DER SOHN DER RÜCKKEHR DER BLUTIGEN NUDELN
Le notti del terrore
Die letzten Italo-Horrorfilme

SICHEL IM ARSCH

Ich möchte diesen Artikel mit einigen lebensanschaulichen Schnurren beginnen, die das Thema des Artikels bestenfalls streifen. Wer also heiß auf Horror ist, der möge das Intro überspringen und tut dies mit meinem Segen.

Ach. Ihr seid bei mir geblieben. Das ist schön. Die anderen, die dieses Intro übersprungen haben, werden sich im Fegefeuer wiederfinden. Die werden sich schon noch umschauen.
Zuerst möchte ich darauf aufmerksam machen, daß demnächst vielleicht ein ganzes Buch mit diesem Krimskrams erscheint. Es gibt sich den Anschein wissenschaftlicher Seriosität und wird vermutlich “Das Wilde Auge” heißen. Thema: Italo-Horrorfilme. Wenn sich nicht mindestens 500 von den Biestern verkaufen, spreche ich nie wieder mit Euch!
Für reichlich frivol, zumindest jedoch exotisch finde ich auch eine Aktion, die sich Menschen aus meinem näheren Bekanntenkreis geleistet haben: Nachts herumstrolchen und Nutten aufreißen, damit man sich mit ihnen fotografieren lassen kann, wie sie einem eine Sichel in den Hintern schieben! Platz 1 für Originalität, das ist natürlich noch besser als im Suff Pallardys Alte belästigen! Das Foto mit düsteren Gestalten, die sichelbewehrt durch den Rotlichtbezirk einer namhaften Großstadt schleichen, möchte ich bitte haben.
Außerdem möchte ich noch zwei, wie ich finde, besonders gelungene Äußerungen von Eltern festhalten, die mir zugetragen worden sind: Nr. 1, im äußersten Erregungszustand, den Onkel am Revers schüttelnd: “Sach nich’ Schnauze!” Das war Nr. 1. Nr. 2 ist als Beleidigung gedacht und lautet: “Du verhautes Dreckschwein!” Ich wünschte, mir würde mal so etwas bei der passenden Gelegenheit einfallen...
Dieses Intro wurde im übrigen verfaßt am Tag der Festsetzung von Steffis Vater. Um Tausende von johlenden Fußballfans zu zitieren: “Jetz’ gehz lo-os!”

HEILIGER STUHLGANG

Als William Friedkin anno 73 seinen EXORZISTEN aus der Hose holte, wehte ein lindes Lüftchen durch das katholische Italien. Wo sonst konnte man so viel Geld mit der Ausbeutung mystischer Ängste machen wie dort? Die Imitatoren waren rasch zur Stelle. Assonitis warf seinen CHI SEI? unter das Volk, Gariazzo gab uns L'OSSESSA und Aliprandi verursachte UN SUSSURRO NEL BUIO. Am besten unter den Besessenheits-Epen schnitt noch Alberto de Martinos großartiger L'ANTICRISTO ab (die Videofassung ist leider um 20 Minuten kürzer als die Kinofassung), der, von geringfügigen Schnitzern abgesehen, eine beeindruckend kritische Haltung gegenüber dem Teufelsspuk einnimmt und streckenweise wirklich furchterregend ist. Ebenfalls erstklassig ist Massimo Dallamanos PERCHE'?/IL MEDAGLIONE INSANGUINATO, der eine ausgesprochen hübsche Geschichte erzählt, die aber nur wenig Gemeinsamkeiten mit dem Friedkin-Film aufweist.


Ein später Vertreter seiner Zunft ist Elo Pannacciòs UN URLO NELLE TENEBRE von 1976. Den ersten Schluckauf verursacht der englische Titel: CRIES AND SHADOWS ist eine eindeutige Anspielung auf Ingmar Bergmans CRIES AND WHISPERS. Hat man es bei UN URLO etwa mit einem künstlerischen Film zu tun? Diese Zweifel werden schnell zerstreut, wenn man sich den sonstigen Ausstoß von Pannacciò anschaut: Von wenigen Ausnahmen abgesehen (etwa HOLOCAUST 2, mit William Berger), sind seine Produkte durchweg Sexploitationware; bis zu seinem letzten Film (von 1986), LE REGINE, war er schon in die Pornoecke gelangt.

Trotz dieser recht eindeutigen Ausrichtung seines Schaffens ist UN URLO (der auch als NAKED EXORCISM lief) einer der bizarrsten Vertreter seiner Zunft. Es fällt schwer, den Film wirklich zu mögen, da Pannacciò sehr lange Einstellungen verwendet und dem Film ein eminent langsames Tempo beschert. Die Geschichte schreitet sehr behutsam voran und wird von vielen Zuschauern als langatmig empfunden werden. Trotzdem hat der Film seine Meriten.

Gleich zu Anfang ist der Pole dabei, auf dem Petersplatz gegen seinen Erzrivalen zu wettern: Der Teufel ist real, so hört man. Um keinen Zweifel daran zu lassen, montiert Pannacciò einige Bilder hinein von einem sabbernden Linda-Blair-Lookalike. Außerdem wird der Zuschauer Zeuge einer unterirdischen schwarzen Messe, wo der böse Priester Franco Garofalo (den ich früher immer mit Carlo de Mejo verwechselt habe; er ist der wirre Mensch mit dem argentoesken Haarschnitt, der u.a. den wahnsinnigen Söldner in Matteis HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN spielt; "Frank Garfield" ist sein Pseudonym) einige satanistische Gemeinplätze vom Stapel läßt. Es werden Hostien verspachtelt. Die darauffolgende Orgie wird geschickt über den Rest des Films verteilt.


