DIE EIERHARFE DES KLEINEN MANNES
Maurizio Merli
Der Titel bezieht sich auf ein kleines Küchengerät, in das kulinarisch ambitionierte Zeitgenossen ihre Eier tun und durch Herunterdrücken in formschönes Scheibchenformat bringen. Dieses Gerät - so erklärte dies neulich Eddi Arent im Fernsehen - heißt “Eierharfe”. Zwar ist mir dieser Ausdruck mittlerweile sehr ans Herz gewachsen, ebenso wie der Begriff “Grützbeutel”, der eine dem Gerstenkorn nicht unähnliche Augenerscheinung bezeichnet, der Artikel handelt aber eher von italienischen Polizeifilmen, an denen das Publikum dieser Zeitschrift wohl eher Gefallen finden wird. Trotzdem werden auch Freunde von Eierharfen und Grützbeuteln nicht zu kurz kommen, stellen sie doch einen festen Bestandteil des polizeidienstlichen Repertoires in Italien dar. Damit meine ich aber Eierharfen und Grützbeutel, nicht die Freunde derselben. Das war jetzt etwas mißverständlich formuliert. Tut mir leid.

Und endlich weiß ich auch, daß ich verflucht bin! Der Fluch der Dummheit lastet auf mir: Genau wie letztes Mal, als mein Computer in der Nacht vor der Entsendung des Artikels abschmierte, ist das Drecksding wieder zusammengebrochen, die Endfassung des Artikels begrabend. Was Ihr jetzt lesen werdet, ist also eine in einer kühnen Nachtschicht zusammengestanzte Notfassung. Auch ist der Text entschieden beeinflußt worden von einer Erkältung, die ich mir vom MANIAC-Regisseur William Lustig geholt habe, neben dem ich eine Stunde lang in einem britischen Taxi eingeklemmt war! Um mich für die Seuche zu revanchieren, verrate ich schnell, daß sein Porno THE VIOLATION OF CLAUDIA bei uns als THE GRAND MISTRESS OF SEX herausgekommen ist; das wird ihm peinlich sein. Sein Film VIGILANTE (bei uns STREETFIGHTERS) war übrigens gedacht als Hommage auf italienische Polizeifilme, denn die liebt er sehr. Und da ist er ja, der Bogen, den ich so gesucht habe! Vorhang auf, der Spaß beginnt...

EIN EILAND NAMENS MAILAND

Zu einer Zeit, als in Italien eine Art von Polizeifilm Gestalt anzunehmen begann, die man vielleicht am ehesten als “Paranoia-Polizeifilm” bezeichnen kann, brachte Sergio Martino MILANO TREMA (GB: THE VIOLENT PROFESSIONALS, 1973) heraus, ein Film, der sich auf virtuose Weise der Ängste bediente, die den italienischen Kinogänger damals beschäftigten. Zunehmende soziale Verelendung in den Großstädten (teilweise erzeugt durch den nicht versiegenden Strom von Landvolk aus dem Süden, das sich in den Metropolen den Wohlstand erhoffte, der ihm in seiner Heimat versagt blieb) führte zu einem explosionsartigen Ansteigen der Gewaltkriminalität, dem die Polizei häufig hilflos gegenüberstand. Ein weiterer Faktor für die Gewaltbereitschaft, die diese Filme nicht selten dokumentieren - für hiesige Verhältnisse sicherlich unangenehm zu betrachten - waren die immer häufiger werdenden Aktionen von (meist linksorientierten) Terrorgruppen, deren Anschläge für den Mann von der Straße ohne Motivation zu sein schienen, eine irrationale Bedrohung, auf der reaktionäre Propaganda wachsen und gedeihen konnte.

Nun ist es wahrscheinlich etwas zu hoch gegriffen, diese “polizieschi” als rechtsgerichtete Propaganda zu verteufeln, da die Regisseure in den seltensten Fällen die Superpolizisten, die mit ihren überproportionierten Revolvern finsteren Gestalten vorm Gesicht herumfuchtelten und mit den einen in den anderen oftmals häßliche Löcher jenseits des Gesetzes produzierten, ernstnahmen. In vielen Fällen waren die Kommissare als Karikaturen des “tough guy”-Typs angelegt, was sich nicht nur mit den Namen belegen läßt, die die Autoren den rigorosen Gesetzeshütern verliehen (z. B. “Ferro” oder “Belli”), sondern auch mit der manchmal lustvoll verspielten Ausstaffierung der Polizisten, etwa mit Goldketten oder modischen Schnäuzern.
Ob man diese Brutalo-Cops nun als gefährliche Entwicklung in einem immer morscher werdenden Staatsgefüge empfinden mußte oder nicht, das sahen verschiedene Leute verschieden. Regisseur Stelvio Massi beispielsweise gab in einem Interview deutlich zu verstehen, daß sein COMMISSARIO DI FERRO eher als eine Figur zum Augenzwinkern gedacht gewesen sei, eine fast parodistische Überspitzung der Genreklischees, die mit diesen Figuren normalerweise verbunden werden. (So reden die Polizisten bemerkenswert häufig von Fußball oder “frisieren” ihre Autos zu wahren Wunderwaffen.) Andere, wie etwa der mittlerweile verstorbene Darsteller Maurizio Merli (der zu einer der Gallionsfiguren dieses Filmtyps wurde), sahen die Figuren allerdings wesentlich ernsthafter und als der Realität nahe, was in sich schon ganz aufschlußreich ist. Insbesondere die Presse schoß sich auf die Filmgattung ein und warf vielen dieser Filme Faschismus und unverantwortliche Verherrlichung von Selbstjustiz vor. Vorwürfe, von denen auch Sergio Martinos MILANO TREMA nicht verschont blieb.

Zu Unrecht übrigens. Denn auch wenn seine Besessenheit mit dem “Harter-Mann”-Mythos und der Ernst, mit dem er ihm nachgeht, ihn in die Nähe vergleichbarer Angriffe auf die Demokratie rücken, so benutzt das schlaue Drehbuch von Ernesto Gastaldi diese Tendenz nur, um die Zuschauererwartungen im letzten Moment zu durchkreuzen.

In MILANO TREMA geht es um den streitbaren Polizisten Giorgio Caneparo. Dieser hat sich durch sein sehr beherztes Auftreten im Umgang mit Gewalttätern schon den einen oder anderen Verweis eingehandelt. Er hat die Doppelmoral des Staates und der Presse satt: Einerseits verlangt man von den Gesetzeshütern, daß sie ihr Leben im Kampf um die Erhaltung der Ordnung riskieren; andererseits gilt das Leben mancher Verbrecher mehr als das ihrer Opfer. Gleich zu Beginn artikuliert sich Giorgios Unverständnis mit diesem Sachverhalt in einer Schießerei, bei der er zwei Mädchenmörder abserviert. Sein Vorgesetzter, obzwar Freund, sieht die Notwendigkeit dieser Handlung nicht ein und sieht sich gezwungen, ihn zu suspendieren.
Als besagter Freund und Vorgesetzter einem feigen Mord zum Opfer fällt, beschließt Giorgio, Suspendierung Suspendierung sein zu lassen und stellt seine eigenen Nachforschungen an. Diese führen zu einer Kette von Raubüberfällen, die alle mit dem Verleger Salisoglia zusammenzuhängen scheinen. Giorgio schleust sich in die Bande ein, nimmt an einem Überfall (Resultat: ein Toter) als Fahrer teil und versucht danach, dem fiesen Boß an den Karren zu fahren. Jedoch: Alle seine Informanten sterben auf unschöne und geheimnisvolle Weise. Als er schließlich Salisoglia zur Rede stellen will, brennt Giorgio die Sicherung durch, ein Faustkampf entbrennt. Dabei stößt der Schurke mit dem Kopf auf einen Sims auf. Giorgio hat eine Menge Ärger...

Gar reichlich sind die Verweise auf die Tagespresse, die Gastaldi in sein Drehbuch einstreut. So scheint etwa die Motivation der Bande, der Giorgio hinterherspürt, linkes Chaotentum zu sein; eine Informantin lebt den melodramatischen Haß auf ihr sinnloses Leben in einer Kommune aus. Man ist schon soweit, den Film als weitere Denunzierung linken Weicheiertums abzuhaken, da kommt am Schluß doch noch der ganz große Rutsch: Nicht von links kommt der Terror, sondern von Zirkeln, die einen Polizeistaat errichten wollen. Recht und neue Ordnung müssen her...

Das in einer Zeit herauszubringen, wo vergeichbare “polizieschi” vehement für einen solchen Polizeistaat einzutreten schienen, erscheint im Rückblick nachgerade als mutig. Wie erfreulich, daß Sergio Martino für diesen frühen Polizei-Actioner das passende Format wählt: das eines harten, temporeichen Actionfilmes, der nicht doziert, sondern seine Botschaft sozusagen in der Hamburger-Box veräußert!

