RENA NIEHAUS

Playmen

Als ich das erste Mal mit der Hauptdarstellerin von Eriprando Viscontis zwei LA ORCA-Filmen sprach, war ich sehr überrascht, sie ausgerechnet im Umkreis meiner Studienstadt zu finden. Noch überraschter war sie, hielt sie mich doch zuerst für einen Menschen von durchaus zweifelhafter Gesinnung: Durch einen Druckfehler in einer Zeitung war ihre Telefonnummer zu einer Anlaufstelle für einsame Männer geworden, denen der Zwickel zwackte! Nachdem das Mißverständnis aufgeklärt war, erklärte sie sich zu einem Interview bereit, das dann allerdings erst mehrere Jahre später stattfand. In der Zwischenzeit ist aus Rena eine gute Freundin geworden, mit der ich zahlreiche Begegnungen hatte. Ich habe sie als eine bezaubernde Frau kennengelernt, die noch viel mehr Insiderinformationen über mein geliebtes Cinecittà preisgab, als ich hier drucken darf. Außerdem war sie eine Zeit lang mit Luc Merenda zusammen - boah! Nein, die Frau ist eine Wolke. Hier ein kleiner Auszug aus dem Schatz ihrer reichhaltigen Erfahrungen...

- Wo kommst du her? Wie bist du in das Geschäft geraten?

Also, ich komme aus Oldenburg. Ins Filmgeschäft gerutscht bin ich durch mein Modeling. In München habe ich mal jemanden kennengelernt, der mich eines Nachts aus Jux und Dollerei zu einem Fotografen geschleppt hat. Der arme Mann wurde um Mitternacht aus dem Bett geklingelt. Als wir die Fotos machten, knallten alle Sicherungen im Haus durch - warum auch immer... Einige Tage darauf fragte er an, ob er mal richtige Fotos von mir in einem Studio machen könne. Um es kurz zu machen: Ein anderer Fotograf hat mich dann vom Fleck weg engagiert, für einen Vier-Wochen-Trip nach Italien und Frankreich, um für den Kalender einer ganz berühmten Zigarettenmarke Fotos zu machen.

- Marl...

Pscht! Dadurch habe ich David Hamilton kennengelernt, und durch den wieder andere. In St. Tropez traf ich eine Gruppe aus Mailand. Einer sagte zu mir, wenn ich mal nach Mailand käme, solle ich mal zu seiner Modellagentur kommen. Das ist dann auch passiert. Ich habe zwei Jahre lang gemodelt, in Paris, in Barcelona, hier und da, und dann hatte ich die Schnauze gestrichen voll davon, immer nur dastehen und auf Kommando grinsen zu müssen... Ich hatte schon früher die Idee, in einem Film mitzumachen, habe mich aber niemals dahintergeklemmt. Deshalb bin ich erstmal wieder nach Oldenburg gedüst, wo ich einen Anruf bekam von meiner ehemaligen Agentin, daß zwei italienische Regisseure - Lattuada und Pasolini - einen Film mit mir machen wollen...

- Pasolini? Das müßte SALO` (DIE 120 TAGE VON SODOM) gewesen sein...

Ich wollte das nicht machen, weil ich das Treatment gelesen hatte und das nun überhaupt nicht mein Fall war. Mit Lattuada konnte ich mich nicht sofort treffen, weil ich gerade eine Einladung nach Innsbruck hatte. Wir trafen uns aber in München, weil ich da sowieso hinmußte und er auch. Er war wohl ganz begeistert, meinte, ich sei ein Naturtalent und bot mir einen Vertrag an. Das war eine deutsche Koproduktion, CUORE DI CANE (WARUM BELLT HERR BOBIKOW?). Ich hatte den Film noch gar nicht richtig beendet, da bin ich schon in den zweiten reingerutscht...

Cuore di cane

- Sekunde, damit ich das jetzt nicht durcheinanderbringe: Du hast mit 18 gemodelt...

Ja, und den Film machte ich Anfang 20. Ich bin 1954 geboren.

- Wenn ich dich mit 20 getroffen hätte - was für einer Rena wäre ich da begegnet?

Ich war immer sehr angetan von dem Gedanken, die große weite Welt kennenzulernen. Ich fand das affenstark, weil ich Hunderte von Leuten kennenlernen konnte. Das war mein Traum.

- Ja, aber warst du eine junge Deern in einem Abenteuerpark?

