DIE WALTONS ALS VORBOTEN
DER TOTALEN ZERSTÖRUNG
Last House On The Left
Ausgesuchte US-Horrorfilme der 70er Jahre

Zuerst einmal muß klargestellt werden, daß der Verfasser dieses Artikels nichts mit dem Autor gleichen Namens zu tun hat, der für die Italo-Kolumne verantwortlich zeichnet. Jener läßt sich zur Zeit die heiße Sonne Tirols auf den braunen Bauch brennen und badet im Lago di Cazzo. Quasi als Vertretung werde ich hier einige kleine Schmankerln aus dem Bereich des amerikanischen Horrorfilms auf die Rampe zerren, um ihnen die Behandlung zukommen zu lassen, die ihnen zusteht.

Vergleicht man den US-Horrorfilm dieser Zeit mit seinem engen Verwandten aus England, so stellt man fest, daß die Schauplätze und Sujets grundverschieden sind: Während die be"hammer"ten Briten sich immer noch mit feudalen Schreckgespenstern herumschlugen, waren die Amerikaner bereits dort, wo der wahre Schrecken lauert: auf dem Land. Jeder, der mal dort gewohnt hat und kein Auto besaß, wird wissen, was ich meine!

Wiewohl die Tradition der bösen Landbevölkerung ihre Wurzeln in den 30er Jahren besaß, als man den verarmten Süden mit seinen deprimierten Farmern und geprügelten Existenzen zum Sündenbock für die Weltwirtschaftskrise stempelte (eine Tradition, die besonders während der 60er, mit ihrer langsam aufkommenden Liberalität, für Dutzende von fiesen Hillbillys und satanischen Dorfsheriffs sorgte), so gab es doch auch eine entsprechende Gegenbewegung, die das Hinterland - in bester bukolischer Sitte - zu einem Hort der verlorenen Unschuld stilisierte. Ähnlich wie in Deutschland die Heimatfilme, so schaukelten hier kauzige Urgesteine auf ihren Veranden brummelnd in den Sonnenuntergang. Bestes Beispiel sind die "Waltons", deren Abenteuer mir meine Kindheit versüßt haben. "Unsere kleine Farm" gab es damals noch nicht, und Michael Landon war noch am Leben.

Daß das Unbehagen über die drolligen Landeier aber doch tiefer saß als der kollektive Harmoniewunsch, sieht man nicht nur an Filmen wie Hoppers EASY RIDER oder Boormans DELIVERANCE, sondern gerade im Horrorfilm, der das Übel nicht selten im Schoße der ländlichen Arbeiterklasse ansiedelte. Der Sensenmann unter der heimischen Scholle.

Ich habe die Filme übrigens nicht nach diesem Gesichtspunkt ausgesucht. INVASION DER BLUTFARMER hab ich draußen gelassen, obwohl er nun recht dankbar wäre. Latzhosen kommen aber auch so einige vor. Alle meine Lieblingsfilme aus dieser Zeit haben aber gemein, daß sie das Grauen stets an abgelegenen, meist ländlichen Orten ansiedeln. Die Oberschicht ist meist weit entfernt.
Dies änderte sich erst, als George A. Romero 1978 den nationalen Notstand ausrief und dem örtlich begrenzten Schrecken ein Ende machte: Der Kriegszustand zog in die Städte! Und da ist er bis zum heutigen Tage auch geblieben: Denn Hardware glitzert im Neonlicht halt schöner!

Der letzte Film, Abel Ferraras himmelkreuzekliger DRILLER KILLER, ist dann der endgültige "urban classic", der der politischen Realität, die ja bekanntermaßen äußerst unerfreulich ist, die Tore zum Horrorfilm geöffnet hat. Wer braucht lallende Dorftrottel, wenn er schon an der nächsten Straßenecke einen Stiefel im Arsch haben kann? Im Großstadtdschungel ist das "klassische" Grauen kaum noch möglich. Hier vermischt sich Gutes mit Bösem, die Grenzen verschwimmen, die einzige überdauernde Realität ist der Schmerz. Die Schuld gehört jetzt ausnahmslos allen, sie läßt den Zuschauer sowohl Täter als auch Opfer sein. Jenes zynische schwarze Schaf, das von seinen Gegnern "selbstzweckhaft grausames Horrorvideo" gerufen wird, ist geboren: Sowohl innen wie außen no future. Und da sind wir, von einigen Ausnahmen abgesehen, auch noch heute, auch wenn die Zensurbehörden wesentlich gewissenhafter arbeiten, die Opfer wesentlich besser aussehen und angezogen sind und der Geist von Steven Spielberg in den Köpfen der Regisseure spukt; letzteres meist leider ohne Erfolg.

Was macht man in der großen Stadt? Man träumt von der einsamen Insel...

SCHÄUMENDE ZOTTELBRUT

Filme, in denen der schöne Traum von einer besseren, langhaarigen Welt als zum Scheitern verurteilte Blubberblase dargestellt wurde, gab es in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern zuhauf. Ob nun Bruce Dern in Cormans Rabaukenklamotte THE WILD ANGELS zu Grabe getragen wird; ob nun Dennis Hopper von traumatischen Truckern aus dem EASY RIDER-Sattel gehievt wird; oder ob gleich eine ganze Dutzendschaft von heißblütigen Motorradhengsten zusammengeschossen wird in THE BLOODY SONG OF FREEDOM - die Alternative zur Welt der Graugesichter und Cowboyknacker endete stets im Disaster.

Daß dieser schöne Traum auch andere Früchte tragen konnte, schildert höchst anschaulich David Durstons 1970 gedrehter Fetzer I DRINK YOUR BLOOD (DIE TOLLWÜTIGEN). Dieser Film (Schlagzeile: "Nie hat ein Film so genervt, gelähmt, geschockt!") wurde zeitlebens in der einschlägigen Presse entweder hü oder hott besprochen: Die einen sehen in ihm eine verdammungswürdige Inkarnation eben der Spießer-Vorurteile, vor denen uns filmgeschichtlich gebenedeite Werke wie EASY RIDER warnen wollten; die anderen wollen hier eine Inkarnation der Hippie-Ängste ausmachen, die von knarrenbewehrten Rednecks mit Mord in den Augen handeln. Meine persönliche Vermutung ist, daß dies Durston eigentlich herzlich egal war. Er hat, auf recht geschickte Weise, die idiotischen Ängste seiner Zeit genutzt, um einen pittoresken Low-Budget-Schocker zu machen, der den Zuschauern die Schuhe auszieht.