Diese Box ist allerdings recht ahnsehnlich. Unterstützt von der gewohnt guten Arbeit Giancarlo Ferrandos, bringt Martino in den Film genau die richtige nervöse Rastlosigkeit ein. Gerade Spannungsequenzen, wie etwa die Schießerei mit den Kindsmördern gleich zu Beginn, verfügen über ein beträchtliches Maß an interner Grundspannung. Das Schauspielerensemble ist sehr anregend. Das selbstzufriedene Grinsen von Hauptdarsteller Luc Merenda wird zwar manchen auf die Palme treiben, aber wenn man den prolligen Charme von Steven Seagal zu schätzen weiß, dann wird man auch bei ihm sein Heil finden! Und Amerikaner Richard Conte ist recht gut als leicht lurchiger John-Cassavetes-Ganove, der nicht müde wird, Merenda zu versichern, daß “sie sehr tief fliegen”, immer, wenn er genervt ist.

Ein sehr feiner Action-Krimi, der leider seinen Weg nach Deutschland noch nicht gefunden hat. Sergio Martino hat auch selber eine kleine Rolle, als Krankenpfleger. Noch besser als MILANO TREMA ist sein mit Giallo-Akzenten versehener MORTE SOSPETTA DI UNA MINORENNE, der aber meines Wissens nicht einmal auf Englisch rausgekommen ist...

KEGELCLUB SAUBERES ROM

Der Film, dem eigentlich die erste Stelle in diesem Artikel gebührt, ist Stefano Vanzinas 1972 erstellter LA POLIZIA RINGRAZIA (DAS SYNDIKAT), der die Welle harter Polizeifilme eingeläutet hat. Da ich aber den MILANO-TREMA-Artikel bereits vorher (für ein zum Scheitern verurteiltes Buchprojekt) geschrieben hatte und die genrebezogenen Weisheiten gut an den Anfang paßten, erlaube ich mir, das ambitionierte Zeitschema dieses Textes gleich zu Beginn kühn zu durchbrechen. Bestimmt machen spätere Textanalytiker eine “innere Einheit” oder irgend so was Schlaues aus, und dann bin ich aus dem Schneider!

Innere Einheit ist jedenfalls ganz genau das, was dem urbanen Italien zu dieser Zeit bitter abgegangen ist. Dies ist auch die Ansicht des römischen Inspektors Mario Bertone, der sich mit Gruselmiene durch ein Gewirr von sensationswütigen Zeilenschindern hindurchdrängelt. Der kleine Ganove Bettarini ist freigesprochen worden, aus Mangel an Beweisen. Bertones trockener Kommentar zur Presse lautet: “Der tote Nachtwächter war Vater von vier Kindern!” Kurz vorher saß der Ganove noch mit einem stark nach Akademie riechenden Frischling im Polizeiwagen und spottete: “Was verdienst du eigentlich, Kleiner?” Ein Job voller versteckter Gemeinheiten...

Jürgen Drews war nicht immer ein erfolgreicher Musiker. Dieser Film enthüllt endlich, aus was für miesen Verhältnissen sich der Mann hochgearbeitet hat: Bei einem Überfall auf einen Juwelier geht einiges daneben, ein Malermeister findet das Bett im Kornfeld. Sofort brennen die Reifen: Mit der süßen Laura Belli als Geisel macht die Flucht doppelt Spaß. Bestimmt würde es die Plattenverkäufe hemmen, wenn mehr Schlagerfans der Szene ansichtig würden, in der Jürgen die Kleine grün und blau prügelt!

Die Polizei bleibt natürlich nicht untätig und verhaftet alle jungen Männer mit langen Haaren. Als diese auf dem Revier Krach schlagen, gibt Bertone zum Entsetzen seiner Leute Befehl, die Hippies gehen zu lassen. Diese überlegen es sich allerdings anders, als sie die lynchwütige Menge sehen, die vor der Präfektur wartet, um jeden möglichen Verdächtigen in Stücke zu reißen. Im Kittchen ist ein Zimmer frei...

“Das System ist schlecht, nicht der Mensch.” Obwohl er dieser Maxime nicht ganz zustimmen mag, versieht Bertone seinen Dienst mit Andacht, aber stets innerhalb der Grenzen, die von der Demokratie gesteckt werden. Daß diese Grenzen häufig eher die Verbrecher zu begünstigen scheinen als die Gangster, weiß er selbst nur zu genau. Seine Freundin Sandra, eine linke Journalistin, hält ihn aber stets im politisch korrekten Rahmen.

An der Anwaltsfront gibt es auch Gute, Böse und Bielefelder: Corrado Gaipa ist der schleimige Gangsteranwalt, der für etwas Publicity selbst die Mörder seiner Omma freipauken würde; Mario Adorf der paragraphentreue Staatsanwalt, dem jedes Fehlverhalten der Uniformierten ein Dorn im Auge ist.
Schwierig wird der Fall, als sich für Bertone herauszumendeln beginnt, daß es eine Gruppe “falscher” Polizisten gibt, die im Stil der faschistischen Femegerichte Exekutionen an freigelassenen Übeltätern durchführt. Auch ein linker Gewerkschaftler wird mit abserviert. Eines der Opfer wird abgeladen unter einem Plakat, das fordert, Rom sauber zu halten. Die öffentliche Meinung schlägt Purzelbaum. Bertones undankbarer Job ist es nun, einerseits dem Treiben der Verbrecher ein Ende zu setzen, andererseits die geheime Organisation zu enttarnen, der auch einflußreiche Leute angehören. Bertone ist klar, daß hier politische Interessen eine Rolle spielen, die der Demokratie das Wasser abgraben und dem Volk Italiens einen zweiten Duce bescheren sollen...

Neben Enzo Castellaris LA POLIZIA INCRIMINA, LA LEGGE ASSOLVE (TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT) ist dieser Film die absolute Nummer Eins des Genres und gleichzeitig der artikulierteste Vertreter der Gattung, was die ihm unterliegenden sozialen Probleme angeht. Bei ihm sieht sich der Zuschauer zwar derselben kranken und verrotteten Gesellschaft gegenüber, in der Merli und Konsorten aufräumen; aber nicht Selbstjustiz ist das Mittel, mit dem die bestehenden Mißstände bekämpft werden können, sondern ungebrochener Glaube an die Demokratie. In dieser Hinsicht ist LA POLIZIA RINGRAZIA einer von vielleicht einer Handvoll Filmen, in der die Law-and-Order-Gesinnung des Schutzmannes letztlich einer kritischen Revision unterworfen wird.

Super in der Hauptrolle ist Enrico Maria Salerno, der vom Theater kommt und Ende der Fünfziger einige beachtliche Erfolge im Kino feierte, die ihn fast über Nacht zum Star in seinem Heimatlande machten. Neben diesem Film und LA POLIZIA STA A GUARDARE, der gleich besprochen wird, war er noch zu sehen in Romolo Guerrieris gutem LA POLIZIA E' AL SERVIZIO DEL CITTADINO? (DER LETZTE BEWEIS, 1973), der Gesellschaftsprobleme auf ähnlich zupackende Art angeht. Sein Inspektor ist ein rigoroser Vertreter des Gesetzes, der sich aber in einer ironischen Zwickmühle sieht, als er den (wunderbar ekligen) Drews aus den Klauen der schwarzen Sheriffs befreien muß. Ein Superfilm, den der sonst für seine Komödien bekannte Regisseur (Pseudonym Steno) mit viel Schmiß und großem Drama inszeniert. Gelegentlich wird der Film auch sehr hart, etwa in der Szene, in der Drews versucht, auf der Autobahn vor der Polente zu türmen und als letztes Mittel seine Geisel bei voller Fahrt vom Sozius wirft. Der Streifenwagen fährt nochmal satt über die Laura Belli, die hinterher gar nicht mehr so hübsch ist. Der erste Italo-Polizeifilm; einer der besten.

DIE GEISEL DER PAVIANE

Nach dem rasanten Erfolg von LA POLIZIA RINGRAZIA hielt Produzent Roberto Infascelli (Sohn des Veteranen Carlo Infascelli) es für angebracht, einen weiteren “Poliziesco” zu drehen, und zwar diesmal sogar als Regisseur: LA POLIZIA STA A GUARDARE (DER UNERBITTLICHE VOLLSTRECKER, 1974) hat einen ähnlich ironischen Titel wie sein Vorgänger und einen ähnlich genialen Enrico Maria Salerno in der Hauptrolle. Hier spielt Salerno den bärbeißigen Kommissar Cardone, der in die Provinz versetzt worden ist (schwer zu sagen, wohin genau; die vielen Wagen aus Mailand deuten aber auf Pavia), als sein Vorgänger (Lee J. Cobb) das Handtuch geworfen hat, enerviert von einer lasch gewordenen Exekutive.