Dann kommt die Handlung. Es geht um einen jungen Mann namens Peter Forte, der bei einem Ausflug eine nackte Frau auf einem Wasserfall tanzen sieht und dortselbst ein Medallion findet, das er sich um den Hals hängt. Sein Verhalten beginnt daraufhin bizarre Züge zu entwickeln. Zuerst spritzt er eine Freundin mit Schampus voll; dann bekommt er Augenringe, die nur höllischen Ursprungs sein können; und schließlich ermordet er seine eigene Mutter, was nicht rechtens sein kann. Seine Schwester Elena, ihres Zeichens Nonne, bittet daraufhin die Heilige Inquisition - ups, Verzeihung! - den Heiligen Stuhl um Intervention. Nach eingehenden medizinischen Untersuchungen kommt man zu dem Schluß, daß nur Richard Conte helfen kann. Und der kommt dann auch nach 65 Minuten.


Tja, und wer bis zu diesem Punkt noch mit dem Film gehadert hat, der wird jetzt restlos auf seine Seite gesaugt. Denn Richard Conte (jener wunderbare Toughie aus alten Hollywoodfilmen) erscheint an der Gangway des Schiffes und ist restlos betrunken! Der kommt kaum die Gangway runter! Fast die Kamera umlaufend, robbt er sich durch die Stadt (wo genau sie den Film gemacht haben, weiß ich leider nicht, aber die verfallenen Häuser und Gäßchen sind exzellent) und kommt gewissermaßen fast vom rechten Pfad ab - er torkelt in den siebenten Himmel der Liebe! ("Yes, there are sacred places and unholy places!")


Sein Gesichtsausdruck, wenn ihm der mittlerweile schon reichlich dämonisch aussehende Peter entgegenwirft: "Go lick your master's feet!", ist göttlich. Überhaupt ist der Teufel hier relativ originell in der Auswahl seiner Beschimpfungen. "Eater of excrement" ist mein Favorit - was man sich als gedienter Mime so alles sagen lassen muß...


Einige Einzelheiten verraten hier fast kritische Ambitionen, als solle das übliche leibesfeindliche Gebahren solchen Kirchenhorrors durchbrochen werden: Der Priester wird u.a. als "enemy of life", als "hypocrite" bezeichnet. "You are the King of Death, say it!" Womit der Bube nicht mal unrecht hat, wie uns auch Pannacciòs spätere Filme belehrt haben. Aber das muß man nicht allzu ernst nehmen.


Qualitativ ragt Giulio Sorginis Musik heraus, die einige Szenen (etwa die Szenen im einsamen Dorf) mit wirklich unangenehmer Atmosphäre versieht. Der Film pendelt hin und her zwischen durchaus gelungenen Ideen und eher abgedroschenen Gassenhauern. Der Exorzismus selber sieht eher aus wie eine mittlere Lungenembolie und fügt dem Genre, wie man so sagt, keine neuen Dimensionen hinzu. Nicht uninteressant, der Film, aber etwas zu meditativ, für meinen Geschmack.


NOCH EIN BLINDENWITZ

Mit NERO VENEZIANO (DIE WIEGE DES TEUFELS/DIE HÖLLE SUCHT IHREN SOHN, 1978) von Ugo Liberatore habe ich so meine Schwierigkeiten. Dies ist relativ betrüblich, denn ich halte Liberatore für einen ausgesprochen guten Filmemacher, dessen erster selbstinszenierter Film der saugeil fotografierte IL SESSO DEGLI ANGELI (DAS GESCHLECHT DER ENGEL) war, der aber bereits 1969 ein ziemlich sprödes und unvorteilhaftes Bild von der sexuellen Revolution zeichnete: 3 Mädchen unterschiedlicher Erfahrungsgrade greifen sich eine Yacht und einen Boy, schmeißen einen LSD-Trip, bei dem der Bube angeschossen wird, und lassen ihn dann ganz einfach verbluten. Daß Liberatore häufig als erotischer Filmemacher genannt wird, erscheint deswegen etwas erstaunlich, es muß wohl der Name sein...


Ja, und NERO entführt uns in die Abgründe einer zerfallenden Welt! Da eine ganze Welt zu teuer ist, muß hier das zerfallende Venedig reichen, dessen morbider Todeshauch bereits in Luchino Viscontis TOD IN VENEDIG populär gemacht murde. Statt Bogarde haben wir hier einen blinden Burschen, Mark, dessen einzige Verbindung zur "gesunden" Außenwelt seine Schwester Christina ist, die so eklig ist, daß man sich wundert, wieso er sie Bogarde nicht hinterherschickt. Die Schwester ist reichlich genervt, daß sie auf ihren Krüppel aufpassen muß, da sie viel lieber mit ganz Italien poppen würde.


Und recht so, denn sie wird gespielt von Rena Niehaus, die einst in Eriprando Viscontis zwei LA-ORCA-Sexdramen brillierte (womit wir jetzt BEIDE Viscontis eingebracht hätten!) Ihr nomineller Freund ist hier ein verkrachter Künstler, der seine Erfolglosigkeit in Alkohol ertränkt. Als Mark aber mit merkwürdigen Visionen auftrumpft und religiösen Hokuspokus absondert, da ist Giorgio Feuer und Flamme: Ein verschenktes Dasein erhält neue Anregungen für eine sinnvolle Freizeitgestaltung.


Während also Giorgio seine Kreationen in der Ecke vermodern läßt und die Bibel wälzt, träumt Mark von einem dunklen Mann mit einem spitzen Stock und einem Windhund, der an abgetrennten Händen knabbert. Schwesterherz macht derweil einen Puff auf (!) und kocht exakt jenen Stockbesitzer ab, was sie hätte bleiben lassen sollen, denn sie wird SCHWANGER! Dumm gelaufen...


Dann passieren noch einige aufregende Sachen, ein Baby wird auf einem Nagelbrett aufgespießt und so. Am Schluß ist die Welt dann gerettet, die Blinden können sehen und ich frage mich verzweifelt, ob Liberatore nicht vielleicht sogar ein ziemlich konservativer Mensch ist: Obwohl es Hinweise dafür gibt, daß die religiöse Salmonellenvergiftung von Mark und Giorgio negativ zu betrachten ist, gibt ihnen der Film irgendwo auch herzhaft recht. Und die Szene mit dem Baby... Also, ein Baby hat ja was mit Sex zu tun, Frucht des Leibes und so weiter. Das Ding wird plattgemacht, in einer der anstößigsten Szenen, die man sich diesseits von der Calgonit-Frau vorstellen kann. Das Fleisch muß überwunden werden, damit Deutschland wieder atmen kann... Könnte es DAS sein, was unterm Strich dabei rumkommt??? Oder ist Liberatore womöglich ein Pseudonym von Jacopetti...


