SECHSTAUSEND ARBEITSLOSE

Nudeln und Muskelbomben

Söldner

Ursprünglich plante ich ja, einen Artikel über italienische Filme zu schreiben, die den zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt ihrer Spielhandlungen stellten. Ein anderer, weniger provokanter Titel schwebte mir vor. Leider kam mir Christoph Schlingensief dazwischen, dessen hübsche Talksendung "Talk 2000" ein wenig geronnenes Schmalz aus den Gehirnwindungen vieler Weniger herausbürstete. So drängte sich der neue Titel förmlich auf. (Ein weiterer Kandidat wäre gewesen: "Steeger: Lecken Sie mich doch am Arsch!", aber das habe ich dann fallengelassen, klang es doch zu sehr nach Sensationsjournalismus.)
Nun vertrugen sich aber Titel und Inhalt des Textes nicht mehr miteinander. Der zweite Weltkrieg war schließlich kein Pappenstiel, und ihm sich mit solch einem Titel zu nähern, hätte unwillkürlich verstört und die Aufklärungsarbeit erschwert, die der bestenfalls zweitklassige Verfasser dieser erstklassigen Kolumne beabsichtigt. Deshalb wanderte der Text in den Müllkorb. An seiner statt schmiegte sich der italienische Söldnerfilm voller Harmoniewunsch an den neuen Titel. Beide wurden Freunde.
Den italienischen Söldnerfilm vom Kriegsfilm zu trennen, ist kein leichtes Unterfangen. Ich denke, man tut sich selbst und der Nachwelt keinen Gefallen damit, wenn man hier übermäßig gewaltsam vorgeht. Sagen wir einfach mal, es handelt sich um Filme, in denen dicke, wabbelige Monster in meist grüner Montur ihre zurechtgeschnitzten Gesichter und ihre Gebirgsartillerie durch viel unwirtliches Gelände hieven. Nicht selten ist eine Menge Buschwerk im Wege, das beseitigt werden will. Manchmal sind es aber auch große Seen oder weite Wüsten, die der Ausführung einer tödlichen Mission im Wege stehen, die immer den ganzen Mann erfordert. Am Schluß hat das Selbstmordkommando der Teufelskerle und Himmelhunde dann sein Ziel erreicht und kann jetzt brav wieder nach Hause gehen und dort irgendeiner sinnreicheren Tätigkeit nachgehen, die den Schornstein rauchen läßt und das Bruttosozialprodukt seiner Nation ankurbelt.
Ich finde Kriegsfilme eigentlich ziemlich doof. Seht diesen Ausflug ins Reich der blitzenden Gewehrschäfte und -kolben (und seinen später erfolgenden Bruder aus Weltkriegsjahren) also bitte als Verkörperung des festen Vorsatzes an, jeden zu mögen, möge er auch noch so dumm sein. Vielleicht landen wir dann eines Tages in einer Welt, wo solche Filme (und solche Artikel) nicht mehr nötig sein werden. Dann wird der alte Wunsch des Menschen, seinem Mitmenschen ein Wolf zu sein, endlich der Vergangenheit angehören. Dann kann die Welt aufatmen. Dann - um "Talk 2000" zu zitieren - "haben die Arbeitslosen ihre Arbeit und die Asozialen ihr Geld". Dann ist endlich Ruhe.

EIN BATZEN BATZELLA

Wir schreiben das Jahr 1976. Südvietnam ist seit wenigen Monaten von Amerikanern befreit; die Aufräumarbeiten dauern an. Gerade mal fünf Jahre ist es her, daß die Manson-Gang die Träume des Polen Polanski und seiner schwangeren Muse zerstört haben. Vor 200 Jahren verfaßten schreibwütige Sklavenhalter die erste Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Und vor 1976 Jahren schlugen böse Menschen die Hoffnungen der Welt an ein Kreuz auf Golgatha. Die Welt, wie wir sie kennen, scheint dem Untergang geweiht. Wer kommt da die Straße entlang? Wer führt ein lustiges Ränzlein, bestehend aus drei Filmen, mit sich, auf dem "Hoffnung" steht? Luigi Batzella natürlich, der für diese Meisterwerke sein sonstiges Pseudonym als Darsteller und Regisseur - "Paolo Solvay" - zu schnöde fand. Stattdessen nannte er sich "Ivan Kathansky". Aufs Geratewohl greife ich mir aus diesem Feuerwerk an Gags und Späßen STRATEGIA PER UNA MISSIONE DI MORTE heraus, bei uns erschienen als STOSSTRUPP IN DIE WÜSTE.
Die Anfangsszene läßt eine geballte Beteiligung von Lesoeurs "Eurociné" erwarten: Yul Sanders ist da zu sehen als fieser Scheich, der den arroganten Westmäxen den Hahn zudrehen will, so sie ihm nicht willfährig sind. Olivier Mathot steht auch daneben und malt mit seiner Nase Fragezeichen in die Luft. Als Scheich El Öli das Büro verlassen hat, raunt der Chef: "Plan 2!" Sofort sieht man die Archivaufnahme eines Wohnblocks, der spektakulär zusammenstürzt. Keine Frage, "Eurociné". Da der komplette Absturz somit vorprogrammiert ist, kann man sich ruhig zurücklehnen und der Dinge harren, die da kommen...