Cardone ist ein No-Nonsense-Cop, wie er im Buche steht. Sein Eintreten für eine kompromißlose Verbrechensbekämpfung hinterläßt schon bald Spuren nicht nur bei den Verbrechern. Auch die Presse (und somit die Bevölkerung) ist beeindruckt von dem forschen Arbeitsstil des Kommissars, der bei einer gerade stattfindenden Entführungswelle hart an der Grenze der Legalität arbeitet (etwa den Eltern der Entführten zuwiderhandelnd), aber auch gute Resultate erzielt. Sein Gegner ist Staatsanwalt Jean Sorel, der in etwa dem Nero-Charakter aus Damianis CLAN entspricht und für eine “menschliche Polizei” eintritt.

Cardones Idee, daß es sich bei den Entführungen nicht nur um normale Verbrechen handelt, sondern um ein Politikum, wird von seinen Vorgesetzten beiseitegewischt. Als er einem reichen Entführungspapi gar androht, die Lösegeldübergabe zu sabotieren, droht Sorel mit einer Anklage. Cardone wandelt auf dünnem Eis, weiß aber, daß den Entführungen sonst nicht Einhalt zu gebieten ist.

Die Katastrophe passiert, als sein Sohn Massimo zu Besuch kommt: Natürlich wird auch er entführt. Von seinem Vater verlangt man “nur” ein Monatsgehalt, um ihn zur Preisgabe seiner kompromißlosen Methoden zu bewegen. Bei einem Telefonat mit Massimo gibt ihm dieser aber zu verstehen, daß er um keinen Preis nachgeben solle. Cardone geht aufs Ganze...

Auch dieser Film ist eine totale Blendgranate. Daß das Böse letztlich wieder von rechts kommt (es gilt, die leeren Kassen der faschistischen Partei zu füllen), ist wohl Infascelli zuzuschreiben, der hier viele Elemente aus dem Vorläufer aufwärmt, ohne allerdings den Eindruck eines Aufgusses zu erzeugen. Der Film ist sauspannend, beackert den interessanten Grundkonflikt (ohnmächtige Justiz/faschistische Selbstjustiz) mit großer Intensität und hat in Salerno wieder einen großen Hauptdarsteller. Die Szene, in der ihm sein Kollege ein Band vorspielt, auf dem ihm die Entführer klarmachen, daß sein Sohn gekidnappt worden ist, wird lang ausgespielt und ist vollkommen erschütternd: Salerno kann nur wie versteinert dasitzen und weiß, daß die Verbrecher ihn an seiner Achillesferse erwischt haben. Die Tatsache, daß er in der deutschen Videofassung (der Film lief bei uns nicht im Kino) die Synchronstimme von Homer Simpson hat, ist kurios, aber nicht abträglich. Wie auch bei RINGRAZIA stammt die Fotografie von Margheriti-Veteran Riccardo Pallottini und die Musik von Stelvio Cipriani. (Beim zweiten Film ist eine Single rausgekommen.)

Anzumerken ist noch, daß Roberto Infascelli 1977 bei einem Autounfall ums Leben kam. Ich bin mir sicher, daß das der Drews war, habe aber keine Beweise!

UNSERE GLÜCKLICHE WELT

Von Ex-Kameramann Massimo Dallamano stammen eine ganze Menge hübscher Filme. Einer seiner besten entstand 1974 und heißt LA POLIZIA CHIEDE AIUTO (DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER). Er faßt ein sogenanntes heißes Eisen an, nämlich das der Kinderprostitution.

Als ein junges Mädchen erhängt aufgefunden wird, kocht Kommissar Mario Adorf der Sud. Vittoria war erst 15 und stammte aus einer reichen Familie. Daß sie dort nicht besonders glücklich geworden war und in schlechte Gesellschaft gerasselt war, wurde zu ihrem Henkersstrick. Nicht Adorf aber wird der Fall zugeteilt, sondern seinem Freund und Kollegen Claudio Cassinelli. Jener bekommt Unterstützung durch die weibliche Staatsanwältin Giovanna Ralli, die sich mit besonderer Inbrunst in diesen Fall verbissen hat. Schon bald wird Cassinelli klar, daß hier junge Mädchen in zartestem Alter von gemeinen Verbrechern mit reichen Fettsäcken verkuppelt werden. Besonders unangenehm wird die Sache, als herauskommt, daß auch Adorfs Tochter sexuell mißbraucht worden ist. (Großartige Szene 1: Die Ralli kommt ins Büro, wo der wild weinende Adorf gerade ein Band mit der Stimme seiner Tochter gehört hat, die von einem Freier begrabbelt wird. Großartige Szene 2: Adorf holt seine Tochter ab, versucht seine Gefühle zu verbergen; aus dem Unschuldsgesicht der Tochter wird aber auf einmal ein schwer durchschaubares, gar nicht mehr kindliches Gesicht.)

Parallel zu den Untersuchungen treibt auch noch ein Killer sein Unwesen, und zwar tut er dies mit Motorradkluft, Helm und Fleischerbeil. Mehrere Leute, die mit dem Kinderring zu tun haben, finden auf äußerst drastische Weise den Tod. Auch die Ralli wird in einer besonders giallo-esken Szene in der Tiefgarage von dem Mörder angefallen, der stattdessen ihren Chauffeur erwischt. (Unerwarteter Gore-Effekt: Das Blut spritzt meterweit.) Die undankbare Aufgabe der Ralli und Cassinellis ist es nun, den Ring der Kinderschänder zu sprengen und gleichzeitig dem Killer ins Getreide zu fahren...

Der Film ist (trotz der miesen Pan/Scan-Fassung, die bei uns auf Video raus ist) ganz, ganz große Klasse. Schon als effektives Spannungskino läßt der Film keine Wünsche offen. Daß er aber auch das emotional stark belegte Motiv der Kindesmißhandlung in sensibler Weise darstellt, macht ihn obendrein zu gutem Schauspielerkino. Großartig die Szene, in der Ralli (abgewendet) und Cassinelli (der Kamera zugewandt) ein bis zwei Minuten die Bänder abhören, auf denen einige Dates der Mädchen festgehalten sind (ein alter Sack meint etwa zu seinem Opfer: “Jetzt treten wir ein in unsere glückliche Welt!”): Die Kamera bleibt wie festgefroren und zeigt nur die Reaktionen der beiden Schauspieler, die genug sind, um den Zuschauer zum Kochen zu bringen. Mit ähnlicher Ökonomie verfährt Dallamano auch sonst. Nur in den Actionszenen wird er etwas greller in den verwendeten Mitteln. Aber die meisten seiner Filme nach VENUS IM PELZ sind visuell eher unspektakulär, was ihre Effektivität aber nicht beschneidet. Die Schauspieler sind allesamt ein Schau. In einer kleinen Rolle (als tote Vittoria) sieht man Cheryl Lee (später Sherry) Buchanan, die in den späten Siebzigern in vielen Genrefilmen zu sehen war, u. a. ZOMBIES UNTER KANNIBALEN. Farley Granger (zweifacher Hitchcock-Hauptdarsteller) gibt einen guten Leichenvater ab. (Seinen italienischen Höhepunkt hatte er als dekadenter Prince Charming in Luchino Viscontis SENSO, wo er wirklich gut Stoff gab.)

Das gute Drehbuch liefert auch einen bizarren Moment, als die Frau eines Privatdetektivs, der im Zuge der Ermittlungen zerschnetzelt worden war, den Leichnam ihres Mannes identifiziert. Sie ist nicht gut auf ihn zu sprechen, hat er sie doch betrogen. Um sich an seinen Wunden zu weiden, verlangt sie, daß das Laken von seinem Leichnam gezogen werde. Die Verstümmelungen sind aber so grauenhaft, daß sie, ihren Haß vergessend, nur noch aufschreien kann. Momente von solcher Effektivität besitzt der Film zuhauf, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Die Musik von Cipriani ist eine seiner hübschesten und als Single rausgekommen. Auch das Hauptthema von LA POLIZIA STA A GUARDARE findet wieder Verwendung. Einer dieser Filme, wegen denen man Italo-Fan wird. Dallamano teilte zwei Jahre später das Schicksal von Infascelli und zerbarst unter den Reifen eines Autos. Mal lieber Straßenbahn gefahren. (Als geschmacksunsicher möchte ich es bewerten, daß Videofirma “Toppic” hinter dem Film einen Trailer für den Lolita-Kitscher LITTLE LIPS mit der 13-jährigen Katya Berger folgen ließ. Ein dreifach Hust für solcherlei bewiesenen Mangel an Feingefühl!)