Tatsächlich ist es so, daß jeder Film seine Meriten haben muß, der mit dem Satz beginnt: "Allen Geistern will ich hiermit zur Kenntnis bringen, daß ich ein Steinbock bin!" Wer solche Sachen äußert, qualifiziert sich nicht nur für eine höhere Beamtenlaufbahn, sondern darf sogar so verwanzte Stirnbänder tragen wie besagter Steinbock. Der Mann heißt übrigens Horace Bone und leitet eine Art Hinterland-Filiale der Manson-Sekte. Nicht zu glauben, wie viele Zottelbuben und -maderln sich finden, die das religiöse Satanistengeleiere ertragen, ohne sich in die Hose zu machen. Dem Zuschauer sind diesbezüglich keine Schranken auferlegt; er kann seinen Gefühlen freien Lauf lassen...
Steinbock Bone und seine delirierenden Nacktmulle sind nicht nur scharf auf Satan und Sinnesrausch. Sie möchten auch so richtig Unruhe stiften. Und da Hollywood und Sharon Tate weit weg sind, begnügen sie sich mit dem Kaff Valley Hills, Bevölkerungszahl 40. (Obwohl der Film im weiteren Verlauf die Vermutung nahelegt, daß es eher 4 sein müssen.) Silvia, eine ungewollte Zeugin des Opferrituals, wird brutal krankenhausreif geschlagen. Sie wird gefunden von Mildred ("Mildred's Bakery") und einem fetten kleinen Balg namens Pete, Silvias Bruder.

Sieht der kleine Pete Walter Moersens "Kleinem Arschloch" schon zum Verwechseln ähnlich, so sieht Mildreds Stecher Roger eher aus wie eine aufrecht stehende Kochwurst mit Koteletten. In seiner Eigenschaft als Dorfbüttel leitet er nicht nur die in der Nähe stattfindende Erstellung eines Staudammes mit großer Übersicht, sondern ignoriert auch die satanischen Exzesse in der näheren Umgebung mit bürokratischer Anmut. Die Hippies sind jetzt nämlich endgültig durchgeknallt und haben einen alten Tattergreis verdroschen und mit LSD abgefüllt (was ich recht drollig finde!) und einem Sektenmitglied in die Füße geschnitten.

Der Film könnte jetzt etwas an Form verlieren, doch da gibt es ja noch den kleinen Fettbatzen Pete, der sich an eine Biostunde erinnert und zur Selbstjustiz schreitet: Erst erlegt er einen gelegen vorbeischauenden Tollwutdackel mit Papas Schrotflinte; dann injiziert er das verseuchte Blut in ein gutes Dutzend Fleischpasteten, die den Hippies gar vorzüglich munden. Der Rest ist Terror und Entsetzen. Überall kreischen und lallen von da ab langhaarige Brechbolzen mit Eidotter vor dem Mund durch die Dünung und machen der Landbevölkerung das Leben schwer. Da sie höchst ansteckend sind, rennen auch die Arbeiter des Dammprojektes bald mit wippenden Hard-Hats herum und rufen den Frühling herbei.

Ja, mit Feinsinn ist noch niemand reich geworden! Es ist schwer zu definieren, warum, aber ich mag den Film. Es gelingt ihm, unter Ausnützung so ziemlich aller Klischees der damaligen Zeit eine pausenlose Hochspannung anzulegen, die nur an und ab unterbrochen wird von der grotesken Synchro, über die man herzlich lachen darf. Besonders gut gefällt mir der Stadtbedienstete, der an einer Stelle bemerkt: "Ich habe Befehl, auf jeden, den ich sehe, zu schießen!" Der war bestimmt in Vietnam. Überhaupt sind die Rednecks richtig eklig, geil, häßlich und dumm. Auf die Bemerkung, daß die Hippies Stunk machen, wissen sie sofort zu sagen: "Das werden wir den' abgewöhnen!" Tja, auf dem Dorf herrscht noch Recht und Ordnung. Etwas drogenpolitisch desorientierend wirkt da die Replik eines Mädchens auf die Frage ihres 10-jährigen Bruders, wie denn LSD wirke ("Du weißt aber auch gar nichts!") Scheinbar wird in diesem Landstrich eine gesunde Drogenaufklärung noch großgeschrieben. Na ja, man hat dort ja sonst nichts zu lachen. Aber das soll jetzt bitte nicht verniedlichend wirken: Drogen sind schlecht, das wissen wir spätestens seit THE CROW.

Wie dem auch sei: Wenn man den Film ideologisch ausdeuten möchte, gerät man in schlammige Fahrwasser. Ich denke mal, daß es den Regisseur relativ wenig gekümmert hat. (Er hat später noch den Schocker STIGMA gemacht, mit dem jungen Herrn Schwarz aus MIAMI WEISS.) I DRINK YOUR BLOOD ist ein billig hergestellter, aber höchst effektiver Gross-Out-Schocker, in dem alle Erwägungen moralischer Art ad acta gelegt werden und der sich für Partys der ungewöhnlichen Art glänzend eignet. Die deutsche Fassung ist gut geschnitten, hat aber dafür eine trashige Synchro. Ach ja, es gibt einen Schwarzen mit gelbem Quietschhemd namens Rollo (der Schwarze heißt so, nicht das Hemd); Rednecks, die einen toten Ziegenbock hinter sich her schleifen; ein asiatisches Sektenmitglied, das sich im Buddhistenstil selbst anzündet (Vietnam war grad in aller Munde); und überall sausen Synthie-Kakophonien durch die Luft, die sich anhören wie ein Einlauf mit Fernet. Viel Spaß mit wenig Anspruch. Nichts für zarte Gemüter.

ALTERNATIVE STERBEHILFE

Gerade kommt ein Fax aus Lugano herein, das ich der Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Mein Namensvetter wünscht, quasi als Vorklapp auf den nächsten Artikel, der Leserschaft sein Lieblingspseudonym eines italienischen Pornofilmers zu verkünden. Es gehört einen Manne namens Arduino Sacco, der sich in seinen Filmen "Hard Sacc" nennt! Nun, das ist wirklich putzig. Dem Wunsch somit entsprochen.

Der nächste Film ist ein ziemlich obskurer B-Film im Kleinstadtumfeld: LET'S SCARE JESSICA TO DEATH (1971) von John Hancock. Meine erste Begegnung mit diesem Film erfolgte im Appendix von Stephen Kings DANSE MACABRE, wo er als empfohlener Film aufgeführt war. (Die meisten der dort aufgeführten Filme sind echt knorke, auch wenn sich einige Bauchklatscher wie THE DEADLY BEES eingeschlichen haben.) Nach langen Wanderjahren erbarmte sich KABEL 1 meiner und strahlte eine deutsche Fassung des Filmes aus, mit dem nicht ganz so farbvollen Titel GRAUEN UM JESSICA.
Sehr im Gegensatz zu I DRINK YOUR BLOOD, handelt es sich bei JESSICA um einen ausgesprochen zarten Gruselfilm, der weniger auf rollende Köpfe setzt als vielmehr auf wehende Gardinen und gilbende Bilder. Daß zwischendurch gemütvoll in die Akustikgitarre gegriffen wird, verschafft dem Film zusätzliche Patina, denn nichts wirkt bekanntlich so altmodisch wie einstmals Unkonventionelles.