Zuerst landet ein spiegelverkehrtes Flugzeug auf einem spiegelverkehrten Flughafen und entläßt - zu Marcello "Pluto" Giombinis pulsierender Musik - Richard Harrison ins Ungewisse. Eine ebenfalls spiegelverkehrte Limousine bringt ihn zu Mathot, der in seinem Büro einen Fernseher hat. Sein Auftrag für Harrison bedeutet die komplette Eliminierung der arabischen Ölfelder. Jau. Kurz darauf liest ein mulmiger Muselman die beliebte Zeitschrift "Saudi-Business" - spiegelrichtig, diesmal. Da jedes gute Hotel eine geile Blondine im Angebot haben muß, schmeißt sich auch hier ein lodernder Lotterbraten an den Harrison ran. Da Batzella grundsätzlich saftige Schoten liebt, wird in perfektem Pornostil die geschlechtliche Begegnung von Lorna (so heißtse!) mit dem dicken Dick präsentiert. Besonders in den Vordergrund gerückt wird die wüste Tonsur von Richard H., wie auch die beeindruckend langgezogene Labia von Lorna neckisch hervorlugt. Die Szene macht es ihrer Labia nach und zieht sich hin. Kameraschatten, Haarlosigkeit, Warzenschnubbeln und versuchte Schärferegulierung führen zu einem beachtlichen Schritttempo.
Eine Fahrt im Taxi durch Paris wird brutal unterbrochen: Der Fahrer fuchtelt mit der Wumme, die geile Gretel springt in die Seine (also, den Fluß!) "Okay, da scheißt der Hund drauf!" meint einer prophetisch. Da das diabolische Gehirn Batzellas dieses Intermezzo als Rückblende konzipiert hat, landen wir aber gleich wieder beim Gefummel + Geknete. Wieder in der Hotellobby (der Film hat viele aufregende Schauplätze!) treffen Dick und die Gretel auf ihre Spießgesellen: Da ist natürlich Gordon Mitchell, der ein Jeanshemd mit etwa einem Dutzend applizierten Taschen trägt, in denen Kugelschreiber aus allen Winkeln dieser Erde verborgen sind. Jean-Marie Lemaire, der Hauptdarsteller von Jean Rollins FASCINATION, spielt den blonden Hansen und sieht auch so aus. Ein fettes Nullgesicht mit Mundgeruch rundet die Gruppe ab.
Gemeinsam erlebt man daraufhin im Jeep die Wüste, und ununterbrochen prasseln die Sprüche: "Besser schlecht gefahren als gut gelaufen" ist da noch die Schaumkrone. Die Leute sind echte Partyhascherln, da gibt es nichts. Mit dem Boot (!) erreicht man in Nullkommanix Libyen (das sich übrigens genauso spricht wie "Sisyphus"!) Und Libyen ist echt eine Reise wert - boah, sieht das da aus! Mein Bruder hat einen Steinbruch direkt um die Ecke, da könnte das gedreht worden sein! Das ist das Übungsgelände Neurödelholz. Spätestens hier zersplittern die ersten Fernsehgeräte bei den jähzornigeren Videokunden. Gretel die Geile macht in dieser Situation das einzig Richtige: Sie steigt aus den Kleidern und läuft nackt durch den heißen Sand der libyschen Wüste. Päng! Sofort sind sie da - waschechte Tuaregs, Söhne der Wüste. Eine tolle Schlägerei entbrennt, bei der nur noch Plastikkeulen fehlen.
Ich möchte kurz unterbrechen und die Firma "Toppic" loben für den Entschluß, diesen Film "letterboxed" anzubieten. Bei der zweifellos anstehenden Laserdisk-Version gibt das vielleicht Eins zu Zwodreifünf; da schnalzen die Lippen.
Weiter: Luis kommt vorbei mit seinem Jeep. Das könnte sogar Batzella selber sein, bin mir nicht sicher. Gemeinsam erreicht man die Oase El Spüli, die für Beduinen und bissige Bettwanzen berüchtigt ist. "A-kalla-kalla, eli-malokka!" gellt es in akzentfreiem arabisch durch die Wüste. Ein Scheich reitet vorbei, und keiner von den netteren, möchte man hinzufügen. Die Touristen pöbeln ihn an: "Die Wüste ist für alle da!" und "Mann, hau ab!" heißt es. Der "Sandflohfürst", wie er bezeichnet wird, lädt die muntere Gruppe sofort zu sich nach Hause ein, da er sie korrekterweise als Terrorkommando erkannt hat. Nur die Gretel darf sein Faulbett teilen. "Ich habe mir schon immer gewünscht, einmal eine Nacht mit einem echten Araberfürsten zu verbringen!" Wer nicht? Den Akt der Verschmelzung erlebt der Scheich aber nicht bis zum bitteren Ende, denn sie ersticht ihn heimtückisch, da er ihre heißen kackbraunen Lederstiefeletten nicht genügend gewürdigt hat. "Achallem, achalla!"