SIEBEN STUNDEN BLUTIGER SCHWEISS

Michele Massimo Tarantini kennt man (wenn überhaupt) aufgrund seiner zahlreichen Sexkomödien, die er in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre für die “Dania”-Produktion der Martino-Brüder gedreht hat, häufig mit Edwige Fenech. Bei dieser Firma verbrachte er auch seine Lehrjahre und assistierte Sergio und anderen Hausregisseuren bei zahlreichen Filmen, bis er dann 1974 seinen ersten eigenen Film drehte: SETTE ORE DI VIOLENZA PER UNA SOLUZIONE IMPREVISTA (SIEBEN STUNDEN DER GEWALT) ist ein reichlich merkwürdiger Film, der von Drehbuchautor Sauro Scavolini (Bruder von NIGHTMARE-Zampano Romano) wohl als lakonischer Gangsterfilm im Stile des ebenfalls von ihm geskripteten CITTA' VIOLENTA (BRUTALE STADT) geplant worden war. Unter der etwas schwerfälligen Regie Tarantinis wird daraus ein sehr wechselwarmes Vergnügen: Einerseits verblüfft das Werk durch wirklich gute Einfälle, die den Film immerhin in die Nähe des angestrebten Zieles (Rekonstruktion eines 40er-Noir-Feelings) kommen lassen; andererseits sind die Zeitlupen, mit denen der Film durchsetzt ist, nicht wirklich auf Peckinpah-Niveau, sondern erheitern eher unfreiwillig.

George Hilton spielt den Ex-Killer Anderson, der gleich in Szene eins dabei zu beobachten ist, wie er sich mit japanischen Karate-Kämpfern balgt: Mocken in Zeitlupe, Urwaldgestöhn. Dann tritt der korrupte Anwalt Steffen Zacharias dazu und meint todernst: “Dein Fuß ist tödlich, Georgie!” Möglicherweise ist es nur die strunzschlechte Synchro, aber... Na ja, Hilton wird jedenfalls erpreßt, einen Mann umzulegen. Es gibt Komplikationen und jede Menge Tote. Alle Charaktere werden konsequent rabenschwarz gezeichnet. Selbst Bulle Giampiero Albertini ist ein abgefeimter Drecksack. Die mißlungenste Szene ist diejenige, in der Hilton seinen Auftrag erledigt und das Opfer in Superzeitlupe mindestens fünfmal zu sehen ist, wie es mit den Armen rudert und grimassiert. Das soll wohl dem Akt des Tötens etwas Mythisches aufpfropfen, aber es sieht eher so aus, als versinke der Unglückliche in einem Eimer Scheiße. Mehr Erfolg hat der Film mit seinem Ende, das recht düster und fies ist. Zwar geht auch der Oberfiesnik mit einer fehlgeleiteten Zeitlupe in die Jagdgründe ein, aber die Szene verbreitet fast japanische Atmosphäre, mit der gutgewählten, bizarren Musik des ehemaligen Morricone-Mitstreiters Alessandroni. Der Film spielt übrigens in Griechenland, was zur Folge hat, daß alle Charaktere Namen haben wie Popokakerlakis. Die griechische Tragödie verfehlt der Film etwas (“Nur ein Furz, gemessen an der Ewigkeit”, wie ein Charakter philosophisch bemerkt). Der Rest ist aber satter Italo-Kracher, mit teilweise recht herben Brutaleffekten. Den Platz des unglücklichen Paßfälschers, dem so eine Art Königswasser-Cocktail über die Flossen geschüttet wird, möchte wohl niemand einnehmen. Die meisten Federn läßt aber wie üblich das Bildformat, das hier mit kreuzelendem Vollbild prunkt. Ansonsten sorge ich mich um Hilton, der schon frischer aussah. Aber vielleicht liegt das an dem Schnäuzer und der skurrilen Fönfrisur?

Ohne wesentliche Schnäuzer kommt der waschechte Tarantini-Polizeifilm POLIZIOTTI VIOLENTI (1976) aus, der bei uns kurz als BLUTIGER SCHWEISS in den Lichtspielhäusern zu sehen war, dann auf Video als DIE RATTEN VON MILANO verwurstet wurde. Dies stimmt heiter, da andauernd Autokennzeichen gezeigt werden, die auch dem dümmsten Zuschauer klarmachen, daß der Film in Rom spielt! Leider gibt es keine Szene auf dem Petersplatz, das wäre dann noch hübscher.

In prominentes Licht gerückt wird gleich zu Anfang die behaarte Brust von Antonio Sabàto, der als Undercover-Cop Tosi geölte Waffenteile zusammenfügt. Sein Steckenpferd ist der Waffenhandel, und er ist einem ganz dicken Ding auf der Spur, das im Zusammenhang steht mit neu entwickelter militärischer Ballerwucht. Bei seinen Nachforschungen gerät er allerdings an den just nach Mailand/Rom versetzten Major Altieri. In dieser Rolle glänzt einmal mehr Henry Silva, der wie üblich seine Schlitze zu Augen ballt. Eine Rückblende enthüllt, daß seine “Beförderung” nach Rom in Wirklichkeit nur eine Methode ist, ihn daran zu hindern, innermilitärischen Schmuh aufzudecken.

So ganz nebenbei läuft Silva der hübschen Silvia Dionisio über den Weg, bei der er sich als romantischer Casanova verdingt. (“Ich hoffe, daß du mir niemals wehtun wirst”, flüstert Sille willenlos bereits beim ersten Treffen; so einfach sollte es immer sein.) Die beiden werden brutal zusammengeschweißt durch einen Versuch, Silvias Töchterlein zu entführen. Henry fackelt nicht lange, greift sich ein Taxi, nimmt die Verfolgung auf, rammt den Wagen wiederholt (den Tod des Kindes billigend in Kauf nehmend!), bis sich det janze Jesumse schließlich überschlägt und flackernd zu lodern beginnt. Natürlich überlebt das Balg. Henry wird dafür kurz darauf von Gangstern hübsch zusammengehauen.

Die Selbstjustiz hat es durchaus leicht in diesem Film. Zwar gibt es eine Szene, wo man sieht, wie alte Leute auf einem Dieb rumkloppen, den Henry an seinem schändlichen Tun gehindert hat (die Gesichter der vermutlich einst Mussolini-hörigen Greise lassen das Geschehen fast zu einer Meditation über Alterssexualität werden), aber man wird den Eindruck nicht los, daß hier gerechte Vergeltung geübt werde. Der arme Dieb hat jedoch noch einen Bombentag verglichen mit den anderen armen Schweinen, die Silva und Sabàto bei ihrem Tun über die Linse huschen. Wie meint Sabàto so hübsch, nachdem gerade ein spitzelnder Transvestit von Gangstern gekillt worden ist (Genick von Wagenfenster gebrochen): “Man will nur ordentliche Zustände haben, und schon wird was von Polizeistaat gefaselt...” Hui-Buh!

Der deutsche Titel DIE RATTEN VON MILANO könnte sich übrigens auch auf Silva und Sabàto beziehen, denn ihre Beliebigkeit im Umgang mit Fremdeigentum (andauernd werden Autos und Krafträder konfisziert) würde jede Stadt zum Zittern bringen! Als nicht hasenreiner Senator (im Original: Anwalt) ist noch Ettore Manni zu sehen, der in den 50ern und 60ern nicht nur ein enorm erfolgreicher Leinwandheld war, sondern auch ein sehr gutaussehender Mann. Als der eine Umstand schwand, war es mit dem anderen auch bald vorbei. Kurz, nachdem ihm Fellini in LA CITTA' DELLE DONNE eine gute Rolle angeboten hatte, starb er unter mysteriösen Umständen beim Reinigen einer Waffe. Sollten die Gerüchte stimmen, die mir zu Ohren gekommen sind, war die Angelegenheit aber noch viel extremer und echt tragisch. Na ja, man sehe sich Filme wie DIE LEGIONEN DER CLEOPATRA an, da erstrahlt Manni in altem Glanze.

Daß auch bei POLIZIOTTI VIOLENTI Scavolini mitverantwortlich zeichnet für das Drehbuch, kommt mir spanisch, da er eigentlich mehr dem linken Lager zustrebt. Na, links ist dieser Film nur da, wo rechts schon braunes Moos an den Wänden wächst. Hierzu sei bemerkt, daß im “Spiegel” kürzlich ein Interview mit Frankreichs Trend-Politiker Le Pen zu lesen war, wo er einen Festakt als Beleg für seine Ausländerfreundlichkeit herbeizitierte: “Wir hatten einen Pygmäen auf der Ehrentribüne!” Niedlich. Ko-Autor von POLIZIOTTI war Franco Ferrini, der später einige Argento-Filme geskriptet hat, z. B. PHENOMENA und OPERA.

Hingewiesen sei da noch auf den späteren Tarantini NAPOLI SI RIBELLA (deutsch: A MAN CALLED MAGNUM, 1977) mit Luc Merenda, der zwar auch recht stimmungsvoll unterhält, aber in Gestalt des Komikers Enzo Cannavale schon die Einkehr des Humors in die rüde Welt des “poliziesco” andeutet. Den Soundtrack zu letzterem Film gibt es auf Vinyl. Tarantini ist seit Beginn der 80er in Südamerika verschwunden, wo er von Zeit zu Zeit Filme dreht, z. B. den megasleazigen Frauengefängnisfilm AUSGESTOSSEN, in dem auch für Henry Silva ein Platz an der Sonne gewesen wäre...