Nu ja, für mich war das wahnsinnig aufregend, aber ich hatte einen gewissen Respekt vor den Leuten, die bereits lange im Geschäft waren. Manchmal fühlte ich mich wie die kleine Primel aus Oldenburg. Ich fragte mich, was die Leute wohl an mir finden, aber ich habe ihnen erst einmal geglaubt... Es gab aber auch eine Zeit - in St. Tropez -, wo ich mir echt gesagt habe: Was seid ihr eigentlich für Piefkes, auf was für einem Level bewegt ihr euch eigentlich? Ihr seid stinkreich, aber irgendwie geht das Leben an euch vorbei. Das war meine Revoluzzerphase. Wenn die Leute sich schick anzogen, habe ich mir meine allerletzten Klamotten übergeworfen... Das war alles sehr aufregend, und daß man dick Geld damit verdienen konnte, war auch nicht zu verachten, aber ich wollte den Fuß auf den Boden kriegen. Das ist mir nicht ganz gelungen, da ich mutterseelenallein war. Ich meinte, ich könnte mit meinen 18 Jahren mitreden, könnte mich behaupten - man ist ja so klug und weise, wenn man 18 ist... Ganz klar kam ich damit nicht. Ich hatte auch das Gefühl, eine Phase meiner Entwicklung irgendwie übergangen zu haben. Aber gesehen habe ich mich als nettes, kleines, blondes, naives Mädchen, das frech war und die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte!

- Du hast ja auch früh Nacktfotos gemacht. Da darf man nicht übermäßig schüchtern sein...

War und bin ich aber. Ich habe diesen Umstand halt immer mit etwas Frechheit zu überdecken gesucht - ran an den Feind! Mein Körper war für mich ein Instrument, dessen ich mich damals recht unbelastet bediente. Machen hunderttausend andere auch. Das war für mich nichts besonderes. Aber meine Schamschwelle ist sicherlich manchmal angegangen worden. Ich weiß bis zum heutigen Tag nicht, warum ich in München getan habe, was ich dort tat... Der Fotograf, Otto Weisser, lag auf einer Pritsche, sprang auf und sagte, daß er seit vier Wochen in München nach einem geeigneten Modell gesucht hätte, und jetzt käme es einfach durch seine Tür. Ich hatte Shorts an und ein enges Top. Er fragte mich, ob das unter meinem Hemd echt sei. Kennst du das mit dem Mainzelmännchen, das sein Hemdchen hebt und sich als Frau entpuppt? Genau das habe ich gemacht! (lacht) Im Nachhinein habe ich mich häufig gefragt, warum. Ich bin eigentlich nie der Typ gewesen, der sich vor anderen produzieren muß. Aber vielleicht ist da etwas in meinem Hinterstübchen, was mich dazu getrieben hat... Bei der Arbeit habe ich immer versucht, den Kerlen ihre Grenzen aufzuzeigen. Das war schon bei Hamilton so. Es muß dir einfach keiner in den Magen gucken können beim Fotografieren. Also: Ursprünglich hatte ich ja vor, eine Lehre als Zahntechnikerin zu beginnen, aber als ich nach Hause kam, traf ein Scheck von Weisser ein. Meine Mutter hatte sich darüber erkundigt, ob er seriös wäre. Da das der Fall war, durfte ich. So fing das an.

- CUORE DI CANE war eine Art politische Parabel...

