guerrinis DECAMERONE, ABENTEUER DER WOLLUST — dem deutschen Publikum am ehesten bekannt sein dürfte aus Meir Zarchis berüchtigtem I SPIT ON YOUR GRAVE, wo sie mit einigen "good ole boys" eine gute Zeit hat.

ESTRATTO gelingt es trotz einiger überreizter Schockeffekte, seine wilde Geschichte ausgesprochen spannend zu erzählen. Dies ist, in Anbetracht der wilden Mixtur des Drehbuchs, eine ziemliche Leistung.
Einige Sequenzen sind sogar regelrechte Nervenmühlen, z.B. die Szene, in der Strubbelkopf Joe durch ein dunkles Haus schleicht, um schließlich Blondmaster Bill tot aufzufinden, der scheinbar beim Betrachten von DIE KATZE UND DER KANARIENVOGEL zuviel Blaubeertorte gefressen hat, denn wenn er aus dem Schrank fällt, ist sein Gesicht blau wie der Enzian.

Angemerkt sei noch, daß dieser Film scheinbar nicht auf Englisch erhältlich ist und daß einer der Drehbuchautoren ein gern gesehener Gast dieser Kolumne ist: Mario TAXI—FICKER Bianchi!

TÜRKEN KOMMEN GEWALTIG LANGSAM

Bevor ich auf die beiden großartigen türkischen Ko—Produktionen eingehe, die Klaus Kinski zusammen mit KASTRAT—KOMMANDANTUR—Garrone gedreht hat, möchte ich auf einen kleinen Zeitvertreib hinweisen, den ich mir für die Samstagabende ausgedacht habe: Die "100.000—Mark—Show" vollständig verpassen; dann, gerade wenn die Kombination eingegeben wird, einschalten; wenn der Computer sagt: "Die eingegebene Zahl ist———FALSCH!", schnell ausschalten, bevor man noch die Flappen des gedemütigten Pärchens sehen kann, und mit einem wohligen Gefühl im Bauch den Rest des Abends begehen.

Jetzt zu Garrone. Der eine Film heißt LA MANO CHE NUTRE LA MORTE (1973) und ist, obwohl eigentlich an zweiter Stelle entstanden, das unterhaltsamere der beiden obskuren Werke. Gleich zu Beginn heben die Untertassen bereits ab: Zwei Hände, eine Stimmgabel. Beim nun erfolgenden Singen der Gabel kommt uns ein alter Bekannter aus dem im Sleaze—Artikel abgehandelten FIGHTING KILLER vor die Flinte, der türkische Pate Josef. Hier spielt er einen Butler mit Hinkebein, der offensichtlich nicht auf Stimmgabeln kann, denn er schreit, rauft sich die Haare und wälzt sich auf dem Boden. Der Begriff "Overacting" ist hier nicht ganz zutreffend: Die Grimassen, die der Mensch schneidet, zeugen von endloser seelischer Knechtschaft — wir haben den Tenor im Gefangenenchor vor uns! In dieser Eigenschaft ROLLT er schon bald grasige Hügel hinab, während Klaus K. ihm dabei zuschaut, denn es handelt sich um Kinskis Butler!

Kinski möchte mit dieser stimmigen Gabelei erreichen, was dann auch passiert: Der Hinkebutler greift sich ein herumfummelndes Liebespaar und haut den beiden die Klüsen dicht. Klaus hat ein kleines Experimentierlabor im Keller, er ist Doktor. Dr. Nijinsky ist sein Name, genau wie die berühmte Ballettlegende, die allerdings kein Doktor war.

Da Sergio Garrone vorher einige Western gedreht hat, schaukelt auf einmal eine Kutsche durch ein Westerndorf in Almeria. In der Kabine ein Speckbart namens Alex und seine blonde Frau Masha. Beide haben einen kleinen Kutschunfall in der Peripherie des Schlosses (nicht nur hier erinnert der Streifen etwas an Massaccesis MÖRDER—BESTIEN) und geraten in die Gastfreundschaft des gewidmeten Mediziners.

Nijinsky hat übrigens auch eine Frau. Diese ist allerdings nicht ganz dicht im Stübchen, da sie anno dunnemals einen Unfall mit Feuer gehabt hat und seitdem aussieht wie ein Dorschragout. Die gemeinsame Tochter hatte mehr Glück und starb. Da er aber ein forscher Forscher ist, sucht Nijinsky nach neuen Methoden der Transplantation von Haut, und bevor Franju oder Franco sagen können: "Ich verklage Sie auf den letzten Pizzakräcker", wird den Leuten das Gummi über die Ohren gezogen, daß es qualmt in der guten Stube.

Der Film wartet mit zahlreichen Hämmern der gröberen Preisklasse auf. So steht im Keller ein fackelbewehrter Sarkophag herum, auf dem ein Name steht: "Ivan Rassimov"! Nicht der Hauptdarsteller von Garrones erstem Western liegt hier aber begraben, sondern ein Gummiskelett: Baron Rassimov war Klausis Lehrmeister und hat das Buch "1000 Methoden, um Strom zum Britzeln zu bringen" geschrieben. Seine Tochter ist die Narbenlady.