Ab dieser Stelle ungefähr haben sich bei mir leider leichte Realitätsverluste eingestellt. Hansen wird von zwei weißgedreßten, aber niemandem zuzuordnenden Agenten gefangen und gefoltert. Die Bande um Richard Harrison erledigt ihren Auftrag und sprengt ein Öllager, das so ähnlich aussieht wie unser Heizungskeller. "Das verdammte Geld hat unseren Charakter verdorben!" meint Gretel. Mag sein, daß der Film deswegen so billig ist. Der Götze Mammon wird als treibende Kraft im internationalen Miteinander in den Zusammenhang skrupellosen Machtmißbrauchs und geilen Geschleimes gestellt. Die erbarmungslose Welt, die Batzella hier schildert, kann aber keine Gewinner besitzen. So wird auch Richard am Schluß durch einen "hit-and-run"-Fahrer erlegt. Bevor das Bild verschwindet, gibt es noch ein paar Trostsekunden mit dem schwankenden Eiffelturm. Treffender läßt sich eine aus den Fugen geratene Welt kaum darstellen. Toll. Ergriffenheit ist nur eine der vielen Reaktionen, die der Film auslösen kann.
Ähnliches gilt auch für das Begleitwerk KAPUT LAGER, GLI ULTIMI GIORNI DELLE SS (1976). Wenn es den Titel nicht wirklich gäbe, hätte ich ihn gerne erfunden. In der Originalfassung erschillt ein deutsches Lied im "Lili-Marleen"-Stil, das aber "Gott, wenn der Krieg ist aus" heißt. Mit der Grammatik des Liedtextes hatten die Bereiter der deutschen Fassung (wie bei STRATEGIA: "Schier") so ihre Probleme und warfen die flotte Nummer aus dem Programm. Dafür aber bastelten flinke Hände einen gut fünf Minuten dauernden Prolog hinein, in dem ein Sprecher zu wahllos zusammengeklauten Archivszenen Binsenweisheiten über Rommels Afrikakorps und Fallschirmspringer zum Besten gibt: "Wer sich mit der Strategie Rommels befaßt hat, der weiß, daß es immer zu seiner Taktik gehört hat, den Gegner überraschend zu packen und zu schlagen." Jawohl, und wer sich mit der Taktik Batzellas befaßt hat, der weiß auch, daß dieser Film eine wundervolle Pilgerfahrt ins Tal der Trolle wird. Wenn sich der Sprecher dann irgendwann endlich ausgequatscht hat, beginnt der Film.
Panzer fahren durch die Gegend. "Was'n los?" - "Ich bin wahrscheinlich auf eine Mine gefahren." - "Ja, dann fahr' weiter!" Dieser hübsche Landser-Dialog versinnbildlicht vermutlich auch Batzellas eigene Philosophie. Richard Harrison und Isarco Ravaioli jedenfalls haben einen Auftrag zu erfüllen - sie müssen ein Ölfeld der Nazis sprengen. Erneut ein Ölfeld - na, wie günstig! Leider werden sie aber gefangen und in das "Kaput Lager" gesperrt, über das mit eiserner Härte Obersturmbannführer Gordon Mitchell wacht, der hier die Stimme von Mr. Spock hat. Was in diesem Lager abgeht, ist Stoff für mindestens drei prall gefüllte Drehbücher; keines davon besonders gelungen. Lea Lander spielt eine lesbische Ärztin, die sich auch schon mal von einer Krankenschwester züchtigen läßt: "Der Krieg hat mich verrückt gemacht! Ich bin eine Frau voller Schwächen, voller Laster; eine Frau, die leben will!" Diese Peitschszene, bei der sich Lea eine unsichtbare Waschlotion auf der Haut zu verteilen scheint, ist eines der Highlights des Films und der deutschen Fassung erhalten geblieben. Gleiches gilt für eine barbarische Waschaktion, bei der weiblichen Gefangenen mit Bürsten grausam der nackte Arsch geschrubbt wird: "Gemein seid ihr! Au, du tust mir weh. Jetzt reicht's aber!" Teilweise fällt es schwer, den Vorgängen mit der gebotenen sittlichen Reife zu folgen. Die Krankenschwester ist auch so ein Fall: Ihr Bruder "war an dem Hitler-Attentat beteiligt." Deswegen hat sie was gegen Nazis und ermöglicht den Gefangenen um Richard und Ravioli die Flucht. Vorher poppt sie aber noch reichlich explizit mit Mike Monty herum, was von Lea durchs Schlüsselloch beobachtet wird: "Bums' sie doch endlich! Warum will mich denn niemand?" Spätestens an dieser Stelle wird klar: Glaubhafte Frauenrollen sind weder das starke Gewand noch das Ziel der spitzen Feder Batzellas.
Und wieder wandern die Leute durch die Wüste. An der einen Palme geht's links herum; an der nächsten rechts herum. Zwischendurch werden sie von etwa zehn Minuten geklautem Material aus Alfredo Rizzos I GIARDINI DEL DIAVOLO (HIMMELFAHRTSKOMMANDO ZUR HÖLLE) überfallen. In diesen aufregenden Kampfszenen (die deutlich besser gemacht sind als der Rest des Filmes) wird auch sonnenklar, wieso Isarco die ganze Zeit über eine Offiziersmütze auf dem Kopf hat, obwohl er doch offensichtlich der Schlappenschammes vom Richard ist: Er spielt in dem sechs Jahre älteren Film einen Offizier! (In einer geklauten Szene weist Regisseur Rizzo alias "Fred Ritz" einige amerikanische Offiziere ein.)