Max von Sydow spielte einen Professor im zaristischen Rußland, der aus einem Straßenköter einen Menschen macht. Der Hundemensch macht dann einige Probleme, aber bevor die politische Polizei ihn abgreifen kann, transformiert der Professor ihn wieder zurück. Von Sydows Assistent war Mario Adorf, der einen riesigen Eindruck auf mich gemacht hat - toller Mann, tolle Stimme. Meine Arbeit wurde mir von den Kollegen sehr leicht gemacht. Ich meine, ich wurde halt in meine Garderobe gesteckt und geschminkt, Proben gab es nicht. Lattuada sagte mir, ich solle die Freundin von diesem Hundemenschen spielen, ob ich mir das zutraue? Ich nur, jaah, klar... Als ich dann meinen Text auf englisch lernen mußte, stieß ich an die Grenzen meiner Fremdsprachenkenntnisse. Deshalb sprach ich Max von Sydow an, dem ich nur sagte, ich weiß ja, wie berühmt er ist, Bergman, woah, aber ich muß ihn was fragen. Er sagte nur: Don´t worry, und half mir. In einer Szene hatte ich zu heulen, wobei mir meine generelle Unsicherheit zugutekam, da ich teilweise gut flatterte. Also machte ich meine Sache, und alle waren zufrieden. Von da an ging alles easy weiter und machte wirklich Spaß. Ich merkte aber auch schon, daß es auf den Sets Querelen gibt, Eifersüchteleien. Eleonora Giorgi mußte mir natürlich stecken, daß sie der Star des Filmes sei und ich nur ein kleines Kerzenlicht. Das fand ich ziemlich bescheuert. Aber Gemauschel und Intrigen gibt es eigentlich immer irgendwo. Gina Rovere hat mitgespielt. Und Vadim Glowna, den fand ich auch sehr nett. Mein erster Film war fast durchweg angenehm. Lattuada war auch ein lieber Typ, der mir viel von meiner Angst nahm. Er hatte sich wohl auch etwas in mich verkuckt, aber ich stellte das klar, und er war sehr charmant und nutzte die Situation nicht aus. Ein sehr ruhiger Regisseur und ein guter Erklärer, der sich Zeit mit seinen Schauspielern nahm.

- Dein nächster Film war...?

I BARONI von Giampaolo Lomi. Das Angebot kam sofort. Ich dachte nur: Ooops, noch´n Film, find ich ja geil! (lacht) Ich habe Lomi kennengelernt, der mir die Geschichte erzählte. Das Treatment hat mir gefallen. Ein bißchen dumm fand ich, daß meine Rolle schweres Klischee war - die kleine blonde Schwedin, die die Männer aufmischt -, aber ich dachte mir nur, daß das mein zweiter Film war - vielleicht kommt noch was anderes. Ich komme nach Süditalien, mein Gepäck kommt abhanden, ich treffe einen netten jungen Mann. Der lädt mich ein zu sich, und ich komme in diese reiche Familie. Sein Onkel, Turi Ferro, interessiert sich wahnsinnig für mich, weil er das erste Mal seit 20 Jahren wieder eine Spezialdurchblutung kriegt. Die Sache wird mir dann zu riskant, er will mich heiraten, oh Gott... Aldo Fabrizi spielt den Bischof des Ortes, der mir da raushilft. Natürlich war der Film ´ne Komödie - ganz witzig, aber kein Kracher. Sehr toll fand ich Andrea Ferreol, die eine sehr direkte Frau war, nicht so schleim-schleim-schleim, wie man das häufig trifft. Die hat mir gute Tips gegeben und mir gesagt, ich solle mich ja nicht über den Tisch ziehen lassen. Oh ja, Ira von Fürstenberg spielte da auch mit, die war auch sehr nett. Die wollte mir, glaube ich, ihren Hubertus ans Herz legen ... (lacht) Die mochte ich! Wenn sie das lesen sollte: Schöne Grüße!

- 1976 kam LA ORCA von Eriprando Visconti. Das muß doch ein ziemlicher Tempowechsel gewesen sein; der Film war ja recht heftig. Wie hat Visconti den Film gemeint? Wollte er mehr Exploitation machen oder "was Ernstes"?

Also, um ehrlich zu sein, ich habe davon kaum etwas mitbekommen, weil ich praktisch kein Italienisch sprach damals und deswegen einfach nicht so integriert war. Einige von meinen Filmen habe ich heute noch nicht gesehen. Du kannst dich auch nicht mehr richtig in die Zuschauer reinversetzen, wenn du die ganzen "Ciaks" und Cuts siehst und weißt, das und das ist da abgegangen... Auch fand ich mich selber total unwirklich. Das sollte ich sein? Wie abstrus. Bei Prandino war es das erste Mal, daß ich einen Film auf italienisch machen sollte. Ich konnte die Wörter gut aussprechen, wußte nur nicht, was sie bedeuten... Man sagte mir so ungefähr, was ich zu sagen hatte. Mit Prandino konnte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht unterhalten. Mein Agent meinte nur, daß er wer sei, auch wenn er wohl nie so berühmt werden würde wie sein Onkel. In jedem Fall war das meine erste Hauptrolle, und ich sagte mir nur: Mensch, greif zu! Die Geschichte als solche fand ich auch sehr interessant, mit der Entführung der reichen Tochter, die dann sehr zwiespältige Gefühle gegenüber ihrem Entführer entwickelt. Als ich ihm am Schluß eine über den Pelz brennen mußte, ging mir das total gegen den Strich - mir liegt das Umlegen nicht!