Ein Leichenwagen, schwarz wie die Nacht, bohrt sich durch ländliche Pastellfarben. Man spürt, alles ist in Ordnung; selbst auf dem Leichenwagen steht "Love". Aus eben diesem Gefährt springt elastisch eine muntere Truppe lustiger Gesellen: Jessica, die Dame des Trios, die sich auf dem Friedhof richtig wohl fühlt: "Jetzt geht's mir gut." Sie kann die "Ärzte vergessen". Ihr entschieden manisches Dauerlächeln ist nämlich nicht nur der Ausdruck unverdorbender Landunschuld. Sie hat offenbar eine Zeit lang in der Lachanstalt verbracht, for reasons unknown. In ihrer Begleitung befindet sich ihr stirnglatzender Ehegatte Duncan und der weitgehend funktionslose Woody, der aber einen hübschen Beat-Bart hat und deswegen bleiben darf. Um die Genesung der holden Jessica anzukurbeln, hat Duncan ein altes Anwesen auf dem Lande ersteigert, wo er die labile Lady auf den Boden der Tatsachen zurückholen möchte.

Tja, mit Jessicas Gesundheit steht es aber immer noch nicht zum besten: Sie erblickt Menschen, wo (scheinbar) keine sind und hört Geisterstimmen, wo nur Geister sind. Geistesgegenwart genug besitzt sie allerdings, um ihren Begleitern diese extravaganten Umstände vorzuenthalten.

Gänzlich fleischlich jedoch ist die hübsche Emily, die sich in dem alten Haus eingenistet hat. So fleischlich gar, daß sowohl Duncan wie Woody von Midlife-Geilheit geschüttelt werden. Dies hat zur Folge, daß Emily mit ihrem Nonkonformo-Chorme (äh, Charme) auch weiterhin in die Saiten greifen darf, als gern gesehener Gast.

Mehr und mehr gewinnt Jessica aber den Eindruck, daß Emma schon wesentlich länger in diesem Haus haust: Ein halbvermodertes Foto der Bishop-Familie, das sie auf dem Dachspeicher findet, zeigt nicht nur einen manson-esken Schrubbelbart mit bohrendem Blick, sondern auch zwei heiße Flüstertüten an seiner Seite, deren eine der werten Emily bedrückend ähnlich sieht. (Mit diesem Foto erinnert der Streifen hier etwas an CANNIBAL GIRLS, dem vielleicht besten Film des Elchfreundes Ivan Reitman.) Die eine der beiden Bishop-Miezen ist dann allerdings im angrenzenden See abgesoffen. Die Legende will es, daß sie immer noch umtriebig ist, als Vampir. Der Film kurbelt dann auf einen beachtlich unübersichtlichen Höhepunkt zu, der den vielleicht ultimativen Hippie-Alp artikuliert, nicht nur, was die Unübersichtlichkeit angeht...

Zu Beginn weiß man nicht so genau, was man von dem Film halten soll. Er ist nicht wirklich unheimlich. Eher trifft es das englische "weird": Die Leute, das Haus, die Umgebung - alles ist irgendwie unnormal, obwohl an der Oberfläche alles feinbein zu sein scheint. Der Film setzt hier aber keine überdeutlichen Zeichen, wie das bei der heutigen Spielberg-Schule (bzw. Sonderschule) meist der Fall ist. JESSICA liefert keine lachenden Gesichter, bei denen man nicht gleichzeitig spürt, daß es unpassend wäre, mitzulachen. Glänzend ausgesucht ist die Hauptdarstellerin Zohra Lampert, die mich zuerst etwas genervt hat mit ihrem manischen Dauergrinsen; irgendwann aber merkt man, daß es ganz gut so ist, ihr Nerven, und durchaus beabsichtigt. Ihre Jessica besitzt jenes bodenlos offenherzige Lächeln, das man von gewissen Kitschpostkarten kennt und von Leuten, die einem jeden Moment die Axt in die Puperze kloppen. Sie ist das Lächeln im Gesicht von Miss America, und Miss America leidet an Mundfäule.

Die Bauern sind übrigens alles, sie sind alt, krumm und häßlich. Einer läuft sogar in so einer Schneiderpuppe herum, mit der man Menschen ohne Knie in der Vertikalen hält. Aufrecht auch im hohen Alter, ein Menschheitstraum wird wahr. Gegen die Jugend haben sie was, die Mummelgreise: "Verdammte Hippies! - Penner!" Dann kratzen sie noch den schönen Wagen kaputt. Alles in allem benehmen sie sich wie Zombies. Und das ist sehr gut, denn --- sie SIND Zombies!!! Wie das mit dem zusammenhängt, verrate ich noch nicht, der Film macht sich diese Mühe auch nicht, aber es kommt sehr gut: DEAD AND BURIED previsited!

Ansonsten sei angemerkt, daß es einige kreuzunheimliche Szenen in dem Film gibt, speziell eine Badeszene, bei der ich fast meinen Globus zertrümmert hätte! (Ein schöner Globus, wie der von Clouseau, wo der drauffällt, nur daneben.) Kunstbeflissenen Betrachtern könnte auffallen, daß man das Haus praktisch nur bei Morgen- oder Abenddämmerung sieht (also mystisch-verquollen); und daß die Naturgeräusche (Spechte, Grillen, Uhus etc.) die vom Mieterschutzbund vorgeschriebenen Standards weit hinter sich lassen. Randa Haines ist das Continuity Girl. Randa Haines hat später GOTTES VERGESSENE KINDER gemacht. Das ist der Film, in dem die ganze Zeit über Taubstumme ihre Lieblingslieder singen. William Hurt ist der Doktor. Das kann auch Ihnen passieren.

BAZOOKA JOE SUCKS!

Das Thema "Vietnam" gehört in der Geschichte des amerikanischen Films nicht eben zu den vernachlässigten Stiefkindern. Der Anblick von schwitzenden Muskelbuletten mit dicken Wummen ist aus der Videothek durchaus vertraut: Wir sind durch die Hölle gegangen, ich und die anderen Himmelhunde. Aus der glimmenden Asche eines verwüsteten Landes entstand eine eigene kleine Industrie, die sich an den Streicheleinheiten für das angeknackste Selbstbewußtsein der Amerikaner gesundstieß. Viele Fehler konnte man dabei nicht machen, denn die Wehrhaftigkeit setzt bekanntlich im eigenen Vorgarten ein. Zahllose Gesichtslose (mögen sie Handwerker, Büroangestellte oder gar Intellektuelle gewesen sein) fanden das muntere Treiben dicker Männer in Indochina jedenfalls sehenswert. Für die teuersten Leinwandepen setzte es gar Oscars.

Das Horrorgenre fand den Dschungelkrieg nicht ganz so interessant. Die Nachrichten waren vollgestopft mit realem Horror, ob nun ganze Dörfer mit Frauen und Kindern gesearched und destroyed wurden, oder ob fetthaarige Hippies bei Kent State von übereifrigen Hütern des Gesetzes weggeblasen wurden. Der Krieg tobte allenthalben. Gar nicht so leicht, diesen medial gefeierten Ethno-Spuk auch noch in traditionelle Horrorformeln einzubinden.

Einer der ersten Filme überhaupt, die sich des Themas annahmen, muß wohl Bob Clarks 1972 gedrehter DEATHDREAM (DEAD OF NIGHT) gewesen sein, der zwar kanadischer Abkunft ist, aber hier trotzdem reingehört. Wem's nicht paßt, der kann ja gehen!