BRUTALSKY + HUTCH

Als Schauspieler spricht für Ray Lovelock ein ungewöhnlich gutes Aussehen, das er in bester Michael-York-Manier auch in die 90er hinübergerettet hat. Die Tochter von Aldo Lado war auf jeden Fall fruchtig am Abschwärmen ob des blonden Buben Engelsgesicht. Die diversen Ausflüge ins Schlagersängermetier neigten aber doch dazu, diesen Kredit zu verspielen; man soll sein Schlachtenglück nicht überreizen.

Seine diesbezüglichen Aktivitäten für UOMINI SI NASCE, POLIZIOTTI SI MUORE (EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN, 1975) haben sogar ihren Weg auf schuldiges Vinyl gefunden. Die Klampfe in der Hand, wandert der Mann durchs ganze Land. Dem ersten Teil des deutschen Kinotitels werden Ray und Partner Marc Porel vollauf gerecht: Eine noch abgefeimtere und hundsgemeinere Teambedrohung für die römische Gangsterwelt läßt sich auch mit einer besonders niederträchtigen Phantasie nicht erdenken. Was die “heißen Öfen” angeht, so schwelgt hier des Titelschmiedes Kreativität im Überfluß, denn Ray und Marc polieren die Sättel von Motorrädern. Von Öfen ist weit und breit nichts zu sehen.

Als Spitzenleute einer nicht unumstrittenen Sonderabteilung der romanesischen Polizei donnern sie auch gleich mörderisch los, als zwei selbstmörderisch veranlagte Motorprolls eine Handtasche klauen. Die Reise geht quer durch die ewige Stadt. Notfalls fährt man über geparkte Autos schon mal drüber. Auch einen Blindenhund ohne Vollkasko erwischt es tödlich im Verkehr. Die beiden kleinen Ganoven überleben das Spiel nicht. Kommentar der Gesetzeshüter: “Lenker im Bauch is' nich' gut!”

Unter diesen Umständen verwundert es nicht, daß das extravagante Betragen nicht auf Gegenliebe beim Vorgesetzten Adolfo Celi stößt. Auch das organisierte Brechen weiß der geradlinigen Polizeiarbeit nichts abzugewinnen, und meuchelt erst einmal den gemeinsamen Freund Marino Masé. Ray und Marc revanchieren sich, indem sie bei einem Spielclub des bösen Pasquini harsch zur Sache gehen: Türsteher werden vermöbelt, teure Autos angezündet. (Auch hier stellt sich wieder die Frage, ob auch stehende Wagen explodieren können. Weiß das jemand?)

Als nächstes setzt es eine ausgesprochen hektische Geiselnahme, bei der Ex-Pasolinianer Franco Citti den Bembel kreiseln läßt. Hierbei bedient er sich der womöglich lautesten Geisel aller Zeiten, aber es hilft alles nichts.

Ein Spitzel steckt der Polente, daß ein Überfall stattfinden soll. Ray und Marc vereiteln ihn, indem sie die unbewaffneten Gangster bereits im Vorfeld kaltblütig erschießen. (Ich sauge mir das nicht aus den Fingern!) Auch Pasquinis nymphomaner Schwester wird ein Besuch abgestattet. (Hier netter diffamierender Gastauftritt von Komödienstar Alvaro Vitali als schwuler Hausmeister mit Wichsvorlage.) Marc wird sofort zudringlich, aber der geilen Gretel gefällt solch harsches Tun ganz vorzüglich. Auch Ray darf mal ran.
Pasquini bleibt derweil nicht untätig und läßt Spitzel Bruno Corazzari ein Auge rausdrücken. (An dieser drastischen Stelle, wie auch an anderen, glänzt die deutsche Fassung durch Dezenz.) Da Bruno aber auch noch an der Nadel hängt, gelingt es den beiden Tretern von Recht und Ordnung, den Junkie zum Stellen einer Falle zu überreden...

Ruggero Deodato hat mit diesem Film den vermutlich asozialsten Polizeifilm aller Zeiten gedreht. Was die Bullen hier anstellen - vorsätzlicher Mord und Vergewaltigung sind da noch eher die “weiche Methode” -, ist dermaßen “over-the-top”, daß der Eindruck entsteht, die Drehbuchautoren (darunter der brillante Fernando di Leo) hätten hier etwas mit dem klassischen Polizistentypus herumkaspern wollen. Ernst nehmen darf man den Film wirklich nicht, sonst platzt der nicht vorhandene Hutkragen. Das wie üblich hervorragende Handwerk von Signore Deodato katapultiert den Reißer aber in die obere Spannungskategorie. Sehr viel unterhaltsamer werden sie nicht gemacht. Natürlich sind Szenen wie die, in der Ray und Marc zwei Ganoven verhören, indem sie sie mit Handschellen an die Decke fesseln und hübsch foltern, kaum der Stoff, aus dem das ostdeutsche Sandmännchen gemacht war. Aber jo mei, wo gehobelt wird, da rieselt eben die Knusperkante. Und die Songs von Raymond sind wirklich entschieden garstiger.

Erwähnt sei noch, daß Deodatos Ex-Frau Silvia Dionisio eine Partnerin des gemischten Doppels spielt. Auch Ruggerino selber latscht kurz durchs Bild, am Anfang, als er aus einer Wechselstube kommt. Und das Gesicht, das sich in einer Straßenbahn spiegelt, ist er, glaube ich, auch. Marc Porel sieht im übrigen absolut hundsgemein aus und hat den ganzen Film über die Nadel in der Vene, da gehe ich jede Wette ein. Ein fröhlich-flockiger Freizeitspaß für mosernde Misanthropen. Und laßt Euch von Ray nichts vorsingen, die Trompeten von Jericho sind dagegen säuselndes Herbstlaub.

FALSCHE MAKKARONIS

Auch ein Lenzi muß rein in den Artikel, das gehört sich so! IL TRUCIDO E LO SBIRRO (DAS SCHLITZOHR UND DER BULLE, 1975) ist die vermutliche Geburtsstunde des milianesken “Monnezza”-Charakters, dessen Eigenheiten später auch in den Inspektor Nico Giraldi einflossen. Tomas Milian, der die Texte für diesen Charakter teilweise selber schrieb oder improvisierte, gab den trickreichen Gelegenheitsgauner noch in dem Lenzi-Hauer LA BANDA DEL GOBBO (DIE KRÖTE), wo er noch von seinem buckligen Zwillingsbruder “Il Gobbo” ergänzt wird, der auch in Lenzis ROMA A MANO ARMATA (DIE VIPER) nicht nur Maurizio Merli das Leben schwer macht.

Der Film beginnt mit einer geballten Enttäuschung: Auszüge aus einem Italo-Western, den ich nicht identifizieren kann. Solcherlei Kunstprodukt wird nämlich im berühmten Gefängnis Regina Coeli vorgeführt, wo Monnezza einsitzt. Nicht sehr lange, allerdings, denn Kommissar Sarti (gespielt vom stets verläßlichen Claudio Cassinelli) ermöglicht ihm die Flucht. Sarti hat nämlich die undankbare Aufgabe, ein kleines nierenkrankes Mädchen zu finden, das vom bösen Schurken Brescianelli gekascht worden ist. Wenn das lieb Mägdelein nicht äußerst bald zum Arzt kommt, hilft da kein Nephrologe mehr...

Monnezza, der im Grunde kein schlechter Kerl ist, willigt ein. Gemeinsam läßt man drei schwere Jungs (darunter Western-Toughie Robert Hundar alias Claudio Undari) bei einem Zugüberfall auflaufen und lastet das Mißlingen Brescianelli an. Die Toughies qualmen vor Rachedurst und sind nur zu gerne dabei behilflich, Brescianelli ans Leder zu gehen. Dabei muß Sarti allerdings alle Kunstgriffe anwenden, damit keine Unschuldigen (na ja, sagen wir mal: möglichst wenige!) vor die Räder geraten. Brescianelli hat sich übrigens einer Gesichtsoperation unterzogen und sieht jetzt aus wie Henry Silva - genau das Gesicht, das man braucht, um nicht aufzufallen!

Man mag argwöhnen, daß es sich hier nicht um den besten der acht Polizeifilme Lenzis handelt, aber es war eben auch der, den ich am längsten nicht mehr gesehen hatte, und Wiedersehen macht halt immer noch Freude! An Krachern spart auch IL TRUCIDO ganz und gar nicht. Schon die Besetzung ist Gold wert: Bei den Nachforschungen stößt Cassinelli u. a. auf Giovanni Cianfriglia als sleazigem Rausschmeißer; Tom Felleghi als Juwelier; Tano Cimarosa als Hehler namens “Cravatta”; Luciano Rossi als Dealer mit Goldketten und den fettigsten Haaren der Welt; Arturo Dominici (einst vermeintlicher “Dracula” in Bavas LA MASCHERA DEL DEMONIO, später italienische Stimme von “Derrick”!) als bürokratischer D. A.; Umberto Raho als halbseidener Anwalt; und schließlich noch Ernesto Colli (bekommt in SETTE ORE DIO VIOLENZA Zaubertinte über die Flossen gegossen) als armes Schwein, das Monnezzas Bruder an Silva verraten will, wofür Milian ihn erst zum “Russisch-Roulette”-Trinken mit ungelöschtem Kalk nötigt, dann abknallt. Ja, hier ist der “poliziesco”-Club, die ganze Familie ist anwesend!