- Was für ein Typ war Visconti?

Oh, ich habe ihn als sehr nervösen, unruhigen Menschen empfunden. Er war sehr bestimmt, hatte genaue Vorstellungen davon, wie er die Szenen haben wollte. In dieser Hinsicht war er noch genauer als Lattuada. Er war ernst, aber nicht tragisch - ein schwerer Mensch. Besonders beim zweiten Film, OEDIPUS ORCA (WILDE FRÜCHTE), aber das hing auch mit seiner Krankheit zusammen. Man hatte ihm im Zusammenhang mit dieser Krankheit einen Lungenflügel entfernt. Er rauchte wie ein Schlot - vier oder fünf Packungen am Tag. Er war auch sehr sprunghaft in seinen Gefühlsäußerungen. Einmal ist der total ausgeflippt. Wir waren in meiner Wohnung, die wir als Garderobe verwendeten, weil wir ganz in der Nähe drehten. Da kam eine Assistentin rein und meinte, wir müßten den Arzt rufen, weil Prandino einen cholerischen Anfall hatte... Er brauchte eine Beruhigungsspritze. Am Tag darauf ist er erst sehr spät gekommen; Blasco hatte übernommen. 1989 habe ich ihn besucht in der Nähe von Pavia, und da standen überall diese Herz-Lungen-Maschinen rum...

- Wie bist du mit den Sexszenen umgegangen?

Es gibt diese Szene, wo ich schlafe. Ich konnte noch kein Italienisch. Die Leute haben mir das nicht richtig klargemacht. Es wurde gesagt, er holt sich einen runter, streichelt dich dabei, und ich dachte, naja, das sieht man wohl nicht so. Dann meinte ich nur noch: Ups! Ich war ja nicht prüde, aber da mußte ich schwer schlucken... Gut 25 Leute waren auch anwesend, aber ich traute mich auch nicht, die Liz Taylor zu spielen. Mir war es ausgesprochen peinlich. Michele Placido und ich waren uns nicht ganz unbekannt - wir hatten ein kleines Tête-a-tête gehabt -, aber da wurde meine Schamschwelle doch schon ziemlich überschritten... Flavio Bucci war noch dabei; den habe ich nicht so gut kennengelernt. Alle behandelten ihn als Autorität, aber er blieb sehr ruhig dabei. Ein eher introvertierter Mann. Wo Bruno Corazzari weitergeschimpft hat, blieb Flavio sehr cool. Bruno war mehr ratata und donnerte einige Male ziemlich los. Beim zweiten Teil spielte ich mit Ferzetti zusammen, der ein echter Gentleman war: sehr professionell, everytime smiling. Carmen Scarpitta war auch nett, aber eher der nervöse, hysterische Typ, immer an der Schwelle zum Nervenkoller. Miguel Bosè war der Sohn von Lucia Bosè...

- Ich habe gelesen, ihr wärt mal liiert gewesen...

Nein, absolut nicht. Er war ein sehr süßer Mensch und ein guter Tänzer, was mir sehr gefiel, denn ich tanzte leidenschaftlich gern. Wir haben es auch mal versucht, aber die Chemie stimmte nicht. Miguel war ein richtiger Typ zum Knuddeln. Manchmal fast zu lieb.


- Der nächste Film.