Die Anfangsszenen sind mittlerweile sattsam bekannt: Nächtlicher Spähtrupp im Dschungelmilieu wird von bösen Charlies in Stücke geschossen. Über dem zeitlupigen Hinscheiden des einen ertönt eine echohafte Off-Stimme: "Andy, you can't die! You promised!"

In der Heimat geht alles seinen kapitalistischen Gang: Andys Familie sitzt brav um den Tisch und betet sich Mut an. Vater Brooks läßt die Kruste des saftigen Bratens platzen. Mutters Kommentar verrät viel über die Haushaltsführung: "The man should always do the carving!" Dies ist eine nette, konservative Familie in einem netten, konservativen Vorort. Hier kennt man den Milchmann beim Namen und trifft den Postboten abends in der Kneipe. Das Leben könnte so schön sein...

Doch Andy ist in Vietnam. Und da bleibt er auch, wie es scheint: Ein Armykumpel kommt vorbei, gibt Charlie Brooks traurigen Bescheid. Mutter verschwindet kreischend im Haus, Vater weint stumm in die hohle Hand, seine Tochter, die das Weinen des Vaters mehr verstört als die unbegreifliche Einkehr des Todes, sagt ängstlich: "Don't, Daddy!"

Aber Andy ist nicht tot. Andy kommt zurück. Gleich am nächsten Tag steht er vor der Tür. Die Familie kann es nicht fassen, die Gebete sind erhört worden.

Doch Andy hat sich verändert. Seine Haut ist aschfahl, sein Blick leer wie Politikerversprechungen vor dem Wahlkampf. Kann dies der Schockzustand eines sensiblen Menschen sein, der die Hölle gesehen hat?

Nein, lautet die Antwort. Ein toter Trucker, der ausgeblutet in seinem Lastwagen aufgefunden wird, spricht eine deutliche Sprache. Und Charlie versteht die Sprache sehr gut, zumal das Verhalten seines eigenartigen Filius eindeutig psychopathische Züge anzunehmen beginnt. In einer Szene erwürgt Andy den Familienwauwau an ausgestreckter Hand. (Ein Spitz, dessen Blick stumpf wird. Soviel Platz muß sein.) Und als dann auch noch der Familiendoktor das Besteck reicht, weiß Vater Brooks, daß etwas Einschneidendes passieren muß...

DEATHDREAM ist ein exzellenter, kleiner Horrorfilm, der seine absurde Prämisse (G.I. wird zum Blutsauger) vollkommen ernst nimmt und sich die Mühe macht, sie in einer liebevoll gezeichneten, durchweg glaubhaften Umgebung anzusiedeln. Viele kleine Details legen Zeugnis davon ab, daß den Machern das Thema durchaus am Herzen lag. Hübsch etwa der betrunkene wackere Kämpe aus dem großen Zweiten, der dem später blutleeren Trucker auf seine Bemerkung, er habe einen Soldaten mitgenommen, erwidert: "What kind of a soldier is he? Theirs or ours?"

Die Besetzung ist außergewöhnlich gut (für solch eine Winz-Produktion). Der einzige bekannte Schauspieler ist der wie immer verläßliche John Marley, dessen knitteriges Gesicht schon so eine ganze Menge verraten würde. Sein Vater, der zwischen Liebe zum Sohn und verletztem Stolz hin und her schwankt, ist sehr überzeugend. Auch sehr gut ist der Darsteller des Andy, der ansonsten wenig bekannte Richard Backus. Definitiv kein Mann, mit dem man betrunken ins Autokino fahren möchte.
Dies ist einer von drei Horrorfilmen, die Regisseur Bob Clark Anfang der 70er drehte. CHILDREN SHOULDN'T PLAY WITH DEAD THINGS hat einen schönen Titel, wirkt aber eher wie ein in die Länge gezogener Insider-Scherz der Crew. BLACK CHRISTMAS (JESSY- DIE TREPPE IN DEN TOD) ist hingegen ein mörderisch spannender Psychothriller im Vorfeld der Jasons und Myers' der späten 70er. Danach wurde Clark richtig berühmt mit seinem Plädoyer für die Kastration pubertierender Jugendlicher (PORKY'S) und ist jetzt ein angesehener Regisseur. Drehbuchautor Alan Ormsby, der auch an Clarks anderen Streichen beteiligt war, inszenierte noch (zusammen mit Jeff Gillen) den hervorragenden DERANGED, eine makabre Low-Budget-Version der Ed-Gein-Story. Dann schrieb er auch das nicht uninteressante Drehbuch zu Paul Schraders Remake von CAT PEOPLE. DEATHDREAM ist einer der ersten Make-Up-Jobs von Tom Savini.

Ein richtiger feiner Film, der mit seinem feierlichen Ernst im Hinblick auf die herumkaspernden Achtziger angenehm altmodisch wirkt. Guter Stoff; die deutsche Videofassung ist absurd geschnitten und nimmt dem recht unblutigen Film die Nahaufnahmen vom Gesicht des Vampirs (!). Unheimliche Musik vom Kanadier Carl Zittrer; ein passender Name, wenn es je einen gab. Vergeßt Freddy, die alte Tucke, und wühlt in der Steinzeit. Filme wie DEATHDREAM sind die Belohnung. (Nur, um mich interessant zu machen: Bei einer Begegnung mit Robert Englund bezeichnete mich dieser als "You ignorant BOY!" Tja - Robert macht jetzt den Mangler und ich schreibe das hier...So kann das Leben sein!)

DIE LEUTE AUS DER ROTWOLFKNEIPE

Es war einmal eine junge Studentin namens Regina. Diese Studentin - die einen Kopf voller feuerroter Haare besaß -, war mit einem schlichten, aber fröhlichen Gemüt gesegnet. Doch als die goldene Ferienzeit nahte und alle ihre Mitstudenten vom Kampus verschwanden, da begann sich eine trübe Verdrossenheit ihrer zu bemächtigen. Denn sie hatte kein Geld, um irgendwo hinzufahren! Oh weh! Aber, wie das Schicksal halt so spielt: Es ereilt sie ein Brief mit einem Inhalt, der sie wieder lachen macht. Denn sie hat einen Ferienaufenthalt gewonnen. Daß sie bei keinem Preisrätsel mitgemacht hat, stört sie nicht besonders, denn, wie ich eingangs erwähnte, sie ist schlicht gestrickt. Beati pauperes spiritu, so sagt schon die Bibel.

So kommt es, daß die kleine Studentin bald darauf im "Red Wolf Inn" eintrifft, wo sie mit offenen Armen empfangen wird. Die beiden Gastgeber sind Emily und Henry, die vor großelterlicher Freundlichkeit kaum zu bremsen sind. Henry ist ein ehemaliger dritter Armeefleischer (!) und labert fortwährend seine Pflanzen voll. Evelyn sieht Sheila Keith aus den Pete-Walker-Filmen zu ähnlich, als daß dies Gutes erahnen ließe. Hier lauern blutige Messer, weiß der Kenner. Daß das "Red Wolf Inn" bereits seit mehreren Jahren geschlossen hat - auch das ist kein Scheidungsgrund für die helle Regina. Und ich kann bestätigen: Studentinnen sind wirklich so!