Das Versteck der kleinen Camilla befindet sich übrigens in einer alten Ziegelei, die in etwa jedem zweiten Polizeifilm irgendwo auftaucht (etwa LA POLIZIA RINGRAZIA). Die Synchro klotzt erneut gut ran und versieht Milian mit der Stimme von Eddie Murphy (Randolf Kronberg) und Cassinelli mit der von Al Bundy! Milians Figur handelt beizeiten schon ziemlich asozial, wird aber durch entsprechende Äußerungen als intimer Kenner der sozialen Verhältnisse Italiens ausgewiesen. (“Italien ist ein Land, wo derjenige, der arbeitet, nichts zu beißen hat...”) Auch sehr nett der Verbrecher, der eine schwangere Geisel bedroht: “Stell' dir vor, ich schieße - dann erledige ich zwei mit einer Ladung!” Sick, sick... Ein Ganove meint dann auch süffisant: “Irgendwie komme ich mir schon gemein vor...” Klassisch die Äußerung von Brescianellis Freundin Nicoletta Macchiavelli, als sie Silva das erste Mal mit der neuen Visage sieht: “Mir warst du mit der alten lieber!”

Hingewiesen sei auch noch auf LA BANDA DEL TRUCIDO (1977) von Stelvio Massi, in dem die “Monnezza”-Figur in einem humoristischer geprägten Umfeld präsentiert wird. Der deutsche Titel (DIE GANGSTER-AKADEMIE) ist allerdings total irreführend. Stattdessen handelt es sich um einen von Massis besten Polizeifilmen überhaupt, mit viel gut gefilmter Action, einem knalligen Luc Merenda als Cassinelli-Ersatz und einer Super-Besetzung. Hier arbeitet Monnezza in einem Spaghetti-Restaurant, hat eine fette Frau geheiratet und vermittelt kleinen Gaunern Geschäfte. Einer gerät dabei in einen Morast, aus dem er nur als Holzbrikett wieder herauskommt. Monnezza will Rache, und Merenda hilft ihm dabei. Viel Spaß im Handgepäck.

Massi drehte mit Merli übrigens auch noch den etwas mehr als akzeptablen Krimi UN POLIZIOTTO SCOMODO, in dem der Mann wegen seiner launigen Art an die Küste versetzt wird, wo er aber seinem Intimfeind über den Weg läuft. Die Firma “Greenwood” schenkte uns diesen Film, versehen mit dem Titel CONVOY BUSTERS. Hm. Hm. Also, ein Lastwagen kommt am Ende mal kurz vor, aber muß man ihn gleich im Titel verewigen? Das ist ungefähr so, als würde man DAWN OF THE DEAD, weil David Emge im Schacht der Arm weggebürstet wird, FAHRSTUHL DES GRAUENS nennen... Nicht zwingend. Der Film offeriert aber nette Schurkenrollen für Massimo Serato und Mimmo Palmara, zwei alte Bekannte aus den Tagen des plüschigen Kostümfilms, sowie ein spannendes Finale mit einer Geiselnahme im Schulgebäude.

Ebenfalls lastwagenfrei, allerdings auch skorpionfrei, ist DECKNAME SKORPION, in dem Luc Merenda sich mit diversen übelgelaunten Anatoliern herumprügeln muß. Guido Zurli drehte diesen Film (O-Titel: BERSAGLIO ALTEZZA UOMO) auf einer seiner Türkeireisen und hat damit eine perfekte Begleitkatastrophe für FIGHTING KILLER abgeliefert. Meine Notizen sind weg, genau wie die Computerdaten... Was ist der Mensch als Staub im Wind der Zeiten?

BAZILLEN IM BART

Der Trend zur Einbeziehung komischer Elemente hatte sich 1976 schon so durchgesetzt, daß man die erste richtige Parodie auf den Markt bringen konnte. Erdacht vom Autorengespann Mario Amendola und Bruno Corbucci, hob SQUADRA ANTISCIPPO den schmuddeligen Proll-Cop Nico Giraldi aus der Taufe, der (dargestellt von Tomas Milian) so erfolgreich war, daß er bis zum heutigen Tage in ungefähr 15 ähnlich gelagerten Filmen zu sehen gewesen ist. Was die deutschen Fassungen dieser Filme angeht, so wurde die schon vorhandene Schnodder-Komik noch stark vergröbert, was u. a. dadurch dokumentiert wird, daß Giraldi in späteren Filmen “Tony Maroni” genannt wurde. Mit der Terence-Hill-Stimme versehen (Thomas Danneberg, der in Margheritis KOMMANDO LEOPARD von jemand anders gesprochen wird, da er selbst Lewis Collins übernimmt!), hatte die Gestalt hierzulande einen gewissen Erfolg. Als Folgeprodukt der harten Polizeifilme von einst hat sie aber wohl niemand begriffen.

Bei diesem ersten Film (deutscher Titel: DIE BULLEN AUF DEN FEUERSTÜHLEN/ DIE STRICKMÜTZE) ist der Aspekt der Gewalttätigkeit durchaus noch vorhanden. So gibt es verschiedene knallderbe Prügeleien, etwa die, in der einem armen Kerl eine Billiardkugel in den Mund gestopft wird, und dann feste druff... Nein, die Welt, in der auch dieser Film spielt, ist grundsätzlich sehr unerfreulich. Kommissar Giraldi ist im übrigen spezialisiert auf Trickdiebe, deren Tricks auch ausgiebig vorgeführt werden. Einem Trio gelingt dabei ein unerhoffter Coup: Sie klauen einen Koffer mit fünf Millionen Dollar drin. Daß sie den Koffer ausgerechnet Jack Palance klauen, ist freilich äußerst ungeschickt. Menschen sterben auf unschöne Weise. Einziger Überlebender ist der “Baron”, der sich jetzt der Hilfe des Erzfeindes Giraldi versichern muß, um nicht total unter die Räder zu kommen.

Natürlich handelt es sich auch bei diesem Erstling um eine Komödie, auch wenn die Synchro nicht ganz so aufdringlich geraten ist. Milian (vormals abonniert auf durchaus anspruchsvolle Rollen; er begann seinen Job bei Leuten wie Bolognini oder Lattuada) wirbelt die Leute quer durch die Gegend. Es kommt seinem kubanischen Temperament durchaus entgegen, solche Straßenfeger-Rollen zu spielen, und es ist, finde ich, auch sehr sympathisch, daß er sich in die Regionen des Spaß-Kinos begeben hat und dort sein Alles gab. Giraldi konferiert natürlich deutlich wie dem “Monezza”-Charakter, den Milian in den Lenzi-Polizeifilmen gegeben hatte. Nico ist ein Prolet, wie er im Buche steht: ständig rülpsend, stinkend, sich am Sack kratzend. In der Tasche hat er eine kleine Ratte namens “Heroinchen”. Seine Freundin (in diesem Film; sie wechseln ständig) arbeitet in einem Verlagshaus, das z. B. Thomas Mann verlegt (Nico: “Ich lese Micky Maus, wenn ich Zeit habe...”) Er behält selbst im Bett die Socken an, wie so viele von uns. Die Strickmütze ist aber ziemlich extrem. Außerdem flezt er sich wirklich überall hin und hat die Bude vollgehängt mit SERPICO-Plakaten. Untermalt von der folkloristisch beeinflußten Rockmusik der de-Angelis-Brüder donnert er sich quer durch Rom, und am Schluß - nachdem er Palance mit Schmackes in die Eier getreten hat - muß er sich sogar der professionellen Dienste eines Diebes versichern, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Diebe haben halt in Rom einen besonderen Status. Das sieht man in unserem Heimatland etwas enger. Jo mei. Wenn man also Komödien prinzipiell haßt, aber Polizeifilme mag, sollte man es zuerst mit diesem Giraldi probieren, denn er ist das geradlinigste Beispiel seiner Art.

Palance, der zu dieser Zeit in einigen Italo-Filmen mitmischte (z. B. di Leos I PADRONI DELLA CITTA/ ZWEI SUPERTYPEN RÄUMEN AUF), ist auch zu sehen in Alfonso Brescias Bullendrama SANGUE DI SBIRRO (BLUT EINES BULLEN, 1976), in dem Jurastudent George Eastman nach New York zurückkehrt, da sein Polizisten-Daddy umgelegt worden ist. Man vermutet allgemein, daß Daddy in schmutzige Deals mit der Unterwelt verstrickt war, aber George will das nicht so recht glauben. Eastman (dessen Charakter von den anderen immer “Knell”, die Totenglocke, genannt wird) ist wie üblich vier Meter groß und schaut manchmal so grimmig drein, daß man ihn fast für den “Man Eater” halten könnte. (Die Ägäischen Inseln sind bei ihm nie weit weg.) Er hat hier die hübsche Angewohnheit, Streichhölzer durch die Gegend zu schnipsen, was ihm hier und da ganz hilfreich ist. Jack Palance spielt einen mit ihm befreundeten Ganoven namens Duke, in dessen Schlaghosen ganz New York verschwindet. Er grinst sich buchstäblich durch den ganzen Film; jedes Lächeln wird bei diesem Mann zum “Killer Smile”.