Das war Riccardo Sesanis UN AMORE TARGATO FORLI`, eine Liebesgeschichte. Vier oder fünf Architekten planen das Projekt für einen Kindergarten. Als die staatlichen Subventionen dann ausbleiben, wollen sie sich das Geld verschaffen, indem sie ein berühmtes Gemälde klauen, das dann in einem Cellokasten geschmuggelt werden soll. War locker, eine Geschichte mit jungen Leuten. Der Hauptdarsteller war der Amerikaner Leonard Mann. Seine Frau war sehr nett; die hat mich einmal bearbeitet mit dem Anti-Vivisektions-Gedanken - sie war in einer Tierschutzliga -, und da bin ich dann auch eingetreten. Mario Scaccia hat noch mitgespielt und Gigi Ballista. Drei Sprachen mußte ich in dem Film sprechen.
Dann kam IL MAESTRO DI VIOLINO von Giovanni Fago. Das war die Geschichte eines sehr reichen Mädchens - ich! -, die wahnsinnig gut Violine spielt, boah! (lacht) Domenico Modugno, der bekannte Sänger, spielte den Violinmeister. Wir haben uns eine Woche lang beibringen lassen, wie man eine Geige richtig hält. Das Mädchen verliebt sich dann in Domenico, er geht nach Israel, er liebt mich zwar auch, aber seine erste Frau ist an Trunksucht gestorben, weil er sie immer alleingelassen hat, hach, und deswegen kann er nicht nochmal heiraten. Eine ganz romantische Geschichte halt. Domenco war ein unwahrscheinlich lieber Kerl. (zeigt mir ein Foto an der Wand) Wir mußten eine hochromantische Szene auf einem Balkon machen. Wir wollten das richtig Romeo-und-Julia-mäßig durchziehen. Die Liebe, die Sterne, hachhach... Das mündete in ein gewaltiges Gelächter, und als ich beim Drehen richtig herzig und traurig gucken mußte, sagte mir Domenico ganz leise das Stichwort, über das wir uns vorher gekringelt hatten, und da brach ich jedesmal zusammen... Wir mußten sieben oder acht Ciaks drehen; der Regisseur wurde fast wahnsinnig.

- UNA DONNA DI SECONDA MANO von Pino Tosini...

Der war mit Senta Berger, mit der ich aber leider keine Szenen hatte. Was für eine schöne Frau! Sie war auch sehr elegant, mit einer eindrucksvollen Ausstrahlung. Ich finde die toll!

- Mach´ doch mal Werbung für den Euro...

Gerne! Enrico Maria Salerno war auch dabei. Wir haben diese Szene am Tisch gespielt, wo der Junge, Bruno Valente, seinen Text wohl nicht richtig gelernt hatte. Er war etwas unbeholfen. Es gab Wiederholungen. Es gab mehr Wiederholungen. Und Salerno meinte irgendwann: So, Freunde, um soundsoviel Uhr ist laut Vertrag Schluß, und ihr kriegt das jetzt hin oder ich bin weg, und er hat das wahrgemacht. Wir konnten die Szene nicht fertigdrehen... Das fand ich ein bißchen pinselig. Nu ja, man merkte, daß er immer saurer wurde, und das machte mich nervös. Ich konnte Salerno aber schlecht sagen, er soll nicht den großen Macker markieren. Macha Meril war ´ne ganz liebe Frau, die nicht mit einer hohen Nase durch die Gegend lief.

- VOGLIA DI DONNA.

Ich kannte den Regisseur, Franco Bottari, sehr gut, da der im selben Apartmenthotel wohnte wie ich. Wir trafen uns immer in der Bar und wollten irgendwann mal einen Film zusammen machen. Zu der Zeit habe ich eigentlich in Italien nichts mehr gemacht. Ich bin extra zurückgekommen. 1977 hatte ich ja einen schlimmen Nervenzusammenbruch...

- Autsch! Wieso das denn?