Der alte Kasten hat aber noch mehr Gäste: Da wäre zum einen der Enkelsohn des junggebliebenen Paares, Baby John geheißen. Dieses Riesenbaby ist groß, breitschultrig und sieht aus, als wäre er aus dem Mastdarm eines "Chippendale"-Tänzers entwichen. Er ist auch in etwa so helle wie ein solcher Mastdarm - eine gute Partie für Dummbatz Regina! Auf jeden Topf den passenden Deckel.

Ferner sind da noch drei kleine Schweinchen - äh, drei geile Miezen namens Pamela, Martha und Edweena, die auch in dieser Reihenfolge auf mysteriöse Weise verschwinden. Jetzt beginnt Regina, die sich in das Evolutionswunder Baby John vergafft hat, Verdacht zu schöpfen! Man hört die Zahnräder in ihrem Kopf rotieren...

Endgültig klar sieht sie erst, als sie in einem Kühlschrank die abgetrennten Köpfe ihrer Mitbewohnerinnen vorfindet. Das ist dann aber auch kaum mehr mißzuverstehen. Kann sie entkommen?

Bud Townsends THE FOLKS AT RED WOLF INN (1972) ist ein toller kleiner Gassengrusler, der dem heute so vielfach mißbrauchten Genre der Horrorkomödie alle Ehre macht. Man fühlt sich wirklich versetzt in die "Old-Dark-House"-Komödien der Dreißiger und Vierziger; auch dort nahm man den Horroranteil der Story durchaus ernst, ohne ihn durch die Lacher zu neutralisieren. Natürlich geht es in RED WOLF INN etwas handfester zur Sache. Der Film spart die konkreten Details der grausigen Handlung zwar aus, aber der Humor ist definitiv magenunfreundlich. Das Begrüßungsessen, etwa, ist eine Ode an den Appetit und das gute Essen, wenn man nicht weiß, wovon der Film handelt. Man ahnt aber, daß die Inbrunst, mit der sich die Speisenden die leckeren Rippchen durch die Zahnreihen ziehen, nicht koscher ist. Die leckeren Rippchen haben übrigens bunte Hütchen oben drauf. Das finde ich putzig. Ebenso putzig die Bemerkung Henrys: "There's plenty more where that came from!" Die Szene ist nicht für Weganer geeignet. Weganer sind übrigens keine Außerirdischen, sondern nur Vegetarier mit Vollklatsche. Regina bemerkt: "I'll get as fat as a pig!" Großmamis Augen leuchten.

Der Drehbuchautor hat sich übrigens im Märchenkoffer umgetan und reiche Beute zutagegefördert: Reginas Frage "Why do you have such a big refrigerator?" sollte bekannt vorkommen, genau wie die Idee, Evelyn ihre Gäste jeden Tag wiegen zu lassen. Das Copyright für den Gag mit den Köpfen im Schrank hat natürlich Blaubart.

Weitere Höhepunkte dieses niemals in Deutschland gelaufenen Filmes sind a) die Steppvorführung, die der ehemalige dritte Armeemetzger während einer ausgelassenen Fete aufs Parkett legt; b) das Lächeln Marke "Amerikanische Gotik", mit der Regina ihre Umwelt eindeckt; und c) der erste Kuß, den Baby John Regina gibt. Letztere Szene dauert ellenlang, da die beiden Jungfrauen sich nicht entscheiden können. Als es dann schnackelt, hat John auf einmal einen kleinen Hai an der Angel, den er dann mit Brachialgewalt etwa zwanzigmal auf einen Felsen donnert, wild kreischend. Diese Vorstellung törnt Regina etwas ab. Baby Johns Kommentar: "I think I love you!"

Zuschauer sollten auch auf die versteckten Reize des Filmes achten. Gleich zu Anfang, als Regina den Brief bekommt, hört man im Radio eine super Seifenoper, die ich gerne komplett auf Tonband haben möchte. Die handelnden Personen heißen Brad, Brenda und Timmie. Dann wird noch eine Suppe gekocht, in der ein Fuß schwimmt. Daß Baby John von seiner Großmama mit einem Gürtel auf den Po gehauen wird - böser, böser Junge! -, fällt kaum mehr ins Gewicht.

Bud Townsend stammt irgendwo aus dem Dunstkreis der Al-Adamson-Bande. Al ist ja mittlerweile von einem schurkischen Handwerker in seinen Parkettfußboden eingemauert worden - no shit! -, wo ihn nach geraumer Zeit geruchsempfindliche Nachbarn aufstöberten. RED WOLF INN ist besser gemacht als alles, was ich bisher von Adamson gesehen habe. Townsend machte dann noch den hübschen Pornofilm ALICE IN WONDERLAND, der aber meistens nur in einer Softfassung vertrieben wurde (so auch bei uns), die auch sehr pittoresk ist. Am Schluß des Filmes singt die Großmutter: "There'll be bluebirds all over the white cliffs of Dover." Recht hat sie, die Omma! Und hier gleich noch ein Fax aus Italien: Christian weist darauf hin, daß bei dem Jack-Taylor-Interview zwei Bildunterschriften verhunzt wurden. (Kein Wunder, wenn sie handgekrickelt vom Autoren eingereicht werden!) Die Filme heißen richtig: NOSTRADAMUS Y EL DESTRUCTOR DE LOS MONSTRUOS und EN EL AMOR Y LA MUERTE. Destructarde Les contro el diabolico Emel Amor!!!

PINK, LINKS UND POLITISCH UNKORREKT

"Ja, also, das ist gar nicht so einfach: Sie gehen die Straße rechts runter, bis sie an einer alten Tankstelle vorbeikommen. Da wird schon seit Jahren nichts mehr verkauft, aber da ist so ein alter Mann, der immer auf seinem Schaukelstuhl herumbrummelt. Gleich hinter der Tankstelle führt ein kleiner Weg in den Wald hinein, der von wildem Salbei gesäumt wird. Der Weg, nicht der Wald. Durch diesen Wald müssen sie jetzt ganz hindurch. Kommen Sie ja nicht vom Weg ab - es lungert viel Gesindel im Wald herum; keine Drogensüchtigen, denn dafür ist es hier auf dem Lande viel zu langweilig! Aber Degenerierte...Wenn Sie dann am Hexenhäuschen vorbei sind, dann haben Sie's bald. Das letzte Haus links, das isses!"

Ich trinke übrigens gerade "Fanta Pink Grapefruit", während ich dies schreibe. Das ist eine gräßlich süße Plörre, die ich aber aus irgendeinem Grund recht gerne zu mir nehme. Vielleicht, weil ich sie aus einem hübschen "Sinalco"-Glas trinke...

Jetzt aber zum Film. Den kennt ja eh jeder. Wesley Craven macht mittlerweile leider nur noch Gebrunze, wie etwa den politisch überkorrekten PEOPLE UNDER THE STAIRS, bei dessen "Habt-die-Neger-recht-lieb-ihr-weißen-Mittelständler"-Schluß-Rap mir fast die Wurzelbrühe aus der Nase geschossen kam. Und der Glatzkopf aus SHOCKER, der da durch die Videoclips donnert, ist der Karl Moik des Horrorkinos. Bedauerlich nur, daß Wes diese Sieche wohl für Satire auf den "American Way of Life" hält. Das ist sie wohl auch, aber anders als gedacht.