Hätte der Film einen besseren Regisseur als Brescia gehabt (der sehr viele Filme gemacht hat, nur relativ wenige davon gut), wäre es im Bereich des Möglichen gewesen, daß der Film seine Story vom Vater/Sohn-Konflikt und dem Aufräumen mit der Vergangenheit besser über die Runden gebracht hätte. Da Brescia und Ko-Autor Aldo Crudo aber kurz vor ihrer Rip-Off-Odyssee von fünf SF-Filmen standen, die alle STAR WARS abklatschen wollten, ist hier schon ziemlich Sabbat. Besonders schlecht ist die Ausleuchtung, die bei vielen Innenaufnahmen den Eindruck erweckt, als handele es sich bei den Akteuren um wächserne Leichname in der Pathologie. Gerade bei Palances nicht eben alltäglichen Zügen wirkt dies nicht vorteilhaft. Eastman soll jetzt angeblich in den Staaten leben und dort ein kleines Restaurant haben. Sein Ko-Star Jenny Tamburi hat eine Nacktszene und ist mittlerweile eine angesagte Künstleragentin in Rom. (Eine süße noch dazu; ich habe sie neulich getroffen.) Ansonsten ist es natürlich so, daß sich bedingslose Italo-Fans auch diesen Film nicht entgehen lassen werden, bei all den netten Namen. Aber er gehört wirklich nicht zur ersten Garde.

STRAFEN MUSS SEIN

Einer dieser Filme, an denen man vorübergeht, als würde ein Fluch auf ihnen lasten, ist STADT IN PANIK. Stets abgeschreckt von der siechen Visage James Masons auf dem Cover, hielt ich den Film für eine minder interessante Ami-Gülle und somit für uninteressant. Als ich schließlich herausfand, daß es sich um einen Maurizio-Merli-Polizeifilm handelte, bedeutete das fast meinen sofortigen Tod. PAURA IN CITTA` ist der Originaltitel, 1977 das Entstehungsjahr.

Eine Gruppe von zwölf Knackis hält es in der Herrenduschanstalt nicht mehr aus und sucht das Weite. Hierbei bedient man sich eines Kastenwagens, auf dem um Spenden für Waisenkinder geworben wird, doch das nur nebenbei. Vermutlich handelt es sich um die Waisen, die während des folgenden Szenenkomplexes produziert werden, denn die Gauner sind ausgesprochen nachtragend und halten sich schadlos an den Personen, die gegen sie ausgesagt haben: Massacre Time. Selbst der Polizeipräsident schaut sich ob eines solchen Großabräumens schon mal um: James Mason macht den Eindruck, als habe er kurz vor Drehbeginn einen guten Witz gehört, an den er sich während seiner Szenen fortwährend erinnern muß! Nein, der große Mime hat den Film nicht sehr ernstgenommen. Möglicherweise war er auch schon etwas abwesend - als er sich zu Anfang ein Glas “Pejo” einschüttet, gießt er fast am Glas vorbei!

Dies ist der Film der kleinen Details! In dieser Anfangsszene begegnet uns auch Franco Fantasia (als Gefängnisdirex), und zwar ohne den eckigen Bart, den er normalerweise aufzuweisen hat. Sehr gegen den Willen Masons fordert alle Welt die Hinzuziehung eines Spezialbeamten: Mario Mori ist sein Name, und er muß wohl weitläufig mit dem berühmten “eisernen Präfekten” gleichen Namens verwandt sein. Mason fällt jedenfalls fast vom Stuhl, als das erste Mal sein Name genannt wird; zu verwoben ist er doch mit Undisziplin und Zeitungstrabbel.

Tja, und kaum sieht man Mori, schon wird alles sonnenklar - das ist der Maurizio! Und er braucht nur Sekunden, um richtig in Gang zu kommen: Eine Bank wird überfallen (mehrere Tote), Maurizio schnappt sich ein zufällig herumstehendes Motorrad und ab geht die lustige Jagd quer durch ein zu Recht zitterndes Rom. Als er die Bösewichter schließlich auf einem Schrottplatz stellt, schlägt er sie nicht nur zusammen - seine Kollegen müssen ihn regelrecht von den armen Gangstern trennen, so tanzt er auf ihnen herum! Der Mann steht unter Hochdruck, da explodiert die Spraydose...

Um seine Effizienz zu vervollkommnen, ruft er sich zwei Spießgesellen aus dem Zivilleben herbei: Fausto Tozzi, der ins Archiv versetzt worden ist und lustlos beim Bleistiftanspitzen gefilmt wird (der Job, den er sich immer gewünscht hat, jede Wette!); und ein Dave Starsky sehr ähnlich sehender Landarzt, der einem Patienten die Spritze in den Arsch donnert, diese dort stecken läßt, erst mal eine Runde telefoniert und dann einfach abhaut!

Zusammen machen die schrecklichen Drei klar Schiff mit dem Verbrechertum. Bei einem Banküberfall mit Geiselnahme etwa versieht Maurizio seinen Job mit großer Widmung: Obwohl die Waffe des letzten lebenden Gangsters klemmt, durchsiebt ihn der Gesetzeshüter mit Blei. (Diese Geschichte spielt sich übrigens in einer alten Ziegelei ab, die zu den bevorzugten Schauplätzen der Filmgattung gehört - in jedem zweiten Film taucht sie auf.) Die dies bezeugende Geisel ist übrigens ein alter Priester, der schon in der Bank für Vergnügen gesorgt hat, als er sich einfach aus der Menge der regungslos am Boden Liegenden erhebt (ohne Grund) und durch die Gegend latscht. Natürlich kriegt er sofort die Fresse dick und wird die Lieblingsgeisel der Gangster. Eben dieser Priester würgt dann Maurizio eine Dienstbeschwerde rein, weil der Polizist den waffenlosen Gangster einfach umgelegt hat. (Was für ein Zimperlieschen!)

Aber das war noch gar nicht alles: Bei einem Attentat auf dem Friedhof schießt Maurizio einen Gangster, der vor ihm türmen will, kurzerhand in die Rübe. Auch dies kein astreiner Fall präziser Polizeiarbeit. Mason ist aber von den Resultaten Moris hinlänglich überzeugt, um ihm den schäumenden Staatsanwalt (Franco Ressel) vom Hals zu halten...

Dat is' ein Film! Zehn Punkte, von hier nach Palermo... Natürlich ist EISKALTE TYPEN in punkto politische Unkorrektheit nicht zu übertreffen, aber PAURA ist wirklich ganz dicht hinter ihm. Mann, ist das Ding heftig! Silvia Dionisio spielt auch hier wieder mit, wird aber nicht verprügelt, sondern stellt Maurizios Fahrkarte in die Normalität dar. Liebe heilt jede Wunde, das weiß man nicht erst seit LOVE BOAT. Super ist eine Szene, in der sie mit Maurizio eine Busfahrt unternimmt, und zwar im offiziellen “Fernet-Branca”-Werbebus. Es dauert eine Haltestelle, und schon füllt sich der Bus mit brutalen Seemännern, die einen armen bebrillten Trottel böse schikanieren (“Das darf nicht wahr sein: Meine einzige Brille! Was mache ich denn jetzt?”), bis der gute Moritz dazwischen tritt. Und dann fliegen die Fetzen, der Bus bricht fast auseinander. Kleines Leckerle am Rande: Der Kassierer ruft den Rausgeflogenen hinterher: “Ihr verdammten Untermenschen!” Uiuiui, hier spricht das sogenannte gesunde Volksempfinden. Mori macht auch schnell, daß er wegkommt.

Überhaupt Fernet: Besonderes Augenmerk bitte auf eine Szene, in der Mori einen Kollegen anruft: Die Zelle, aus der er dies macht, ist mit Fernet-Aufklebern zugepflastert; der Kollege hat ein Namensschild auf dem Tisch mit einem Fernet-Logo; der Aktenschrank, aus dem der Kollege sich bedient, hat über sich ein riesiges Fernet-Werbeposter; und wenige Sekunden später kommt eine Frau in die Bar: “Einen Fernet-Branca, bitte!” Noch nie sowas gesehen, unglaublich.