Während eines weiteren Archivmassakers hat der erstaunlich langnasige Darsteller Mauro Mannatrizio (häufig in Batzella-Filmen dabei) gewisse Schwierigkeiten mit Lea, die die Gruppe als Maskottchen mitgenommen hat. Sie meint in einem Atemzug zu ihm: "Was für ein sinnloses Gemetzel - wann haben Sie das letzte Mal mit einer Frau geschlafen?" Spricht's und knöpft sich die Bluse auf. (Jaul.)
Ja, der Film ist, um es auf türkisch zu sagen, echt süper! Die Dialogzeilen machen sicherlich den Kohl fett: Juwelen wie "Kennen Sie denn keine Menschlichkeit? Hat man Ihnen das bei der SS nicht beigebracht?" oder Gordons "Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte!" wollen im Zusammenhang genossen werden. Auch der total dull aussehende Harrison überrascht durch seine Offenbarung: "Bevor ich Soldat wurde, habe ich an der Universität Psychologie gelehrt - und Philosophie..." Vielleicht täusche ich mich, aber das hat durchaus Anklänge an den Beginn des "Faust"-Monologs... Batzella, der literarische Tausendsassa. Ich habe es geahnt. Kultur, so dicht wie ein Hagelsturm. So soll es sein.
Mit manchem Rätselwort hat die deutsche Fassung freilich kurzen Prozeß gemacht. Bei der Kastration (relativ harmlos) und der berühmten Stiefelszene wundert mich das nicht, aber der Haremstanz eines Transvestiten ist doch nun wirklich keine Sünde! Gordon knuddelt die Transe noch gut durch: "Iewen wiß en armi of pörvörts wie schäll winn se worr." Mike Monty wird von Gordon gezwungen, ein Glas Natursekt zu trinken (machen viele Deutsche freiwillig), aber er klatscht es Gordon in die Nazi-Visage. Schnippschnapp macht die Schere und freut sich des Lebens.
Viel zu lang, der Text. Die Filme sind hingegen genau richtig, wenn man mal gut ethisch durchgejuckelt werden möchte. Das humanistische Erbe geht eine schwere Belastungsprobe ein; wer aus beiden Filmen mit ungeschmälerter Lebensfreude hervorgeht, der hat seine Lektion gelernt und darf mit Stolz behaupten, "dabei" gewesen zu sein.
Über den dritten Film, LA BESTIA IN CALORE, möchte ich nichts mehr sagen, außer daß dort der Neandertaler aus LEICHEN-FACTORY in einem Laboratorium Frauen die Schamhaare abbeißt und frißt. Na ja, es ist schon schwer, eine Arbeit zu finden, die sich mit der Würde des Menschen vereinbaren läßt. Am Fließband zu stehen und mit der Drechselkeule kleine Knoten in dicke Klumpen halbtrockenen Plastiks hineinzupunzen, ist auch ein Scheißjob. Ölauffangwannen für die deutsche Bundesbahn zusammenzuknöpern - nur unwesentlich befriedigender im Gesamteindruck. Die Scham geht verloren, nur der Wunsch nach dem Ausgang bleibt. Nächster Film.

DIE NASENLOSEN SIEBEN

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze, und wer sich gegen diese vergeht, erleidet zuweilen die Höchststrafe. Die Gesetze der Menschlichkeit sind für Söldner immer ein moralischer Prüfstein gewesen, an denen man das Messer der eigenen Mannbarkeit nur unter großen Entbehrungen zu wetzen vermag. Auch der Seemann von "VTD Dr. Dreßler", der in dem aufwendigen Firmenvorspann den Zuschauer mit seiner Kanone bedroht, ist sicherlich mit dieser knappen Wahrheit konfrontiert worden. Ein glücklicher Arbeitnehmer mehr, der auch die ewig gestrigen Fanfaren des Vorspannes mit der gelassenen Miene eines gestandenen Mannes überdauert.
IL TEMPO DELLE BELVE (DIE GNADENLOSEN SIEBEN, 1979) gibt Rätsel auf, scheint dieser Film doch in Italien kaum gezeigt worden zu sein - und das zu einer Zeit, als wirklich jeder Dreck durch das Kino geschleift wurde. Regisseur Bruno Fontana gibt es wirklich, und er ist nicht jener mysteriöse "Mr. Fontana", der auf der zweiten "Beat at Cinecittà" so unwiderstehlich besungen wird. Stattdessen hat der gute Mann im Jahr zuvor einen hübschen Sleazefilm geskriptet, und zwar LE EVASE (IM KNAST DER VERLORENEN MÄDCHEN), als dessen Regisseur ein gewisser Conrad Breughel zeichnet. Dieses Ausbruchsdrama (mit Lilli Carati und Zora "Flaschenhals" Kerowa) stammt tatsächlich von Giovanni Brusatori, und dieser nette Mann ist auch ein Mitglied von Brunos brutaler Killertruppe. Den Roman, auf dem IL TEMPO basiert (THE TIME OF THE WILD BEAST), möchte ich übrigens wirklich mal lesen!