Zu Anfang seiner Karriere hatte Wes aber noch Suppe im Spargel. Vielleicht war dies zurückzuführen auf seine angeblich jesuitische Erziehung. Vielleicht hatte er auch nur hippe Freunde. Sein Auftritt in Peter Lockes großartigem Hippie-Porno IT HAPPENED IN HOLLYWOOD (nur echt mit dem Trapezakt der "Fliegenden Ficker"!) als halbnackter Sänftenträger jedenfalls verrät Klasse, auch wenn man ihn nicht so richtig heraussuchen kann. Peter Locke (Produzent von Wes' späterem Berryman-Star-Vehikel HÜGEL DER BLUTIGEN STIEFEL - äh, AUGEN!) läßt sich in dieser Szene von einem wohlproportionierten Bimbo die Nille verzinken.

Produzent Sean S. Cunningham (ja, er, der am FREITAG, DEM 13. geboren wurde und auch starb!) hatte sich auch in schlammigen Gewässern freigeschwommen: Seinen CASE OF THE FULL MOON STIFFS mit Harry "Deep Throat" Reems würde ich gerne mal sehen. Mit Wes zusammen wollte er nun einen richtig intellektuellen Film machen. Heraus kam LAST HOUSE ON THE LEFT (DAS LETZE HAUS LINKS/MONDO BRUTALE), der sich der Storyline von Ingmar Bergmans JUNGFRAUENQUELL bedient. Na ja, im Groben jedenfalls.

Statt Max von Sydow haben wir hier den wohlhabenden Landarzt Collingwood, der zwar von konservativer Gesinnung ist, seiner Teenie-Tochter aber trotzdem einen Peace-Anhänger schenkt. Seht mal, so liberal können Eltern sein! Allerdings haben sie Bedenken dabei, daß Tochter Mari (ohne "e") zusammen mit ihrer dem Vernehmen nach gefährlich leichtlebigen Freundin Phyllis ohne Büstenhalter zum Konzert einer Gruppe namens "Bloodlust" geht, die auf der Bühne Hühner abstechen - SHOCKING! (Wäre die Gruppe aus Wien, so hätte man sie prima in den schönen "Aktionisten"-Artikel aus dem letzten Heft einbauen können...)

Natürlich haben die beiden naturgeilen Schnallen nichts Besseres zu tun, als schnurstracks den erstbesten gemeingefährlichen Ausbrechern in die Hände zu fallen: Leiter der Selbsterfahrungsgruppe ist Dr. Sleaze himself, Krug Stiller. (In diesem Namen spiegelt sich der tiefe Eindruck, den das skandinavische Kino auf Craven hinterlassen hat.) Dieser Großmeister aller Lowlifes hat einen debilen Sohn bei sich, Junior, den er zum Heroin-Junkie gemacht hat, um ihn besser gängeln zu können. Außerdem ist da noch eine heiße Nymphe namens Sadie, der ständig der Schritt kocht. (Feministischer Überkracher: "Ich bin meine eigene frei bumsende Frau!" Jau!) Letzter im Verein ist der coole Fred Bodowski (genannt "Weasel"), der ständig mit seinem Messer herumspielt und etwas an Mickey Rourke erinnert. Alle zusammen leben nur dafür, Unheil anzurichten. Sie sind der Butzemann aller anständigen Normalbürger, das marodierende Chaos in der Vorstadtsiedlung, die Hämorrhoide im Gesäß der schweigenden Mehrheit!

Und was machen diese total unangepaßten, echt wahnsinnig politisch unkorrekten, ganzheitlich orientierten Psychos als erstes? Sie schleppen die Mädels in den Wald, zwingen sie zum Hosen-Urinieren und widernatürlichen Lesbos-Nummern; dann metzeln sie die beiden Girls auf bestialische Weise nieder. Pfui! So was tutet man nicht.

Aber jetzt holt Craven den Bergman aus der Hose: Diese fiese Freveltat fand statt am Dorfweiher, der sozusagen bei Collingwoods direkt um die Ecke liegt! Die Welt ist ein Dorf. Da die Karre von Krug und Konsorten leider liegengelieben ist, müssen sie bei Vater Bär und Mutter Bär um Asyl bitten. In der Nacht findet Mutter Bär leider heraus, daß ihre Schrottmarie umgebracht worden ist, und zwar von den seltsamen Gästen!

Da greift Vater Petz in die Honigwabe, daß es kracht! Mit Kettensägen und unorthodoxem Blasmaul bringen die Mittelständler (die den PEOPLE-Rap bestimmt auf Schallplatte haben) Stimmung in die Bude: Die Eichel des Wiesels landet im Weiher, Sexy Sadie wird verschlungen von der wallenden Woge ihrer Libido und der Krug geht so lange zur Kettensäge, bis er bricht...

Das Schlußbild dieses grandiosen Brachial-Schockers, des mit einigem Abstand besten Filmes, den der Jesuit jemals hinbekommen hat, verrät geballte Resignation: Die beiden Eltern müssen das geburtstaglich geschmückte und jetzt total zerlegte Wohnzimmer wieder aufbauen. Aber dafür gibt es ja Putzhilfen. Ein Traum (der amerikanische?) liegt in Scherben. Viel Geld hatten Craven und seine Spießgesellen nicht zur Verfügung. Möglicherweise ist der Film deswegen so klasse.

Die deutsche Fassung ist natürlich ein ähnlicher Trümmerhaufen wie die Bude der Collingwoods. Aber die Message kommt rüber, skandinavischer Naturalismus at its best, einmal Ibsen mit Rotweiß. Auch erfreut die Synchro das Herz: Christian Brückner in jungen Jahren ist eine wunderbare Wahl für den zerbrochenen Krug. Überhaupt Krug: Darsteller David Alexander Hess ist eine totale Blendgranate, der hebt ab, bis der Arzt kommt! Ficken bis zum Exodus, eine bedingungslos gelebte Existenz! Dieser Mann gehört in jeden zweiten Film, der gedreht wird. In vielen Italo-Filmen ist er ja auch dabei, meistens in ähnlich sleazigen Rollen. (Unvergessen in Festa Campaniles WENN DU KREPIERST, LEBE ICH/DER TODES-TRIP!) Außerdem inszenierte er den durchschnittlichen Slasher TO ALL A GOODNIGHT (dt: GOODNIGHT-DIE NACHT, ALS KNECHT BLUTBRECHT KAM - no shit!). Die Musik zu LAST HOUSE stammt auch von ihm, und sie ist ziemlich gut, reicht von kitschigen Country-Balladen (Anspieltips: "Wheels Turnin'", "Now You're All Alone" und "Son of a Beetch") zu experimentellen Klangstrukturen. Der coole Weasel wird gespielt von Fred Lincoln, der bald darauf zum Pornodarsteller und -regisseur avancierte und sogar ein paar Sachen für Frau Orlowski gedreht hat, als "F.J.Lincoln"...  