Na ja, der Film ist handwerklich recht sauber gemacht, enthält sogar einige wirklich gute Szenen, wie etwa die, in der ein Onkel der beiden sich äußerst effektvoll aufhängt. Ferner gefällt mir der schwarze Mann, der aussieht wie eine Italo-Version von Rudi Völler. Mark darf in einer Szene in einen angeblich wundertätigen Brunnen greifen, in dem Ratten, Aale und Gewürm herumschwimmen. Dann trinkt er noch aus einem Wasserglas mit Regenwürmern. Und eine Parodie des "Letzten Abendmahles" gibt es auch.


NERO VENEZIANO macht optisch eine Menge her, da sowohl der Regisseur als auch der Kameramann ihr Handwerk verstehen. Die Brutalitäten sind - zumindest in der ungeschnittenen WIEGE-Fassung - recht hartgesotten. Auch mit Nuditäten geizt Ugo nicht. Für einen Sleaze-Film ist NERO aber viel zu gediegen und ernsthaft; man weiß gewissermaßen nicht, wo bei dem Film vorne und wo hinten ist. Der Film besitzt die Qualitäten eines guten Horrorfilms, sorgt aber mit Sprüchen wie "Das Böse wartet darauf, im Schoß der Frauen Fleisch zu werden!" für schweren Seegang. Fabelhaft finde ich aber die Prophezeiung, die eine Tante Mark mit auf den Weg gibt: "Zu Pfingsten wird ein schwarzer Gott in dieses Haus kommen!" Normalerweise sind Verwandte ja nur etwas debil, aber DAS hat wirklich Klasse...


Urteilt selbst.


Die sehr feine Musik von Pino Donaggio erinnert etwas an seinen Score zu DRESSED TO KILL und ist auf Vinyl recht selten.  


SCHLAFES BRÜDER

Und jetzt zu etwas ganz anderem: Die Toten sterben nicht aus! George Romero, der bekanntermaßen seiner NACHT einen "schauerlich aufgeblähten" (Fischer Film Almanach) DAWN hinterherschickte, machte mit eben diesem Film 1978 klar Schiff - ein warmer Windstoß durch winterliches Weideland. Als ich neulich mit einem freundlichen Handwerker sprach, stellte sich heraus, daß diese wunderbare Bezeichnung "Zombies im Kaufhaus" offenbar immer noch nicht aus der Welt geschafft ist. Und warum auch: Ich wollte schon immer mal einen Film mit solch einem anschaulichen Titel sehen...


Die bereits des öfteren gefallenen Italiener sind natürlich auch schnell mit von der wilden Eingeweidemandschurei gewesen: Der ehrenwerte Fabrizio de Angelis - in späteren Jahren als "Larry Ludman" auch selber als Regisseur tätig - rief ZOMBI 2 (WOODOO, DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, 1978) ins untote Leben. Als Regisseur geplant war, wie man ja mittlerweile weiß, Enzo G. Castellari, der wohl keine Möglichkeiten für quietschende Pneus oder rotierende Indianer sah und dankend ablehnte. (JUST zu dieser Zeit drehte er übrigens seinen einzigen Horrorfilm, den geisterreichen KYRA/SENSIVITA', in dem er selber einen Bullen spielt, der okkulten Mächten auf der Spur ist. Gar nicht schlecht, der Film, mit einigen gewagten Sexszenen mit Leonora Fani, auch wenn Enzo den Film als Katastrophe betrachtet.)


Der Kelch wurde dann weitergereicht an Lucio Fulci, über den nun schon genug lobende Worte geäußert worden sind. Auf seine sonstigen Zombiefilme haben diverse Staatsanwälte verschnupft reagiert und das gemacht, was man immer macht, wenn man nicht weiter weiß: sie verboten. Was übrigbleibt, ist der Inselzauber von Matul, mit lauter wiegenden Palmen und eingängigen Beats.


Ja, und den Zombie-Beat von Fabio Frizzi und Giorgio Tucci muß man gleich als erstes erwähnen: Er schlängelt sich durch den ganzen Film und lauert sozusagen hinter jeder Palme. Leider - LEIDER! - wird man bis auf weiteres auf eine Veröffentlichung dieser schönen Musik verzichten müssen, da böse Hände mit den Mastern auf und davon gegangen sind. Wer weiß, vielleicht werden sie ja wieder entdeckt, zusammen mit einer erstklassigen Kopie von LONDON AFTER MIDNIGHT, aber presto! Dafür aber sollten zur Drucklegung des Heftes die Soundtracks zu STADT, SEIL und RIPPER bereits auf CD rausgekommen sein, als Double Features, mit so hübschen Extravaganzen wie RATMAN und INVASION DER ZOMBIES im Beiprogramm...


Der Film ist schweinescharf: Sofort wird die Waffe auf uns gerichtet! Selbige spricht, und dann spricht Richard Johnson. Die unsterblichen Zeilen lauten: "Hier gibt es nichts mehr zu tun. Das Schiff kann auslaufen." Damit wäre alles gesagt. Diese Sätze sollten Gegenstand eines Tantra-Rituals werden.


Zuerst läuft allerdings ein Schiff ein, ein Geisterschiff nämlich. An Bord sind keine schwimmenden Leichen, sondern nur ein fetter Zombie, aber nicht so schnell. Die beiden Bullen von der Wasserwache sind super: Der eine lacht sich die ganze Zeit kaputt; der andere hat keinen korrekten Haarschnitt, aber bei der Wasserwache drückt man halt ein blaues Auge zu. DAS tut Olga Karlatos später auch, aber nochmals: Immer mit der Ruhe!