Die Söldner sind los. Angeführt werden sie von einem grauen Wolf irgendwo zwischen Massimo Serato und Gunther Sachs. Unter ihm gilt es, einen alten Suppenkasper wegzublasen, der einem dubiosen Umsturzgrüpplein im Wege steht, das dem "Regime" ans Leder geht. Wo das Ganze stattfindet (d. h. wo der Steinbruch liegt, in dem der größte Teil des Filmes gedreht worden ist), bleibt dem aufmerksamen Auge des Betrachters weitgehend verborgen, obwohl an einer Stelle italienische Graffiti den Film in Süditalien zu situieren scheinen - aha, ein Umsturz ist geplant, den Südlern ist alles zuzutrauen. Es ist überall das Gleiche.
Nach vollendeter Mordtat werden die Kämpen leider vom Boot, das sie abholen soll, mit Bleibohnen beharkt. Man will offenbar das Salär sparen. Die Söldner lassen sich aber das Singen nicht verbieten und wandern erst einmal stramm los. Zuerst einmal gabelt man Gabriele Tinti auf, der mit Schlapphut und Maultier nach Diamanten sucht. Diamanten - in Süditalien? Jau, der neue Goldrausch! Der "verdammte Haufen abgewrackter Söldner" überredet ihn jedenfalls dazu, sie durch den Steinbruch zu geleiten. Sein Rollenname ist "Bohnie".
Ein kleines Wort zu der hypnotischen Bubbermusik, die die ganze Zeit über mitbubbert: Sie entstammt nicht der Feder Paolo Rustichellis (der den Rest der Musik zu verantworten hat), sondern ist auch in anderen "Schier"-Filmen zu hören, etwa DAS AUGE DES BÖSEN oder VERFLUCHT ZUM TÖTEN. Eine tolle Musik; gäbe es die Musik auf CD - ich wäre außer mir vor Entzücken. Da könnte man aus vollem Herzen mitbubbern. So aber bubbern die Söldner im Schweinsgalopp zu einem alten Bauernhof, wo sie ein Tattergreis mit Doppelläufiger erwartet. An seine Menschenwärme appellierend, erschnorrt man sich Brot und Spiele. Das Nebenzimmer enthält gar die Überraschungstüte für den Herrn, denn da hat der Tatterwilli seine 14-jährige Tochter versteckt! Und dann geht es schmuddelig zur Sache - total Verkrachting, die Windmühlen fangen Feuer: "Der nächste Herr, die selbe Dame!" Der einzige, der bei dem finsteren Treiben nicht mitmacht, ist eine blondierte Schwuchtel namens Markus - ein rechter Weichkeks, von dem man nicht weiß, warum er überhaupt das harte Brot des Söldnergewerbes geknabbert hat. Er hat die Mentalität eines Ballettlehrers und drischt das Klavier, während die anderen feiern. Dann weint und kotzt er. Als Tinti nach Hause kommt, kriegt er nur noch mit, daß die Kleine sich aus dem Fenster stürzt. Vassili BESTIA NELLO SPAZIO Karis heult enttäuscht: "Wah, jetzt bin ich wieder beschissen worden!" Vassili heißt vollständig Karamesinis und dient dem italienischen Film bereits seit den frühen Sechzigern. Sein erster größerer Auftritt war Sergio Corbuccis in Griechenland spielender Gangsterfilm BERSAGLIO MOBILE (dt: HEADHUNTER) von 1966.
Aber das lieb Mägdelein hatte noch eine Schwester, und zwar Laura Gemser! Und die Laura kennt kein Erbarmen: Rache schwebt ihr vor für das hingemetzelte Schwesterlein und den abgetatterten Pappich. Als erster kommt Vassili dran, der sie nackt sieht und dafür sterben muß. ("Das ist mir noch nie passiert - daß eine Frau selber wollte!") Nach einem kurzen Haschmich rollt er die Düne herunter und ist aus unerfindlichen Gründen tot. (Vermutlich zuviel Sand geschluckt...) Danach macht sich Laura bei der Bande vorstellig, unsäglich mitleiderregende innere Monologe hervorkitzelnd - diese Männer haben LANGE keine Frauen mehr gehabt! Na ja, Laura geilt dann alle systematisch auf, spielt sie gegeneinander aus und macht sie platt. Nur Tinti bleibt übrig, aber das war ja klar, denn er ist ja Lauras Ehemann!