Die Operationen sind übrigens echt "state—of—the—art": Der reißt den Mädels die Gummischeiße ab, geht einmal mit dem Pritt—Klebestift rüber und dann pappt die Socke! Zwischendurch ferkelt die Schrammenmama auch schon mal mit dem lüsternen Türken, dessen Gesichtsakrobatik nicht von dieser Welt ist: Jede Porträtstudie wird zu einer Milieustudie! Echt Zombies unter Kannibalen, was da abgeht...

Um auch dem anderen Film eine Schangse zu geben: Er heißt LE AMANTI DEL MOSTRO, obwohl von "Geliebten" weit und breit nichts zu sehen ist. A propos "breit": Was diesen Film obersehenswert macht, ist die Darstellung von Kinski, der hier mit der Fackel bis nach Olympia läuft und wieder zurück! Der Mann ist Jekyll und Hyde in einer Person, ich möchte es beschwören. Die Fetzen fliegen, wenn Nijinsky (denn so heißt er auch hier!) vom Geist des toten Baron Rassimov (ein anderer!) besessen wird und durch die Heiden rauscht. Am liebsten knechtet er sich eine Böschung hinauf, der Sonne entgegen, wie einst Ikarus. Das kann man durchaus metaphorisch sehen. Im Schlußteil des Filmes ist er aber sowas von besessen, daß ihm die Dämpfe förmlich aus den Augenringen quellen. Eine zutiefst surreale Erfahrung.

Die Schauspieler sind fast durchweg dieselben, genau wie das Landhaus und die Crew. Auch der schnieke Sarkophag ist wieder dabei, wie auch einige Szenen ganz frech wiederverwendet werden. (Da dies der erste der beiden ist, wird eigentlich in LA MANO wiederverwendet. Wurscht.) Das Britzeln im Labor ist wieder unbezahlbar: Ein Leben ohne Elektrizität ist nach Betrachten dieses Double—Features kaum noch vorstellbar. Die Mordszenen sind identisch, nur, daß hier nicht der Weltmeister im Sackhüpfen die Morde begeht, sondern Kinski selber. Der Butler ist aber auch hier dabei, er spielt einen Penner mit einer Ringelsocke, aus dem der Pöbel zu Recht die Scheiße raushaut.

Was mag sich Garrone dabei gedacht haben? Gar nichts, wahrscheinlich. Die beiden Filme sind hochunterhaltsam, wenngleich die Bezeichnung "Klassiker" etwas hoch greift. Die Kamera rotiert übrigens zusammen mit dem Leichnam von Robert Louis Stevenson im Grabe herum und schafft Einsichten in das ganze Spektrum ausstatterischer Grillenhaftigkeit. Die Musik von Elio Maestosi und Stefano Liberati ist wirklich große Klasse und klingt stark nach alten "Universal"—Heulern. Gerade das Hauptthema von LE AMANTI meine ich mal in einem Mumienfilm gehört zu haben. Leider liegen die Rechte bei CAM, und die lizensieren nicht, mit Herausbringen ist's also Essig!

Nach diesen beiden Filmen ist Garrone dann direkt ins SS EXPERIMENT LOVE CAMP gegangen, leider ohne Kinski und den türkischen Zappelphilipp. Mittlerweile ist er wieder ins Geschäftsleben zurückgekehrt, hat einen Laden aufgemacht und ist im übrigen ein sehr lieber Mensch. (Irgendwann kommt ein großes, teures Buch raus, da wird dann auch ein Interview mit ihm drin sein...)

ZOMBIES MIT LANGEN HAAREN

Wenn sich Zombiefilmer von ihrer gesellschaftskritischen Seite präsentieren, dann ist was faul im Staate Helgoland. Wenn der Regisseur dann noch Spanier ist, dann fragt man sich nicht ganz zu Unrecht, was der Film denn überhaupt in diesem Artikel zu suchen hat.

Allen diesbezüglichen Fragern sei gesagt: NO PROFANAR EL SUENO DE LOS MUERTOS! — Störe nicht den Schlaf der Toten! So nämlich heißt Jorge Graus 1974 entstandener INVASION DER ZOMBIES im Original, der im Kino als DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN reüssierte. Vom Katalanen Grau gab es bereits 2 Jahre vorher den "Hammer"—artigen Bàthory—Film CEREMONIA SANGRIENTA zu sehen. Später dann fertigte er eine sehr dekorative Version von CARTAS DE AMOR DE UNA MONJA (in einer Nebenrolle: Lina Romay!); übrigens tat er das im selben Jahr, in dem auch Franco seine Version von den LIEBESBRIEFEN unter das Volk brachte. Später dann gab es milde Sexploitation und den gut gemachten, aber ideologisch dubiosen Sozial—Schocker COTO DE CAZA (dt: HUNTING GROUND), in dem eine liberale Lehrerin mit einem brennenden Holzscheit vergewaltigt wird.