Polizant 1 begibt sich in den Bauch der Jolle. Auf den Tasten eines Klaviers (das ist dann wohl ein Schifferklavier, johoho!) ringeln sich Würmer, als hätte dort gerade Duke Ellington gespielt! Eine Hand liegt auf dem Boden. So richtig geschafft wird der Gesetzeshüter aber von dem fetten Zombie, der aus dem Schrank poltert - keine Ahnung, wie er da reingepaßt hat! Der Zombie ist übrigens eine Mischung aus Tor Johnson und dem Sänger von den "Pogues". Zähne bis auf den Boden. Und eben diese schlägt er beherzt in den Jugulartrakt des unglücklichen Feierabendsöldners.


Das Schiffchen gehört dem Vater von Tisa Farrow, die ihrer Schwester hier genau so ähnlich sieht wie in MAN-EATER. Bei einer nächtlichen Stippvisite auf dem Kahn trifft sie auf Journalist Ian McCulloch, der hier genauso für rückseitigen Haarausfall steht wie in ZOMBIES UNTER KANNIBALEN. Beide sind sofort ein Herz und eine Makrele und fahren gemeinsam nach Matul, wo ihr Vater sein soll.


Zusammen mit einem Pärchen, Al Cliver und Auretta Gay, müssen sie sich auf der Insel nicht nur mit dem offenbar trunksüchtigen Professor Richard Johnson herumschlagen, sondern auch mit herumtorkelnden Wiedergängern, die mich stark an die Grenzer erinnern, von denen ich neulich - 5 Tage nach der offiziellen Abschaffung von Grenzkontrollen - mitten in der Nacht deftig rangenommen wurde. Auch in meinen zugepopelten Taschentüchern konnten aber keine Rauschmittel festgestellt werden. Besonders schön fand ich die Bemerkung: "SIE riechen aber nach Knoblauch!" Vielleicht lesen die beiden Grenzgänger das hier; falls ja, dann viele liebe Grüße. Das vereinte Europa braucht Euch.


Aber zurück zu den echten Zombies. Diese sind wieder absolut auf Draht und beliebtes Objekt der Zooms und Reißschwenks von Sergio Salvatis Kamera. Die surrealen Mega-Geräusche sind noch nicht ganz so extrem wie in späteren Flutschis, aber schon ganz wacker: Die zielsicheren Kopfschüsse von Johnson z.B. sind mit echten Supermatschern unterlegt.


Ansonsten sind als unvergeßliche Juwelen in die Annalen des Horrorfilmes eingebeizt: der erste untote Duschspanner; der erste Unterwasserzombie, komplett mit Haifisch, welcher Zähne hat; Olgas garstige Splitterszene; und ein großartig apokalyptisches Ende, zuerst im heimeligen Inselrahmen, dann auch international. Extreme Pestilenz an allen Fronten.


Schluß, aus. Erwähnt werden muß noch, daß das Zombie-Mus wieder von Giannetto de Rossi stammt, und daß in der deutschen Fassung eine kurze Sequenz am Anfang fehlt, in der Ian McKahllock den Auftrag bekommt, und zwar von Chefredakteur Lucio Fulci! Und sowas schneiden die hier raus. Hart an der Grenze, finde ich.


NASSE WATTE IN ZEITLUPE

Ja, Mariangela Giordano muß ihren Ex-Freund, den Produzenten Gabriele Crisanti wirklich abgöttisch verehrt haben! Schließlich hat er sie in so interessanten Filmen untergebracht wie KOMM UND MACH'S MIT MIR und GIALLO A VENEZIA, echte Stationen im Leben einer Schauspielerin...


Eine dieser Stationen (das Klohäuschen des Schrankenwärters) war LE NOTTI DEL TERRORE (DIE RÜCKKEHR DER ZOMBIES, 1980), welcher einige Jahre später nochmal neu gestartet wurde unter dem Titel ZOMBIE ATTACK. Wer einmal in einen Andrea-Bianchi-Film gegangen ist, der geht auch gern ein zweites Mal hinein!


Ein nicht näher spezifizierter Archäologe, der so ähnlich aussieht wie Friedrich Engels, untersucht eine Scherbe, auf der nebeneinander ein Smilie, ein Tannenzweig und der Buchstabe A zu sehen sind. "Ich bin der einzige, der das Geheimnis kennt!" Welches auch immer. Er kommt aber nicht mehr dazu, es uns oder jemand anderem zu verraten, denn er geht unter Tage und wird von Zombies gekillt. Seine Reaktion auf das plötzliche Auftauchen der lumpichten Mordbuben ist ebenso unerwartet wie rührend: "Ich bin dein Freund! Ich werde dich befreien!" Stattdessen befreit Zombie ihn.


Nach dem Vorspann kommen dann lauter Luschen an. Sie alle wollen den Professor aus irgendeinem Grund sehen (vielleicht schuldet er ihnen noch Geld). Wieso sich ein Professor mit einem räudigen Rauschebart ein SCHLOSS leisten kann, ist unklar. (Vielleicht schuldet er ihnen deshalb Geld?) Unter den Neuzugängen sind Karin Well (die angeblich in einigen Fickfilmen von Siciliano mitgespielt haben soll und darüber hinaus mit der Warzendame aus HÄUTET SIE LEBEND identisch ist), Gianluigi Chirizzi aus MALIZIA und natürlich Mariangela. Letztere hat einen Sohn, der von einem eindeutig älteren kleinwüchsigen Darsteller gegeben wird, der, glaube ich, bereits in DIE RACHE DES PATEN mit von der Partie war. Hier hat er einen Haarschnitt wie ein Kreuzritter und sieht so aus, als habe ihm der Arzt, der ihn entbunden hat, ins Gesicht gekotzt. Eine Laune der Natur.


Zum Aufwärmen gibt's erst mal ein paar sleazige Sexszenen, Andrea hatte zu dieser Zeit bereits mit Porno herumhantiert. Eine Schlampe mit Korsage versucht ihren Macker anzutörnen; Mariangela zeigt ihre (Gabrieles) Kostbarkeiten. Niemand kommt so recht zu Potte, am wenigsten der Zuschauer. So nebenbei latschen ein paar Zombies herum, aber was soll's.