Der Film - nein, ein Meisterwerk ist er nicht! Es handelt sich bei ihm aber um überdurchschnittlich unterhaltsamen Sleaze, der von "Schier"-Dialogzeilen gewohnter Qualität aufgewertet wird. Hervorgehoben werden müssen hierbei Tintis zwei Monologe. Im ersten reflektiert er über die Natur männlicher Gewalt: "Ein Mann ist von Natur aus aggressiv... Die Uniform ist seine Rechtfertigung für jede Art von Mord!" Stimmt irgendwie. Im zweiten philosophiert er dann über Haß, Vergeltung und Buschneger. Schauspielerisch trumpft Obersau Falk auf, der von Angelo Infanti gegeben wird, der hier stellenweise fast abhebt - noch ein Argument gegen LSD. Boh, was gibt der Gas! Als sich sein Erzfeind Markus an ihm rächt, wird er, dem Dursttod nahe, noch richtig hübsch gefoltert: Er darf an einer Südfrucht nuckeln, wenn er von der Vergewaltigung erzählt. Am Schluß geht er unter wie die "Andrea Doria". "Na, Leute, war det'n Film?" fragt auch der dralle Seemann nach dem Abspann. Ja, das war in der Tat ein Film. Und wenn man diese hübsche Tinti/Gemser-Familienproduktion gesehen hat, dann wird man gleich in die Videothek laufen wollen, um Alan Birkinshaws Brüller SÖLDNER DES TODES zu erhaschen, wo die beiden in einem neuen Kracher von Dick Randall zu bewundern waren. Und ihr dürft dreimal raten, welche Musik da zu hören ist! Doch leider, leider wurde die letzte Kassette mit diesem Film 1985 im Ruhrpott für 5 Mark verkauft, und der Käufer dachte, es handele sich um einen richtig geilen Porno und war enttäuscht. Das Glück fällt immer in die Hände der Falschen. So ist das auch mit den Arbeitsstellen. Weiter.

GEWALTSAME RAZZIA

An dieser Stelle muß ich den Leser leider ein klein wenig verwirren. Im gleichen Atemzug aber wird ihm ein klein wenig Linguistik zugeführt, die sich positiv auf seinen Charakter auswirken könnte. Im weiteren Verlauf des Textes wird von explodierenden Spaghetti die Rede sein. Nun verhält es sich so, daß sich vor Minuten ein ähnliches Mißgeschick mit Chilibohnen ereignet hat. Mein Dilemma als Autor bestand nun darin, den Zwiespalt zwischen realer Zeit und kreativer Zeit aufzuwuchten. Um das zu verdeutlichen: Wenn man annimmt, daß der Text in nicht chronologischer Zeitfolge entsteht und durch ein Ereignis im wirklichen Leben eine vorherige Bezugnahme, die aber erst später im Text zum Tragen kommt, negiert oder aber gestützt wird, dann bleiben dem Autor nur zwei Möglichkeiten: Er kann die Zeitstruktur des Textes aufspalten und das Ereignis hineinwuchten; er kann aber auch die Zeitstruktur unangetastet lassen und das Ereignis trotzdem reinkloppen. Ich verweise also hiermit auf die später erscheinenden Spaghetti, die aber früher explodiert sind. Ob das ein Zeit-Paradoxon darstellt, weiß ich leider nicht.
Ein entschiedenes Paradoxon stellen die späteren Filme von Fernando di Leo dar, der in seinen früheren Jahren durchaus um eine stilvolle Gewandung seiner schönen Exploiter bemüht war. Auch schimmerte meist der Intellektuelle aus seinen Werken hervor. Selbst bei dem hierzulande als OBEN TEENS-UNTEN JEANS verknöperten AVERE VENT'ANNI (1978) handelt es sich im Grunde um eine lustige "Wir-verarschen-Siebzigerklischees"-Komödie, in der die Guida und die spätere Suchtpornistin Carati wie (allerdings hübsche) Fremdkörper wirken. Fassenacht war dann allerdings bei dem an anderem Ort besprochenen TOY. Und bei seinem letzten Werk, RAZZA SELVAGGIA (SÖLDNER ATTACK, 1983), kannte di Leo endgültig kein Pardon...
Das Söldnerkommando, mit dem uns Drehbuchautor Nino Marino verwöhnt, ist wahrlich von hohen Gnaden: Henry Silva, Woody Strode, Harrison Muller und der Bruder von Mr. Sulu robben durch den Bremer Bürgerpark und haben eine Mission zu erfüllen. Diese scheint darin zu bestehen, ein vietnamesisches (?) Lager zu beseitigen, das ein wenig an die Forts erinnert, die man im Märchenpark Walsrode besichtigen kann. Eine große Antenne verrät die Funkstation. Alles wird aufgemischt und durchgewalkt. Die Musik von Carlo Rustichellis Sohn Paolo ist bestimmt mal veröffentlicht worden, als "Wunder der Bontempi-Orgel". Nachdem die letzten kleinen Teilchen zu Boden gesunken sind, ist die Mission erfüllt und Silva verwundet. "Wenn ich es nicht schaffe, kriegst du meinen Seidenanzug!" Humor im Angesicht des Todes, toll. Woody Strode braucht allerdings keinen Seidenanzug und bleibt zurück, während die anderen nach Amerika trampen. Strode ist riesengroß, braun und faltig: Eastman mit Bulimie auf Teneriffa.
Zurück in den Staaten pimpert Muller mit einer enorm unvorteilhaft eingefangenen Carole André. Diese sehr schöne Frau hat bei der Beleuchtung keine Chance, denn jeder Pimpel und jeder Mitesser wird unbarmherzig entblößt. Dann wird Muller abberufen von Captain Kirk, denn so heißt Silva im Film! Wie ihm Kirk verpult, hat Strode (Rollenname Polo!) jetzt einen neuen Brotwerb: Er kauft vom KGB Waffen, um sie dann an kambodschanische Soldaten zu verhökern. Mit den Drogen, die er einhandelt, beglückt er die Mafia. Steuern bezahlt er dafür keine. Muller soll dem Einhalt gebieten.