Grau ist ein Feingeist. Und ein Freigeist: Gleich zu Anfang reißt sich eine Frau die Kleidung vom Leib und rennt durchs belebte London. Zeuge dieser gezielten Indiskretion wird der hippieeske Antiquar George (gespielt von einem fast nicht zu erkennenden Ray Lovelock), der sich JUST mit seiner Maschine in Richtung Natur aufgemacht hat. Dorthin würde er sicherlich auch gelangen — leider fährt eine dieser begnadeten Autofahrerinnen über seinen Penisersatz und muß ihn dafür mitnehmen. Er meckert sehr ausführlich, zeigt sich aber kulant, als Edna ihn bittet, sie erst mal an ihr Ziel zu begleiten, sie hat's gar zu eilig. Fernab vom Großstadtschmutz haust nämlich ihre paranoide Schwester mit ihrem Ehemann, und die gilt es zu besuchen. George murrt zwar, aber fügt sich, denn Dame Edna hat hübsche Beine.

Richtig gut wird der Film aber erst, als George auf einem Feld eine Insektenvernichtungsmaschine auf Kernenergiebasis auffällt, mit der die Feldgrillen zu Tode gezirpt werden: Er platzt fast vor Umweltbewußtsein, während die Arbeiter Anstoß an seiner Frisur nehmen.

Wer sich für sowas nicht erwärmen kann, bekommt aber den ersten Zombie geboten: Eine unschöne Erscheinung für Dame Edna, der natürlich niemand glaubt, so als Frau. Später aber erweist sich die Erscheinung als in der Umgebung bekannter Penner, der aber vor einer Woche ertrunken ist. (Als Motivation für die Wiederkehr der stummen Freunde bietet das Drehbuch die Grillenkeule an, was irgendwie rührend ist.)

Das nervolabile Schwesterlein ist mittlerweile gut runter und hängt sogar an der Nadel. Diesem Umstand gesellt sich noch ein Zombie hinzu, der ihren Ehegatten plattmacht. Als Inspektor Arthur Kennedy einfliegt, fühlt er sich wie in einer Kommune: Überall Drogensüchtige und Langhaarige. "Ihr seid alle gleich, ihr ungewaschenen, verkommenen Langhaarigen, angezogen wie Schwule, Drogen, Sex — fähig zu jeder Schweinerei!" Was wollt Ihr noch: Der Film ist super und startet durch wie eine Rakete! George verabschiedet sich vom Bullen übrigens mit "Sieg Heil!" — die Geburt einer langen Freundschaft.

Leider geraten George und Edna in allerlei Schwulitäten mit Zombies. Polizisten sterben, Brüste werden abgerissen und über allem liegt der über Nacht ja sehr bekannt gewordene Hauch des Todes. Die Schicksalsfäden laufen nach einigen Schlingerlinien in der "Manchester Morgue" zusammen, die mit einem vollbesetzten Krankenhaus gekoppelt ist — viel Stoff für Frohsinn...

Auch wenn die deutsche Fassung an einigen Stellen geschnitten ist, kann ich sie doch wärmstens empfehlen, denn die Synchro ist wirklich gelungen. Darüber hinaus ist sie als alte "Eurovideo"—Kassette herausgekommen, und diese Firma hat uns ja einige Schmankerl beschert, anno dunnemals...

Der Film ist mit Leichtigkeit einer der unheimlichsten Zombiefilme überhaupt. Grau versteht es glänzend, mit Hilfe seines Kamerazauberers Francisco Sampere in einigen Szenen eine wirklich kreuzunheimliche Atmosphäre zu zaubern, die sich sehr von der monotonen Fleischbeschau in den meisten späteren Fetzern unterscheidet. Auch wenn das Drehbuch in puncto Logik manchmal arge Hammelsprünge vollführt, macht es dieses Manko mehr als wett durch die schon erwähnten Besonderheiten, sowieso einen mehr als überraschenden Schluß, der wirklich große Freude bereitet.

Arthur Kennedy ist total brillant: The Man You Love To Hate. Ich habe ihn in noch keiner Italo—Produktion so gut gesehen, nicht einmal in de Martinos superlativem L'ANTICRISTO (SCHWARZE MESSE DER DÄMONEN). Sein Inspektor ist echt der Fahrstuhl zum Schafott, alles aus, 10 Punkte.

Die schräge Musik von Giuliano Sorgini wird übrigens demnächst auf CD herauskommen, genau wie die Frizzi—Scores zu GEISTERSTADT und GLOCKENSEIL. Gut, wa'?

Edna: "Glaubst du, die Polizei hat recht?" George: "Bestimmt nicht. Schon aus Prinzip."

P.S.: "Wer dreht jetzt mit Sarah Young/ tralala, tralala/ Wird ja wohl d'Amato sein/ tralalalala..."

Christian Keßler

Der Artikel erschien erstmals in der "Splatting Image" Nr. 22 (Juni 1995).

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