Tja, und am nächsten Tag ist Sense, it's sleaze-time, baby! Eine Fotosession wird brutal unterbrochen von plötzlich herbeistrauchelnden Wiedergängern. Eine wilde Fummelei findet ein abruptes Ende durch verwurmte Visagen. Auch hier muß wieder festgestellt werden, daß die alten Etrusker (denn die stellen in diesem Film die Zombies) ihre Toten nicht mit 20 cm Erdreich, sondern bestenfalls mit zwei Tannennadeln bedeckt haben: Das kann Ihnen im Bürgerpark auch passieren!


Und die Zombies! JAWOLL!! Ich erinnere mich, wie ich mal als Halbwüchsiger von einer dieser Versandfirmen eine Frankenstein-Maske bestellt habe. Statt der bestellten Ware kam dann eine Mumien-Maske, die sich die Hersteller vorher offenbar satt durch die Kimme gezogen haben, und genau so sehen Andreas Zombies aus! Ein paar Milben und Angelköder zusätzlich, dann kommt das hin... Nun, und was die Behauptung angeht, es handele sich um Etrusker, so ist das natürlich papperlapapp! Einer der Zombies sieht definitiv aus wie Robert Lembke, ich schwöre es! Der Film MUSS in diesem Land gedreht worden sein...


Na ja, det Janze jeht dann so weiter, ischa Fassenacht, die Jecken kommen aus den Grüften und machen Kleinholz aus der jungen, sexuell aktiven Generation. Dr. Freudstein war ein fliegender Furz gegen diese Faschingshottentotten! Hier wird gekeult, was das Zeug hält. Und BEWEGLICH sind die Jungs! Ich liebe die Szene, in der das Stubenmädchen Katrin von einem Zirkus-Zombie durch einen genialen Messerwurftrick an dem Fensterladen festgenagelt wird. Mit einer Sense wird die holde Maid dann geköpft, und der rostfreie Stahl geht durch den Knetgumminacken wie durch edelsten Edamer!


Der Film MUSS in der deutschen Fassung genossen werden, dadd is Pflicht! Die Synchro ist einfach alles. Beispiele: Mariangelas debiler Sohnematz (der ihr in einer Szene übrigens mit Schmackes zwischen die Schenkel greift!) findet ein abgeleiertes Stück Sackleinen und meint zu Mami: "Mama, das riecht hier so nach Tod!" Die erste Begegnung mit einem Zombie: "Aber... das gibt's doch gar nicht... das ist doch ein Toter!" Sexszene: "Hier in der freien Natur macht das viel mehr Spaß, aaah..."


Und was für ein genialer Einfall, als es darum geht, zu erklären, warum sich die Leute nicht einfach in ihre Autos setzen und abrauschen: "Sie haben die Reifen zerstochen!" Jawohl, Andreas Zombies können ALLES!!! Und die Gipsbirnen werden zerschossen, zerstampft, zerbröselt, mit dermaßen beherzter Ausdauer und Wattefüllung, daß man sich nach einiger Zeit wünscht, Andrea hätte mal eine "Always-ultra"-Reklame gemacht... (Wenn Roger Vadim allen Ernstes "Slim-Fast"-Filme mit Witta Pohl dreht, sollte das machbar sein" - no shit!)


Erwähnt werden muß natürlich die berühmte Szene, in der Mariangela ihren zombiefizierten Sohn wiedertrifft und ihm in einem recht unmotivierten Akt mütterlicher Zuneigung die Brust darbietet. Die Psychologen bezeichnen die darauf folgende Handlung wohl als "orale Agression", aber ich glaube, Andrea und Drehbuchautor Regnoli (wer sonst?) haben das nicht so gemeint... Eine Reminiszenz an die Splittersequenz aus WOODOO gibt's auch.


Totale Scheiße, aber ein Meisterwerk. Die deutsche Fassung ist zwar nicht verboten, aber mittlerweile sehr rar. Ich hoffe ja immer noch darauf, in eine Videothek in der Provinz zu tapern, in der Filme verkloppt werden, und auf einmal schreit jemand: "He, da stehen gleich fünf RÜCKKEHR, alle eingeschweißt!" Aber man soll sich mit wenig bescheiden, dann bleibt man zufrieden.


MÖPSE AUS EKTOPLASMA

Für einen Moment möchte ich jetzt die Pfade des Anstandes verlassen und schlüpfrige Gebiete ansteuern. In dem 1984 entstandenen Film NIDO D'AMORE (DAS GEISTERSCHLOSS DER LÜSTE) versucht der berüchtigte Pornist Luciano Fardelli (unter seinem Pseudonym Lucky Faar Delly!), nicht nur in Darstellerin Marina Frajese, sondern auch in die Welt der klassischen Geistergeschichte einzudringen. Der Kampf endet unentschieden.


Der Beginn spielt sich ab im Jahre 1884. Ein weichgezeichnetes Pärchen, das mit langen Bettlaken bekleidet ist, kommt sich zu penetrantem Vogelzwitscher näher. Zuerst kommt der römische Feldherr (Cunnilingus); danach oralisiert sie ihn in höhere Regionen. Ersteres ist besser, weil er da keine Gelegenheit zum Labern hat. Bereits bei dieser frühen Verschmelzung wird klar: Die Schmatzgeräusche sind hypnotisierend, zumal sie den Eindruck machen, als wären sie zur höheren Belustigung des Zielpublikums durch den Echokoffer gejagt worden. Das macht wenigstens das Gezwitscher zunichte. Außerdem wird klar, daß die O-Tonspur noch durchkommt und so eine wahre Orgie andeutet, ein hemmungsloses Aufwallen erbarmungsloser Leidenschaft, ein Inferno aus Glut und Lendenbrand...


Gerade, als sie bei "a tergo" angekommen sind, geschieht etwas Unübliches: Ein Bi-Ba-Butzemann kommt herein, zieht einen Degen und macht den berühmten kurzen Prozeß.