Ach, dafür gab es viele Gründe. Zu der Zeit machte ich NERO VENEZIANO (DIE WIEGE DES TEUFELS/DIE HÖLLE SCHICKT IHREN SOHN) mit Ugo Liberatore; der Dreh war sehr stressig, und deshalb machte es "Krach". Da habe ich nur noch gesagt: Ich will das Geld nicht, ich will erst mal gesund werden. Ich will nicht jemand sein, der fotografiert wird, wenn er nur aus der Bar kommt mit jemandem aus der Szene. Mir ging das alles wahnsinnig auf den Keks. Das waren aber auch sehr heftige Dreharbeiten! Teilweise haben wir 16 Stunden am Tag durchgemacht. Und immer kam Ugo mit einem komplett umgeschriebenen Skript an den Set, wir mußten alles umschmeißen, und das kann tierisch frustrierend sein, wenn du dir große Mühe gegeben hast, alles einzulernen. Manchmal hatte ich das Gefühl, der Regisseur wußte nicht ganz, was er will... Die Stimmung war am Set aber allgemein sehr gereizt. Nach einer Woche hätte ich ihn killen können! Tatsächlich gab es einen Moment, wo, hätte man mich nicht zurückgehalten, ich für nichts hätte garantieren können... Das war eine ganz simple Szene, wo ich eine Treppe runterzugehen hatte. Ugo stand unten mit der Kamera. Wir waren alle todmüde, es ging den ganzen Tag schon drunter und drüber. Die ganze Crew hätte ihn am liebsten über den Jordan gejagt. Das war eine ganz normale Szene, und da hat der Typ einen Film von drei Stunden draus gemacht! Ich griff nach einer Eisenstange, die da herumlag, und wäre um ein Haar mit dem Ding auf ihn losgegangen... Der hat das nicht mal richtig gemerkt, glaube ich! Wir hatten schließlich ein Abschiedsessen, und ich wußte nur, daß ich den Typen nie, nie wiedersehen möchte... Das war echt das Schlimmste, was ich je erlebt habe! Ich saß dann nur noch heulend auf dem Zimmer und wußte nicht mehr, ob ich Männlein oder Weiblein bin... Das war superernst - ich wäre damals fast abgedreht. Ich habe das meiner Mutter durchtelefoniert, und die ist dann auch erschienen, mit Beruhigungstabletten, und nur so habe ich den Film überhaupt zu Ende bekommen. Da ich wirklich Angst um mich bekam, habe ich danach versucht, Abstand zu gewinnen und ging zurück nach Deutschland. Ich habe einen Jugendfreund getroffen, der ebenfalls alarmiert war von meinem Zustand. Es bringt nichts, das gute Geld zu verdienen und auf der anderen Seite seelisch dabei kaputtzugehen. Was soll´s... Also habe ich meine Sachen in Rom zusammengepackt und bin abgehauen.

- Was genau hat dich denn so geschafft?

Alles. Ich hatte Ärger mit einer Operation, von der sich mein Körper nie ganz erholen konnte, da ich ja immer auf Achse war. Und ich habe einfach viel von der Arbeit nach Hause getragen, konnte niemals richtig abspannen. Ich habe das alles niemals richtig verarbeitet - vom Modeling zum Film, dieses Reinrutschen. Ich kam in ein fremdes Land mit einer fremden Mentalität und mußte mich mit einer Gruppe von Menschen auseinandersetzen, wo Intrigen gesponnen wurden, wo Ehrlichkeit nicht gerade groß geschrieben wurde. Man weiß manchmal kaum noch, mit wem da geredet wird: mit Rena, dem Mädchen aus Oldenburg, oder mit deiner Rolle als Filmschauspielerin. Dieses Schizophrene der Schauspielerei war da vermutlich noch ein Faktor, der das Ganze verschlimmert hat. Das ist interessant, das macht Spaß, aber halt nur so lange, wie du nervlich stabil bist. Andernfalls wird das sehr happig.

- Was hast du danach getrieben?

Ich bin - nach einer gepflegten Ruhepause - zu einer Agentur in Hamburg gefahren, wo ich aber an eine rechte Gewitterziege geraten bin, die mich kreuzunhöflich behandelt hat. Da hatte ich die Nase voll und sagte mir: Die können mich alle kreuzweise! Ich machte in Oldenburg meine Einzelhandelskauffrau, habe hier jemanden kennengelernt, mit dem ich 7 Jahre zusammengelebt habe. Als das dann in die Binsen gegangen war, habe ich 1988 versucht, wieder in Italien nachzufragen, habe Kontakte aufgefrischt und dabei gelernt, wie es ist, Klinken zu putzen! Früher war mir ja alles irgendwie in den Schoß gefallen. Nun war ich auch 10 Jahre älter, alles war etwas schwieriger. Ich habe eine kleine Rolle in einem Film namens ARABELLA L´ANGELO NERO gekriegt, einem Thriller von Stelvio Massi, wo ich eine Polizistin spiele, die brutal umgebracht wird. Mit Stelvios Sohn Danilo hatte ich früher schon CIAO CIALTRONI gemacht, in dem es um eine Gruppe von vier Freunden geht, die sich alljährlich im Hotel von einem von ihnen treffen, und die Männer entzweien sich dann wegen mir. Tolles Ambiente, nette Leute, gute Stimmung. Der Film geht so. Na ja, nach ARABELLA war ich noch in einem Thriller von Andrea Marfori, der RITMO DELL´SILENZIO hieß. Dann meldete sich in meinem Bauch irgendwann meine Tochter Nicki, und dann haben bald wir beide uns getroffen, und ich dachte nur: Was will der denn?