Auch unbedingt anbetungswürdig ist die philosophische Hausmeisterin, die von Merli und Tozzi verhört wird: “Die Welt ist grausam. Sie frißt die Seelen der guten Menschen...” Das gilt bestimmt auch für ihren Kaffee, denn die Kanne sieht aus, als habe sie sie auf der letzten Tombola in Bautzen mitgehen heißen. Als sie dann von einer “guten Fee” schwafelt, die die Dionisio aus ihrem Nuttendasein erlöst hat, meint Tozzi nur trocken: “Jaja, wie das halt so geht...” Tozzi ist übrigens geil schnoddrig und geht den ganzen Film über an seinen Job heran mit demselben Elan, mit dem er am Anfang Bleistifte gespitzt hat. In den Szenen mit Mason und Ressel kann man sich darüber streiten, wer von beiden schwuler aussieht.

Mason hat übrigens zur gleichen Zeit noch in einem anderen Rosati-Film mitgespielt: LA POLIZIA INTERVIENE: ORDINE DI UCCIDERE (DIE LINKE HAND DES GESETZES), in dem Leonard Mann (bürgerlich: Leonardo Manzella) mit ähnlicher Bedenkenlosigkeit die Straßen aufrollt. Tozzi und Starsky sind auch wieder mit dabei. Da Mann ebenfalls den Mori-Charakter spielt, vermute ich, daß dieser Film der Vorläufer von PAURA ist. Fast alle Rosati-Filme sind übrigens ausgesprochen gut gemacht und kurzweilig. Seinen letzten drehte er unter dem hübschen Pseudonym “Aaron Leviathan”. Der heißt bei uns MORD IN PERFEKTION und hat eine tolle Besetzung.

Ja, Merli ist der Mann ohne Gnade, der geht durch alle Wände. PAURA IN CITTA` - harte, sleazige Unterhaltung von hohen Gnaden. Der beste Fernet-Werbefilm, den ich jemals gesehen habe. Toll!

DIE 120 TAGE VON PALERMO

Abschließend möchte ich noch von einem Film berichten, der eigentlich eher Mafia-Terrain begeht, aber aus Zeitgründen seinen Einsatz im letzten Artikel versäumte. CENTO GIORNI A PALERMO (DIE 100 TAGE VON PALERMO, 1984) behandelt den Kampf des authentischen Generals Carlo dalla Chiesa gegen die Mafia. Dieses militärische Schlachtroß, das vormals bereits mit den “Roten Brigaden” aufgeräumt hatte, wurde nämlich im Jahre 1982 nach Palermo versetzt, um dort als Polizeipräfekt den hoffnungslos scheinenden Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu koordinieren.

Der stark vom Dokumentarfilm (der Heimat seines Regisseurs Giuseppe Ferrara) beatmete Film beginnt mit einer brutalen Montage mehrerer Attentate auf Mafiagegner; stets am hellichten Tag und auf offener Straße. Diese Erschießungen werden fast beiläufig vorgeführt. Sie gehören zur Realität der sizilianischen Hauptstadt. Auch der gegen die “Unfähigkeit der Regierung” und die daraus resultierende “Einschüchterung des Volkes” wetternde Kommunistenführer gerät unter den Hammer der Cosa Nostra.

Der neue Präfekt ist sich klar, daß er gegen die Meinung anarbeiten muß, sein Job wäre ein Repräsentationsposten. Schon auf der Fahrt vom Flughafen macht er deutlich, daß er nicht gedenkt, sich einschüchtern zu lassen: Er benutzt das Taxi. Unter seiner Aegis wird die Maschinerie des Gesetzes gereinigt und straff organisiert: Mit einem ausgewählten Stab von Mitarbeitern rollt er dubiose Devisengeschäfte auf. Sein ehemaliger Adjutant, Capitano Fontana, geht ihm dabei zur Hand. (Dieser bemerkt, daß Bienen drei Dinge produzierten: Wachs, Honig und Scheiße. Sie seien mit letzterem konfrontiert.)

Dalla Chiesa begibt sich ans Zentrum, an die Öffentlichkeit: Bei Studenten betont er, man müsse die Schädlinge “von Verbündeten isolieren”; bei Bauarbeitern predigt er gegen Fatalismus und Resignation. Sein Name wird schon bald im Bewußtsein des Volkes zu einem Hoffnungsträger, einem Synonym für Veränderung.

Aber der General muß mitansehen, wie bürokratische Dummheit und der Einfluß von unsichtbaren Drahtziehern seine Arbeit hemmen. Die Kluft zwischen den blutigen Straßenverbrechen und den sauberen Geschäftsleuten zu überbrücken, stellt sich als eine fast unlösbare Aufgabe dar. Folgerichtig endet der Film mit seiner Ermordung.

Ferrara ist ein sehr kontroverser Regisseur, in seinem Heimatland wie anderswo. Gleichzeitig genießt er aber ein hohes Ansehen. Ursprünglich vom Dokumentarfilm kommend (er drehte schier unzählige Filme, meist zu politischen oder drogenbezogenen Themen), waren auch seine Spielfilme stets mit dem Stempel des Authentischen versehen. In seinem späteren Film IL CASO MORO, in dem er auf extrem spannende Weise die Entführung und Hinrichtung des Christdemokraten Moro durch die “Roten Brigaden” schildert (auch in CENTO GIORNI ist ein Mord, der sich deutlich auf Moro bezieht), beherrscht er die Verknüpfung von Fakten und Melodram auf absolut perfekte Weise: Der Zuschauer wird in das verwirrende Geflecht hineingezogen, bekommt die paranoid stimmende Komplexität der vielen verschiedenen Interessen an Leib und Seele zu spüren. Es ist recht stressig, einen Ferrara-Film zu sehen, denn die Faktenwut, mit der er seinem Publikum die Ereignisse um die Ohren klatscht, sucht ihresgleichen. Wenn man aber gut aufpaßt, lernt man eine ganze Menge über die italienische Politik. Daß Ferrara (immer als schwieriger Kunde verschrien bei den Intellektuellen; schwer festzulegen und häufig gegen den Strom) eigentlich aus dem marxistischen Lager kommt, merkt man nur an der etwas nüchternen Weise, wie er die Mechanismen der Korruption schildert. “Zynischer Realismus” wäre vielleicht eine gute Beschreibung seines Stils. Als Analytiker der Vorgänge ist er allerdings absolut ungeschlagen. Selbst wenn CENTO GIORNI letztlich den Freund von Actionkrimis etwas überfordern wird, so ist er (ebenso wie der Moro-Film) sehr ergiebig für Zuschauer, die sich in die italienische Gegenwart hineinbohren wollen. Ferrara tut dies wie ein intellektueller Blutegel, der sich am Leib der allgemeinen Korruption mästet, wie auch die Stadtväter am Schluß von CENTO GIORNI eine Torte in Form einer Meerjungfrau (sprich: Italien) launig auseinanderhebeln. Nach dieser Feier werden dalla Chiesa und seine Frau erschossen. Dieses Attentat ist im italienischen Bewußtsein nach wie vor eines derjenigen, das am schmerzhaftesten mit dem Alpdruck des organisierten Verbrechens verknüpft ist.

Lino Ventura ist eine Traumbesetzung für dalla Chiesa (er sieht ihm in der Tat recht ähnlich), auch wenn er leider bald danach selber den Weg allen Fleisches gegangen ist. Second-Unit-Regisseur bei diesem Film ist übrigens Giuseppe Tornatore, der bald darauf seinen eigenen Mafia-Film machen sollte (IL CAMORRISTA/ THE PROFESSOR), und seit NUOVO CINEMA PARADISO verdientermaßen eines der Aushängeschilder des neuen italienischen Kinos ist. Mit Ferraras teilweise quälenden Gegenwartsbildern (untermalt von dissonanter Musik) haben Tornatores Filme natürlich nur noch wenig gemeinsam...

Ferrara hat bei uns sogar einen Film auf der Liste der beschlagnahmten Titel. FACCIA DI SPIA ist ein rotglühender Fake-Dokumentarfilm über das internationale Wirken der Geheimdienste. Für das Verbot sind offenbar Luschen verantwortlich, die der italienischen Sprache nicht mächtig sind und gleich zu den “heißen” Stellen vorgespult haben. Damit hat man freilich einen Riesenbock geschossen. Der Menschen Phantasie ist halt schmutziger als alles, was man auf Zelluloid bannen kann. Mal sehen, vielleicht gehe ich auf diesen ausgezeichneten (übrigens im Wortsinne ausgezeichneten!) Film bei meinem bald erscheinenden Agentenfilmartikel ein. Bis dahin: Gut Blattschuß und frohes Schaffen...

P.S.: Als sich ein nichtgenannter Apostel des europäischen Exploitationkinos neulich auf dem Schoß von Jess und Lina herumtrieb, mußte er feststellen, daß es in Spanien außer den herkömmlichen Lustspielzeugen auch aufblasbare Hunde und Ziegen gibt. Eine echte Marktlücke, finde ich. Wenn man dann auch noch in den Sexshop geht und sich je ein Original von UFERLOSE AUSSCHEIDUNGEN und SCHEISSE IM SCHUH kauft, hat man's eigentlich geschafft!

Christian Keßler

Der Artikel erschien erstmals in der "Splatting Image" Nr. 29.

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