Bemerken möchte ich auch, daß die Comic-Relief-Einlagen mit dem Sheriff und seinem tumben Deputy wirklich ziemlich gelungen sind. In einer Szene etwa, in der die beiden ein Auto suchen, legt sich der Deputy flach auf den Asphalt und horcht, ob was kommt! Alles. Und gleich danach will er die angespannte Atmosphäre auflockern, indem er den Sheriff fragt, ob er mit ihm Beruferaten spielen will!
Nichts für zarte Gemüter.

Was wohl geschehen wäre, wenn sich Wesley nicht Bergman als Vorbild ausgesucht hätte, sondern Godard? Vielleicht das: Krug und seine Bande stehen, vollkommen sinnlos Klassiker zitierend, in einem endlosen Stau und hören die Stones. Und auf einmal ist das Publikum weg.

DICKER TEUFEL, FETTE BEUTE

Gus Trikonis' THE EVIL (1978) ist sicherlich weit davon entfernt, ein Klassiker des Horrorfilms zu sein. Dennoch knüpft er in angenehm traditionsbewußter Weise an Spukhausfilme wie THE HAUNTING oder THE LEGEND OF HELL HOUSE an, so daß sich man sich nett zurücklehnen und den Kellergeistern beim munteren Treiben zusehen kann.

Zu Beginn schlurft einer der Veteranen des Hausmeister-Gewerbes, Sam, auf das Gruselhaus zu, das einst dem Alchimisten und Kreuzworträtselkönig Emilio Vargas gehört hat. Sam schaut so aus, als würde er nicht nur an seiner Pfeife nuckeln, sondern gleichzeitig an einem Klumpen (oder wie sagt man?) Kautabak herummümmeln. Außerdem zieht er einen Flachmann aus seiner Latzhose und gießt sich einen. Das tut er auch zu recht, denn sofort fangen die Geister mit ihrem bösen Spiel an: Ätherische Stimmen wispern Mysteriöses. Für Sam ist dies etwas zu abgehoben. Er greift zur Taschenlampe und schenkt uns eine dieser wunderbaren Taschenlampen-Szenen, wo immer Spinnweben ins Bild hängen. "Das kommt aus'm Ofen!" folgert Sam blitzgescheit und schaut hinein. Solches er hätte bleiben lassen sollen, da er sich binnen langer Sekunden in das größte Eierbrikett Nordamerikas verwandelt. Der Feuerstunt ist wirklich zum Gottserbarmen schlecht: Die ölgetränkten Mullbinden vermitteln eher den Eindruck eines alten Pharaos in Schwulitäten.

Tja. Das war als Eingangsschock schon ganz brauchbar. Mit Schwung geht es dann ans Eingemachte: Richard Crenna (Rambos Boß, hier mit Vollbart) ist C.J., ein Psychologieprof, der zusammen mit einigen Studenten eine Art Drogen-Reha-Klinik aufmachen möchte. Er läßt sich vom Makler das Gebäude vorführen. Besonders gut gefallen ihm die gruseligen Geschichten, die der Makler über das Gebäude erzählt: So sollen die Indianer die Gegend als "Tal des Teufels" bezeichnet haben. Das Haus ist auf einem Vulkankrater erbaut worden. Und ein Mädchenpensionat war auch noch drin. Bestimmt hat C.J. schon die LSD-Trips vor Augen, die er in dieser Umgebung schmeißen wird: Pille rein, der Spaß beginnt.

Und das tut er wirklich, denn sofort fällt C.J. der ganze Müll von der Decke auf den Kopf. Mir selber ist vor kurzem Ähnliches passiert. Vor meiner Wohnung steht allerdings keine Statue, die etwa aussieht wie ein depressiver Osterhase, und unter der steht: "Stört niemals den, den ich in Ketten schlug!" War da etwa auch mal ein Domina-Studio drin?

Und die Mitverschwörer SIND Kanonen... Andrew Prine spielt Ray, der seine neueste AstA-Eroberung, Laurie, gleich mitgebracht hat. Dann ist da Dwight, ein Cowboy mit tollem Hut. Peter ist der Smutje, immer gut für rüde Scherze (wie z.B. Erhängen zum Schein und Dosen, wo Luftschlangen rausfliegen; ein Partykracher). Mary hat ihren Hund mitgebracht, einen großen Wolfshund, der sofort durchdreht und in den Eingeweiden des Hauses verschwindet. ("Wenn du ein Hund wärst, wo würdest du hinlaufen?") Und zwei Drogies sind auch dabei: Felicia und Mary die Zweite. Mary die Zweite ist nicht nur Drogie, sondern auch schwarz. Mary die Erste macht einen etwas zu kurz gekommenen Eindruck und hat bestimmt schon Orangenhaut.

Solche Probleme hat Joanna Pettet nicht, die C.J.s Frau Caroline spielt. Dafür muß sie sich mit der Tatsache anfreunden, daß sie offenbar der Hausliebling von Emilio Vargas' Geist ist, der ihr in regelmäßigen Abständen erscheint, um ihr Gegenstände zu zeigen, etwa Kreuze, Tagebücher und so. So kommt sie schon sehr bald auf den Trichter: "Etwas in diesem Haus macht mir Angst!" Sätze wie dieser sind das Salz in der Suppe des wahren Liebhabers zweitklassiger Horrorfilme. Im Tagebuch steht übrigens so gut wie gar nichts, außer einer kryptischen Mitteilung über das "Heilige Siegel", das das Böse im Kerker festhalten soll. Könnte damit das Kreuz gemeint sein, das C.J. kurz vorher aus dem Schloß einer riesigen Falltür rausgezogen hat? Wetten werden noch angenommen.

Und dann beginnt das Grauen. Zuerst purzeln die Überreste von Sam aus einem Lastenaufzug. Dann fliegen sämtliche Türen und Fenster zu und sind nicht mehr aufzukriegen. Von diesem Moment an beginnen sich die Reihen der Eingeschlossenen zu lichten. Am Schluß ist es C.J., der dem Gehörnten höchstpersönlich gegenübertreten darf...

Ja, es ist genau dieser Einfall, der mir beim ersten Ansehen (da muß ich so 16 gewesen sein) den Film gründlich vergällt hat. Der Teufel ist nämlich Victor Buono (von allen Leuten), der sich dick und feixend auf einem weißen Gipsthron herumdrückt. Der Bruch mit allem, was vorhergegangen ist, ist total. Abgesehen davon, daß eine persönliche Intervention von Luzie in amerikanischen Filmen sehr, sehr selten ist, wird in diesem Schlußteil ein todernster Horrorstreifen zu einer schwarzen Komödie. Wieviel von dieser Mixtur letztlich auf die Kappe des Regisseurs geht, ist unergründbar, denn Trikonis war angeblich nicht sonderlich glücklich mit dem Endresultat. Dies finde ich aber nicht zwingend, denn obwohl THE EVILs unfreiwillig komischen Momente kaum zu übersehen sind, so verbinden sich diese mit einigen wirlich spannenden Passagen zu einem ansehnlichen Ganzen. Und langweilig ist der Film in keinem Moment.