- Du hast ja schon wesentlich attraktivere Männer kennengelernt, wie Fabio Testi oder Luc Merenda...

Na ja, die traf man halt auf offiziellen Anlässen, bei Preisverleihungen oder so. Luc habe ich im "Piper" kennengelernt; das ist eine bekannte Disco. Wir sind eine längere Zeit miteinander zusammen gewesen. Fabio habe ich über einen gemeinsamen Freund kennengelernt.

- Jetzt bist du Mudder mit Kind! Wie bewertest du deine Vergangenheit?

Mir hat´s im wesentlichen Spaß gemacht. Das Rumreisen, die Leute, die man kennenlernt...und das Geld war auch nicht zu verachten. Manchmal habe ich Lust, das wieder zu machen, aber ich würde es von einer ganz anderen Seite angehen. Trotzdem, in der Hauptsache habe ich gute Erfahrungen gemacht. Ich habe einige Jahre meines Lebens so komprimiert gelebt, weil ich viele Möglichkeiten hatte, die den meisten anderen Menschen versagt bleiben. Heute würde ich Schauspielerei mehr als Handwerk betrachten - ein Klempner klempnert, ein Schauspieler schauspielert, und damit hat sich´s. Ich wurde damals zu etwas hochstilisiert, was ich einfach nicht war. Und es war für mich natürlich die erste Zeit wahnsinnig schwer, wieder ein normales Leben zu führen, wo du nicht angeguckt wirst als das, was du auf der Leinwand gespielt hast, sondern als Otto Normalverbraucher. Der Kopf ist so voll von dem ganzen Unsinn, der über dich erzählt wird. Und das dauert lange, bis man wieder auf Normalformat zurechtgestutzt ist. Der Applaus hört auf... Wenn man von Anfang an nichts anderes mitbekommen hat als das, dann gewöhnt man sich sehr rasch an das Oberflächliche, das Chichi. Und wie sehr man auch bestätigt bekommt, wie lieb einen alle haben und wie großartig man ist - in letzter Instanz ist das alles Quatsch!

- War das Leben damals eigentlich wild?

Och ja, ziemlich. Was das Sexuelle angeht, habe ich meine wildesten Zeiten sicherlich damals gehabt. Jetzt bin ich seit 5 1/2 Jahren Mutter und lebe fast wie eine Nonne! Wenn ich so in der Zeitung lese, wer mit wem und warum, und es ist ja alles so toll und so schick und so in heutzutage... Selbst das Betrügen. Gerade im Filmgeschäft ist das so wahnsinnig einfach, weil du immer mit attraktiven Leuten zusammengesetzt wirst. Du kriegst ja keine Typen, die dich abstoßen, wenn du eine Liebesszene spielen sollst, außer, dein Partner ist der Glöckner von Notre-Dame! Gerade in diesem Metier stoßen schöne Menschen aufeinander, und es wird hauptsächlich auf das Äußerliche geachtet: wie der Arsch sitzt, wie der Busen sitzt, wie der Typ gebaut ist, ob er ´n breites Kreuz hat, ´ne schmale Taille, einen dicken Bauch... In dem Metier betrügen sich die Menschen häufig, weil sie immer Bestätigung suchen - mit diesem schönen Menschen bin ich zusammen gewesen, mit jenem... Man sucht sich die Punkte zusammen. Ich hab´ es genauso gemacht: Krieg´ ich den in Falle, den noch, den noch... Was natürlich sehr dumm ist, denn irgendwann wacht man auf und fragt sich: Was mache ich hier eigentlich? Ist es das, was ich will? Letztendlich habe ich wirklich nur nach einem Partner gesucht, dem ich vertrauen kann, der mich blind versteht, der mit mir durch dick und dünn geht... Die anderen können das - warum du nicht? Ich habe mich häufig gefragt, warum ich so ruhelos war. Grundsätzlich bin ich nur ein ganz normales menschliches Wesen, das eine nette funktionierende Familie will. Das war schon damals in mir drin, und das ist es wohl auch heute noch... Jemanden haben, mit dem man den Rest seiner Tage verbringen möchte - klar!

- Darüber sprechen wir wieder, wenn wir beide 80 sind! Rena, ich danke dir recht herzlich für das Gespräch.

Rena Niehaus

Das Interview wurde im September 1998 geführt und erschien in der "Splatting Image" Nr. 38.

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