Hundert Jahre später. Marina LA BIONDA E LA BESTIA Frajese hat gerade kein Pferd zur Hand und macht deshalb Ferien. Zusammen mit ihrer Tochter und deren Beschäler besucht sie das Schloß ihres Onkels Archibald, das ihnen dieser vererbt hat. Und jetzt kommt's: Es ist dasselbe Schloß, in dem auch Filme wie L'AMANTE DEL VAMPIRO, IL BOIA SCARLATTO und LEICHEN-FACTORY gedreht wurden! Die Besitzer müssen echt 'ne Menge Schulden haben...


Okay, Exkurs: Das erinnert mich an eine SAT-1-Reportage, die ich mal mitbekommen habe, in der Pornoproduzent Hohmann einen Edelporno im Vampirumfeld drehte, und zwar in dem Schloß, wo Hoven HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT gedreht hat... Die Geschichte wiederholt sich, keine Frage. Ob sie sich für die Schloßherrin wiederholt, ist aber unklar. Die Reporter haben sie erst interviewt, ob sie wüßte, was da gedreht wird. Ja, ein Vampirfilm halt. Dann das Gesicht der Frau, wenn sie nachts nach Hause kommt, und Hohmanns Leute veranstalten eine wilde Arschfick-Orgie im Rittersaal! Der Gesichtsausdruck ist KULT!


Die Tochter von Marina macht übrigens den Eindruck einer dieser Frauen, die man auf der Spanischen Treppe kennenlernt und die sich dann als Mann erweisen. Einen schlechten Geschmack hat sie auch, da ihr Macker Bill Haare auf der Nasenwurzel und eine Frisur wie eine Wintermütze hat und sich darüber hinaus unvorteilhaft auf den Lippen rumkaut!


Und schon geht's ab: Die beiden Geister pimpern sich durch die bewegten Träume des jungen Paares. Die Geisterdame macht alles mit, auch wenn sie von Zeit zu Zeit seine Nudel verwaist, um auf einmal frenetisch zu kreischen: "Nein---laß' uns leben! Der Degen... Nein!" Auch gute Grimassen hat die Frau drauf.


Die beiden Geister vermuten nicht grundlos, daß ihre wilden Fummeleien auf die sterblichen Schloßbewohner animierend wirken könnten. Und tatsächlich: Das Töchterlein knetet sich den Labialtrakt, bis daß der Schleim trieft. (Ich halte diese Ergüsse für Vaseline oder Kunsthonig.) Sie scheint im übrigen eine "No-Penetration"-Klausel zu besitzen, denn sie erschöpft sich im Oralen. Trotzdem gefällt ihr laues Genuckel an Bills Nille den Gespenstern: "Den' macht es genau so viel Spaß wie uns! Ist das nicht geil?"
Trotzdem schickt Janette Bill bald in die Wüste: "Du, ich glaube, es ist besser, du gehst!" Er, mit zum Bersten gespannter Männlichkeit: "Du hast recht, Schatz! Schlaf' gut!" Ein echter Fantasy-Film, halt.


Die erste Ejakulation erfolgt nach exakt 45:31 min im Mund des forschen Kellergeistes. Die zweite und letzte findet statt auf dem Bauchnabel von Marina, deren sonstiger Enthusiasmus hier auf EINE Exkursion ins Land der Lenden beschränkt bleibt. Die Videokassette riecht etwas nach Fisch, aber dieses Detail ist eher nebensächlich.


Daß ich den Film nicht wegen seiner filmischen Qualitäten in den Artikel genommen habe, sollte wohl klar sein. Für einen Italo-Porno ist er allerdings relativ liebevoll gemacht und nähert sich dann und wann dem Tatbestand der Erotik. Wem es vor gar nichts graust, der kann sich gleich noch die Fardelli-Filme JOJAMI und SWOOSIE anschauen, beide mit Marina und dem häßlichsten Hermaphroditen Roms. Zwar kommen in diesen Filmen weder Geister noch Pferde vor, aber wenn man sich beide Filme hintereinander reinhaut und dazu mindestens 10 "Fruchtzwerge" vertilgt, dann hat man den obersten Dan erreicht und ist qualifiziert für den Beruf des Grenzsoldaten.


DIE GUTE RÜCKKEHR DER BLAUEN SCHATTEN

Sieht man sich die neueren italienischen Horrorfilme an, die bei uns so auf Video erscheinen (im Kino läuft so was eh nicht mehr), dann hat man das Gefühl, man befinde sich im neuen Wes Craven-Schocker: Amerikanische Teenager mit grinsenden Honiggesichtern tändeln miteinander und gehen zuschanden. In der Regel finden diese Filme auch in den USA statt: Daraus den Tod des Italo-Horrorkinos abzuleiten, ist nicht abwegig.


Aber es gibt Ausnahmen! Selbst Filme, die einen beim ersten Ansehen enttäuscht haben bzw. als belanglos eingestuft wurden, erscheinen jetzt als Indizien, daß die Originalität und der Mut zur Abweichung dem Genre nicht völlig verlorengegangen sind.


Einer dieser Filme ist LA CASA DEL BUON RITORNO (DAS HAUS DER BLAUEN SCHATTEN, 1986) von Beppe Cino, der bei seinem Erscheinen nicht viele Freunde unter den Thekenkunden gefunden haben wird, da der Goregehalt sehr niedrig ist, die Story unspektakulär erzählt wird und Fulci noch zu gut in Erinnerung war. Bei meinem nochmaligen Ansehen mußte ich feststellen, daß der Film - abgesehen von kleineren Schwächen - einer der inhaltlich interessantesten und liebevoll gemachtesten Thriller ist, die das Italien der 80er hervorgebracht hat.