Die Gore-Freunde dürfen sich auf einen recht gelungenen Effekt freuen, der ein Erzeugnis der Herren Black und Decker bemüht. Sehr beeindruckend ist die fehlerfreie Arbeit der Windmaschine, die fast pausenlos im Einsatz ist und jede Abstellkammer in das Zentrum einer Windhose verwandelt. Andy Prine hat die undankbarste Rolle erwischt und zeigt während verschiedener Dialogaustäusche, daß er darstellerisch durchaus was auf dem Kasten hat: Er bleibt nämlich ernst. Dies kann nicht einfach gewesen sein in der Szene, in der die vollkommen hysterischen Menschlein versuchen, eine rationale Erklärung für die Vorkommnisse zu finden. Die beiden Drogenkranken sind auch absolut köstlich: Ein Fall für Marcus Welby, das Methadon spritzt meterweit!

Trikonis hat Anfang der 70er im B-Movie-Dschungel von Hollywoods sämigem Unterbauch angefangen. In den 80ern mauserte er sich dann zu einem routinierten Auftragsarbeiter für diverse Fernsehanstalten. THE EVIL (den ein Videothekar mir gegenüber mal als "Teh Efill" bezeichnete) ist ein hübscher kleiner Glühwurm, viel sympathischer als das Geschnetz, das heute so den Markt überschwemmt.

EIN NEST MIT HÄKCHEN

Da wären wir auch schon am Ende dieses kleinen Artikels angelangt. Ich hätte gerne noch etwas ausführlicher über tolle Filme wie TCM, HALLOWEEN oder DAWN geschrieben. Wie man aus der Auswahl dieses Textes ersehen kann, gehört mein Herz auch all den schmutzigen kleinen Flicks, die sich jenseits der Akzeptabilität herumschlagen. Auch über Ferraras wunderbar deprimierenden DRILLER KILLER hätte ich gern noch ein paar Worte verloren, aber da ist mir aufgefallen, daß die liebe Frau Kilzer sich dieses Filmes schon angenommen hat, und Doppelbelegungen führen in den seltensten Fällen zu erwünschtem Kindersegen...

Abschließen möchte ich den Text daher mit einem Film, der zwar nicht mehr aus den Siebzigern stammt, mir aber aus meiner Babyzeit vor der Glotze positiv in Erinnerung geblieben ist. Hinzu kommt, daß ich schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken spiele, einen Artikel über ausgesuchte US-Hardcore-Filme der 70er Jahre zu verfassen, und einer der Regisseure, die da einen Ehrenplatz bekämen, wäre Armand Weston. Dieser Mann hat nicht nur großartige Regenmantelfilme gemacht (wie DEFIANCE, EXPOSE ME LOVELY und TAKE OFF), sondern auch an zwei Horrorfilmen mitgearbeitet. Der eine (DAWN OF THE MUMMY/DIE MUMIE DES PHARAO) wurde nach kurzer Zeit vom Produzenten, dem Italiener Franco Agrama, übernommen und fertiggedreht. Der andere heißt THE NESTING (1981) und ist richtig gut.

Es geht um eine Erfolgsschriftstellerin, Lauren Coltrane, die auf einmal den totalen Heckmeck bekommt und aushäusig zu wackeln beginnt. Ihr Seelenklempner diagnostiziert Agoraphobie (Platzangst, nicht zu verwechseln mit Klaustrophobie, der Angst vor geschlossenen Räumen, und Angoraphobie, der Angst vor Omis Selbstgehäkeltem). Diese Angst zu überwinden, das weiß jeder Angolaphobe, ist nicht einfach. Lauren entscheidet sich dafür, nach Dover Falls zu fahren, aufs Land, ins Grüne, wo die Kühe noch ungemolken sind und die Pferde wild über den Acker galoppieren.

Hier trifft sie auf ihr Schicksal, in Gestalt eines achteckigen Gruselhauses der Spitzenklasse, das sie dem Gestalter ihres letzten Buchcovers aus der Intuition heraus diktiert hat. Ein Fall von Deja-Vu (keine Ahnung, wie man bei diesem Wort die Akzente setzt), oder gar eine verschüttete Erinnerung?
Natürlich werden im Verlaufe des Filmes viele schaurige Sachen ans Tageslicht kommen. So etwa, daß hier einst ein Bordell betrieben wurde, dessen Chefin Florinda C. hieß. Und wer vermietete ihr das Haus? John Carradine, meine Damen und Herren, John Carradine! Und da schließt sich der Kreis, da bekommt der Füller des Chronisten Flügel! Wo Carradine auftaucht, da muß Schmuh im Spiel sein! Und tatsächlich: Ein schuldiges Geheimnis ist es, das Carradine und diverse andere Schmutzegel an dieses Anwesen kettet...

Was dieses Geheimnis genau ausmacht, wird nicht verraten, wohl aber, daß auch ein fieser fetter Hühnerficker namens Abner mitspielt, der versucht, Lauren zu vergewaltigen (versuchen einige, aber nicht alle bekommen eine Sichel in die Fresse!); daß eine Szene sehr hübsch ist, in der eben dieser Abner Lauren im Auto verfolgt, wobei ihm immer wieder eine rätselhafte Frau vor den Kühler latscht, die er wiederholt übermangelt; und daß Laurens Psychiater auf einem Spitzdach aufgespießt wird, was die Arzt/Patienten-Beziehung merklich trübt.

THE NESTING ist ein durchweg ernsthafter Film, der aber überzeugt, weil der Zuschauer geneigt ist, die Charaktere ernst zu nehmen. Nicht zuletzt ist es die Tatsache, daß Lauren andauernd von irgend welchen saublöden häßlichen Mackern angemacht wird ("Du bist'n verdammt geiles Luder!"), die den Zuschauer in die Position der Frau drängen; für einen Pornoregisseur 'ne ganz saubere Leistung, so wollen es die Vorurteile. Also, in den nächsten Sommerferien ab nach Dover Falls, wo man mit der Landbevölkerung heimelige Kontakte pflegen kann. An den Leuten, die während der Ertrinkungsszene eines der Charaktere hinten ins Bild latschen, bitte vorbeischauen. Ansonsten ist der Film die beste Methode, einen fiesen Sonntagnachmittag rumzubekommen. So, und jetzt habe ich keine Lust mehr.

P.S.: "Was die Liebe nicht zusammenbringt, das schafft die Dummheit!" (Achternbusch, MIX WIX)

P.P.S.: Noch'n Fax: Demnächst gibt es Interviews mit Barbara Bouchet, Erika Blanc, Donal O'Brien, Gordon Mitchell, Richard Harrison, Susan Scott, Sergio Bergonzelli und einigen anderen. Eine dieser Herrschaften soll etwas von einer japanischen Gummipuppe namens Yoko erzählt haben, die die Anfangstakte von "Madame Butterfly" ertönen läßt... Klingt gut, was? Demnächst in diesem Theater.

Christian Keßler

Der Artikel erschien erstmals in der "Splatting Image" Nr. 25 (März 1996).

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