Ab geht's nach Thailand. Bei der fröhlichen Puffmutter Madame Fra (die Domenica ähnlich sieht) soll er Anschluß suchen. Vorher schaut er sich aber noch alle Sehenswürdigkeiten von Bangkok an. Mullers Gesicht ist total lustig, der interessiert sich einen Schmutz für die alten Steine! Aber auch Sex ist dabei, er lauert an jeder Straßenecke - selbst der Page grient neckisch...
Die Synchro sorgt an dieser Stelle etwas für Füßescharren im Auditorium, denn ein Kontaktmensch hat einen Ruhrpottakzent, daß sich alle verstopften Poren der André öffnen müßten: "Wenn ich bei uns in Düsseldorf wat mit 'ner 14-Jährigen mach', geh' isch doch in' Knast, aber hier sind die 10-Jährigen schon so reif..." Boh, was redet der sich zusammen! "Jeht dat auf de Knochen!"
Madame Fra überrascht durch eine Vorliebe für André Malraux, von dem sie lauter Fotos im Bordell rumhängen hat. Trotzdem schickt sie eine Minderjährige zu Muller (mit dem sinnigen Namen Aiuta), die dieser aber dankend ablehnt. Obwohl ich mich etwas gegruselt habe am Anfang: Der Film wird tatsächlich immer besser. Die Huren werden von einem Pater zu Strodes Dschungelcamp geholt: "Gib' dem Cäsar, was des Cäsars ist!" Jau. Unter Woodys Söldnern befindet sich auch Edelproll Bruno di Luia (mit Sonnenbrille), den ich am Set von FATAL FRAMES live bewundert habe, wo er den Killer mimte. Sein Gesicht verrät meist die totale Humorlosigkeit; er ist fürs Töten geboren. Nicht selten wurde dieser Mensch als Double für den wunderbaren Adriano Celentano eingesetzt. Auch ein dicker Zottelbart spielt mit, der wie der Bierbichler aus den Achternbusch-Filmen ausschaut. Gemetzelt wird dann nach Leibeskräften. Vielen Söldnern fliegen die platzenden Blutsäcke um die Ohren. Die Musik erinnert teilweise an die bereits besungene "Schier"-Melodie, dann aber wieder an Fiedels TERMINATOR. Nach einem guten, trockenen Italowestern-Finale setzt es dann einen megazynischen Schlußpunkt. Ach, und bevor ich es vergesse: Mir sind die Chilibohnen explodiert!

ROLF AM GOLF

Daß Lady Di so jung sterben mußte, ist sicherlich nicht schön. Aber was wäre gewesen, wenn an ihrer Stelle Mutter Teresa im Wagen gesessen hätte? Hätte der Vorfall ähnlich hohe Wellen geschlagen? Vielleicht. Sich vorzustellen, wie Inge Meysel in betrunkenem Zustand mit 190 in den Elbtunnel drischt und darüber das deutsche Staatsgefüge ins Wanken gerät, kann nur Spinnern und Tagträumern einfallen. Die Briten sind schon ein eigenartiges Völkchen, da gibt es nichts.
Natürlich überschlagen sich jetzt auch die Kabelsender im Bemühen, den ersten authentischen Dokudrama-Schlager um das Leben und Sterben der britischen Rose in den Äther zu schmuggeln. Was die wenigsten wissen: Die Italiener haben das bereits 1984 geschafft. Mario Siciliano nannte sein nur milde verhülltes Exposé über den Fall "Lady Di" ROLF. Daß dieses Werk bei uns sogar auf CBS/FOX herauskam (unter dem Titel DER TAG DES SÖLDNERS), ist eines der großen deutschen Nachkriegswunder.
Mario Siciliano verdingte sich in den Jahren vor seinem Tod eigentlich nur noch als Hersteller von Werbefilmen für Marina Frajeses Vagina. Titel wie ORGASMO NONSTOP oder L'AMANTE BISEX haften unruhig in der Erinnerung und wollen nicht weichen. Was ihn dazu bewogen hat, sich doch noch einmal außerhalb der WC-Enten-Liga umzutun, bleibt sein Geheimnis. Aber ROLF spricht für sich - zuerst im gleichnamigen Titelsong von Fabio Frizzi: "Rolf - you've taken a road that is too wide." Ähnliches möchte man Mario posthum in die Buchstabensuppe stanzen. Welcher Rolf übrigens von Frizzis Discosänger gemeint ist, bleibt etwas im Nebulösen, denn in der deutschen Fassung heißt der Hauptdarsteller "Golo". Golo ist ein Prolo und fährt einen Polo. Er ist allerdings nicht solo, sondern nennt eine hübsche, wenngleich etwas kratzbürstige Wüstenmama sein Eigen. Schon wieder Wüste, höre ich so manchen stöhnen. Aber das Ägypten dieses Filmes findet im Klohaus des Kinos statt, in dem gerade LAWRENCE OF ARABIA gezeigt wird. In der Nähe von Tunis hat sich der Ex-Söldner Golf nämlich eine beschauliche Existenz geschaffen, des ewigen Eingeborenenabschlachtens überdrüssig. Zwar wird er gelegentlich vom fiesen Polizeichef getriezt, aber einen echten Mann haut das nicht um. (Zur "erkennungsdienstlichen Behandlung" wird Golfs Hand von zwei Polizisten in eine Kloschüssel getunkt, in der eine dicke Schokowurst würgenden Ekel verbreitet, und dann an der Wand abgestempelt - Mario macht keine Gefangenen.) Das Idyll wird aber auf eine harte Probe gestellt, als ein stirnglatziger Kojoten-Karl aus alten Tagen auf der Matte steht und Golf zum Mitmachen (bei irgendwas) auffordern will. Als der Macker Golfs Mutti erwähnt, wird er brutal krankenhausreif geschlagen. Golf ist da empfindlich.