Beppe Cino ist ohnehin nicht ganz unspannend. Der Mann (Jahrgang 47) kommt, wie so viele seiner Kollegen, vom Dokumentarfach, drehte seinen ersten Film (den Thriller IL CAVALIERE, LA MORTE E IL DIAVOLO) 1983 und legte sich nach LA CASA das Pseudonym Bob J. Ross zu, unter dem er die Sexfilme FATAL TEMPTATION (EXTASY) und INTIMO drehte. Letztere sind zwar hübsch fotografiert und enthalten zahlreiche pralle Euter, sind aber storymäßig ziemlich luftleer. Mittlerweile hat er wieder zu den hehren Ambitionen seiner Ursprünge zurückgefunden und hat mit Franco Nero und Fernando Rey das hübsche Post-Bunuel-Drama DICERIA DELL'UNTORE (LIEBE UND TOD) inszeniert.


In LA CASA gibt es vieles, was an Pupi Avati erinnert: Da wäre die Art und Weise, wie die Vergangenheit des Helden einerseits nostalgisch verklärt wird, dann aber mehr und mehr als Bedrohung erkennbar wird, als unbewältigte Schuld. Die Fotografie ist von ähnlich wirkungsvoller Unaufdringlichkeit wie in Avatis beiden Horrorfilmen LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO und ZEDER. Und Frauen werden als enigmatische Figuren gezeichnet, die dem Helden bei fortschreitender Handlung immer fremder und beängstigender werden; sie erscheinen weniger als Dämonen denn als von Natur aus stärkere Wesen, die nicht darauf angewiesen sind, daß der tumbe Held sie vollständig erfaßt.


Ein kleiner Prolog entführt uns in eine harmonische Landwelt, wie man sie sich auch in einem späten Fellini vorstellen könnte. Drei sphinxenhafte Frauen lauschen dem Klavierspiel eines kleinen Mädchens. Einige Kinder spielen Verstecken. Der Junge Luca muß suchen. Als er einen Schrank öffnet, erschreckt ihn die kleine Lola, die sich eine Teufelsmaske aufgesetzt hat, fast zu Tode: Sie jagt ihn aufs Dach, wo sie unter merkwürdigen Umständen abstürzt.


Viele Jahre später. Ein zum Manne gereifter Luca, der einen ziemlich falschen Bart trägt (für mich der einzige störende Makel des Films), trudelt mit seiner Freundin Margit beim Haus seiner Kindheit ein, wo er seit damals nicht mehr gewesen ist. Das Haus steht leer, obwohl vieles noch so ist wie damals. Eine ideale Stoßburg für die beiden, möchte man meinen. Bevor sich die Glieder aber umschlingen können, erscheint eine mysteriöse Frau (eine der drei Frauen vom Anfang, aber genau so jung und schön), die ihn zu kennen scheint. Luca verspricht der Jugendfreundin in die hohle Hand, sie in ihrem Haus zu besuchen.


Und das Mysterienspiel nimmt seinen Lauf: Unheimliche Dinge passieren, die Luca dazu bewegen, der Vergangenheit nachzuspüren. Er träumt von einer schönen Frau, die er nicht erreichen kann. In demselben Maße, wie die Vergangenheit von Luca Besitz zu ergreifen scheint, leidet auch die Beziehung Lucas zu seiner Freundin: Immer häufiger herrscht er sie an; als sie das Abbild, das er von seiner Traumfrau erschafft, anrührt, wird er regelrecht kiebig.


Schließlich steuert alles einem unvermeidbar schicksalsträchtigen Höhepunkt zu. Luca findet seine Vergangenheit. Und seine Frau findet er auch...


Es gibt drei Zentralmotive in LA CASA. Zwei davon sind gleich in der ersten Einstellung zu bewundern: Puppen (Abbilder, Masken etc.) und Spiegel. (Häufig erweisen sich Vorgänge auf einmal als Spiegelbild; Charaktere betrachten sich im Spiegel.) Das dritte hängt mit beiden zusammen, nämlich das Spiel. Gespielt wird viel: Ob das fröhliche Kinderlachen aus Jugendtagen, das schnell zu einer schreckenerregenden Täuschung gerät, wenn etwa Kinder das Abbild von Lucas Frau im Spiel verbrennen, was ihn fast wahnsinnig macht; ob die infantile Obsession, mit der Luca aus seiner "gesunden" Beziehung aussteigt, um den Traumkult zu betreiben; oder die lustvolle Verspieltheit, mit der auch Cino inszenatorisch in die Tasten greift. Sinnigerweise geht der Protagonist am Schluß, als er sein "Spiel" zum Ende getrieben hat, den Bach runter: Er ist erwachsen, an Selbsterkenntnis reicher und... jahaha, DAS verrat' ich jetzt nicht!


Ein schöner Film mit einem wahnsinnig guten Score von Carlo Siliotto, der auch schon mit Avati zusammengearbeitet hat. Freunde harter Horrorkost sollten sich vielleicht lieber an die wackelnden Freunde von Fulci halten. Wer aber auch an ruhigeren Mystery-Thrillern gefallen findet, sollte bei Beppe einschalten.


DER MONGO AUS MAINZ

Da sich auf dem Sektor des italienischen Horrors in den letzten Jahren kaum Weltbewegendes getan hat, möchte ich nun schließen mit einem Film, der schon einige Jahre zurückliegt: Umberto Lenzis LA CASA 3 (in Anlehnung an den Italo-Titel von TANZ DER TEUFEL), dessen Exporttitel GHOSTHOUSE lautet. Diese Geschichte aus dem Jahre 1988 ist sicherlich kein Klassiker; wohl aber weckt sie angenehme Erinnerungen an glorreiche Tage und schickt den einen oder anderen kalten Schauer auf die Reise...


Nicht nur Lenzi ließ seine letzten Filme vorwiegend in den USA spielen; für die Masse der italienischen Filmemacher ist es angesichts der amerikanischen Konkurrenz leider zu einer Lebensnotwendigkeit geworden, den großen Bruder nachzuäffen. Auch GHOSTHOUSE spielt in den Staaten, genaugenommen in Massachusetts, von wo aus man nur 4 Stunden mit einer klapprigen Maschine zu fliegen braucht, um auf Stephen Kings Schoß zu landen. Als ich mich dort mal herumtrieb, fielen mir besonders die hübschen Holzhäuser im klassischen Neuenglandstil auf, die vor gotischem Potential förmlich in Vorfreude knarzten.