Leider ist Obersöldner Johnny nachtragend und ruft seine alten Spießgesellen zusammen, darunter die Stuntveteranen Nazzareno Zamperla (mit Panamahut) und Goffredo Unger (ohne Haare). (Letzterem wird in ABSURD die Birne gestanzt; in WAX MASK ist er auch dabei.) Gemeinsam ist man stark und kloppt Golf deftig auf die Mütze. Dieser rächt sich, indem er ein Drogengeschäft der vier lustigen Fünf vereitelt. Da seine Mutter einst an Drogen zugrundegegangen ist, pinkelt er erst in die Kiste voll Schnee, bevor er sie aus dem Flugzeug wirft.
Die Söldner drehen daraufhin total durch und statten Golfs Frau einen Anstandsbesuch ab, den diese nicht überlebt. Selten war eine Vergewaltigung so eklig anzuschauen, aber das finde ich irgendwie ganz gut so. Golf beantwortet Gewalt mit Gewalt und metzelt die ganze Bande in einem Wald nieder, den nur die ganz Törichten unter den Zuschauern in Ägypten wähnen können.
Schon in seinem früheren HÄUTET SIE LEBEND bewies Siciliano, daß niemand so fiese Söldner zusammentrommeln kann wie er. Er wird in ROLF dieser Tradition nicht untreu. Wer deftigen Sleaze mag, wird bei ROLF einen inneren Reichsparteitagsbrand erleben. Abgesehen davon, daß der Film STOCKbrutal ist (und lediglich in ein, zwei Szenen leicht entschärft), gibt es wirklich nichts, was den Film in irgendeiner Weise legitimieren könnte. Er funktioniert wie eine außer Rand und Band geratene Dampframme: Augen zu und durch. Daß Feingeister bei diesem Spektakel so ihre Probleme haben werden, liegt nahe. Eines muß jedoch zugegeben werden: Onkel Mario hat einen exzellenten Prollfilm geschaffen. Der harte "Er-der-nicht-mehr-töten-wollte"-Charakter von Rolf (gespielt vom wie üblich guten Antonio Marsina) hat alles, was ein richtiger Mann haben will: seine Ruhe, eine hübsche Frau und Muckis. Wie es sich für einen echten Selbstjustizfilm gehört, wird seine proletarische Existenz Stück für Stück demontiert: Erst die Würde, dann die Arbeit, dann die Freundin. Gelegentlich nimmt die Härte des Filmes fast groteske Züge an. So muß man die Szenen, in denen Rolf mit frisch durchschossenen Händen wilde Karateschläge austeilt, nicht allzu ernst nehmen. Aber die Wirklichkeit fährt bei echten Sleazegranaten sowieso auf einem Nebengleis. Da stört es auch nicht, daß sich Rolf die Blutegel, die ihm auf die Pelle rücken, einfach abrupft; schließlich können Blutvergiftungen auch Spaß machen. In jedem Fall stellt ROLF für debile Freizeitsöldner eine durchaus gelungene Bereicherung des Feierabendprogrammes dar, und wer mal richtig in den Gully fassen möchte, der hat bei Rolf und seinen Freunden Gelegenheit dazu. Unterhaltsam, primitiv und mit der richtigen Knabberpackung ein echtes Erlebnis. Seht diesen Film mit dem Menschen, den Ihr liebt. (Mit Lady Di hat er übrigens nichts zu tun.)

P.S.: Kleiner süßer Tip zum Schluß: DOG TAGS (dt: PLATOON TO HELL) von Romano Scavolini. Ich habe viele Filme aus dem Artikel rausgestrichen, weil sie mir zu gut vorkamen, z. B. die Margheriti-Filme oder Castellaris STRIKER. (DIE waren schon zu gut? Ojojoj..) Aber DOG TAGS muß erwähnt werden, denn den kennt keine Sau. Und das ist schade, denn die Sau würde "Oink, oink" machen. Abgesehen davon, daß Mike Monty eine gute Rolle hat, handelt es sich um einen handwerklich unkonventionellen, teilweise verflucht gut gemachten und richtig spannenden Kracher. Die große Überraschung liegt in der TV-Version: Sie ist letterboxed und uncut, was bei den gelegentlichen Splatter-Einlagen schon auffällt. Große Überraschung, da darf man hinsehen! So, jetzt Schluß mit den doofen Soldaten, mir raucht schon der Kopf... Frieden statt Liebe, das ist die Botschaft. Beschäftigt Eure Hände, denn dann raucht der innere Schornstein. Wohlsein!

Christian Keßler

(Der Artikel erschien zum ersten Mal im Dezember 1997 in der "Splatting Image" Nr. 32.)