Um genau solch ein Haus geht es in GHOSTHOUSE. Im Jahre 1967 trug sich hier eine unselige Geschichte zu: Religiös fanatischer Vater und Beerdigungsunternehmer findet heraus, daß seine Tochter Henrietta eine Katze aufgeschlitzt hat, und da er findet, daß sie das besser mit einem Hund hätte machen sollen, sperrt er sie ein in den Keller, zusammen mit einer Kaschperpuppe. Diese Rigorosität im Umgang mit dem eigenen Fleisch geht aber voll nach hinten los: Ein unheimlicher Mörder macht Hackepeter aus Vater nebst Gattin.


20 Jahre später, Boston. Wir merken sofort, daß der Film schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Zuerst einmal ist der Held, Paul, ein CB-Funker (!). Über CB-Funk erklärt ihm eine Frau, daß Simon Le Bon ganz dufte ist. (Erinnert Ihr Euch noch an Le Bon? Das war der Sänger der New-Romantic-Gruppe "Duran Duran".)
Danach wird die Frage gestellt, wer nun beliebter sei - Kim Basinger oder Kelly Le Brock. Erstere ist mittlerweile in den Armen des Alkohols gelandet (erinnert Ihr Euch an die Oscar-Verleihung, wo sie volltrunken versuchte, ihren Text zu stammeln?); letztere in den Armen von Steven Seagal. (Na, dann schon lieber Alkohol.)


Egal. Paulchen bekommt nun eigenartige Hilferufe geschickt, die unterbrochen werden von einer eigentümlichen Melodie und einer lallenden Mickymausstimme, die etwas an ein mongoloides Mainzelmännchen im Stimmbruch erinnert. (Deswegen also der blöde Titel!) Zusammen mit seiner Freundin versucht er nun, den Ursprung der Signale zu entdeckeln. Er muß dazu nur irgendwelche "Variablen vergleichen". Die Recherche führt ihn schließlich zu dem bewußten Haus, wo er einen weiteren Hobbyfunker namens Jim findet, der sich hier illegalerweise mit seiner pubertierenden Schwester und verschiedenen Nulpen einen flotten Lenz macht.


Und der Lenz wird superflott! Kaum angekommen, schaut sofort Donal O'Brien durchs Autofenster ("Das ist nur ein Penner, Martha!"), der hier eine göttliche John-Carradine-Rolle abbekommen hat: Er ist der geistig verwirrte Hausmeister des Anwesens, der bald darauf mit Axt, Mistgabel, Hammer und Sichel bewehrt durch die Felder streicht und den Frühling herbeiruft. Bei der letzten Ausstrahlung von SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD (Vollbild und Pan-Scan, versteht sich) fiel mir auf, daß er der dritte Killer neben Woody Strode und Jack Elam ist! Geil, wa? Und jetzt läuft der Mann mit kariertem Baumwollhemd und Latzhose durch die Beete, als wäre er aus INVASION DER BLUTFARMER getürmt - eine Bombenrolle!


Schon bald muß Jim das Besteck abgeben: Seine Kehle wird von einem Ventilatorblatt gekappt. Danach hauen die anderen nicht etwa ab, oh nein - the show must go on! Und das geht sie auch...


Wenn der knorrige Lieutenant Ferguson nun noch von Edmund Purdom gespielt worden wäre, hätte der Film ein richtiger Knaller werden können! Auch so bleibt aber genug Material zum Meditieren übrig. Super ist etwa der schwarze Tramper, der haargenau so aussieht wie Willie Best in den alten Filmen, mit weit aufgerissenen Tischtennisaugen. In einer Szene bietet er einer Lady einen Schokoriegel an: "Da is' Power drin!" Man muß auf die kleinen Dinge achten...


Die Charakterisierungen sind alles andere als realistisch, dafür aber hübsch farbig. Am besten ist sicherlich das häufig zu hörende Gelalle, das sich so ähnlich anhört wie "There you are, baby!". Im Kontext des Filmes klingt es manchmal wirklich unheimlich, auch wenn das hier sicherlich nicht so klingt. Lenzi hat sich nicht häufig im Horrorgenre versucht, von seinen drei Gedärmeklinglern mal abgesehen. Aber in GHOSTHOUSE gelingt ihm streckenweise das, was seinen Kollegen in den 80ern weitgehend versagt geblieben ist: die Beschwörung einer unheimlichen Stimmung. Schuld daran ist das tolle Haus und die ordentliche Inszenierung, verbunden mit solider Kameraarbeit von Franco delli Colli. Und was die Musik angeht: Ich habe mich nicht wenig gefreut, als ich festgestellt habe, daß wir den Soundtrack von GHOSTHOUSE rausgebracht haben, und zwar ohne, daß es mir aufgefallen wäre! Denn DELIRIA von Michele Soavi besitzt zum größten Teil denselben Score! (Beide Filme wurden produziert von Massaccesis "Filmirage".)


Als kleines P.S. möchte ich noch hintanfügen, daß die TV-Ausstrahlung von Lenzis BLACK DEMONS (als BLACK ZOMBIES) eine hübsche Überraschung war: Gelangweilt wartete ich vor der Glotze auf die ersten Schnitte, aber - es kamen keine! Da flog das Auge und der Fachmann wunderte sich...


Abschließend möchte ich noch erwähnen, daß es einige Anzeichen dafür gibt, daß auch der italienische Horrorfilm wieder auf die Beine kommt: Mit Mariano Baino kommt aus dem "independent"-Abseits eine Kraft, mit der man rechnen muß (wie er mit seinem etwas zu lauten, aber eindrucksvollen Debüt DARK WATERS bewies); Ruggero Deodato hat mit dem bizarren LA LAVATRICE (WASHING MACHINE) unerwarteterweise seinen besten Film seit CANNIBAL HOLOCAUST vorgelegt; und ein neuer Fulci-Film wirft bereits seine unheiligen Schatten voraus. Es regt sich was unter der Rheumadecke...


Christian Keßler

Dieser Artikel erschien erstmals in der "Splatting Image" Nr. 23 (September 1995).

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